Zaubererfüllter Abend (Impulswerkstatt, mit Dora)

Als ich mich über Randoms Wunsch eines „zaubererfüllten Abends“ freue, ahne ich nicht, was das für Folgen haben wird. Anderes beschäftigt mich. Ich suche nämlich fieberhaft das Formular meiner „Lebendbescheigung“, die ich jährlich ausfüllen und amtlich bestätigen lassen muss, damit mir meine deutsche Rente weiter überwiesen wird. Wo steckt sie denn bloß?

Da sehe ich, dass Dora eine kleine Bühne aufgebaut hat. Die Vorhänge kenne ich, die hat sie sich von Myriade ausgeliehen. Ihr wisst schon, Impulswerkstatt und so. Die drei Typen aber, die davor hocken, sind mir neu. „Und jetzt, ihr lieben Mäusegesichter“, höre ich Dora krähen, „bringe ich euch noch Gelb. Das dürfte reichen!“ Reichen wofür? Jetzt erst sehe ich, dass hinter dem Vorhang eine Art Bildschirm aufgespannt ist, und darauf haben die „Mäusegesichter“ – oder war es der Dicke mit der hohen Mütze? – etwas gezeichnet oder gemalt.

Aber das ist doch … um Himmelswillen! Das ist doch das Formular ….! Wie soll ich jetzt meiner deutschen Rentenkasse beweisen, dass ich am Leben bin? Ach und Wach!

Dora aber befindet, ohne sich um meine Klagen zu kümmern: „Leben beweist man nicht, leben tut man! So, und jetzt stör uns nicht beim Malen. Wenn wir fertig sind, kannst du wieder kommen. Du wirst dich wundern.“

Einen zaubererfüllten Abend wünsche ich allen geneigten Leserinnen und Lesern.


Ps. Die lieben Mäusegesichter sind eine kleine Verbeugung vor dem unvergleichlichen Kinderbuch Frederick von Leo Lionni.

Pps: Keine Sorge, ich habe noch ein zweites Formular….

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Montags ist Fototermin: Gesamteindruck oder Detail?

Heute möchte ich mich einem ganz banalen Thema zuwenden, das mich beim Fotografieren oft genug beschäftigt: Gesamteindruck oder Detail?

Ein Beispiel gefällig? In einem der vielen römischen Museen mache ich ein schnelles Erinnerungsfoto. Es hat trotz der schlechten Fokussierung einen gewissen Reiz für mich. Das Miteinander und Gegeneinander von Statuen und lebendigem Besucher sowie Hell und Dunkel der Figuren gibt ihm Inhalt und Spannung. Wenn ich es ansehe, erinnere ich mich an den besonderen Moment einer gemeinsamen Reise.

Am selben Ort mache ich ein zweites Foto. Es ist ein Detail der Marmorskulptur des Flussgottes rechts im Hintergrund.

Das Interesse (Motiv), das zum Foto führt, ist hier ein ganz anderes.  Fragen nach dem WAS, dem WIE, der tieferen Bedeutung wollen Antwort. Was hat den Künstler bewogen, dem Flussgott diese Miniatur aus Putte und Schuppentier unter die Hand zu legen? War es zu seiner Zeit ein gängiges Motiv? Gewinnt die Skulptur durch dieses Detail an künstlerischem Interesse? Hat überhaupt einer der unzähligen Besucher dieses Detail bemerkt? Wieviel Zeit und Kunstfertigkeit ist nötig, um die feinen Formen aus dem Marmor zu hauen und zu schneiden? Stillstehen, Schauen, Wundern, auch Bewundern gehen dem Entschluss voraus, dies zu fotografieren.

Ein zweites Beispiel: Ich gehe bei stürmischem Wetter am Meer spazieren. Himmel-Meer-Vogelschwärme. Das Foto gibt die Gesamtstimmung wieder. Es könnte besser geschnitten sein: mehr Vordergrund, weniger Himmel … Aber das sind stilistische Einzelheiten, die den Gesamteindruck nicht verändern.

