Dora zum DreiundzwanzigstenDritten: Schönheit

Es gelingt mir, Dora von den Lampen weg und hin zu anderen Manifestationen der kykladischen Kulturepoche zu locken. Schließlich ist es nicht falsch,  wenn die Heutigen ein wenig über das lernen, was vor ihrer Zeit geschah.

Beim Anblick einer Skulptur kichert Dora los. „Sag mal, hast du nicht erzählt, dass die schon weben konnten? Warum ist sie dann nackt? Wenn sie jedenfalls hübsch wäre! Aber sag selbst, so einen Bauch sollte man gut verpacken, oder? Sahen die Frauen damals etwa so aus?“

Ich seufze. Wo soll ich nur anfangen, ihr zu erklären, worum es sich handelt?

„Diese Figur zeigt vermutlich eine Göttin“, beginne ich. –

„Eine Göttin? Und so hässlich und dazu auch noch nackt? Kann sie sich keine Schönheitsoperation und ein paar schicke Kleider leisten? Oder jedenfalls zaubern?“ –

„Also, Dora, nun hör mal zu. Dies ist eine Skulptur aus Marmor, die ist ungefähr viereinhalbtausend Jahre alt…“ –

„Ja, ja, ich weiß selbst, dass sie aus Marmor und alt ist.“ –

„Also gut“, fahre ich fort. „Damals sahen die Frauen nicht so aus wie diese hier, es gibt andere Bilder, da sind sie schön und schlank. Schau mal diese Damen hier in der Mitte, die sich miteinander unterhalten, die sind etwa genauso alt….

Aber bei dieser hier handelt es sich um ein …“ Ich zögere. Ein Idol? Ein Ideal? Aber wäre es dann nicht richtig, sie „schön“ zu nennen? „… um eine Muttergottheit oder Fruchtbarkeitsgöttin“, sage ich schließlich. Also um das Ideal einer Frau, die viele Kinder zur Welt bringt.  Solche Frauen brauchen breite Hüften und stämmige Beine.“

Ich kann nicht behaupten, dass mich meine Erklärung befriedigt. Dora aber scheint  zufrieden zu sein. „Man gut, dass ich nicht so wie eine Fruchtbarkeitsgöttin ausseh“, meint sie selbstbewusst. „Meine Mama, die Susanne, auch nicht. Und die hat viele Kinder zur Welt gebracht. Soll ich sie dir mal ein paar von meinen Geschwistern zeigen? Da ist niemand dick.“

Und Mama weiß sich zu kleiden! Ich glaube, ich schenke der Göttin ein paar Sachen von ihr. So kann sie doch nicht rumlaufen. Und das bei dieser Kälte. Also nee, wirklich.“

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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13 Antworten zu Dora zum DreiundzwanzigstenDritten: Schönheit

  1. Gisela Benseler schreibt:

    Dora hat recht. Wie viel hübscher wirkt die „Göttin“ mit so einem dekorativen hübschen Kleid! Wo hast du aber so schnell die vielen Geschwister von Dora hergezaubert, Gerda?

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  2. lachmitmaren schreibt:

    Die dicken Beine scheinen auf eine Last hinzudeuten, Eine Last, die vielleicht durch den Spalt über dem rechten Bein verursacht wurde. Aufgrund dieses Spaltes kann die Energie nicht mehr frei durch den Körper fließen und staut sich in den Beinen.

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  3. wildgans schreibt:

    Mit jedem meiner drei Kinder im Bauch fühlte ich mich wie eine Fruchtbarkeitsgöttin.
    Jetzt ist diese einer Dünnhäutigkeitsmadame gewichen…
    Auf welche Gedanken man hier kommt…
    Schön, irgendwie!

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  4. Peter Klopp schreibt:

    Die geistreiche Unterhaltung mit Dora hat mir sehr gefallen. Und die Illustrationen waren auch nicht schlecht. Die Frage um die Nacktheit ist auch heute noch von Bedeutung. Vielen Dank!

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  5. Mitzi Irsaj schreibt:

    Doras freier Blick ist erfrischend ehrlich. Und auch wenn eine Fruchtbarkeitsgöttin sicher keine Kleidung benötigt und in ihrer Art genau das ausdrückt, was ihr Schöpfer wollte….Dora wäre nicht Dora, wenn nicht auch hier ein Geschenk angebracht wäre. Eine Dora Göttin…auch schön.

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  6. Susanne Haun schreibt:

    Liebe Gerda,
    wie schön, meine sonnengleben Schnipsel zu sehen. 🙂 Und das im Zusammenhang mit der Mutterfigur. Selten bin ich im Moment in Bloghausen, in Gedanken jedoch oft bei euch. 🙂
    Meine Urmutter, die ich vor kurzem aus Ton formte, ist Kopflos, ich habe an ihr gelernt, eine Gipsform zu erstellen. Das ist schwer und beim Lösen der Form brach der Kopf ab. Ich werde davon berichten. Irgendwann.
    Zuzeit schreibe ich fleißig an meiner Diss und Micha und ich renovieren. Das macht viel Arbeit!
    Liebe Grüße von Susanne

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    • gkazakou schreibt:

      Meine „Dora“ ist ja auch aus deinen Schnipseln, liebe Susanne. Drum sagte sie, ihre Mama heiße Susanne :)e
      Für deine Diss wünsche ich dir viel Kraft. Es ist gut, viel Arbeit zu haben und sich für ein Ziel zu verausgaben, anstatt zu grübeln. Aber übertreib es nicht! Herzliche Grüße!

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