Formensprache: Bogen und Boot (Zeichnungen 2017)

Die Form des Bogens hat, wenn sie in der Natur als Gezweig, als Hügel, als Höhle auftaucht, etwas Beschützendes, Bergendes – aber zugleich auch Einengendes an sich. Im Bauwerk ist es ganz ähnlich: Gewölbe, Torbogen, Gruft geben Schutz, Sicherheit, aber sie haben auch etwas Lastendes und schließen ab gegen die freien Horizonte. Der Mensch fühlt sich geschützt durch etwas, was außerhalb von ihm besteht – ein wenig wie das Embryo im Mutterleib oder der Mensch im Kirchenraum.

Dreht man den schützenden Bogen um 180 Grad, ergibt sich ein seltsamer Effekt:  der Himmel öffnet sich und der Bogen wird zum Boot. Auch das Boot birgt, aber auf ganz andere Art als der feststehende Bogen: es ist den Unbilden des Meeres ausgesetzt, es bedarf eines Steuermanns, einer Steuerfrau. Es ist ein Sinnbild der Freiheit, des selbstbestimmten ICH, das, vertrauend auf das Tragende, in den Strömungen und Gefahren der Zeit seinen Kurs zu halten versucht.

Dreht man den Bogen nur um 90 Grad, erhält man die urtümliche Waffe, auf der der Pfeil abschussbereit liegt, oder auch den Bogen, der die Saiten der Leier zum Tönen bringt. Die griechischen Götter – allen voran die Zwillinge Artemis und Apoll – sind ohne ihren Bogen und ihre Leier nicht denkbar. Darauf komme ich ein andermal zurück.

Ein paar meiner Zeichnungen vom Vorjahr (manchmal als Ausschnitt) mögen meine Gedanken zu Bogen und Boot noch ein wenig illustrieren. Ich zeige die Zeichnungen zwei Mal, einmal original und einmal um 180 Grad gedreht.

Wenn aber die Reise zu Ende geht, wenn das Boot geborsten auf der felsigen Küste liegt, dann ist der Bogen auch Sinnbild für eine Sehnsucht nach einem Durchgang in die Ferne, in der sich ein freundliches Land auftut wie eine neue Heimat.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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16 Antworten zu Formensprache: Bogen und Boot (Zeichnungen 2017)

  1. Ulli schreibt:

    Sehr spannend, dass aus Brücken Boote werden! Das lasse ich jetzt einmal sacken!

    Gefällt 3 Personen

  2. kopfundgestalt schreibt:

    Schöne Zeilen, auch gerade zum Schluß. Der Bogen des letzten Bildes ist demgemäss riesig 🙂

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  3. juergenkuester schreibt:

    Liebe Gerda, Deine Gedankenspiele zu Bogen und Boot sind ganz nach meinem Geschmack, Dank dafür, Liebe Grüße
    Juergen

    Gefällt 1 Person

  4. Das sind sehr kreative Ideen, die zumindest implizit, wie du ja bereits angedeutet hast, in der Menschheitsgeschichte samt der menschlichen Befindlichkeit eine wichtige Rolle spielt. Dein Versuch, die auch künstlerisch umzusetzen, ist dir m.E. sehr gut gelungen, zumal dadurch Aspekte zum Leuchten oder Klingen gebracht werden, die verbal nur schwer zu erfassen sind.

    Gefällt 1 Person

  5. ann christina schreibt:

    Schöne Zeichnungen und Bilder! Ich muss dabei an die Flüchtlinge auf dem Mittelmeer denken, besonders im letzten Abschnitt. Wie mutig, wie vertrauensvoll sind diese Menschen, und werden oft so bitter enttäuscht. Ich wünsche mir einen Bogen über dieses Meer.

    Gefällt 1 Person

  6. tontoeppe schreibt:

    Faszinierend sind Deine Gedankenspiele, Dein Um-die- Ecke-schauen und -denken, herrlich zum Thema passend die Bilder. Schöne Grüße, Birgit

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  7. Werner Kastens schreibt:

    In diesem Sinne auch der Regenbogen.

    Gefällt 1 Person

  8. www.wortbehagen.de schreibt:

    Du bist eine Wucht, liebe Gerda. Dein Vergleich Bogen und Boot ist grandios
    und wunderbar und stimmig ist Dein letzter Abschnitt. Aus dem Schlimmen, was eben geschah,
    erwächst schon wieder die neue Hoffnung. Der Mensch ist in der Lage, Licht noch im Sturm zu erkennen .So sicherte er wohl sein Überleben

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