Etliche von euch kennen inzwischen ein paar Ausschnitte meines Romanfragments „Schwanenwege“. Und da sich zwei von euch zuletzt an das Andersen-Märchen vom „Hässlichen jungen Entlein“ erinnerten, möchte ich euch auch den folgenden Abschnitt zur Lektüre vorstellen.
Wir treffen den mittleren Bruder Ludwig mit seinem neuen Freunnd Johannes im Zug nach Genua. Warum und wieso? Das kann ich euch jetzt wirklich nicht alles erzählen. Die Fahrt ist lang, man kommt ins Reden. Erst sprechen die beiden über ein Schiff – die Huasceran -, auf dem die Mutter von Johannes als Vierjährige von Brasilien nach Hamburg reiste (vergl. Johannes‘ Geschichte). Die Geschichte dieses Schiffes, das als Aurelia endetr – sie ist übrigens authentisch (vergl hier) -, kommentiert Ludwig am Ende:
„Metamorphosen”, sagte Ludwig laut.
Die ältliche Reisende, die ihm schräg gegenüber saß, blickte überrascht von dem Buch auf, in dem sie gelesen hatte.
„Zuhause“, wandte sich Ludwig an Johannes, „waren Metamorphosen ein Thema, weißt du, wegen des Schwans, das die Familie im Wappen führt. Von Vaters Seite her. Vater war Däne. Ein dänischer Schwan. Ich konnte das Wappen übrigens nicht leiden. Der Schwan steht dort in aggressiver Pose, das Gefieder gesträubt, den Hals vorgereckt, zischend und mit scharfen Krallen auf rotem Grund. Eine wütende Adlerschlange.“
„Eine Adlerschlange?“
„Ja, wegen der Klauen und dem Schlangenhals kam mir der Schwan vor wie ein Fabelwesen, das aus verschiedenen Tieren zusammengesetzt ist. Wie die Sphinx oder der Greif. Als Kind habe ich einen Haufen Legenden und Märchen über den Schwan gehört. Bei all diesen Geschichten ging es um Verwandlung. Um Metamorphose oder Transformation. Die Märchen erzählte meine dänische Oma, für die Mythen war mein Vater zuständig.“
„Erzähl mal eins!“
„Na, das Märchen vom hässlichen jungen Entlein wirst du kennen. Von Hans Christian Andersen. Nein? Kennst du nicht? Wie gesagt, Vater war aus dänischem Geschlecht, und der Andersen spukte ständig bei uns herum, zumal er ja einen Haufen Schwanengeschichten geschrieben hat. Also das Märchen vom hässlichen Entlein soll ich dir erzählen? Mal sehen, ob ich es noch zusammenbekomme.“
Und während der Zug die mitteldeutsche Landschaft durchraste, erzählte Ludwig von dem Schwanenbaby, das versehentlich in einem Entennest ausgebrütet wurde und allerhand Missliches erleiden musste. Denn was dem Schwan recht, ist der Ente durchaus nicht billig. Anders zu sein als die anderen, das war eine Qual, die er kannte.

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Das Märchen vom hässlichen Entlein
Ludwig versuchte, sich an die Details des Märchens zu erinnern. Und plötzlich saß er wieder auf dem Schoß seiner dänischen Großmutter, an die er schon so lange nicht mehr gedacht hatte, und hörte sie auf dänisch erzählen:
„Es war wunderschön auf dem Lande; es war Sommer, das Korn stand gelb, der Hafer grün, das Heu war unten auf den grünen Wiesen in Schobern aufgesetzt, und da ging der Storch auf seinen langen, roten Beinen und plapperte ägyptisch, denn diese Sprache hatte er von seiner Mutter gelernt“.
Und die Stimme der Oma verschränkte sich mit der seiner großen Schwester, wie sie mit Inbrunst das alte schwermütige Lied sang: „Schon ins Land der Pyramiden flohn die Störche übers Meer….“
Es war schon merkwürdig. Seit er gestern beschlossen hatte, die „Sterne der Pharaonen“ anzusehen, wies ihn alles auf Ägypten hin.
