Dora zum DreißigstenDritten: Feuerholz (Impulswerkstatt)

 

Heute hatte ich es etwas schwer mit Dora. Sie war verstimmt. Etwas saß ihr quer. „Was hast du, kleine Dora?“ frage ich besorgt. „Du bist doch nicht etwa krank?“. – „Nee“. – „Ja, was ist denn los?“

Da bricht es aus ihr heraus: „Immer wollt ihr mich anders haben als ich bin!!“ – „Hä?“ – „Ja!! Ihr wollt immer Geschenke, aber wenn ihr sie kriegt, passen sie euch nicht, und ihr beschimpft die arme Dora. Deine Myriade findet mich oberflächlich, grell, narzisstisch, ungebildet, und geschmacklos. Früher hab ich ihr gefallen, da fand sie mich lieb, weil ich alle beschenken wollte. Und du? Du findest mich auch grell. Und Christiane auch!“ – „Äh“, stottere ich, „das ist doch nicht persönlich gemeint. Nimm es dir nicht zu Herzen. Komm, wir gehen raus und sammeln Schwemmholz, dann kommst du auf andere Gedanken.“

Wir fahren also zum Strand und sammeln Schwemmholz. Ich liebe diese Tätigkeit, seit ich ein Kind war. Jedes Stück Holz hat seinen eigenen Reiz. Außerdem brauchen wir Brennholz für den Kamin.

Dora hilft mir sammeln. „Meinst du, sie mag Holz?“ fragt sie mich plötzlich. – „Wer sie?“ – „Na, deine Myriade. Die mag mich doch nur, wenn ich ihr was schenke. Meinst du, sie mag Holz?“ – „Ach so, ja, sicher mag sie Holz“, antworte ich ein wenig zerstreut. „Such mal was Nettes für sie.“ – Dora stöbert eifrig, aber ihr gefällt nichts.

Um ihr zu helfen, zeige ich ihr das eine und andere Stück.

Doch Dora guckt zweifelnd. „Bestimmt mag sie das nicht. Und hinterher sagt sie, dass ich keinen Geschmack habe. Also ich würde mich nicht freuen, wenn man mir son graues krummes Zeug schenkt. Vielleicht kann sie es ja für ihren Kamin brauchen. Schenken wir ihr halt den ganzen Sack! Dann ist sie sicher zufrieden….. Sag mal, was bedeutet ΄narzisstisch‘?“

Dies ist ein Beitrag zu Myriades Impulswerkstatt.

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Was wurde aus den Birken von Birkenau? abc-etüde (Sachtext)

Schreibeinladung für die Textwochen 12.13.22 | Wortspende von Ich lache mich gesund

abc.etüden 2022 12+13 | 365tageasatzaday

An einem trüben Berliner Apriltag des Jahres 2012 pflanzten junge Menschen im Rahmen einer Kunstaktion junge Birken ein. Eigentlich wollte der polnische Künstler Lukasz Surowiec, der 320 Stecklinge „aus einem Boden, der die Spuren unzähliger Toter trägt“, ausgegraben hatte, in Berlin ein Erinnerungs-Birkenwäldchen pflanzen. Doch es fand sich kein Platz. Also pflanzte man hier und dort. Junge Birken aus Auschwitz-Birkenau. Aus der Aue mit den Birkenwäldchen.

Was wurde eigentlich inzwischen aus den Birken aus Birkenau? fragte ich mich und begann zu recherchieren.

Eine Pflanzung wurde gleich verwüstet, die Bäumchen ausgerissen, die Hinweistafel entfernt. Zwei Jahre später pflanzten junge Menschen dort erneut Birken aus Birkenau. An anderen Stellen wuchsen die kleinen Birken friedlich heran. Sie wurden, wie sich der Künstler erträumt hatte,  „zu einem lebendigen Archiv, das etwas Wachsendes und Atmendes in die Stadt trägt“.  Sie verströmen nun ihren blumigen Duft, entgiften die Berliner Atmosphäre und vielleicht auch die Köpfe, die immer noch versuchen, das, was Menschen durch Menschen angetan wurde, zu verdrängen, zu verleugnen, zu vergessen. Vielleicht, weil es zu schwer fällt, es für wahr zu halten.

