Dora zum ZwanzigstenAchten: PeachParty (2)

Dora will endlich wissen, was eine Beach-Party ist. „Lass uns auf eine PeachParty gehen,“ bittet sie.  Doch woher nehmen und nicht stehlen? Da der Abend heiß ist und die Strände voll sind, könnten wir zumindest mal in einer der Strandbars einen Drink nehmen, beschließen wir.

Dort rekeln sich Spätbader und Frühausgeher auf den Liegen oder sitzen, wie wir, brav unter nun nutzlos gewordenen Sonnenschirmpilzen auf Sesselchen. Während wir auf die Bedienung warten, wird die Nacht für kurze Momente durch ein Feuerwerk erhellt. Dora, die dergleichen nie gesehen hat, ist entzückt.

Dass wir wieder gehen, bevor die Peachparty wirklich in Gang kommt, findet sie enttäuschend. „Doralein“, sage ich, „das ist nix für uns. Aber wenn du willst, kannst du ja bleiben“.

Das lässt sie sich nicht zweimal sagen. Schon steht sie auf einem der Sonnenschirmpilze, lässt Funken sprühen und feuert die faule Bande in den Liegestühlen an: Ai ai ai aiii!

„Und? Wie wars?“ frage ich sie am Morgen. – „Gut“ ist ihre mundfaule Antwort. Begeistert wirkt sie nicht gerade – „Bisschen fake, wie?“ lege ich nach.  – „Nö, war schon in Ordnung. Jetzt weiß ich jedenfalls, was ne PeachParty ist.“

Mag sein. Mag auch nicht sein. Was weiß ich schon von PeachPartys?

 

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Füße und Meer (tägliches Zeichnen)

Gestern abend in Akrogiali: Heiß ist es, still liegt das Meer, die Sonne ein glühender Ball, der langsam im Dunst ertrinkt.

Die Köpfe der Menschen sind wie Noten auf den kaum angedeuteten Wellenlinien. Zwischen Schwimmen und Faulenzen zeichne ich ein bisschen.

Die Füße des Mannes neben mir (zweimal der rechte) und meine eigenen Füße ragen in perspektivischer Verzerrung Richtung Meeressaum.

Eine Schöne dreht und wendet sich, bevor sie sich entschließt, ins Meer einzutauchen.

 

 

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Dora zum NeunzehntenAchten: Farbe, bitte! (tägliches Zeichnen)

Das „tägliche Zeichnen“ soll nicht ganz zu kurz kommen. Viel zu bieten habe ich da zwar grad nicht, nur den Kaffeebecher in meiner Hand habe ich heute gezeichnet.  Den wollte ich hier posten…

aber Dora rät mir ab: „Die Zeichnung ist total langweilig. Die bauchst du gar nicht zu zeigen, sie gefällt eh niemandem. Wenn du den Becher jedenfalls anmalen würdest. Er ist doch in Wirklichkeit schön gelb. Warte, ich helfe dir, ihn anzumalen!“ Und schwupps hat sie ihre Latüchte, die sie gelegentlich auch als Spraydose verwendet, auf meine Zeichnung gerichtet.

Hm, gar nicht schlecht, Dora! Nur dumm, dass mein Daumen im Weg war. Wie krieg ich jetzt die Farbe von meinem Nagel ab?

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Dora zum AchtzehntenAchten: Peach-Party (und Bürgeramt)

„Du hast noch gar nicht von der Peachparty in unserer Bucht erzählt!“, erklärt Dora, als ich nach einem Thema für den gestrigen Tag Ausschau halte. Ich lache. „Erstens heißt es Beach-Party, Peach bedeutet Pfirsig, Beach Strand, meine Kleine,“ belehre ich sie. Ich liebe es nämlich, Leute zu belehren. Besserwisserei war schon immer meine Leidenschaft.

Heute zum Beispiel war ich im Büro des Bürgeramtes, um mir bestätigen zu lassen, dass ich noch am Leben bin. Das möchte meine deutsche Rentenkasse alle Jahre wieder wissen. Das Bürgeramt liegt am Rande eines Nachbardorfes, schön bequem für mich zu erreichen. Ich trete also durch die Tür und schreite den leeren Gang entlang, vorbei an offenen leeren Büros bis zum Schalterraum. Hinter dem Schalter sitzt einsam eine junge Beamtin. An Hundstagen wie diesen vermeiden die Bürger, wenn sie können, die Amtsstuben, die wegen des Sommerurlaubs eh unterbesetzt sind. Ich bin die einzige Besucherin, setze mich  bequem vor den Schalter und trage mein Anliegen vor.

