Kunst gegen Müll – noch einmal Helen Escobedo, für Finbar

Heute las ich ein verzweifeltes Poem von Finbar https://finbarsgift.wordpress.com/2017/02/21/ueberall-muell/
Finbar sprach heute ein Thema an, das uns allen schwer auf der Seele liegt: Müll. Er spricht von verschiedenen Formen des Mülls – ich beschränke mich hier auf den handfesten, materiellen stinkenden lebensbedrohlichen Müll=Abfall.  Helen Escobedo „beseitigte“ ihn 1991 mit einer in Mexiko damals völlig neuartigen eindrucksvollen Installation.

Natürlich ist das nicht so eine schöne lichtvolle Installation wie ihr „Kornregen“!

Helen sammelte zehn Tonnen Müll, der in dem stadtnahen Ausflugsgebiet Chapultepec von Millionen Besuchern zurückgelassen wird, und machte daraus einen Fluss. Helen selbst erklärt dazu: „Ich kann, wenn ich mich einem solchen aggressiven Ort wie dem von Chapultepec zuwende – und es ist ein aggressiver Ort, er greift die Augen an, er stinkt, und all das zusammen mit dieser furchtbaren Not der Menschen, die dringend Erholung brauchen und sie in ihrem eigenen Garten nicht finden können, denn sie haben keinen – , da kann ich selbst nur ein aggressives Werk schaffen. Und da bin ich dann auch ambivalent, was ist schön und was vulgär, was ist provokativ und was einfach nur unangenehm“.

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Der Stadtverwaltung gefiel das Kunstwerk wohl nicht, denn dieser Fluss stank gewaltig, also bedeckte Helen ihn notgedrungen mit grauen Plastikbahnen, Eisendraht und schwarzer Farbe, was den Fluss allerdings sogar noch bedrohlicher erscheinen ließ. Und die Leute kamen und staunten, während sie vorbeiflanierten, was da alles zusammengekommen war.

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Mir gefällt, dass Helen nicht provozieren, sondern ein (schlimmes) Thema ins Bewusstsein rücken wollte. Dafür ist Kunst ja auch da!

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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23 Antworten zu Kunst gegen Müll – noch einmal Helen Escobedo, für Finbar

  1. Myriade schreibt:

    Ja, das sehe ich auch so. In Mexico City ist es ja auch ganz besonders schlimm.

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  2. kunstschaffende schreibt:

    Und es hat sich wohl nichts geändert, wie dumm und verantwortungslos doch die Zuständigkeiten sind!

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  3. finbarsgift schreibt:

    Ein mich sehr beeindruckendes Kunstwerk, liebe Gerda, vom dem ich noch gar nichts wusste…

    Dankeschön für deine feine Präsentation, und den Hinweis auf mein Müll-Poem…

    Liebe Grüße zur Nacht vom Finbar

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  4. mmandarin schreibt:

    Es ist verrückt…ich kann nicht schlafen und meine Gedanken kreisten um Müll, um Papiermüll wohlgemerkt, kein stinkender Abfall, aber die tägliche Papierflut ist enorm und ich mache mir so meine Gedanken, wohin damit, oder, wie kann Schönes daraus entstehen? Und dann lese ich deinen Blog und bin voll Bewunderung für diese mutige Künstlerin. Ich sah vor einiger Zeit einen Film über Nomaden in der Mongolei, die keinerlei Müll produzieren oder zurücklassen, wenn sie weiterziehen. Das ist ein wunderbarer Traum. Liebe Gerda, Danke , Marie

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  5. Susanne Haun schreibt:

    Eine sehr interessante Installation, Gerda, eindrücklich! Da sie schon von 1991 ist, wäre es spannend zu erfahren, ob sich etwas am Umgang mit Müll in dem stadtnahen Ausflugsgebiet Chapultepec geändert hat! Weisst du etwas davon?
    Einen schönen Tagesbeginn von Susanne

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    • gkazakou schreibt:

      Leider habe ich keine Ahnung, ob sich in Mexiko etwas in Dingen Müllvermeidung und -beseitigung getan hat. Wenn ich sehe, wie hier in unserem kleinen Griechenland trotz aller Hilfen, Strafen, Vorschriften, Aktionen … das Müllproblem weiterhin ungelöst ist, fürchte ich, dass es noch vieler Künstler a la Helen bedarf, um die Menschen mit der Nase drauf zu stoßen. Manchmal möchte man die Kommunalpolitiker in einem Müllberg begraben, aber das wäre wohl strafbar 😉

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      • Susanne Haun schreibt:

        In Berlin ist es nicht besser, am Straßenrand tauchen über Nacht ganze Wohnungseinrichtungen auf, die einen Tag später auseinandergeflügt und dann zerstört werden. Es ist traurig. Der Bezirk Prenzel Berg wird im Mauerpark dem Flohmarktmüll nicht mehr Herr, die Kosten steigen und Berlin hat kein Geld ….. ich habe meinem Kind beigebracht, seinen Müll nur in Mülleimer zu entsorgen und nicht auf die Straße zu schmeissen – das scheint heute aber nicht mehr zur Erziehung zu gehören ….

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    • gkazakou schreibt:

      Leider sind hier nicht nur die Bürger, sondern auch die Kommunalverwaltungen schuld am Müllelend. da hilft dann auch die Erziehung nichts. Die riesigen Müllcontainer, die hier als Mülltonnen dienen, quellen über, weil die Müllarbeiter nicht kommen, der Wind und die wilden Tiere plündern und alles fliegt in der Gegend rum. Sperrmülldienst gibt es gar nicht, das schmeißt man irgendwo weg, meistens machen das die Zigeuner gegen ein bisschen Geld. Wo es am schönsten ist – da ist auch eine Müllhalde. Wir sammeln unsere Straße in der Mani (wo ich seit gestern wieder bin) immer selber sauber. LG Gerda

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  6. bruni8wortbehagen schreibt:

    ja, das wäre strafbar, liebe Gerda, aber was Deine Freundin (denn das war sie, wenn ich mich richtig erinnere), machte, das war gigantisch kreativ, gigantisch gut und sehr mutig.
    ich wünschte mir sehr, es hätte gute Gedanken geweckt und nicht nur im Moment des Schauens, sondern für immer, damit die Müllberge ein klein weniger drastisch gestiegen wären…

    Wenn ich mir hier unsere Müllberge ansehe, mal in Mülltonnen reingucke, dann sehe ich immer mehr, wie der Müll zunimmt. Der Verpackungsmüll steigt, trotz der Plastiktüten, die kaum noch ausgegeben werden. Ich bemühe mich wirklich sehr und doch wundere ich mich täglich, was an Müll zusammenkommt…

    Wie gut, daß Du dieses stinkende große Kunstwerk einer eindrucksvollen Frau in Erinnerung rufst.

    Einen lieben Abendgruß von Bruni

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    • gkazakou schreibt:

      ja, auch wir produzieren zu viel Müll. Es ist erstaunlich, was da täglich zusammenkommt. Dabei koche ich für den Hund, und es fallen keine Konservendosen an. Und überhaupt verwenden wir kaum Konserven. Trotzdem. Eine Zahnpasta – zwei Verpackungen, eine Verpackungsbeilage mindestens

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  7. bruni8wortbehagen schreibt:

    es läppert sich … und der Biomüll zählt nicht mal

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  8. Ulli schreibt:

    Liebe Gerda, ich bin auch seit gestern mit Lus Artikel zum Müll beschäftigt! Mir fiel ein, wie ich einmal zusammen mit einem Freund und meinen Kindern, sie waren damals 8 und 11 Jahre alt auf einer Burgruine, die „Blütenburg“ genannt wird, weil dort selbst im tiefsten Winter immer noch mindestens ein Blümchen blüht (so geschützt liegt sie in einer Mulde), all den Müll zusammentrugen, die WanderInnen und Gruppen von Pfadfindern dort hinterlassen hatten, aufsammelten und in blaue Säcke stopften, jedeR trug einen Nachhause, aber wir machten noch etwas anderes, wir kerten den Innenhof mit Laubbesen und schrieben dann mit Müll, die Blütenburg ist traurig- leider habe ich damals noch keine Kamera als ständige Begleitung gehabt und was daraus geworden ist weiss ich auch nicht, ich war nie wieder in dieser Gegend!