Nun aber gehe ich nahe an ein paar Vögel heran, die vor den auflaufenden Wellen am Strand stehen. Was für Vögel sind das? Wie stehen sie gegen den Wind, wie fliegen sie auf? Mit bloßem Auge meine ich zu erkennen, dass es sich um junge Silbermöwen handelt. Es gibt auch eine Menge Tauben, die bei meinem Nahen auffliegen. Ich mache etliche Fotos, um mir zu Hause Einzelheiten zu beschauen. Es hat sich gelohnt.

Hier eine protestierende Silbermöwe im Jugendkleid.

 

und auffliegende Tauben:

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Royusch-Fotoprojekt Herbst IX: Bätter abwerfen

„Der Baum wirft im Herbst die Blätter ab“ heißt deine diesmalige Aufgabe, lieber Roland. Was aber, wenn er das nicht tut? Ich lebe ja im im südlichen Peloponnes, inmitten von Olivenbäumen, die gar nicht daran denken, im Herbst kahl zu werden. Sie ersetzen die fallenden Bätter, erneuern sich also rund ums Jahr, genauso wie wir es mit unseren Körperzellen und Haaren tun. Die Zitrusbäume halten es ebenso. Sie sind nie kahl – außer sie sind abgestorben. Ein paar unserer Bäume werden freilich ihre Blätter abwerfen: die Feige, der Granatapfelbaum, die Quitte und der Aprikosenbaum. Noch aber ist es nicht so weit. Noch sind die Bäume grün, und nur ein paar braune oder gelbe Blätter liegen am Boden.

Am weitesten hat es der Aprokosenbaum gebracht, und so kann ich ein paar diesjährige Herbstbätter zeigen. Und weil es so wenige sind, habe ich das Bild mit einer Katze angereichert.

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Zum Totengedenktag : „Bewölkter Sonntag“

Vassilis Tsitsanis
 
Συννεφιασμένη Κυριακή,                              Bewölkter Sonntagμοιάζεις με την καρδιά μου                           Du bist wie mein Herzπου έχει πάντα συννεφιά,                             das immer Wolken hat.Χριστέ και Παναγιά μου.                              O Christus und Heilige Jungfrau! που έχει πάντα συννεφιά,                             das immer Wolken hat.Χριστέ και Παναγιά μου.                              O Christus und Heilige Jungfrau! Είσαι μια μέρα σαν κι αυτή,                         Du bist ein Tag wie jenerπου ‚χασα την χαρά μου.                               als ich meine Freude verlor.συννεφιασμένη Κυριακή,                              Bewölkter Sonntagματώνεις την καρδιά μου.                             Du machst mein Herz blutenσυννεφιασμένη Κυριακή,                              Bewölkter Sonntagματώνεις την καρδιά μου.                             Du machst mein Herz blutenΌταν σε βλέπω βροχερή,                              Wenn ich dich regnerisch seheστιγμή δεν ησυχάζω.                                      komme ich keinen Moment zur Ruheμαύρη μου κάνεις τη ζωή,                             Schwarz machst du mein Lebenκαι βαριαναστενάζω.                                     und ich seufze schwer.
 
 

Der große Rembet Vasilis Tsitsanis schrieb dieses Lied am Tag des Einmarsches der deutschen Wehrmacht in Thessaloniki, am 24. April 1941, als er Augenzeuge bei der Erschießung eines unbekannten Jugendlichen wurde. Das Lied möchte, so Tsitsanis, der gesamten furchtbaren Epoche von Besatzung und Bürgerkrieg, die dann folgte, Ausdruck verleihen. Es ist tief in die griechische Seele eingedrungen und wurde und wird immer wieder gesungen, oft anlässlich des Todes eines geliebten Menschen. Picasso soll ausgerufen haben: ein Bild malen wie dieses Lied von Tsitsanis!

Ich erinnerte mich heute daran, als ich die Sonne mit schwärzlich-grauem Wolkengeflock verdüstert sah.  Jetzt donnert es. Totengedenktag.

 
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Dreimal große Pinie (tägliches Zeichnen)

Nach all den bewegten Objekten stand mir der Sinn nach etwas Stabilem. Vor mir ragte die große Pinie in den Himmel, ich sah ihren Stamm und konnte hinauf in die Krone mit den mächtigen Verzweigungen blicken.

