Tägliches Zeichnen: Zwischen den Generationen (kleine Beobachtungen )

Am Tisch schräg hinter mir sitzt eine Kleinfamilie, vermutlich Großeltern mit dem Enkelkind. Ich zeichne unter dem Tisch: Der Mann ist ein freundlicher Riese, er isst mit gutem Appetit und zündet sich nach beendetem Mahl seine Pfeife an. Die Frau füttert das kleine Mädchen liebevoll mit einem Löffel, den sie ihm gefüllt ins Mündchen schiebt. Das Mädchen wird hinter Flaschen, Gläsern und Wasserkaraffe kaum sichtbar. Sie waren wohl unten am Strand, haben gespielt,  waren schwimmen im Meer, sind ganz informell angezogen. Und lassen es sich schmecken. Großeltern und Enkelkind – das ist ein Dreieck, in dem alle sonstwie noch existierende Probleme unbedeutend werden. Das winzige Kind harmonisiert die Menschen durch sein bloßes Dasein.

Ein Tisch mir gegenüber ist nun auch besetzt. Es handelt sich um eine ältere, um nicht zu sagen alte Frau in Begleitung eines noch jungen schweren Mannes mit dunklem Haar und Bart. Es ist ein sehr ungleiches Paar. Die Frau, deren hageres Gesicht von tiefen Mundfalten gezeichnet ist, redet selbstbewusst, lebhaft und gestenreich auf den Jüngeren ein. Ihre Art zu reden zeigt Professionalität. Aber merkt sie nicht, dass der junge Mann desinteressiert und abwehrend ist? Er schaut verschlossen vor sich hin oder in die Gegend. Als die Bedienung kommt, um die Bestellung aufzunehmen, skizziere ich sie schnell.

Mich interessiert dieses Paar, es berührt mich. Mutter und Sohn, oder Enkelsohn? Großneffe? Es gibt eine Intimität zwischen den beiden, die von dem Jüngeren zunächst abgewehrt wird, sich dann aber doch durchsetzt. Er wird im Laufe der Zeit zugewandter, hört hin, spricht seinerseits, wenn auch mit großer Zurückhaltung. Der Altersabstand wird weniger bestimmend. Etwas kommt ins Fließen. Wie schwer die Kommunikation zwischen den Generationen doch ist! denke ich und wünsche der alten Frau Glück. Ja, ich habe mich ein Stück weit mit ihr identifiziert.

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Dora zum DreizehntenAchten: Schade eigentlich

„Schade eigentlich“, kräht Dora, während sie sich am Geländer über der Küchenterrasse  entlanghangelt. Unter ihr steht der sechseckige Tisch, an dem wir meist zu zweit, aber gelegentlich auch zu viert oder sogar, wie zuletzt geschehen, zu sechst zu Mittag essen.

Jetzt ist es schon fast dunkel, es ist schwül. und die Fliesen sind feucht. In der Nacht hat es geregnet. Merkwürdiges Sommerwetter.

.

„Was ist schade, kleine Dora?“ rufe ich zurück.

„Dass sie nun alle weg sind. Dabei sind die Weintrauben jetzt richtig schön reif.“

Dora hat recht: es ist schade, aber nicht überraschend gekommen. Die „Kleinen“ haben gestern fachmännisch und fachfrauisch (fachfraulich?) ihre Fahrräder, mit denen sie Europa von Nord nach Süd durchquert hatten, in riesige Kartons gepackt. Heute morgen haben sie die Pakete in mein Auto geladen, dann zu zweit auf dem BeifahrerInnensitz Platz genommen, ich auf dem FahrerInnensitz … und so sind wir zum Flughafen gebraust, zum Glück, ohne einer Polizeipatrouille zu begegnen. Die „Großen“ sind schon vor drei Tagen im geliehenen Auto abgereist.

Zu Dora sage ich: „Wo du schon mal da oben bist, sei doch so lieb und bring ein paar Trauben mit runter, ja? Die Wespen liegen schon auf der Lauer, wir müssen ihnen zuvorkommen, wenn wir Trauben ernten wollen.“

 

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Dora zum ZwölftenAchten: He, ich weiß deinen Namen!

He du, Schmetterling! ich weiß deinen Namen!! höre ich Doras Stimmchen im Garten. Neugierig schaue ich hinaus. Und da sehe ich zwei Schmetterlinge auf dem Zitronenbäumchen. Der eine ist offenbar Dora in perfektem Mimikri.

