Ist Verständigung möglich? Fragen zum griechischen Nationalfeiertag und zur Ukraine

Heute vormittag schrieb ich einen langen Text über Griechenlands Nationalfeiertag, der heute begangen wird. An einem Frühlingstag wie heute, vor 201 Jahren,  fiel der Startschuss zum Unabhängigkeitskampf der Griechen gegen das Osmanische Reich bzw „das türkische Joch“. Eigentlich war es kein Schuss, sondern die Segnung der Waffen durch den Patriarchen von Patras – aber egal.

In diesem Kampf, der bis zur Herstellung der vollen Souveränität in den heutigen Grenzen 150 Jahre dauerte (erst 1974 wurde die von den Großmächten dem jungen Staat 1829 auferlegte Monarchie abgeschafft) gibt es viele Züge, die dem Kampf der Ukrainer heute ähneln. Welche? Nun, auch bei den Ukainern geht es um „Nationenbildung“, „Befreiung von Fremdherrschaft“, „Rolle der Großmächte“, „fragwürdige Koalitionen“, „freie Wahl der politischen Form des Gemeinwesens“. Auch in der Ukraine gibt es nun tragische Städte (Mariupol) wie damals Mesolonghi, das durch den Tod von Lord Byron und ein Gemälde von Delacroix sogar in der westlichen historischen Erinnerung verankert blieb.

Delacroix: Die Freiheit trauert auf den Trümmern von Mesolonghi, Quelle: Wiki

Wikipedia: Nach dem ersten Erfolg von 1821 verhärteten sich die Fronten im Süden Griechenlands  …. (Ein) Grund für das Verharren der Fronten waren Interventionen von Großbritannien, Frankreich und Russland. Alle drei Großmächte hatten finanzielle Interessen im Osmanischen Reich und wollten sichergehen, dass diese durch die Revolution auf der Peloponnes nicht gefährdet wurden…….. ihre Interessen nicht verletzen würde….

Dies und vieles mehr kannst du bei Wiki nachlesen.  Es lohnt sich, dies Nachlesen, finde ich. Denn in dem beruhigten Abstand von 200 Jahren erkennt man deutlicher, was geschah und was vielleicht auch anders hätte laufen können. Und was auch zweihundert Jahre danach schwierig bleibt: Griechenland und die Türkei sind Mitglieder der NATO und stehen dennoch hochbewaffnet einander gegenüber. Zypern ist nach wie vor gespalten. Immer wieder flammt brandgefährlicher Streit auf, sei es wegen der Minderheiten und kurdischen Organisationen, sei es wegen der Seegrenzen, sei es wegen des Erdöls, das sich im Boden der Ägäis befindet.

Warum können Griechenland und die Türkei die Ägäis nicht als gemeinsames Meer genießen? Warum können sie die Bodenschätze nicht gemeinsam ausbeuten, anstatt Milliarden für Bewaffnung auszugeben, um dann das eigentliche Geschäft angelsächsischen Konzernen wie BP und Shell zu überlassen? Warum können Russen und die Ukrainer nicht friedlich zusammenleben, obgleich sie mehr eint als trennt ? Nein! Das geht gar nicht! Das wäre Landesverrat!  Man wird doch nicht gemeinsame Sache mit dem Erzfeind machen!  Waffenindustrie und Erdölgesellschaften reiben sich die Hände.

Ich machte also heute vormittag einen Versuch, die heutige Situation der Ukraine in den Ereignissen von damals, als Griechenland um seine Unabhängigkeit rang, zu spiegeln. Dann aber dachte ich: was nützt es? Wem nützt es? Ist es nicht besser, ich gehe in dem nun wirklich wunderbaren Frühling spazieren, anstatt mir den Kopf zu zerbrechen und womöglich die Zunge zu verbrennen?

Ist die Sache nicht eigentlich ganz einfach? So wie ich es im Dezember 2020 in einem Legebild darstellte?

Verständigung ist möglich (mit Lyrifants Schnipseln)

Oder ist es doch komplizierter, etwa so wie in der abc-etüde mit dem gleichen Titel?

Verständigung ist möglich II (mit Lyrifants Schnipseln): Eine böse abc-etüde

Sich zu verständigen ist wohl komplizierter als sich zu bedrohen und zu töten. Und darum können die Griechen von Mariupol und die anderen Bewohner nicht ihre Feste feiern – so wie wir es heute hier taten -, sondern müssen leiden und bluten und sterben.