Doch wo genau kann man nun die Birken finden? Ich würde gern einen solchen Baum umarmen. Die Seite http://www.berlinbiennale.de/blog/allgemein/hier-finden-sie-alle-orte-an-den-die-birken-gepflanzt-wurden-24404 „bedauert“, der Inhalt sei gelöscht oder verschoben worden.  Also fragte ich gestern per Mail an. Falls ich eine Antwort erhalte, ergänze ich den Text. Oder weißt du, wo sie sind?

Zum Künstler ein Interview

 

 

 

 

 

Am kleinen Birkenwäldchen in Oberschöneweide erinnert eine Informationstafel an die Kunstaktion von 2012. Und gleich daneben haben sich Studenten der HTW eine Fläche für urbanes Gärtnern eingerichtet, Bienenkästen inklusive. Auch hier grünt es fast das ganze Jahr über, und Spaziergänger können sich alles in Ruhe anschauen. Denn weder Birkenwald noch Studentengarten sind abgesperrt. Baumpflanzaktion 2012 mit HTW-Präsident Michael Heine.

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Altstadt und Bahnhofsmuseum (tägliches Zeichnen)

Zwei Skizzen konnte ich gestern machen. Die erste zeigt das Häusergewimmel rund um die historische Kirche im Zentrum der Stadt, gesehen vom Kaffeehaustisch aus, wo ich meine „heiße Schokolade“ trank. Auf dem Foto habe ich den Ausblick ein wenig herangezoomt. Genau das tut man beim Zeichnen automatisch mit dem Auge: man zoomt einen Ausschnitt der Wirklichkeit heran und blendet den Rest aus.

Was man ausblendet, ist natürlich verschieden. Ich habe mir angewöhnt, so ziemlich alles, was sich im Bildausschnitt befindet, jedenfalls anzudeuten.

Am Eisenbahnmuseum schaute ich auf das alte Bahnhofsgebäude, das von einem Cafe halb verdeckt ist, davor eine schwarze Lok. Ähnliche Bildausschnitte habe ich schon gelegentlich gezeichnet, zB hier.

Ganz anders erfasst das Foto dieselbe „Realität“. Ist die Zeichnung deshalb falsch? Ja, wenn es um die getreue Wiedergabe der Perspektive geht. ZB müsste die Dachlinie des Bahnhofsgebäudes schräg und nicht parallel zur Lok verlaufen. Die Fenster sind teils zu klein, teils zu groß etc pp.  Aber was tuts? Die Zeichnung hat für mich ihren eigenen Charme.

„Historische Kirche“ und „Bahnhofsmuseum“ sind immer wiederkehrende Themen bei mir. Es sind kleine Oasen, wo ich gerne sitze und dann eben auch gelegentlich das eine und andere skizziere. Je nach innerer Verfassung entstehen recht verschiedene Zeichnungen. Hier ein weiteres Beispiel.

Überblendungen II: Historische Kirche und stillgelegter Bahnhof (tägliches Zeichnen)

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Dora zum NeunundzwanzigstenDritten: Heiße Schokolade

Natürlich war Dora bei unserem heutigen Kalamata-Bummel mit von der Partie. Das Büro mit den Masken interessierte sie nur mäßig, um es höflich auszudrücken. Sie hampelte herum und gähnte und hüpfte ein bisschen auf dem von indigener Kunst inspirierten  Sofa herum. Das einzige Bild, das ich mir sicher nicht an die Wand hängen würde, war genau dasjenige, das in ihren Augen Gnade fand. „Hübsch bunt“, befand sie  – und das ist es ja auch: bunt und hübsch.  Alles andere sei „alter Plunder“…