„Es war ein schöner Sommertag“, begann Ludwig seine Geschichte. „Die Ente saß auf ihren Eiern und langweilte sich, denn es fehlte an Besuch. Schließlich aber wurde ihre Geduld belohnt und die Eier brachen auf. Wunderschöne kleine Entlein kamen herausgeschlüpft und wunderten sich, wie groß die Welt war, viel größer als im Ei. Es gab einen Garten und einen Teich und noch andere Enten. Das größte Ei aber wollte und wollte nicht aufgehen. Eine Entennachbarin, die vorbeischaute, vermutete schon, dass es sich um ein Kalekutenei handelte.
Was ein Kalekutenei ist, konnte die Oma mir nicht sagen. Es war ein
komisches Wort, es klang ein bisschen anzüglich. Mir gefiel es außerordentlich. Ich hatte stark das Gefühl, dass ich selbst aus so einem Kalekutenei geschlüpft war.“
„Ludwig, der Kalekut“, lachte Johannes.
„Nun ja. Also. Schließlich wurde das letzte Ei richtig ausgebrütet, aber das Entlein, das herauskam, war furchtbar hässlich. Zum Glück konnte es schwimmen, war also wohl doch kein Kalekut. Trotzdem wurde es herumgeschubst und gehackt, weil es nicht ins Weltbild der anderen passte.
Es gab dort eine alte Entenherrscherin, die vorschlug, die Mutter sollte das missratene Entchen umarbeiten! Sie sollte sozusagen aus einer Huascaran eine Aurelia machen. Aber das ging nun einmal nicht.
Es ist überdies ein Enterich, sagte sie, und darum macht es nicht soviel aus. Eines der traurigen Vorurteile gegen unser Geschlecht“, witzelte Ludwig und lächelte dem schönen Johannes zu, der mit geschlossenen Augen zuhörte. Hörte er überhaupt zu? Oder war er in seinen Gedanken weit weg, unterwegs mit dem Schiff Huascaran, vielleicht dampfte er gerade jetzt an der portugiesischen Küste entlang, auf dem Weg nach Cabo de San Vicente? Oder stand er neben seiner Mutter an Bord der Beaverbrae, irgendwo auf dem Atlantischen Ozean, mit nichts als Wind in den Ohren?
Leiser, als wollte er Johannes nicht in seinen Gedanken stören, fuhr Ludwig fort zu erzählen: „Die Geschwister hatten das Entlein, das ein Schwan war, gar nicht lieb. Wenn die Katze dich nur fangen möchte, du hässliches Geschöpf! sagten sie. Und sogar die Mutter schämte sich für das hässliche Kind und wünschte es weit fort. Eines Tages hatte es genug von den Hänseleien, es flatterte über den Zaun und entfloh.
Es wurde nun in einige Abenteuer verwickelt, an die ich mich nicht genau erinnere. Ich glaube, zuerst ging es zu den wilden Gänsen im Moor, die es aufforderten, mit ihnen zu ziehen, doch es machte piff paff, und schon waren sie tot. Jagdhunde kamen ins Schilf und zeigten dem verängstigen hässlichen Ding ihre scharfen Zähne. Doch platsch, platsch waren sie wieder verschwunden. Ich bin zu hässlich, dachte das Entlein recht erleichtert. Die Hunde hatten keinen Gefallen an ihm gefunden.
Das Entlein irrte durch Sturm und Unwetter und kam zu einer Bauernhütte. Darin wohnte eine alte Frau mit ihrem Huhn und ihrer Katze, die sie Söhnchen nannte. Komischer Name für eine Katze, fand ich. Söhnchen. Na, wie auch immer. Die beiden waren sehr von sich eingenommen und sagten immer „Wir und die Welt!”. Sie glaubten, dass sie die Hälfte der Welt ausmachten, und zwar die bessere. Das Entlein, das eigentlich ein Schwan war, war in ihren Augen ein glatter Versager, denn es konnte weder Eier legen wie das Huhn noch buckeln oder Funken sprühen wie die Katze. Es konnte schwimmen? Um so schlimmer! Auch hier galt eben: Sei wie wir – oder du bist nichtswürdig.