Der folgende Dialog hat sich genau so abgespielt, wie ich es hier berichte.

Schmetterling: Wenn Sie mit mir sprechen wollen, kommen Sie bitte auf meine andere Seite. Ich trage meine Tympanalorgane vorn und nicht am Hintern!

Dora: O, Verzeihung! Da bin ich schon! Ist es so recht? Ich wollte Ihnen nur sagen….

Schmetterling: … dass Sie meinen Namen kennen. Ich weiß, ich bin ja nicht taub.

Dora: Ich dachte…

Schmetterling: Sie denken zu viel!

Dora: Also, wollen Sie nun Ihren Namen hören oder nicht?

Schmetterling: – – –

Dora (triumphal): Sie heißen … Segelfalter!

Schmetterling: Iphiclides Podalirius

Dora: Wie bitte?

Schmetterling: Mein voller Name ist Iphiclides Podalirius. Vorname: Iphiklides, was ihr mit Segelfalter übersetzt,  Familienname: Podalirios. Diesen Namen trage ich mit großem Respekt vor dem heilkundigen Mann gleichen Namens, der schon die Krieger im Trojanischen Krieg medizinisch betreute. Der Dichter Homer weiß davon zu berichten.

Dora: Dann kennen Sie auch den Homer? Der hat einen Spruch an der Brücke von Frankfurt hinterlassen. Da war ich neulich, habe ich selbst gesehen. Er reist zu Leuten, die anders sprechen als er selbst. Welche Sprache sprechen Sie denn?

Iphiclides Podalirius: Klar kenne ich Homer. Dass er viel reiste, möchte ich bezweifeln. Er sprach Griechisch. Diese elegante Sprache benutze ich ebenfalls. Gelegentlich spreche ich auch Latein.

Dora: „?“

Iphiclides Podalirius: Ave! Ich muss jetzt weiter!

Dora: Warten Sie! Bitte! 

Aber da ist nichts zu machen.  Schon ist Iphiclides Podalirius auf und davon.

Als Dora zu mir hereinkommt, sieht sie nachdenklich aus. „Ich heiße nur Dora“, sagt sie mit bekümmerter Stimme. “ Warum habe ich keinen Familiennamen?“

Vielleicht gibt jemand von euch ihr einen Familiennamen?

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Den Hinweis auf den Namen des Schmetterlings hat mir feundlicherweise Ele gegeben . Danke!

 

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Dora zum ElftenAchten: Erfrischungsbad

Der heutige Tag ist merkwürdig schwerflüssig und zugleich unruhig. Dunst und Gewölk wollen sich weder auflösen noch verdichten, sie wabern unschlüssig über Land und See. Mir geht es nicht anders: auch ich weiß nicht recht, was mit dem Tag anzufangen wäre.

Zu meinem Glück habe ich ja Dora, die es nicht zulässt, dass ich einfach dem Trägheitsgesetz folge, auf der Couch liegen bleibe und ein Buch lese.

Die Versuchung ist freilich groß, eben dies zu tun, zumal mir unsere letzte Besucherin ihre ausgelesene Reiselektüre hierließ –  den spannenden Schmöker „Neujahr“ von Juli Zeh. Ich lese mich denn auch fest und höre erst auf, als ich die letzte Seite umgewendet habe. Dann aber rappele ich mich auf und wandere zu meiner Bucht hinunter.

Zu meiner Überraschung ist sie noch von etlichen Grüppchen bevölkert. Darüber bin ich froh. Nicht immer mag ich Menschen am Strand, aber an solchen etwas düsteren Abenden wie heute sind sie mir sehr recht. Überall lagern sie. Wollen sie den Vollmond begrüßen? Ein dunkellockiger junger Mann lehnt an einer Geröllaufschüttung und liest im vergehenden Licht ein Buch, leider kann ich den Titel nicht erkennen. Unternehmungslustige Kinder springen von den Felsen ins Wasser und spaddeln in den Wellen. Dora tut es ihnen juchzend nach, und auch ich lasse mich, leise singend, von den unruhigen Wellen hier- und dorthin schaukeln und weit hinaus treiben.

„Na, siehste!“ kräht Dora, als ich zufrieden nach Hause trotte, „ich habs dir ja gesagt! Zuviel Lesen macht blöd im Kopf. Dagegen hilft nur ein erfrischendes Bad!“

 

 

 

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Friedsel’ge Wolken ….