Wenn ich so etwas höre, muss ich schlucken.Ich schlucke, um nichts zu sagen. Verschlucke meine Antwort. Ich weiß ja, dass mein Geschmack nicht zeitgemäß ist. Dass es auf meinen Geschmack überhaupt nicht ankommt. Wenn heute Afrikaner mit Akryllfarben pseudoafrikanische Motive malen, um sie an Touristen zu verkaufen,und das Ganze dann als „afrikanische Kunst“ angepriesen wird – habe ich da ein Wort mitzureden? Nein.  Also verschlucke ich meine Ansichten und lasse Dora gelten. „Ja, Dora“, sage ich, „es ist hübsch und bunt und irgendwie ja auch ganz gut gemalt. Ein bisschen wie Fahnen die Röcke, und momentan habe ich grad was gegen Fahnen, aber lass man, hast ja recht, es ist hübsch und bunt.“

Danach gehen wir dann noch ein bisschen in der Altstadt spazieren, setzen uns in ein Straßencafe, und ich trinke eine heiße Schokolade. Dabei ist die Zeit für heiße Schokoladen ja eigentlich schon vorbei.

Hej, Dora, wo willt du hin?

 

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Traditionelle afrikanische Masken in Kalamata

Heute schlenderten wir länger als sonst in Kalamatas Altstadt herum, während mein Auto gewartet wurde. Und so kamen wir in eine uns unbekannte Gasse und vor ein Ladenlokal, das mit einer Ausstellung traditioneller Masken warb. Neugierig traten wir ein. Eine freundliche Dame informierte uns: sie seien das Organisationsbüro des Dokumentarfilm-Festivals von Kalamata. Am kommenden Sonntag werde in einer Galerie eine Ausstellung mit traditionellen Masken eröffnet, wir seien herzlich eingeladen.

Natürlich werde ich hingehen, denn ich liebe Masken. … also ich liebe schöne, traditionelle, zeremonielle Masken der sogenannten indigenen Völker. Ich mag auch Totenmasken, Karnevalsmasken, von Kindern angefertigte Tiermasken, als Masken bemalte Gesichter, Theatermasken…. alles, nur nicht das, was uns heutzutage als Mund-Nasenschutz zugemutet wird. Ein paar Einträge zu diesem Thema finden sich im Blog, zB. hier und hier und hier und hier.

In dem Ladenlokal ist eine kleine private Sammlung ausgehängt. Die meisten Masken sind aus Ghana, aber es gibt auch eine eindrucksvolle „Antilopenmaske“ aus dem Kongo.

Ich habe das, was im Raum verteilt und unzureichend beleuchtet hängt, so gut ich konnte einzeln fotografiert und zu einer Gaerie zusammengefasst.

(zum Vergrößern anklicken)

Auch ein großer Druck aus Guatemala zog mich an.

Ich bin mir natürlich bewusst, dass diese Kunstsammlung nicht an die großartigen Sammlungen in den europäischen Hauptstädten heranreicht. Aber was hilft es? Ich freue mich an dem, was ich hier vor Ort finde.  Die Spatzen in meiner Hand sind allemal herzwärmender als die Tauben auf dem Marcusplatz im fernen Venedig.

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Impulswerkstatt No. 3 (Holz), mit Dora

Es fällt mir etwas schwer, mich diesem Bild zu nähern, liebe Myriade. Ich spüre, dass da in dieser Wurzel eine große Kraft wirkte, die ausreichte, um den harten Belag aufzusprengen,

aber dass diese Kraft nichts nützte, als jemand kam und die Wurzeln absägte, oder was sonst dort geschah. Das Lebendige besiegte das Harte,  aber da war eine andere Kraft, die dem Lebendigen den Garaus machte.

Das Ergebnis: eine loose-loose-Situation. Beide haben verloren. Das eine ist kaputt, das andere tot. Wie im Krieg. Das macht mir das Herz schwer.

Vielleicht irre ich mich ja. Vielleicht lese ich das Bild falsch. Ich suche nach einer Lösung, die mir doch noch ein wenig Hoffnung lässt. Worin könnte die bestehen?

Man könnte das Stück Wurzel herausnehmen und den Straßenbelag oder was es ist reparieren, also eine gewisse Ordnung und Normalität wiederherstellen. Wie nach einem Krieg halt, wenn man die Toten begraben und die Trümmer weggeräumt hat, wenn die Fassaden wieder verputzt und neue Fenster eingesetzt sind.