Im Blindversuch laufen die Linien von Stamm und dahinter sichbar werdender kleiner Palme übereinander. 

Danach entstand eine Zeichnung mit durchlaufendem Strich. Ich sah also normal, aber hob den Stift nicht von der Fläche.


Im dritten Anlauf war mein Ziel, den Stamm mitsamt Verzweigungen möglichst abbildungsgenau zu zeichnen. Wenngleich ich geduldig und sorgsam vorging, ist die Bildwirkung wenig überzeugend.  Eine gute Übung war es allemal.

 

Ich schreibe das alles so genau auf, um mir und vielleicht auch euch, liebe Leser, bewusst zu machen,  welche Technik welche Ausdrucksmöglichkeiten enthält. Vielleicht wird eine kleine Anleitung zum Selberzeichnen daraus…

 

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Blind gezeichnet: Katzen in Bewegung

Schon beim Zeichnen das Mannes wurde mir die Beweglichkeit des Objekts zum Problem. Wie viel mehr bei den Katzen! Nun aber entschied ich mich, mich durch die Bewegung selbst leiten zu lassen. Ich ließ einfach den Stift mit dem sich bewegenden Objekt „blind“ (also ohne Kontrolle durch das Auge) auf dem Papier mitlaufen. Suchte eine Katze eine andere Stellung oder bewegte sich über den Raum, folgte ich ihr mit dem Stift, ohne ihn abzusetzen. So entstanden zwei „Katzenbewegungsbilder“.

Im Gegensatz zu den Katzen blieben die Bäume und der Haufen Laub im Vordergrund an ihrem Platz.

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Blind gezeichnet: Mann mit Buch und Hut

Blind zeichnen – das heißt: wohl das Objekt, nicht aber die eigene Hand und die Zeichenfläche anschauen. Der Ausdruck ist natürlich problematisch, denn blind ist man bei solchem Zeichnen wahrlich nicht. Im Gegenteil: das Auge ist sehr aktiv, konzentriert auf das zu zeichnende Objekt. Das Ergebnis aber sieht aus, als hätte ein Blinder gezeichnet. Woran liegt das? Wenn das Auge die Bewegung des Stiftes auf der Zeichenfläche nicht kontrollieren kann, ist die zeichnende Hand … blind. Sie irrt über die Zeichenfläche wie ein Blinder, den der Führer im Stich gelassen hat.

Die vier Zeichnungen zeigen das Objekt in vier verschiedenen Posen, denen ich blind folgte.

Neugierig, wie sich die uspüngliche Figur im Bewegungsablauf abzeichnen würde, überblendete ich die vier Zeichnungen miteinander und überging das Ergebnis zwecks besserer Sichtbarkeit mit zwei Filtern.

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Altersweisheit im Kata-Strophen-Format (abc-etüde)

abc.etüden 2022 46+47 | 365tageasatzadayhttps://365tageasatzaday.wordpress.com/2022/11/13/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-46-47-22-wortspende-von-blaupause7/

 

Altersweisheit

Wenn halbherzig du nur und wegen der Rolle

Die einmal dir zufiel – den Grund hast längst du vergessen

sie fiel dir halt zu -, und also erfüllst du

was sie von dir so verlangt hat

halbherzig zwar, doch treu und ergeben,

dann war dein Leben zwar fad, doch so ist das Leben

nun mal, man würde dich später belohnen

im Alter, wenn deine Kräfte erlahmten,

dann wärest du sicher vor Unbill.

So hast du gedacht, so lebtest du auch.

Doch bist du nun fröhlich? Was war dein Gewinn?

Weit besser wäre gewesen, du hättest

vollherzig getan, was dir im Leben so zufiel!

Und tatest du’s nicht: tu’s heute! Zu spät ist es nie.

So sprach, eh sie starb, eine Alte.