Heiß war der Tag. Wir schlafen draußen unter dem Moskitonetz. In der Nacht schrecke ich von Motorenlärm auf: Löschflugzeuge? Nein, alles ist still. Der glühende Mond steht bereits über dem Meer. Bald wird er untergehen.

Kurz vor Sonnenaufgang schrecke ich erneut auf. Die Feuerangst sitzt tief. Rötlicher Rauch treibt über das Haus. Nein ….

Friedsel’ge Wolken schwimmen durch die klare Luft,
Als kehrten Engel heim von einer nächt’gen Wacht.*

 

Ich suche den Horizont ab. Über dem von der Sonne ausgedörrten Land steigt es auf wie Rauch. Aber das ist nichts, kein Feuer. Nur der Dunst, der sich über dem heißen Boden bildet, rötlich verfärbt von der aufgehenden Sonne. Möge uns das Feuer auch an diesem Tag verschonen.

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*Die Füße im Feuer, Ballade von C.F.Meyer, darin:

Er träumt….

Aufsprüht und zischt ein Feuermeer, das ihn verschlingt…

Die frühsten Vöglein zwitschern, halb im Traume noch.
Friedsel’ge Wolken schwimmen durch die klare Luft,
Als kehrten Engel heim von einer nächt’gen Wacht.
Die dunkeln Schollen atmen kräft’gen Erdgeruch.
Die Ebne öffnet sich. Im Felde geht ein Pflug. 

 

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Besucher im Gartencafe (tägliches Zeichnen)

Bequem im schönen Gartenlokal in Kalamata sitzend, beobachte und skizzziere ich andere Besucher. Natürlich bewegen sie sich, sitzen mal so mal anders, setzen sich gelegentlich ganz um, und dann muss ich von Neuem beginnen. Da kann es dann schon mal passieren, dass dieselbe Person doppelt und dreifach auf einem Blatt erscheint.

Der ein wenig abwesend-resigniert wirkende Mann mit dem weißen Lockenhaar und dem runden Rücken blüht nur kurz auf, wenn er sich mit der kleinen Enkelin in der Kinderkarre abgeben darf. Seine Frau ist überaktiv, mal am Telefon, dann wieder aufspringend, hin und her stolzierend und das scheue Mädchen zum Ballspiel animierend. Die jungen Frauen im Hintergrund setzen sich ebenfalls um: die mir den Rücken zuwandte, sitzt nun rechterhand, die andere ist von rechts nach en face weitergerückt. Der Mann ist verschwunden. Eine andere Gruppe hat weiter hinten Platz gnommen.

Hier noch einmal das ungleiche ältere Paar.

Neben mich setzt sich ein junges Paar. Sie scheinen Puppenspieler zu sein, jedenfalls haben siee Plaate dabei, die eine Aufführung des Karagiosis (Schattentheater) anzeigt. Auch bearbeitet der Mann ein Plakat mit einer Schere, schneidet den Text aus.

Das schmale edle Profil des jungen Mannes schaut nur kurz zwischen dem gewaltigen dunklen Lockenschopf hervor. Das Gesicht der jungen Frau unter dem Helm des glatten dunklen Haares, das sie löst, als sie allein bleibt, rührt mich an. Ihr zarter Körperbau steht in Kontrast zum ernst gesammelten und willensstarken Ausdruck ihres Gesichts.

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Dora zum ZehntenAchten: Schmetterling

„Die halben Besucher sind schon weg“, stellt Dora bedauernd fest. – „Nicht ‚die halben‘, es muss heißen: ‚die Hälfte‘ der Besucher“, korrigiere ich sie. Aber in der Sache hat sie leider recht. Außerdem war es heute sehr heiß, und ich war zu unmotiviert, um mich auf den Weg zum Meer zu machen. „Morgen wieder“, verspreche ich mir und Dora. „Morgen früh gehe ich als erstes ans Meer, versprochen!“.

„Und heute?“ fragt Dora. „Hab ich dir denn heute nix geschenkt?“ – „Doch, sicher, meine Kleine“ sage ich und versuche, mich zu erinnern. Die zwei sind abgefahren, dann waren wir essen, dann habe ich wie ein Stein geschlafen. In den wachen Momenten habe ich einen Blogbeitrag über „die Documenta und den Krieg“ verfasst. Sonst war nix. Oder doch?

„Und der Schmetterling? War der nix?“ fragt mich Dora ein wenig traurig. Na klar! Der Schmetterling am Zitronenbäumchen! Wie konnte ich den vergessen!