Aber was geschieht mit dem Holz? Soll man es in einen Kamin werfen, um es zu verbrennen? Es könnte ein wenig lebendige Wärme spenden. Oder soll man es schön glätten und als Skulptur in einen Garten stellen? Oder wäre es das beste, es einfach an einen ruhigen Ort zu tragen, wo es Erde gibt und Gras? Allerlei Flechten und Moose könnten sich drauf ansiedeln, Käfer und Ameisen fänden sich ein, und sterbend spendeten diese Wurzel neues Leben.

Schließlich entschloss ich mich, es mit der Skulptur zu versuchen. Ich nahm das Stück, wie es war, besorgte auch ein paar Platten und trug es ins Land hinaus. Dora nahm einen Blumenstrauß mit – für alle Fälle.

Dies ist ein Beitrag zu Myriades Impulswerkstatt.

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Dora zum AchtundzwanzigstenDritten: Einzigartigkeit (Montags ist Fototermin)

Als ich heute im getrübten Mittagslicht spazieren gehe, frage ich mich, ob der Frühling etwa schon müde geworden sei? Ich fühle nicht das Überbordende, das Mitreißende eines jungen Frühlings. Oder bin ich es, die müde und taub ist, unfähig, die feinen Stimmen zu hören,  die mir aus dem Gras entgegenblühen?

Ich verlangsame meinen Schritt und bleibe schließlich bei jedem unscheinbaren Blümelein stehen.

„Was machst du da?“ schreit Dora, die mir vorausgehüpft ist. „Ich bewundere“, rufe ich zurück. „Wen bewunderst du? Lass sehen!“ kräht Dora und landet blitzschnell auf meiner Schulter.  Ich weise auf ein hellviolettes Blütchen mit blauen  Staubgefäßen, das auf einem prallen Fruchtknoten hockt.

„Och“, meint Dora. „das ist doch nix Besonderes. Von denen gibts viele hier herum.“ – „Ja, schon“, sage ich und denke an den kleinen Prinzen, der ziemlich geschockt war, als er ein Feld mit vielen Rosen sah. Seine einzige Rose, seine Geliebte, schien ihm dadurch entwertet. Sie schien ihm geradezu etwas lächerlich, weil sie sich ihrer einzigartigen Schönheit gerühmt hatte.

„Ja schon“, sage ich erneut und räuspere mich. „Solche wie dich gibt es auch viele hier herum, kleine Dora. Du hast mir selbst ein paar deiner Geschwister gezeigt: die Traud.el von 2019 und die Ul.rike von 2012 und den Fel.ix  2004 und der Will,i 2021 und wie sie alle heißen. Bist du deshalb etwa nix Besonderes?“

Dora schaut mich verblüfft an. Wie kann ich es wagen… „Natürlich bin ich was Besonderes“, schreit sie und wirft sich in die Brust. „Niemand ist wie ich!“ – „Sag ich doch, Dora! Du bist einmalig, wie dieses keine Blümelein hier vor uns.“

„Welches von beiden meinst du?“ fragt Dora etwas spöttisch. „Das helle oder das dunkle? Oder vielleicht die Knospe daneben?“ Ich antworte nicht. Entweder sie begreift es, oder sie begreift es eben nicht, was einzigartig bedeutet.

Später sehe ich sie, wie sie auf einer kleinen weißen Margerite thront und Reden hält. „Solche wie dich gibt es zwar viele hier herum!“ verkündet sie, „aber mach dir keine Sorgen deswegen. Ich bin jetzt bei dir und beachte dich. Und solange ich das tue, bist du einzigartig! Genauso wie ich!“

Die kleine Margarete blinzelt ein wenig verwundert ins Licht. Ihre reife Schwesterblume daneben aber wispert: „Ei ei ei, ein Gernegroß! Du wirst nicht mehr sein, wenn wir Margareten in jedem neuen Frühling erblühen. Ewig …. ewig….“

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Wortmans Themenwort No 9: Vergänglichkeit

Das vorletzte Themenwort bei Wortman ist „Vergänglichkeit“.

Vergänglich ist das vereinzelte Wesen: Blatt – Tier – Mensch.  Aber unvergänglich ist das Leben.

