Ulli Gau zu Besuch bei Gerda Kazakou

Ihr wisst es schon: Ulli ist bei mir zu Besuch. Drei Tage in Athen, drei in der Mani. Das ist wenig, aber auch viel, wenn man sich, wie wir, vom ersten Moment an offen und in tiefer Sympathie begegnet. Da kann viel an Austausch gelingen, ohne dass sich die eine oder andere in ihrem Tun beschränkt und in ihrem Rhythmus gestört fühlt. Bevor es heute nach Athen zurückgeht, möchten wir euch aus der Mani einen kleinen freudigen Gruß zuschicken. Fortsetzung folgt.

Wo? Was? In Athen beim Bilderlegen – in Lysos Garten fotografierend – Kaffeetrinken bei Babis am Sandova-Strand.

 

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Kata-Strophen mit Sonnenkollektor (abc-etüde)

Eine neue Schreibeinladung vom eingespielten Team Christiane lz.,  mit vertrackten Wörtern von Nina Bodenlosz.

Ich bitte euch: wie lässt sich aus den Wörtern Sonnenkollektor, bräsig und pürieren eine Geschichte schmieden? – dachte ich. Lässt sich, zeigten mir meine werten Mit-EtüdenschreiberInnen. Von mir eine Legearbeit und ein klitzekleine Etüde. Vorhang auf für Monsieur Sonnenkollektor!

Monsieur Sonnenkollektor Variante (c) gerda kazakou 2018

Ich warte schon seit Stunden
Auf Monsieur Sonnenkollektor
Wo bleibt er nur, der bräsige Herr?
Ohne ihn, o weh, können wir
Das heutige Menü glatt vergessen.
Du wirst die Wörter unpüriert essen
Müssen, mon Cheri!

Monsieur Sonnenkollektor (c) gerda kazakou 2018

Heute wollte ich charakteristische Teile meiner drei „Schnipsel-Lieferanten“ in einem Bild vereinen: Susanne Haun, Jürgen Küster, Ulli Gau. Sofort fiel mein Auge auf Susannes Spirale, Jürgens große schwarze Leerform mit den weißlichen Strichen und Ullis Feuerfedern. Da war mir klar: das wird Monsieur Sonnenkollektor, der mir seit Sonntag im Kopf rumspukt. Sonniges von Susanne, Feuriges von Ulli und Eisernes für die mechanischen Teile von Jürgen.

Drei Lieferanten von etüden-Material (Christiane, Ludwig, Nina), drei Lieferanten von Schnipseln (Susanne, Jürgen, Ulli), und als siebte im Bunde: ich selbst (Gerda). Da sollte eigentlich genug Energie zusammenkommen, um drei Wörter zu pürieren!

 

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Ei ei, ei, was ist denn das?

Nur so

 

 

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Traumschiff

Es dampft

und stampft

das Traumschiff durch die Nacht.

Hab Acht!

Es reist

und kreist

auf feinem Tuch

Das Meer es schäumt am Muschelrand

Das Schiff es träumt von Meer und Sand

Ich hab Besuch.

Gelegt habe ich dies Bild mit Jürgens Schnittresten, auf einem gefalteten Tischtuch, am Boden vor dem Kamin hockend. Einen roten Muschelrand fügte ich aus Ullis Schnipseln hinzu.  Ich bearbeitete es dann und verwendete zuletzt auch ein Foto vom Meer als Hintergrund.

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Danse macabre

Heute habe ich mal meine Zügel gelockert, denn ich fand es mühsam, sowohl der Geschichte (Nachtzirkus) als auch Ullis Schnipseln gerecht zu werden. Ich folgte einfach dem, was die Schnipsel mir erzählen wollten – und heraus kam ein Danse macabre. Oder so was Ähnliches. Die Philosophie solcher Tänze: Wer du auch seiest: Hab Spaß, denn das Ende ist gewiss.