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Documenta und Krieg in Kassel (und tägliches Zeichnen)

Die Skizze mache ich in Kassel, als ich im Garten der Alten Brüderkirche sitze, leicht erschöpft von meinem fruchtlosen Documenta-Rundgang. Um mich herum herrscht heiteres Leben: Eine fein gekleidete, lässige Hochzeitsgesellschaft, Kinder, Kaffeetanten. Ein Kleinstkind besteht darauf, wieder und wieder dieselbe Stufe zu erklimmen, ein anderes rennt auf schwankenden Beinchen rund durch den Garten vor der ihr nacheilenden Mama her,..

Im Inneren der Kirche habe ich zuvor riesige Tapisserien angeschaut: nette Bömbchen fallen aus gestickten Flugzeugen, ein plüschiges Kriegsschiff geht in Flammen auf, Krieger und Flüchtlinge eilen durch fein gewebte Nächte…

Auch eine Familie aus Origon gibt es zu bestaunen – aus tausenden Stichen fein zusammengefügt die lächelnde Hausfrau, das schüchterne Töchterchen, die Katze unter dem Couchtisch, das Stickbild über dem Sofa und das Kriegsspielzeug in der Hand des behäbigen Hausherrn.

Aus dem Altarraum grüßt eine kriegerische Mickymaus.

Ich bin am Morgen ohne Programm losgezogen, in der irrigen Annahme, dass ich unterwegs Info-Material und Hinweisschilder auf die documenta finden würde. Und die Besucherströme würden mich zu den Attaktionen führen. Weit gefehlt. Kassel will seine documenta offenbar nicht mehr kennen.

Ich stieg am Rathaus aus der Straßenbahn, doch weder drinnen noch draußen findet sich irgendein Hinweis auf die documenta. Nur dass Kassel eine „Kulturstadt“ sei, wird mir plakativ angezeigt. Im Rathaus überraschen mich die Boukephaloi (bekränzte Stierköpfe) –  Symbol aus hellenistischer Zeit, das mir schon an Augustus‘ Grabmal in Rom auffiel, das hier aber völlig deplaziert wirkt – dazu Schmuckmotive unbekannter Provenienz (indianisch?), ein Basrelief mit einem wohlgeformten nackten Reiter und vor dem Eingang eine rüstige Frau, die zwei Kleinkinder hinter sich herzieht – vermutlich eine Erinnerung an einen der vielen Kriege, die Kassel zugesetzt haben. Falls du es nicht weißt: Alliierte Fliegerbomben haben die Stadt und einen Großteil seiner Bevölkerung in einer Nacht, am 22. Oktober 1943, ausgelöscht.  Es sind mühsam aus denTrümmern zusammengeklaubte Erinnerungsstücke aus einer anderen Zeit, die das Rathaus schmücken.

Da niemand die documenta zu kennen scheint, wandere ich auf gut Glück los. Und gerate als erstes an das Denkmal, das die Stadt den toten Kriegern der beiden Weltkriege errichtet hat. Schön ist es nicht, dafür aber riesig. Es dominiert die weitläufige, unter der Sommerhitze verdorrende Wiesenfläche vor der Orangerie. Die Stadt entschuldigt sich dafür, die Soldaten des Zweiten Weltkriegs mit Tafeln ihrer Wehrmachtseinheiten zu ehren, man habe, da ja auch die Wehrmacht Kriegsverbrechen begangen habe, jedenfalls darauf verzichtet, diese Tafeln zu reinigen…… O weh!

Kriegerdenkmal, darüber Neubebauung, davor einsamer Papierkorb

Kontinuität ist dennoch gefragt, und so prangen die Daten der beiden Kriege in denselben martialischen Lettern rechts und links am symmetrischen Bau. Man beachte auch die streng symmetrische Anordnung der Jahreszahlen.

Der tote Krieger des 1. Weltkriegs; den die Nazis nicht heldenhaft genug gefunden und daher mit Erde bedeckt hatten, wurde inzwischen wieder ausgegraben.