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Katzengewimmel (tägliches Zeichnen)

Jungkatzen zu zeichnen, ist eine Herausforderung. Gestern saßen zwei so nett auf dem Gehweg,  ich setzte mich auf meinen Stuhl in die Sonne und schaute ihnen zu. Zeichnen? Kaum begann ich, kamen sie an, saßen und lagen mal hier, mal dort,  platzierten sich zuletzt malerisch auf den Stufen des Hauseingangs, wo Feuerholz für den Kamin lag. Der Gelbe lehnte sein Köpfchen genießerisch an einen warmen abgesägten Ast, die andere ließ ihr Pfötchen über einen dünneren Ast hängen und ringelte den Schwanz um einen leeren Joghurtbecher aus Ton, der manchmal als Fressnapf dient.

Zuerst versuchte ich, die beiden Kätzchen auf dem Weg zu zeichnen (erste Zeichnung oben links). Dann nahm ich mir den kleinen Gelben vor, doch die Geschwindigkeit, in der er seinen Kopf verlagerte, sein Ohr drehte, seine Pfötchen streckte überforderte mich. Daher konzentrierte ich mich auf Teile: wie sieht das Ohr aus? (ein behaartes Blatt), wie die Pfote (rosa Fußballen unter fast durchsichtigen Krallen), wie die Augen? Ach, diese Augen! ein kleines seliges Aufblitzen, ein heftiges Starren, ein schläfriges Schließen, nein, die Augen erfassen -keine Chance.

Nach Fotos zeichnen? Ach nee. Die Alten haben es ja auch irgendwie geschafft, Tiere nach der Beobachtung zu zeichnen, oder benutzten sie etwa ausgestopfte Exemplare?

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Noch ein bisschen Schattenspiel (mit Dora)

Als ich gestern von der Turmterrasse hinunterblickte, sah ich den klitzekleinen goldenen Kater seinen großen schweren Schatten mit sich schleppen. Er merkte nichts davon. Und wenn doch, ließ er sich davon nicht irritieren. Was ging ihn sein Schatten an? Da gab es Wichtigeres zu erledigen.

Mich aber erinnerte das Bild an eine frühere Legearbeit (hier). Da ging  ein Fuchs mit seinem Schatten spazieren …

https://gerdakazakou.com/wp-content/uploads/2018/02/img_4329.jpg

oder war es der Schatten, der den Fuchs mit sich führte?

Dies Spielchen schloss sich an eine andere Überlegung an: Wer führt eigentlich beim Menschen die Regie? Er selbst oder sein Schatten?

Wir leben in einer Jahreszeit, in der die Schatten wachsen. Das ist in Ordnung. Es bewuhigt. Auch wissen wir, dass die Schatten wieder kürzer werden.

Doch wie steht es mit dem menschlichen Zusammensein auf dieser schönen Erde? Ist da dieselbe Zuversicht am Platze?

Der „Schatten“ enthält all das, was als negativ erachtet wird und das anzusehen uns schwerfällt, weshalb wir es lieber unter der Schwelle des Bewusstseins halten. Auch die Menschheit als Kollektiv schleppt einen gewaltigen Schatten mit sich herum. Die unendliche Geschichte von Raub, Neid, Mord und Totschlag, von Ausbeutung, Versklavung, Vergewaltigung und Vernichtung ganzer Völker und Erdteile, von Hass und Verachtung, Verleumdung und Lüge….. sie schleppen wir mit uns herum, und nur manchmal treibt ein Stückchen davon an die Oberfläche. Dann schreien wir auf und zeigen mit dem Figer auf den, der uns das Böse zu verköpern scheint. Man nennt das „Projektion“, denn man wirft das, was im Innern rumort, hinaus auf eine dafür geeignet erscheinende Person. 

„Manchmal will mir scheinen, dass der Schatten der Menschheit die Regie über das Weltgeschehen übernommen hat“, schließe ich meine Überllegungen ab.

An dieser Stelle mischt sich Dora ein, die  bisher schweigend zuhörte.  „He!“ schreit sie, „das Katerchen ist klüger als du! Mit all deiner Philosopherei  verdirbst du dir den Tag! Und mir und ihm gleich mit. So ein feiner Tag! Deine Schwarzseherei  ist wahrscheinlich sone Projektion aus deiner schwarzen Seele, oder was? “ 

 

 

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