Vorgestern traf ich bei meinen Steifzügen durch den Stadtwald auf eine Pflanze, die mich das Staunen lehrte. Eine übermannshohe Staude, aus der eine gewaltige Blüte hervorwuchs. Dunkelviolett war sie, mit schwarzem Spieß, und ihr Inneres ein geheimnisvoller Samt. Nie zuvor hatte ich eine so große Blüte gesehen. Ich rannte querwaldein zu meinem Auto, raste heim, mein handy zu holen, fuhr und rannte zurück, eine Stunde insgesamt und immer in Sorge, die Blüte könnte bereits gebrochen sein, bevor ich sie fotografieren konnte. Denn viele Menschen waren am Sonntag unterwegs. So war es dann auch, die Blüte war weg, und nur ein paar klägliche Reste zeigten mir den vorigen Standort der Pflanze.
Gestern streifte ich erneut durch das Gebiet, und nun fand ich einige Stauden derselben Art mit halbwegs vertrockneten Blättern und Blüten. Die lanzettförmigen Blätter standen in schönem Halbkreis, in der Mitte ein größeres und von dort ausgehend nach links und rechts kleiner werdende, die sich am Ende zu einem Kreis formen wollten.
Vergebens suchte ich nach dem Namen. Heute aber fand ich wieder eine solche Pflanze, sie war mitsamt ihrer gewaltigen Blüte ins Unterholz gesunken. Ich richtete sie auf und fotografierte sie – und zeigte die Fotos einer pflanzenkundigen Freundin: Δρακοντιά. Du weißt natürlich schon längst, worum es sich handelt.
Die „gewöhnliche Drachenwurz“, so weiß auch ich inzwischen, lockt durch ihren Aasgeruch Fliegen und Käfer an, schließt sie ein, damit sie bei der Befruchtung helfen, und lässt sie dann wieder frei. Sie gehört zu selben Familie wie Aaronstab und Kallis. Die knallroten beeren-artigen Fruchtstände habe ich schon oft gesehen, sie sind an etwas feuchten Waldplätzen zu finden und gelten als Signal für die Anwesenheit von Schlangen. Die Blüte aber sah ich zum ersten Mal und war tief beeindruckt von ihrer Größe und morbiden Pracht.