Ich bin allein. Niemand ist auf der weiten verdorrenden Wiese zu sehen. Nur am Bächlein weit unten sehe ich ein paar Figuren – dazwischen ein einsamer überquellender Papierkorb (s.o.) . Ich mache mich auf den Weg hinunter und treffe auf einen aus Altkleiderballen gefertigten Unterstand. Elegant gekleidete, in bestem Oxford-Englisch parlierende Schwarzafrikaner informieren mich im Inneren, wo ich auf einer der bereitstehenden Holzbänke Platz nehme, per Video darüber, was es mit dem Altkleiderhandel in Afrika auf sich hat. Dass er die lokale Textilindustrie zerstöre, dass es eine Frage der Würde sei, originale Kleidung zu tragen, dass eine mächtige US-Altkleider-Lobby die Versuche der Afrikaner, sich von der Pest des Handels mit gebrauchter Kleidung  zu befreien, konterkariert habe, indem sie bei Trump vorstellig wurde … Nun, mag ja sein, doch ist das nun ein zeitgenössischer Beitrag afrikanischer Künstler? Wurden diese Videos womöglich in London oder Los Angeles gedreht? Und die großen Altkleiderballen und der Plastikschrott – wie kamen die auf die Kasseler Wiese?

Altkleider-Infobox und verpackter Plastikschrott, im Hintergrund die Orangerie

Immerhin weiß ich nun, dass der Altkleiderhandel in Afrika ein Thema zu sein scheint, und damit bin ich informierter als zuvor. So bereichert wandere ich weiter zur Orangerie. Aber die ist geschlossen – im Umbau. Die elegante Dame, die den Eingang hütet, weiß nicht, wo es Ausstellungsräume der documenta gibt. Infomaterial hat sie keins. Zum Glück bin ich nahe an der  Fulda, und so wandere ich an ihrem Ufer dahin, zwischen leeren roten Liegestühlen, die von Kassel schwärmen (Wow!), vielsprachigen Toilettenhinweisen, im Auf- oder Abbau befindlichen Zelten und Imbissbuden …

Ein feiner Spaziergang, denn die Fulda ist schön, und schattende Bäume gibt es auch.

Und so lustwandelnd gelange ich schließlich zur Alten Brüderkirche – wo ich, nachdem ich mich an den kriegerischen Tapisserien sattgesehen habe, neben einer fröhlichen Hochzeitsgesellschaft sitzend eine etwas erschöpfte Skizze von meiner Espressotasse samt Zubehör mache.

Documenta war einmal.

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Dora zum NeuntenAchten: Stadt mit Widmung

„Und hier hast du gelebt?“ Dora ist fasziniert von der Frankfurter Skyline, die sich eindrucksvoll gegen den verdüsterten Himmel abhebt.

„Ja und nein“, antworte ich nachdenklich „Die Stadt, in der ich lebte, sah anders aus, genauso wie der Körper, in dem ich damals lebte, anders aussah. Wahrscheinlich hat sich die Stadt sogar noch viel mehr verändert als mein Körper. Sie trug damals denselben Namen, und einiges ist ja auch noch wie damals. Der Fluss Main floss auch damals schon, und da drüben das bewaldete Inselchen gab es auch, und Ausflugsschiffe legten am Kai an, wie auch jetzt. Der Eiserne Steg, über den du vorhin gehüpft bist, den gabs auch. Der war für mich wichtig, besonders seit ich die griechische Inschrift oben am Brückenkopf entdeckte. Sie kam mir vor wie ein Autogramm, eine persönliche Widmung für meinen Mann und meinen kleinen Sohn.“

Dora sieht mich fragend an. „Welche Widmung?“ – Ich lächle. „Klar, du hast sie nicht bemerkt, wie vermutlich fast alle, die hier täglich rübergehen. Dabei ist sie ja recht groß. Aber man muss den Kopf heben, um sie zu sehen. Das tut fast niemand. Die meisten schauen entweder auf ihr Füße oder auf den Fluss oder aufs Geländer, um ein Schloss dranzuhängen, oder auf die Skyline oder…“ – „Und? wo ist sie nun? ich seh nix“ kräht Dora. –  „Na, da oben!“

Πλέων επί οίνοπα πόντον επ αλλόθροους ανθρώπους lese ich vor. „Das ist von Homer, also bald schon dreitausend Jahre alt,  und bedeutet: Segelnd auf weinfarbenem Meer hin zu Menschen anderer Sprachen.“

„Dreitausend Jahre?“ staunt Dora. „Dreitausend Doras?“ -„Hm, ja“, sage ich. Und auf einmal scheinen mir die dreitausend Jahre gar nicht mal so viele  zu sein. Über den Eisernen Steg gehen täglich weit mehr Menschen, die gewiss genauso unterschiedlich sind wie die Jahre, die seit Homer vergangen sind.