Wie heißt es in Mahlers „Lied von der Erde“ – oder richtiger: in Hans Bethkes Gedichtsammlung „Die Chinesische Flöte“, die den Text für Mahlers sinfonische Dichtung lieferte?

Die liebe Erde allüberall

Blüht auf im Lenz und grünt aufs neu!

Allüberall und ewig blauen licht die Fernen!

Ewig …. ewig…..

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Dora zum SiebenunzwanzigstenDritten: Kunstfiguren

Dora sah mir neugierig zu, als ich an dem Bild zu Marens Kommentar bastelte. „Wer ist das?“ verlangte sie zu wissen und zeigte auf die Gravur mit Dr. Faustus und Mephisto.

Dr. Faustus zu erklären, fiel mir nicht weiter schwer. Schließlich sind wir Leute, die sich mit Büchern umgeben und ein Leben lang studieren, um am Ende resigniert festzustellen, dass „wir nichts wissen können“. Aber Mephisto? Erklär du mal einer jungen Zeitgenossin, wer oder was das ist. Ich versuchte es mit „Lügenbold“, „kalter Verstand“, „Verführer“, „Illusionist“, erhielt aber nur verständnislose Blicke zur Antwort. Als ich „Teufel“ sagte, lachte sie und meinte: „Der Putin?“ Nun guckte ich verständnislos. Wo hatte sie das nun wieder her?

Für die beiden menschlichen Schattengestalten interessierte sich Dora überhaupt nicht. Aber das rollernde bunte Wesen gefiel ihr sehr. Lustig, wie es auf der Kugel balancierte und mit ihr um die Wette rannte! Ein akrobatisches Meisterstück! befand sie und wollte es auch gleich ausprobieren. Das sei ein künstliches Menschlein, ein Humunculus – erklärte ich ihr. „Wie ich!“ schrie sie fröhlich. „Ja“, sagte ich, „wie du, aber …“ Dann verstummte ich.

Da saßen wir beide nun, stumm und etwas bedrückt. Aber Dora gewann schnell ihre gute Laune zurück. „Komm, ich helf dir, deinem Bild mehr Schwung zu geben. Erstens muss ICH drauf sein. Zweitens will ich die Kugel ausprobieren, die dein Hummunkulluss reitet. Drittens brauchen wir keine Schattenmenschen, sondern richtig bunte. Viertens hattest du doch so Vögel mit gelbblauen und gelbschwarzen Binden, die gegeneinander schießen. Such die mal raus, ich arrangiere derweil das Bild neu.“

Gesagt – getan. Aber ohne den Narren mit Willie.s Kind Elpis (Hoffnung) wollte ich das Bild nicht freigeben.  Dora zuckte nur die Achseln. „Wenn du meinst, dass das nötig ist…“

Die Original-Kohlezeichnung, die hier zur Bühne wurde, hatte ich übrigens „Aufbruch“ genannt:

 

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Marens Kommentar bildlich interpretiert – und Fausts Ende.

Maren schrieb unter meiner „Meinungsumfrage“ einen Kommentar, der mich beschäftigte und dazu anregte, die Gedanken, die er bei mir auslöste, in einem Bild zu fassen.

Zunächst Marens Kommentar:

Eine „Sicherheitsarchitektur“ kann nicht der richtige Weg sein, um mit Veränderungen umzugehen, sondern spiegelt eher den verzweifelten Versuch, am Alten um jeden Preis festhalten zu wollen. Vielleicht tut es der Menschheit sehr viel besser, Altes, das sich als schädlich erwiesen hat, nunmehr zu verabschieden, um so Neues leichten Herzens willkommen heißen zu können. Denn vielleicht kommt die vielen so selbstverständliche Annahme, dass das Neue nur „schlecht“ für uns sein könne, genau aus dem Alten, an dem die „Sicherheitsarchitekten“ uns so gerne festhalten würden?

Bei meinem Bild handelt es sich um eine Kohlzeichnung, in die ich digital Figuren eingesetzt habe.

