
Heute ist Mittwoch. Das ist der Tag, an dem Nadja und ich zusammentragen wollen, was sich für uns im Laufe der Woche zum Thema „Mensch und Tier“ ergeben hat. Als da wäre:
Seit dem 21. Juli („Uralte Schauer“) esse ich kein Fleisch mehr. Mir fällt die Umstellung auf fleischlose Ernährung leicht, zumal die griechische Küche viele leckere Gemüsegerichte kennt, die auch in Tavernen angeboten werden. Wenn mich doch ein Gelüste ankommt, führe ich mir das Zicklein vom Propheten Elias (s.o.) vor Augen und fühle, wie mein Herz sich ihm zuneigt. Mein Verhältnis zu Tieren wird unschuldiger und wärmer. Käse, Eier, Joghurt esse ich weiterhin und freue mich an der Vorstellung, wie ein Bauer, eine Bäuerin die Tiefe füttert, melkt, die Milch zu Joghurt und Käse verarbeitet. Denn ja, hier herum gibt es noch viele winzig kleine bäuerliche Betriebe, die von diesen Arbeiten leben.

Ich habe dem Zicklein einen Namen gegeben. Das war gar nicht so einfach. Ulli, Katrin, Gerda, Susanne, Margarita? Klaus, Martin, Joseph, Ludwig, Salomon? Alles durchaus schöne klangvolle Namen … aber würden die menschlichen Träger ihren Namen gern mit einem Zicklein teilen wollen? Schließlich verfiel ich auf Μυρτώ, Myrte. Ein griechischer Vorname für Mädchen, hergeleitet aus der Myrte. Die wächst in unseren Macchien, die weißen Blüten verströmen ihren Duft in der mittäglichen Hitze, öffnen die Atmung, betören die Sinne. Sie ist der Aphrodite geweiht, verspricht Jugend und Schönheit und immerwährende Liebe, daher tragen die Bräute einen Myrten-Kranz und pflanzen ein Zweiglein davon in einen Topf. Möge er gedeihen wie die Liebe in der eben gegründeten Familie.
Bildquelle: ΣΜΥΡΤΙΑ-botanakaiygeia.blogspot
Und was hat die Myrte mit dem Zicklein zu schaffen? Soll sie etwa als Gewürz für den Hochzeitsbraten dienen? Ja, das auch. Aber nicht mehr für mich. Für mich hat es sich ausgehochzeitet. Nein, ich lasse das Zicklein grasen. Hart ist das lanzettartige Myrtenblatt, aber was eine tüchtige Ziege werden will, wird es schon abbeißen und verdauen lernen.

Nadia Baumgart, Kleine Ziege
Danke Nadia für das entzückende Aquarell, mit dem du Myrte geehrt hast! Und ihr, liebe Leserinnen und Leser, werft einen Blick in Nadias Blog zur Tierethik und betrachtet noch zwei weitere herrliche Tier-Aquarelle!
Und nun, Nadia, zu deinen Fragen zur Tier- Ethik:
Ich habe nachgedacht, was denn eigentlich Ethik (hier: Tier-Ethik) sei. Mir scheint, es gibt da vier Ebenen, auf denen sich die Frage bewegt: was ist gut, was schlecht?
Ebene 1: Die gesetzlichen Bestimmungen. In einer Demokratie sind sie Ergebnis eines kontinuierlichen Prozesses der Konsensfindung. Dabei geht es um Ausgleich zwischen verschiedenen Interessen von Bauernverbänden, Konsumenten, Pharmazeutischen Herstellern, Handel und vielen mehr. Hier setzen auch die Tierschützer an, wenn sie auf nationaler oder europäischer Ebene Schutzgesetze für Tiere durchdrücken wollen (Einschränkung der Tierversuche, Mindestraum pro gehaltenem Tier, Grausamkeitsverbot, Chips für Haustiere etc pp).