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Im Eisgarten (Der Nachtzirkus*)

Ich habe ein wenig im Buch zurückgeblättert, um etwas zu finden, was sich für Ullis geschmeidige farbige Schnipsel eignet. Und fand diese Szene, in der Celia ein neu aufgetauchtes  Zelt besucht, das ihr unbekannter Gegenspieler eingerichtet hat.

Der Nachtzirkus, Kapitel „Spielregeln“, S. 140-1*

Das Schild verkündet einen sogenannten Eisgarten (…). Trotz des Namens ist sie nicht darauf vorbereitet, was sie im Inneren erwartet. Es ist zwar genau das, was auf dem Schild steht, aber es geht noch weit darber hinaus.  (…) Selbst die Luft scheint verzaubert. Beim Einatmen ist sie frisch und süß in der Lunge, und ein Schauder, der nicht nur durch den angekündigten Temperatursturz verursacht ist, fährt ihr bis in die Zehen.

Im Zelt sind keine weiteren Besucher. Celia kreist allein um die Spaliere mit den blassen Rosen und einen leise sprudelnden kunstvoll gemeißelten Springbrunnen. Bis auf einige wie Girlanden aufgehängte weiße Seidenbänder ist alles aus Eis.

Neugierig pflückt Celia eine gefrorene Pfingstrose von ihrem Stiel, der sich mühelos abknicken lässt. Doch die Blütenblätter zersplittern, fallen ihr aus den Fingern und verschwinden in den elfenbeinfarbenen Grashalmen auf dem Boden. Als sie wieder zum Stängel blickt, ist bereits eine identische Blüte nachgewachsen.

(*Ich zitiere aus dem Buch „Der Nachtzirkus“ von Erin Morgenstern, in der deutschen Übersetzung von Brigitte Jakobeit erschienen 2012 bei Ullstein.)

Nachtzirkus. Im Eisgarten. (c) gerda kazakou, 2018, unbearbeitetes Orginalfoto

Da Ullis Schnipsel aus leicht glänzendem und spiegelndem Fotopapier bestehen, ergab sich beim Fotografieren unter der Lampe ein Effekt, der die Vereisung der Blumen betont.

Hier noch ein anderes Originalfoto, ein Bildausschnitt und ein paar fotogeshopte Varianten.

Während ich heute mit Ullis Schnipseln arbeitete, holte sich Ulli Legematerial aus Jürgens Schnipselkiste. Die Ergebnisse wird sie euch erst zeigen, wenn ihr Urlaub beendet ist.  Ihr dürft gespannt sein!

 

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Unter Aufsicht. (Der Nachtzirkus)

Der Nachtzirkus. Kapitel „Unter Aufsicht“. Kairo November 1890, S. 147f

Heute abend hat die Zauberin Zwillingsdienst. Man überträgt ihr diese Rolle nicht oft, obwohl Widget und Poppet sie sehr gern mögen. (…) Keiner der Besucher erkennt Celia (…). Wenn sie überhaupt von Passanten beachtet wird, dann nur, weil sie sich fragen, wie die Kinder in ihrer Obhut so rote Haare haben können, wenn ihres so dunkel ist. Davon abgesehen wirkt sie wie eine gewöhnliche junge Frau im blauen Mantel, die wie jeder andere Besuchter durch den Zirkus streift.

Zuerst gehen sie in den Eisgarten, aber (…) Noch ehe sie halb durch sind, quengeln die Zwillinge und wollen Karussel fahren. Sie streiten sich, wer auf dem Greif sitzen darf, aber als Celia ihnen die Geschichte vom neunschwänzigen Fuchs gleich dahinter erzählt, wird der gleich viel reizvoller, und Widget gibt nach. Kaum sind sie abgestiegen, wollen sie noch einmal fahren. Für die zweite Runde  (…) setzen sie sich ohne Gezanke auf eine Schlange und ein Kaninchen.