Und ich denke an die Schicksale der Stadt, und wie die gesamte berühmte Altstadt durch Fliegerbomben ausgelöscht wurde und wie sich die Politiker im Magistrat dann stritten  angesichts des Trümmerfeldes und einen schlechten Kompromiss aushandelten; sie schlugen neue Straßenzüge brutal durch das zertrümmerte Altstadtgewebe und garnierten das Ganze mit einem Gemisch aus wieder hergestellten historischen Bauten, gesichtslosen Neubauten, kuscheligen Fachwerkhäusern und Tiefgaragen. Zugleich und ganz passend wucherten die ersten Glas-Beton-Türme in einen Himmel, den sie spiegeln aber nicht kennen. Unten durch die Straßenschluchten wimmeln Menschen jeder Sprache, ahnungslos, auf welchem historischen Boden sie gehen. Es dürfte ihnen auch egal sein. Den Touristen gefällts.  Auch Dora findet die Pseudo-Fachwerkhäuser lieb, und so mache ich ein Foto davon. Und auch von der ollen Paulskirche.

„Komm!“ sage ich zu Dora. „Schauen wir mal an Goethes Geburtshaus vorbei. Goethe ist für die deutsche Literatur so was Ähnliches wie Homer für die griechische.“ – „Ist der auch so alt?“ fragt Dora. „Nicht ganz“, antworte ich, überquere mit ihr eine grässliche Autostraße, biege in eine engere Straße mit gemischter Bebauung ein…

Das Haus wurde zwar korrekt wieder aufgebaut, aber es steht fremd und beziehungslos in einem völlig desinteressierten Umfeld. Wozu steht es da so biedermeierlich breit mit seinen schmiedeeisernen Blumengittern und Geranien? Ach, nichts als postmoderne Geschichtsklitterung mit musealem Touch.

Ein sinnloses Unterfangen wäre es, der kleinen Dora hier etwas von Goethe zu erzählen. Das wäre dann schon eher in seiner geistigen Heimat möglich, an den Hängen des Pelion vielleicht…. Also sage ich: „Komm, trinken wir lieber was, da drüben in dem Cafe gibts freie Plätze!“

 

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Dora zum AchtenAchten: Besucher

Ich überlege, von welcher Episode meiner Deutschland-Reise ich als nächstes berichten soll.  „Was soll das,“ kräht mir Dora ins Ohr. „Die Gegenwart ist doch viel spannender! Erzähl mal von den Besuchern! Schließlich sind sie hier und bald wieder weg.“

Nun denn! Am Tag meiner Rückkehr aus Deutschland trudelten zwei sehr junge liebe Menschen hier ein. Sie kamen per Fahrrad …. vom Nordkap. Ja, tatsächlich! 6000 km waren sie vom äußersten Norden Europas zu uns herunter in den äußersten Süden geradelt.  Statt des ursprünglich anvisierten Gibraltar wählten sie das Kap Tainaros als Zielort. Das ist der Eingang zur Unterwelt, 100 km von hier und der südlichste Punkt von Festland-Europa. Heute kam der eine zurück von diesem letzten Abstecher: sonnenverbrannt und glücklich. Die andere paukte derweil für anstehende Physik- und Chemie-Prüfungen. Erstaunliche Menschen sind das, so jung, so zielgerichtet und diszipliniert, so voller Lebensfreude und Unternehmungsgeist! Jetzt sitzen sie in der Wohnküche und spielen Schach.

Seit gestern haben wir full house, denn es trudelten noch zwei andere sehr sehr liebe Besucher ein. Mit denen war ich gleich schwimmen. Die Bucht hatte sich in die allerschönsten Farben gekleidet, ihnen zur Ehre, mir zur Freude.

„Ach, Dora“, seufze ich, „es geht nicht, ich kann darüber nicht schreiben. Menschen sind zwar das wichtigste überhaupt, aber sie sind mir zu kostbar, um ihre Geschichten und Bilder ins Internet zu stellen! Ich erzähle lieber von der Ausstellung Zeitgenössischer Kunst im Städele.“ – „Nein!“ schreit Dora. „Dann schon lieber von Fritzi!“

Gut, also von Fritzi, die immer zutraulicher wird. Sie hat schon gelernt, mit meinem Zeh zu spielen, ohne ihre Krallen auszufahren.

Ihre Mama aber, die Prinkipessa, guckt argwöhnischer denn je. Ob sie verstanden hat, dass ich sie sterilisieren lassen werde, sobald ich ihrer habhaft werde? Sie faucht mich an, wenn ich sie füttere. Manchmal haut sie auch nach mir. Ihre neue Brut hat sie uns noch nicht vorgestellt.

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