Bild-Legende:  Im Souterrain der zusammenbrechenden alten Struktur hocken Dr. Faustus und Mephisto. Sie beraten über eine neue „Sicherheitsarchitektur“ (*Anm.).  Zwei Menschen, nur mehr Schattengestalten, fliehen nach links, in die Vergangenheit. Von rechts, aus der Zukunft, kommt fröhlich-bunt Humunkulus angerollert. Er ist wie die Lemuren aus „Bändern, Sehnen und Gebein“ zusammengeflickt und zudem mit künstlicher Intelligenz begabt: ein hybrides Wesen mit menschenähnlichen Eigenschaften.

———————————————————————————————————-*Anm.: Ich erinnerte mich an das Ende von Dr. Faustus nach J.W.Goethe. Mephisto beaufsichtigt einen Haufen „schlotternder Lemuren, / Aus Bändern, Sehnen und Gebein / Geflickte Halbnaturen….“  Faust WÄHNT, dass es sich um Völkerschaften handelt, die seinen Anweisungen gemäß das Meer eindeichen und neues Land für friedlich-fruchtbares Leben erschaffen.  Wie das Geklirr der Spaten mich ergötzt! Es ist die Menge, die mir fröhnet, Die Erde mit sich selbst versöhnet, Den Wellen ihre Gränze setzt….“

Tatsächlich graben die Lemuren. Aber was graben sie? Sie graben Faustens Grab.

Faust ist nicht nur physisch blind, er ist geistig blind, verblendet. Selbstherrlich befiehlt er, die Erde umzugestalten, auf dass sie ein sicherer Ort sei. Mephisto amüsiert sich. Man spricht, wie man mir Nachricht gab,/ Von keinem Graben, doch vom – Grab.“

Fausts letzter Monolog ist eine Apotheose (Vergöttlichung) des Menschen, ein Dokument der menschlichen Hybris und des Selbstbetrugs, die nach Goethescher Ansicht jedem Neue-Welt-Projekt zugrundeliegen:

Grün das Gefilde, fruchtbar; Mensch und Heerde / Sogleich behaglich auf der neusten Erde, / Gleich angesiedelt an des Hügels Kraft, / Den aufgewälzt kühn-emsige Völkerschaft. / Im Innern hier ein paradiesisch Land, / Da rase draußen Fluth bis auf zum Rand, / Und wie sie nascht gewaltsam einzuschießen, / Gemeindrang eilt die Lücke zu verschließen.
Ja! diesem Sinne bin ich ganz ergeben, / Das ist der Weisheit letzter Schluss: / Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, / Der täglich sie erobern muss. / Und so verbringt, umrungen von Gefahr, / Hier Kindheit, Mann und Greis sein tüchtig Jahr.
Solch ein Gewimmel möcht’ ich sehn, / Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn. / Zum Augenblicke dürft’ ich sagen: / Verweile doch, du bist so schön! / Es kann die Spur von meinen Erdetagen / Nicht in Aeonen untergehn. –
Im Vorgefühl von solchem hohen Glück / Genieß’ ich jetzt den höchsten Augenblick.

(Regieanweisung: Faust sinkt zurück, die Lemuren fassen ihn auf und legen ihn auf den Boden.)

Dr. Faustus ist tot.

Wie wir alle wissen, hat Goethe seinen Helden schließlich doch nicht dem Mephisto überlassen. Die Engel schreiten ein. Das „Irrationale“ bricht sich Bahn.

Chor der Engel.
Heilige Gluthen! / Wen sie umschweben / Fühlt sich im Leben / Selig mit Guten. / Alle vereinigt / Hebt euch und preis’t,/ Luft ist gereinigt, / Athme der Geist!

(Regieanweisung: Sie erheben sich, Faustens Unsterbliches entführend.)

Und auch jetzt ist das Ende des Dramas noch nicht erreicht. Es folgt die Apotheose des weiblichen Prinzips in Gestalt der Maria („Jungfrau, Mutter, Königin“).

Chorus mysticus.
Alles Vergänglich / Ist nur ein Gleichnis; / Das Unzulängliche / Hier wird’s Ereignis; / Das Unbeschreibliche / Hier ist es gethan; / Das Ewig-Weibliche / Zieht uns hinan.

 
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