(*Ich zitiere aus dem Buch „Der Nachtzirkus“ von Erin Morgenstern, in der deutschen Übersetzung von Brigitte Jakobeit erschienen 2012 bei Ullstein.)

Grad rechtzeitig für diese Szene mit den rothaarigen Zwillingen kamen mir neue Schnipsel ins Haus. Ulli vom Cafeweltenall hat sie höchstpersönlich gebracht. Es handelt sich um schwung- unf kunstvoll zerschnittene Fotos auf recht stabilem Fotopapier. Die Farben – insbesondere das Rot – wirken auf mich nach all dem Schwarz-Weiß der letzten Zeit belebend. Aber leicht wird es nicht sein, diese kleinen feinen Schnipsel, die selbst schon, jedes für sich, eine eigenwillige und ausdrucksstarke Form haben, meinen eigenen Absichten und dem Gang der Erzählung einzuordnen. Sie füllen, selbst als ich alle benutzt habe, nur mit Mühe die große Legefläche. Nächstes Mal werde ich die Fläche wohl halbieren.

Und nun schaut mal, was ich hier an neuem Material vor mich hingeschüttet und dann geordnet habe. (Die Postkarte links zeigt eine späte Arbeit von Paul Klee, die in den Tüten mit den Schnipseln steckte. Danke auch dafür, Ulli!)

Das also ist mein neues Legematerial. Und hier das Bild der Karussell-fahrenden Zwillinge Widget und Poppet.

Nachtzirkus. Widget und Poppet auf Schlange und Kaninchen (a) gerda kazakou, 2018

Das Karoussel. Elektronisch bearbeitete Legearbeit. (c) gerda kazakou, 2018

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Alphabet der Materialien: A wie Aluminium und Asche

Heute beginne ich mit einem neuen Alphabet, das ich allmählich ergänzen werde. Im Gegensatz zu dem „Alphabet des Freien Denkens“ will ich diesmal ganz im Bereich der stummen Dinge bleiben. Ich fragte mich: aus welchen Materialien ist denn eigentlich meine häusliche Umwelt gemacht? Ob es wohl für jeden Buchstaben des Alphabets ein Material gibt, das ganz in meiner Nähe und kaum von mir beachtet, vor sich hinlebt?

A : Aluminium und Asche

Aluminium schlummert als Rolle im Schubfach des Küchenschranks, Asche als übel riechener Überrest gerauchter Zigaretten im runden verschließbaren Aschenbecher (nur wenn – wie jetzt gerade – ein Raucher oder eine Raucherin zu Besuch ist). Heute holte ich sie aus ihrem Behältnis und breitete sie auf dem Balkontisch aus.  Um nachzufühlen, nachzuriechen, nachzudenken, was es auf sich habe mit diesen Materialien namens Aluminium und Asche.

 

Aluminium – so viel weiß ich, ohne zu googeln (und tatsächlich möchte ich dieses ABC ganz ohne Googles Hilfe erstellen) – wird aus der blutroten Bauxiterde gewonnen, die rund um Delphi in großen Mengen vorkommt. Wie wird aus solcher Erde dies sehr leichte metallische Blatt geformt, das sich zur glatten Rolle wickeln lässt? Wunderbare Metamorphose. Das Blatt zerknittert dir unter den abrollenden Fingern, und beim Abreißen merkst du, dass es ohne unregelmäßige Kanten und Risse nicht geht. Ein sanfter Glanz liegt über dem leichten Gebilde, aufgebrochen in lichtere und dunklere Zonen.

Asche – Überreste von Brennbarem, in diesem Fall in die Lungen Inhaliertem, krümelig und grauschwarz, leicht auch sie, der erste Wind wird sie davonwehen.  Der Geruch lässt die Art des Verbrannten erahnen. Dies ist nicht die Asche von Kiefernholz, nein. Sogar auf dem glatten Aluminiumblatt bleiben winzige, übel riechende Spuren haften.