Das Entlein, das immer noch nicht wusste, dass es ein Schwan war, saß übellaunig in seinem Winkel und dachte nur noch daran, wie schön es wäre, auf dem Wasser zu schwimmen und unterzutauchen. Bald hatte es die Nase voll von seinen neuen Kumpanen und ging wieder auf Wanderschaft. Es war froh, wenn es auf dem Wasser schwimmen konnte und niemand es beachtete.“

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Wieder schaute Ludwig zu Johannes hinüber, der immer noch die Augen geschlossen hatte. Wozu weitererzählen?
Johannes streckte die Beine und öffnete die Augen. „Was ist? Warum erzählst du nicht weiter?“
„Interessiert es dich denn? Ich dachte, du bist in Gedanken ganz woanders. Na schön. Der Winter kam, der Rabe schrie: „Au, au!” Kalt war es, bitterkalt. Und dann, eines Abends, als die Sonne besonders herrlich unterging, erschienen die Schwäne. Ein ganzer Schwarm. Wie waren weiß und wunderschön. Sie stießen einen sonderbaren Ton aus und flogen fort. In den Süden, zu eisfreien Seen. Das Entlein war ganz bezaubert und wollte mit. Es kreiselte wie ein Rad im Wasser, reckte den Hals, schrie. Umsonst. Vor die Erlösung waren noch viele Prüfungen gesetzt.

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Doch endlich kam das große Finale: Die Sonne schien wieder, die Lerchen sangen. Das Entlein schwang seine Flügel und flog auf und davon. Es landete in einem Paradiesgarten. Blühende Apfelbäume, duftender Flieder. Drei prächtige Schwäne kamen geschwommen. Würden sie es tothacken? Und wenn schon! Lieber von diesen königlichen Vögeln getötet als von schäbigen Allerweltskerlen belästigt zu werden, dachte das Entlein todesmutig und bereit, sein Herzblut hinzugeben. Es schwamm ihnen entgegen und neigte demütig sein Haupt, um den tödlichen Schlag hinzunehmen. Da aber sah es sein Spiegelbild im Wasser.
Und es erkannte sich selbst als Schwan.

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Wunderbare Metamorphose! Nun wurde es nicht mehr misshandelt und verspottet, die Kinder fütterten es und priesen es in höchsten Tönen ob seiner Schönheit. Da freute es sich von ganzem Herzen über sein Glück. Und wenn es nicht gestorben ist, dann lebt es noch heute.“
Ludwig grinste und schaute leicht verlegen zu Johannes hin. Ob dieser wohl begriff, dass er seinen eigenen Kindertraum erzählt hatte? Er selbst habe in einem Schwanenei gelegen und sei von rechts wegen ein Schwan, hatte die Kopenhagener Oma ihm immer versichert, wenn sie das Buch mit Andersens Märchen aus der Hand legte. Er gehöre dazu, sei ein Sprössling der Schwanenfamilie derer von Winrod. Kein Kalekut? Kein hässliches Entlein? Der kleine Ludwig wagte, es nicht zu denken. Aber zu hoffen wagte er es schon. Eines Tages, so hoffte er, werde ich mich zum Schwan mausern. Ludwig der Schwan.
Wieder grinste er, selbstironisch. Doch Johannes nickte ihm nur zu, ohne das Gesicht zu verziehen. „Gute Geschichte“, sagte er anerkennend. „Ich hab sie wohl früher mal gehört, aber so ziemlich vergessen. Du hast recht, es ist ein Wandlungsmärchen. Durch die Mühsal zum Licht. Ja, die trauten sich damals noch zu erzählen, mit Moral und allem Drum und Dran”.
Die Fotos habe ich im Laufe der Jahre gesammelt, leider habe ich nicht immer den Namen des Fotografen, der Fotografin notiert. Falls jemand sein Foto erkennt, wäre ich dankbar für entsprechende Benachrichtigung.