Darunter Ebene 2: Die in einer Gesellschaft allgemein akzeptierten Verhaltensweisen. Da gibt es weltweit und historisch unendlich viele Varianten. Ein Tierschützer hatte früher und hat heute in Deutschland andere Freunde und Feinde als zB in China, Arabien, Indien, Japan, Zaire… In Deutschland isst man keine Hunde, keine Katzen, kein Pferdefleisch, man backt keine Schildkröten, häutet keine Schlangen – Punkt. Wer das tut, ist ein Barbar. Ob er strafrechtlich verfolgt werden kann (Ebene 1), weiß ich nicht. In vielen anderen Gesellschaften ist all das erlaubt, aber Pets sind verpönt. Wer Katzen und Hunde zu seinem Zeitvertreib im Haus hält, ist wohl pervers. Er gefährdet auch die Gesundheit seiner Kinder. Tiere müssen nützlich sein, sonst haben sie keinen Platz bei den Menschen. Vielerorts verjagt man alt gewordene Esel, Pferde und Kamele – ganz wie im Märchen der Bremer Stadtmusikanten.
Darunter Ebene 3: meine persönlichen Überzeugungen. Was halte ich für gut und richtig, was für abscheulich, auch wenn es strafrechtlich zulässig und gesellschaftlich toleriert ist? Meine bäuerlichen Nachbarn und ich haben da recht unterschiedliche Auffassungen. Und leider neige ich wie die meisten Menschen dazu, meine Überzeugungen zu verallgemeinern. Was ich schrecklich finde, „sollte verboten werden“ und was ich gut finde, „sollte erlaubt sein“. ZB lasse ich meinen Hund – obgleich das verboten ist (Ebene 1) und von vielen Griechen nicht gern gesehen wird (Ebene 2) – meistens frei laufen. Ich finde es unerträglich, Hunde an der Kette zu halten – was freilich weder verboten noch verpönt ist. – Es sind die ganz persönlichen Überzeugungen, die den Tierschützern die Kraft geben, auch dann zu kämpfen, wenn sie sich die lokalen Gesellschaften zu Feinden machen.
Ganz tief darunter liegt die eigentliche ethische 4. Ebene, aus der sich alle anderen irgendwie speisen. Mit ihr befassen sich Philosophie und Religion. Hier stellt sich zB die Grundsatzfrage nach der Stellung des Menschen: ist er der Herr der Tiere oder ein Lebewesen unter anderen?
Wenn er der Herr ist, welche Verpflichtungen und Rechte erwachsen ihm daraus? Es bilden sich Sätze wie: du sollst nicht töten und Mach dir die Erde untertan.
Wenn er nur ein Lebewesen von vielen ist – welchen Lebensraum darf er, soll er für sich beanspruchen? Darf er Insekten vernichten, soll er Straßen wegen des Krötendurchmarsches untertunneln, muss er Biotope erhalten, darf er Urwälder roden? Soll er alles menschliche Leben erhalten, auch wenn das bedeutet, dass das tierische Leben verdrängt und vernichtet wird? Haben dem Menschen verwandte Tiere ein höheres Lebensrecht als die unverwandten? Gibt es böse und gute Tiere, schädliche und nützliche, schützenswerte und überflüssige, unabhängig von menschlichen Erwägungen? Sind Termiten böse? Tiger? Biber? Haben sie alle dasselbe Recht auf Leben, weil „Gott sie geschaffen hat“ ? Oder warum sonst?
Ich würde mich natürlich freuen, wenn ihr, die ihr mir bis hierher gefolgt seid, die eine oder andere Frage kommentieren würdet. Habt auf alle Fälle einen schönen Tag. Bei uns gibt es heute einen Eintopf aus frischen Erbsen, Kartoffeln, Karotten, Tomaten, Lorbeer, Olivenöl, Salz und Pfeffer. Dazu frischen Ziegenkäse mit Origano und Oliven-Öl. Und ein Glas Weißwein. Und natürlich ein Stück Bauernbrot. Hab ich was vergessen? Ja! Mein Mann ist der Koch.