    heutzutage sammele ich auf meinen Spaziergängen in Wald und Wiese Müll auf und bringe ihn schweigend heim und entsorge ihn in den entsprechenden Tonnen.
    Müll ist auch schon ein Thema zwischen den Enkelkindern und mir, schön, wie sie es mit mir nicht mögen, wenn überall der Mist rumfliegt und es wird wirklich immer immer schlimmer- seit gestern sehe ich ihn wieder noch mehr- ach…

    eine tolle Installation von Helen! Ja, so eine Installation MUSS stinken, sonst ist es nur ein Bild und nicht wirklich das, was es ist, eine zum Himmel stinkende Angelegenheit aus Unachtsamkeit, Gleichgültigkeit und Wegwerfmentalität

    vielen Dank und herzliche Grüsse
    Ulli

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    • Ulli schreibt:

      P.S. ich habe mir gerade das letzte Foto noch einmal in gross angeschaut, spannend finde ich auch die schwarze Figur neben dran, sie wirkt auf mich, wie ein schwarzer Engel, im Hintergrund sind Herzluftballons zu sehen und noch andere Luftballons, dazu die vorbei flanierenden Menschen, all das gibt noch einmal eine Geschichte für sich! Gefällt mir sehr-

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      • gkazakou schreibt:

        du hast recht, das ist schon fast wie eine deiner Fotomontagen….Vielleicht willst du was draus machen? Du kannst das Foto benutzen.

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      • Ulli schreibt:

        Danke Gerda, tatsächlich habe ich gestern Abend darüber sinniert!
        hab einen schönen Tag
        liebe Grüsse
        Ulli

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      • gkazakou schreibt:

        und ich sah gestern ein Foto von irakischen Soldaten, die ein Stück von Mossul erobert mit ihren haben, sie saßen auf Stühlchen inmitten von Müll und Schutt und spielten mit ihren Handys – weil sie sich langweilten.
        Am schlimmsten fand ich es bisher in Ägypten, dagegen ist Griechenland ein Idyll.
        Saubermachen, Müll sammeln, Fegen gilt als unmännlich…

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      • Ulli schreibt:

        Um die Welt wieder zu einem besseren Ort zu machen, liegt noch viel, viel Weg vor uns! Dieses Leben wird nicht dafür reichen, deswegen gebe ich aber trotzdem nicht auf! Never…

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    • gkazakou schreibt:

      stinken tut sich ja auf dem Foto nicht…. Aber die Vorstellung ist schon auch übel genug. Auch hier gibt es viele private und halb-private Initiativen zum Entmüllen, zB in „meinem“ Stadtwald tragen Freiwillige zwei mal im Jahr eine Menge Müll zusammen (ich hab auch schon mitgemacht). Die Gemeinde Maroussi (wo ich in Athen wohne) ist hilfreich, der Bürgermeister ist Arzt, sehr aktiv und sorgt für Hygiene. Und so ist es dort besser geworden. Auch gibt es Gruppen, die in die Berge ziehen und entmüllen. Sogar hier in der Mani bemühen sich manche um saubere Strände. Aber es fehlt an einer geordneten Müllentsorgung, das Recycling steckt noch in den Kinderschuhen, und der normale Müll wird immer noch auf riesigen Müllhalden verbrannt, sofern er überhaupt dort und nicht auf wilden Müllkippen landet. Über den Müllbergen kreisen die Möwen und die Zigeuner sammeln Brauchbares. Die EU hat Griechenlands Gemeinden schon x-mal verurteilt, es hagelt Strafgelder, aber viele Bürgermeister finden die Kurve nicht, sind gleichgültig oder werden von Sonderinteressen blockiert. Auf der ganzen Peloponnes gibt es nicht eine ordentliche Müll-Entsorgungsanlage. Es ist ein Skandal.

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      • Ulli schreibt:

        So, wie du es beschreibst, habe ich es in Italien erlebt, ganz besonders schlimm war es in und um Rom herum! Ein Bild hat sich mir eingebrannt, wir fuhren durch eine vermüllte Dünenlandschaft, der Sand wirkte grau und schmuddelig und mitten drin sass eine abgemergelte, dunkelhäutige Frau auf einem kaputten Campingstuhl und wartete auf Freier … was für eine Welt!

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