Gesteinsausblühung oder: die Geschichte von Lot

Ich hatte, wie so oft, das Bedürfnis, Weiches gegen die Härte der Welt zu stellen. Nahm einen Kohlestift und zeichnete weich emporwachendes Pflanzliches, das die große Leinwand (80 x 100) freudig einnahm.

Schmückte es auch noch ein wenig aus, gab ihm ein stützendes Gerüst, so sehr, dass sich das Zarte Weiche ganz erstickt fühlte vor lauter Sicherungsmaßnahmen. (Wie immer: zum Vergrößern bitte Anklicken)

Da kippte ich das Bild, löschte die Härten ein wenig aus, und so entstand eine gebirgige Landschaft unter bewölktem Himmel, die sich sanft zu einem See, vielleicht auch zu einem Meer hinab senkt. Auch sie schmückte ich ein wenig aus mit Wäldchen und allerlei menschlichen Aktivitäten.

Dann aber war mein weicher Imuls erschöpft. Ich löschte das Bild aus, drehte es erneut, und wo vorher Pflanzliches aus dem Zentrum erwuchs, ist nun eine Leere, umgeben von Felsstrukturen, die eng und steil emporragen und herabstürzen, kaum einen Durchblick lassend auf ebenes Land und den Spiegel eines Sees.

Ein wenig drehte und wendete ich das Bild noch, fand den Horizont obsolet, betonte die Leere im Zentrum, indem ich sie mit Blau ausfüllte. Und nun wars eine versteinerte Familie: Vater, Mutter und Kind.  Nicht viel anders als Lots Weib, das sich umschaute  und zu Stein erstarrte, als es sah, wie Sodom und Gomorra versanken – so dachte ich und las die Geschichte nach.

Da fand ich, dass Sodom vermutlich am Toten Meer gelegen hat, wohlhabend und üppig. Doch seine Einwohner lebten nicht gottgefällig. „Sowohl im Tanach als auch im Talmud, aber auch in den Evangelien nach Matthäus (Mt 10,14 f. EU) und Lukas (Lk 17,29 EU) ist Sodom vor allem ein Symbol für Fremdenfeindlichkeit und den Bruch der Gastfreundschaft, nach Ez 16,49 EU auch mit Hochmut und Geiz.“ (Wikipedia). Lot nahm seine Familie und flüchtete auf Anweisung der beiden Engel, die er vorher bewirtet hatte (wärend ein Mob sie ausrauben wollte) ins Gebirge, Sodom ging unter. Entweder war es ein Erdbeben mit Austritt von Methangas, das sich entzündete, oder ein Meteoriteneinschlag, der die Stadt vernichtete, oder es war die rächende Hand Gottes.

Bei Wikipedia las ich ferner, dass es sich bei der Salzsäule, zu der Lots Weib erstarrte, „möglicherweise um eine Felsformation oder eine Gesteinsausblühung nahe Gebel Usdum südlich des Toten Meeres“ handele.

Das passt ja wunderbar, dachte ich. Ich habe, scheint’s, die Landschaft am Toten Meer gezeichnet, bevor sie zerstört wurde – Weiches, Wachsendes, ein Land, das sich freundlich zum damals noch nicht Toten Meer hinabsenkte. Dann habe ich es ausgelöscht wie Gott oder der Meteorit damals, und zurück blieb eine harte Felsformation oder salzige „Gesteinsausblühung“, die kaum Luft lässt zum Atmen.

Ich war übrigens mal dort, fast genau fünfzig Jahre ist es her (kurz vor dem sog. 6-Tage-Krieg im Juni 1967), und erinnere mich, als sei es heute, an das starre Gebirge und die träge von Salz geschwängerte Luft am Toten Meer.  Als ich sie zeichnete, wusste ich nicht, dass ich diese Bilder in mir trage. Und nun denke ich: Ob sich wohl heilen und wieder beleben lässt, was zur Salzsäule erstarrte? „Denkt an Lots Weib!“ mahnt Jesus (Lukas-Evangelium)

Gesteinsausblühung. elektronische Bearbeitung einer Kohlezeichnung, 70 x 100 cm (c) Gerda Kazakou

 

 

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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10 Antworten zu Gesteinsausblühung oder: die Geschichte von Lot

  1. kopfundgestalt schreibt:

    Feine Arbeit. Es bereitet Vergnügen , dir zu folgen:-)

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  2. Susanne Haun schreibt:

    Ich mag besonders die Bearbeitung mit dem blauen Hintergrund, Gerda, das steht das ruhige einheitliche Computerblau gegen deine bewegten Linien und bringen sie so in den Vordergrund.
    Einen schönen Sonntag von Susanne

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  3. www.wortbehagen.de schreibt:

    Für mich war es jetzt sehr verblüffend, daß nach so vielen Schritten ein Endergebnis erzielt werden konnte, das so eindruckvoll ist, liebe Gerda.
    Ich sehe die steineren Gestalten, schroff und dunkel gerandet und in ihrer Mitte weibliches hell erblühtes Leben, welches das Zarte, Feine aufs Neue in die Welt trägt. Eine zarte Vision?

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    • gkazakou schreibt:

      Mir scheint, liebe Bruni, dass sogar der alte Lot wieder ins Leben zurückkommt. In dem Felsausschnitt wandelt er links oberhalb von der weiblichen Gestalt, über seinem bärtigen Kopf wird eine Art Heiligenschein erkennbar

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  4. TeggyTiggs schreibt:

    …mich freut ein Ergebnis zu sehen, in dessen Mitte eine lichtvolle Frauengestalt wandelt…mir erschien es immer unrecht, Lots Weib zu Salz ertarrt zu wissen…

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    • gkazakou schreibt:

      ich stimme dir zu und freu mch mit dir! Denn sich umzuwenden und zu schauen, welchem Unheil man grad entronnen ist, scheint mir eine so große Sünde nicht zu sein.
      Mir scheint übrigens, die ganze Sippe ist wieder beim Wandern – auch der alte Lot marschiert tüchtig – , und das starre Gebirge hat sich belebt….

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  5. Pingback: Versteinerung | GERDA KAZAKOU

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