Während die Beamtin die nötigen Eintragungen macht, beginne ich zu frieren, denn die Klimaanlage läuft auf Hochtouren. Zum Glück steht das große Panoramafenster weit offen und lässt die heiße Luft von draußen rein, sonst würde ich mir glatt den Tod holen. Nur mit Mühe halte ich den Satz auf meiner Zunge zurück, dass es vielleicht sinnvoll und energiesparender wäre, wenn … Nein, einmal keine Besserwisserin sein! denke ich. Sie ist ja intelligent genug, meinen Antrag auszufüllen, dann wird sie auch in der Lage sein, ihr Raumklima zu regulieren, und hat nicht auf eine besserwisserische Deutsche gewartet, um es ihr unter die Nase zu reiben.

Bei Dora brauche ich solche Rücksichten nicht zu nehmen. „Erstens“, sage ich also, „heißt es Beach-Party, und zweitens war es keine Beach-Party“. Dora rollt mit den Augen. „Immer deine Besserwisserei!“ grollt sie. „Wenn es keine PeachParty war, was war es dann?“ – „Es war ein ruhiges gesittetes Zusammensein von Menschen, die die heiße Nacht am Meer verbringen wollten. Vielleicht wollten sie feiern, weil sie das alte Haus renoviert und nun sogar elektrischen Strom haben.  Die Lampions und dezente Musik sorgten für eine festliche Atmosphäre, aber es wurde nicht getanzt.“ – „Das weiß ich selbst, hab es ja gesehen!“ murrt Dora. „Aber wie nennt man solches gesittetes Zusammensitzen am Strand?“ – „Weiß ich nicht“, räume ich ein. „Darauf kommt es ja auch nicht an, wie es heißt.“ – „Dann kann ich es ja wohl auch PeachParty nennen, oder?“ fragt Dora spitz. – „Schon gut, nenn es, wie du willst!“ beruhige ich sie.

„Und?“ beharrt Dora, „erzählst du nun von dem ‚Nenn-es-wie-du-willst‘? Und dass ich zur Beleuchtung beigetragen habe, so wie du zur Musik, als du beim Schwimmen deine Lieder gesungen hast?“ – „O, konnte man die hören?“ frage ich erschrocken. – „Ich schon, die anderen wahrscheinlich nicht“, sagt Dora spöttisch lächelnd. „Die haben bestimmt gemeint, dass ihre Musikanlage defekt ist oder ein Hund jault.“

 

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Dora zum SiebzehntenAchten: Theo wird gezähmt

Theo, ihr wisst es, ist Doras Liebling. Sie war es, die ihn auf den Namen Theo getauft hat. Theos (Θεός) ist griechisch und heißt bekanntlich Gott (Theologie, Theodizee, Theokratie etc pp). Zusammen mit ihrem eigenen Namen ergibt das, je nachdem, Theodora oder Dorothea oder auch Theodor. Die Bedeutung ist immer dieselbe: Gottesgeschenk.

Das goldene Fell von Theo erinnert mich an Apoll, in dessen Tempel zu Delphi ich eines sehr frühen Mogens trat.  Die Sonne ging gerade auf, und die ersten Strahlen ließen das Fell eines prächtigen Katers, der dort auf dem Marmor ruhte, golden aufleuchten. Einen fotografischen Beweis für diese Behauptung habe ich nicht, Theo aber kann ich euch präsentieren.

Ich zeigte ihn ja schon einmal, vor einem Monat, scheu unter den Fransen des Tischtuchs hervorlugend.

Scheu ist er noch immer, aber nun traut er sich schon mal ohne den Geleitschutz seiner Schwester Fritzi die Treppe zur Turmterrasse hinauf. Auf der letzten Stufe bleibt er meist hocken, um uns von dort aus zu beäugen und sich den Rückweg frei zu halten.