Die Griechen von Mariupol (Ukraine)

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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8 Antworten zu Ist Verständigung möglich? Fragen zum griechischen Nationalfeiertag und zur Ukraine

  1. Feiert noch schön! Es ist schon traurig, dass man nicht einmal EU übergreifend die jeweiligen Nationalfeiertage bekannt macht und feiert. So viel auch zur „europäischen Gemeinschaft“, die ebenfalls nur auf Geld und Gewinnstreben basiert. Denk mal an die vielen Firmen die mit sog. „Dual Use-Produkten“ erst eine Bewaffnung von Staaten ermöglichen. Was würden wohl alle die Arbeitskräfte tun? Es ist wirklich so traurig, dass es nur ums Geld und Macht geht. Wünsche Dir ein schönes Wochenende! Bis das miese Wetter, das uns jetzt noch mal für ein paar Tage treffen soll, bei Euch ankommt wirds noch etwas dauern. LG Michael

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  2. Statt auf Deeskalation zu setzen und Friedensgespräche zu führen, wird befeuert und gezündelt wo es nur geht!
    Würde Putin sich von mehr militärischer Stärke abhalten lassen, ich glaube nicht.
    Man hätte von Anfang an, schon 2014, als die damalige Administration der Ukraine gegen die eigene Pro Russische Bevölkerung Krieg geführt hat, politisch handeln müssen. Es wurde viel ausgesessen und man hat keinen Wert mehr auf gute russische Beziehungen mehr gelegt. Da ist daß Kind schon in den Brunnen gefallen.

    Es ist fürchterlich zu sehen und zu hören, wie wenig Bereitschaft da ist um eine atomare Auseinandersetzung zu verhindern!

    Der Nationalstolz und der bis jetzt ungebrochene Kampfwille der Ukraine setzt einen 3. Weltkrieg aufs Spiel.
    Ich frage mich immer wieder, ist dieser Preis zu hoch?
    Warum hat der Schauspieler nicht all seine Bemühungen darauf gesetzt mit Putin eine friedliche Lösung zu finden?

    Wenn der rote Knopf gedrückt wird, egal von welcher Seite, dann hat nicht nur die Ukraine den Krieg verloren.

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    • gkazakou schreibt:

      Ja, es ist schrecklich, es fehlt an Friedenswillen, überall, niemand will einen Schritt auf den anderen zugehen, und so fliegt am Ende alles in die Luft. Dabei glaube ich, dass fast alle Menschen, auch in der Ukraine und in Russland, keinen Krieg wollen. aber alle meinen, sie seien im Recht – und der andere im Unrecht.

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      • Ja Gerda, genau so ist es! Es gibt aber auch viele, die Aufrüstung und Waffenlieferungen zur Unterstützung der Ukraine befürworten und auch unterstützen.
        Gerda Deine Generation hat eine völlig andere Kriegszeit und Nachkriegszeit durchlebt und überlebt. Sicher haben diese Bilder von Zerstörung nochmal eine ganz andere Wirkung auf Euch! Da kommen Erinnerungen hoch, die ich NICHT haben wollte und hoffentlich bleibt es so!!!

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    • gkazakou schreibt:

      wahrhaftig. Und es ist so sinnlos und so hoffnungslos.Ich sehe einfach nicht, worauf die Amerikaner (und Europäer) hoffen. Dass Putin gestürzt wird? Das kann Jahre dauern, und selbst wenn, ist dann der Frieden gesichert? Nein, denn es werden andere regieren, vielleicht schlimmere.

      Eben las ich ein Interview mit einem linken griechischen Politiker, der gar keine gute Meinung über Putin hat – aber das tut nichts zur Sache. Er sagt, die einzige Möglichkeit, um schnell zu einem Frieden zu kommen, ist, dass Biden und Putin einen Waffenstillstand vereinbaren und einen Vertrag machen, wie früher zwischen USA und SU in Bezug auf Finnland und Österreich, dass die Ukraine neutral bleibt und im übrigen das Recht hat, sich so zu entwickeln, wie es selbst es möchte. Auch solle man die Frage der Krim und vielleicht auch des Donbas jetzt mal hintanstellen, Schließlich lebt Zypern nun schon seit bald 50 Jahren mit einer türkischen Besatzung, es gibt dort ein staatliches Gebilde, das nur von der Türkei anerkannt wird, 40% der Insel sind besetzt, eine Großstadt wurde zur Geisterstadt…. – das ist alles gar nicht schön, aber es ist tausendmal besser als Krieg. Wenn es keine gute Lösung gibt, muss man eben mit einer schlechteren vorliebnehmen. Hauptsache das Morden und die Zerstörung des Landes hört auf.

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  3. Ach, Gerda * das ist alles gar nicht schön, aber es ist tausendmal besser als Krieg.*
    Wie sehr sprichst Du mir hier aus dem Herzen!

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