Ps. Wer sich über die Bedeutung der Aluminium- und Tabak-Produktion in Griechenland informieren will, kann das zum Beispiel hier und hier tun.

 

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Der Schirm des Zauberers (Nachtzirkus*)

Der Nachtzirkus*

Kapitel „Der Schirm des Zauberers“. Prag, März 1894, S. 189-90 *

Obwohl es weiterhin schüttet, spürt sie nicht einen einzigen Tropfen. (…) Mit einem Mal ist Celia sich ziemlich sicher, dass sie nicht ihren Schirm in der Hand hält.

„Entschuldigen Sie, Miss Bowen.“ Die Stimme übertönt den Regen und hallt über den Platz. Eine Stimme, die sie schon erkennt, bevor sie sich umdreht und Marco hinter sich stehen sieht. Er ist vollkommen durchnässt, und vom Rand seines Bowlerhuts fallen Tropfen. In der Hand hält er einen geschlossenen schwarzen Schirm, der genauso aussieht wie ihrer.

„Ich glaube, Sie haben meinen Schirm“, sagt er mit einem Grinsen, das unschuldig sein soll, dafür aber zu gerissen ist.*

Drei Anläufe habe ich gemacht, um diese Szene zu legen. (Zum Vergrößern anklicken)

Und hier noch drei Bildausschnitte und acht Bearbeitungen. Viel Spaß!

*Ich zitiere aus dem Buch „Der Nachtzirkus“ von Erin Morgenstern, in der deutschen Übersetzung von Brigitte Jakobeit erschienen 2012 bei Ullstein.

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„Inner outfits“ – Innere Ausstaffierungen (Ausrüstungen)

Als ich gestern, schon wieder vom Zahnarzt kommend, zur Griechisch-Amerikanischen Union abbog, um dort die Ausstellung „Inner outfits“ zu sehen, ahnte ich nicht, dass ihre Thematik ins Zentrum der Ideen traf, die mich zuletzt beschäftigten.  Ihr erinnert euch vielleicht: Auf den Schnittresten, die Jürgen mir schickte, entzifferte ich einige Wörter, die der verstorbene Künstler Peter Maschke dort notiert hatte (hier). Sie wurden zum Leitthema meiner nachfolgenden Legearbeiten.

Schatten – sichtbar – bekleidet las ich, und ich dachte die polaren Begriffe gleich mit: Licht – unsichtbar, verborgen – nackt, wahr, offen – bekleidet, maskiert, kryptisch.  Auch im „Nachtzirkus“ von Erin Morgenstern, den ich grad lese und zu dem ich Bilder erfinde, geht es immer auch um Camouflage, Maskierung, Be- und Verkleidung.

Camouflage ist eine Form des Schutzes beim Militär. Und so hat auch diese Ausstellung begonnen: quasi-militärisch. Mit einem Manifest der Künstlerin Charlotte Lindsay: „Outfits for Armies in the war we never saw“.  Es war ihre Antwort auf die Kriegserklärung des französischen Ex-Präsidenten Francois Hollande an Syrien („Wir stehen mit Syrien im Krieg“).  Lindsay schlägt vor, jeder, der in den Krieg ziehe, solle doch erstmal für seine Uniform sorgen, und sie listet auf, was sonst noch so gebraucht wird. Bei all den Vorbereitungen würde sich der Krieg womöglich erübrigen…..

Im folgenden zeige ich „Ausrüstungen“ (outfits),  von Künstlern erdacht und in der laufenden Ausstellung der Hellenic American Union in Athen zu bewundern. (Eigene Fotos.)

Wie durchlässig ist die Rüstung, die Menschen sich anlegen? Die Fragilität, aber auch das Selbst-Verletzende solcher Schutzmaßnahmen zeigen eindrücklich Francois d’Hotels Fotografie und die Installation von Yorgos Giotsas „Border Line“. (Durchscheinend im Hintergrund das Ölgemälde „Girl Dreaming“ von Kalliroi Marouda)

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