Gestern aber beruhigte ihn Dora:

„Du brauchst wirklich keine Angst zu haben“, versichert sie ihm. „Die Leute sind harmlos. Außerdem bin ich ja da!“ So oder so ähnlich redet sie auf ihn ein.

Ihr Bemühen ist von Erfolg gekrönt: Theo ersteigt auch die letzte Treppenstufe, lässt sich nieder und mitsamt seiner stolzen Dompteuse fotografieren. „Siehste“! kräht diese. „Ich hab dir doch gesagt: Die sind ganz harmlos!“

Falls jemand dem Theo eine neue Heimat anbieten will: ich könnte mit ihm und Dora reden und gegebenenfalls alles Weitere veranlassen. Nur kann ich nicht versprechen, dass er tatsächlich ein Kater ist. Vielleicht ist er ja eine Dorothea. Göttlich ist er auf jeden Fall.

 

 

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Dora zum SechzehntenAchten: eine Tischgesellschaft (tägliches Zeichnen)

„Deine Zeichnung stimmt nicht!“ sagt Dora, nachdem sie einen Blick auf mein Gekritzel geworfen hat. – „Ich weiß,“  wehre ich ab, „der Junge sitzt zu weit vorn und der Arm des anderen …“  – „Das meine ich nicht,“ flüstert mir Dora ins Ohr. – „Was denn?“ – „Du hast Miesepeter gezeichnet, dabei sind es nette Leute, die lachen und sich mögen.“

„Jetzt, wo du΄s sagst, Dora, sehe ich es auch,“ gebe ich leise zur Antwort. Tatsächlich sitzt da eine angenehme Tischgesellschaft. Zwei hübsche Frauen gehören noch dazu, die befinden sich dem Jungen gegenüber, der auf seinem Stuhl rumhängt. Ich habe sie weggelassen, weil ich sie kaum sehen konnte.

Die Leute haben schon zuende gegessen. Zwischen den Erwachsenen gehen Reden hin und her. Verstehen kann ich sie nicht, aber ich sehe sie lachen, auf eine Weise, die mir gefällt. Die beiden Jugendlichen, ich schätze sie auf 13 bis 15, hören nun zu, wenden sich auch einander zu, mischen sich aber nicht ins Gespräch, das vor allem von dem lässig auf dem Stuhl hängenden Mann in gestreiftem Polohemd, in Rückenansicht, bestritten wird.  Er scheint nicht zur Familie zu gehören, dürfte ein Freund sein, dessen Geschichten und Ansichten die anderen interessieren.

All das bemerke ich jetzt.  Vorher, als ich zeichnete, sah es für mich ganz anders aus: Mich reizte die Figur in Rückenansicht, dann fiel mir der Junge auf, der gelangweilt auf seinem Stuhl hing, den Arm hinter der Lehne herunterhängend. Der Junge daneben hob seinen Arm, streckte sich und gähnte. Mir schien, sie saßen nur da, weil sie mussten, während die Erwachsenen ihr Ding abzogen.

Nun ist die Skizze, wie sie ist. Ich versuche sie durch digitale Hilfsmittel zu interpretieren. Da sind die beiden Heranwachsenden in ihrer eigenen Welt, zum Rest der Szene haben sie keinen Bezug.

Da ist der ältere Mann im Polohemd, der nicht zur Familie gehört, ein „Niemand“ a la Odysseus vielleicht, der durch seine Erzählungen die Szene lässig beherrscht.

Da ist eine unsichtbare Beziehung zwischen diesem Mann und dem Jungen. Der Junge saugt auf, was er für sich und sein Leben brauchen kann.

Da ist das Gespräch zweier Menschen, das sich ernst bedeutsam heraushebt aus dem Klappern und Klirren, dem Getriebe und dem Stimmengewirr der Taverne.

Und da ist schließlich ein gleichförmig-gleichzeitiges Sichbefinden von Figuren im Raum; deren Text ich nicht kenne.

„Das, was wirklich interessant ist, hast du weggelassen,“ mault Dora. – „Und das wäre?“ frage ich neugierig. – „Na, ich und das Baby.- „Welches Baby?“ – „Hast du uns wirklich nicht gesehen? Die Mama ist hinter den Pfeilern ständig hin und her getanzt und hat ihr Baby gewiegt. Da dachte ich mir: die wird sicher müde sein, ich helf ihr ein bisschen beim Babywiegen.“

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Dora zum FünfzehntenAchten: Reife Feigen im August

„Ein paar Feigen sind jetzt reif“, verkündet Dora. „So? Ja?“ gebe ich zurück. Eigentlich möchte ich nicht gestört werden, denn ich habe mich grad an die Lektüre einer dicken Biographie über den Kaiser Augustus gemacht (Werner Dahlheim, „Augustus – Aufrührer – Herrscher – Heiland“). Da brauche ich meine ganze Aufmerksamkeit, zumal die Schrift für meine alten Augen zu klein und das Tageslicht schon etwas schwach ist.

Warum ausgerechnet Augustus? fragst du vielleicht. Weil jetzt sein Monat ist?

Nun, pega mund erzählte mir (im Kommentarstrang zu Stadt mit Widmung) folgendes:  im jahr vor dem abitur verfasste ich im rahmen eines auswahlverfahrens für ein stipendium einen essay, einen vergleich zwischen dem parthenonfries und der ara pacis augustae.

Sehr interessant fand ich das, zumal ich beide Monumente kenne. Den Friedensaltar des Augustus habe ich erst kürzlich erneut besucht.

Den Parthenonfries kenne ich natürlich länger, habe mich sogar zeichnend an ihm abgemüht.

Mit der mythischen Vorgeschichte Athens, die am Parthenonfries verewigt ist, kenne ich mich ganz gut aus. Was aber weiß ich eigentlich über den durchaus historischen Augustus, außer  „Es begab sich zu der Zeit, dass ein Gebot von Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzet würde….“ (Lukas-Evangelium)?

Octavian bzw Gaius Octavius, wie er eigentlich hieß, bevor er den Namen Augustus (der Erhabene) annahm, war der Goßneffe und Adoptivsohn von Caesar, hat in den Caesars Tod folgenden Bürgerkriegswirren seinen Partner und Rivalen Marc Aurel ausgetrickst, Kleopatra in den Selbstmord getrieben, Caesars und Kleopatras gemeinsamen Sohn ermorden lassen (das weiß ich, weil ich mich für die ägyptische Stadt Alexandria interessiere), hat die Alleinherrschaft errungen, den Janustempel als Zeichen des Friedens gleich dreimal schließen lassen, hat ein halbes Jahrhundert lang ununterbrochen regiert, den achten Kalendermonat nach sich benannt und starb eines natürlichen Todes. Obgleich er einen Haufen Kriege geführt hat, ging er als Friedenskaiser in die Geschichtsbücher ein (pax augusta).

So ungfähr. Ziemlich dürftig, das Ganze. Und da mein Mann das Buch über Augustus grad ausgelesen hat und ich es immer klug finde, nicht ahnungslos zu bleiben, wenn der andere sich bildet, nahm ich mir vorhin den Wälzer vor, begann auch zu lesen …. und da kommt Dora daher und erzählt mir von reifen Feigen.

„Schnell, nimm! Es ist die schönste, die ich gefunden habe!“ kräht sie, eine perfekte Frucht auf ihrer Geschenk-Latüchte balancierend.  Da greife ich natürlich zu.

Und schaue nach, ob sich am Baum noch mehr reife Feigen finden lassen. Augustus hat zweitausend Jahre gewartet, dass ich ihn zur Kenntnis nehme, da machen ein paar Stunden den Kohl auch nicht mehr fett…

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Montag ist Fototermin: Vexierbilder (konvex, konkav)

Beim Malen ist mir oft aufgefallen, wie anders Bilder aufs Auge wirken, wenn man sie umdreht. Einer Legende nach wurde auf diese Weise sogar die abstrakte Malerei geboren: Wassily Kandisky (1866-1944) sei eines Abends bei Dämmerlicht in sein Atelier getreten und ganz bezaubert von einem Gemälde gewesen, das er dort erblickte. Erst langsam ging ihm auf, dass er selbst es gemalt hatte. Es stand auf dem Kopf.

Das Aufdenkopfstellen von Bildern ist unter Malern eine übliche Handlung, denn so kann man am besten erkennen, ob die Komposition ausgewogen ist.  Ein anderer Maler machte es dann zu seinem Erkennungszeichen – oder zu seiner Marotte, oder zu seiner persönlichen Antwort auf eine kopfstehende Welt*  –  und hat so manchen Betrachter seiner Werke dazu gebracht, unwillkürlich den Hals zu verrenken, da er das Bild ja nicht vom Nagel nehmen und „richtig herum“ hängen darf.

Georg Baselitz, Sammlung „Zeitgenössische Kunst“, im Städel, Frankfurt am Main

Beim Fotografieren kommen die Bilder gelegentlich auch „auf dem Kopf stehend oder auf der Seite liegend“ zum Vorschein. Dann dreht man sie um – und fertig.

Gestern fotografierte ich meinen Fußabdruck im nassen Sand, in der Absicht, ein von Joachim Schlichting kürzlich gezeigtes Phänomen einmal selbst zu erzeugen. Daraus wurde freilich nichts, denn eine Welle ebnete meine Fußabdrucke ein, bevor sie trocknen konnten.

Aber etwas andere erregte meine Aufmerksamkeit, als ich die Fotos betrachtete: mal schien es sich um eine konkave in den Sand eingedrückte Form zu handeln, mal um ein flaches konvexes Relief, das sich aus der sandigen Grundfläche abhob. Ich drehte und wendete die Fotos in alle Richtungen – es war  wie ein Vexierspiel. Auch die Tropfen im Sand schienen mal kreisrunde Höhlungen, mal aufliegende Sandknöpfchen zu sein.

              

Ich fotografierte dann auch noch Wasserblasen, die die Wellen hinterließen, und verglich sie mit vom tropfenden Badeanzug hinterlassenen Höhlungen. Die beiden oberen Bilder scheinen mir konvexe, die unteren konkave Gebilde zu zeigen. Einbildung? Ausbildung? Wer weiß das schon.**


*Georg Baselitz (*1938): “ „Ich bin in eine zerstörte Ordnung hineingeboren worden, in eine zerstörte Landschaft, in ein zerstörtes Volk, in eine zerstörte Gesellschaft. Und ich wollte keine neue Ordnung einführen. Ich hatte mehr als genug sogenannte Ordnungen gesehen….“[1][2] (zitiert nach Wikipedia)

**Auch beim Betrachten gesellslchaftlicher Vorgänge gibt es diesen Effekt. Manches wölbt sich vor, man meint, es greifen zu können, und dann weicht es zurück und ist nur eine Höhlung, ein Nichts.

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Dora zum VierzehntenAchten: Lichtwellensurfen

Einige Bücher, die deutsche Besucherinnen zurückließen und die nun hier herumliegen, haben meine Leselust geweckt. Es ist wie mit herumliegender Schokoade: man greift zu. Drei Bücher habe ich schon runtergefressen. Heute war ein Roman von Veronika Peters mit dem fürchterlichen Titel „Das Herz von Paris“ dran.  Zeit und Milieu passen zu meinem letzten Eintrag über Ottilie Röderstein: Paris zu Beginn der Zwanziger Jahre, in dem eine gelangweilte junge Berlinerin aus besserem Hause die Versprechungen der  Frauenemazipation entdeckt, als sie zufällig auf die berühmt-berüchtigte Buchhandlung Shakespeare & Company stößt.

Ich schaffe die ersten 40 Seiten, wenn auch mit wachsendem Widerwillen. „Saublöde Dialoge“, schimpfe ich vor mich hin oder auch „Hör bloß auf, mir jedes Möbelstück im Laden und jeden Rock der Ladies zu beschreiben!“

„Wenn dir das Buch nicht gefällt, warum liest du es dann?“ fragt Dora, die meiner neuen Lesewut nicht hold ist.

„Weil gegessen wird, was auf den Tisch kommt“, bin ich versucht zu antworten. Eine alte Verhaltensregel, nicht auszutilgen. Die Autorin hat sich ja bemüht, sie hat sicher gründlich recherchiert, um alles richtig zu machen, sie möchte mich unterhalten und mich mit einer für die Frauenemanzipation wichtigen Epoche vertraut machen. Das Thema interessiert mich. Ich kann doch nicht einfach aufstehen und sagen: Tut mir leid, aber es schmeckt mir nicht.

Oder kann ich es doch? „Na schön, gehen wir lieber schwimmen!“ sage ich zu Dora und stehe auf, suche meinen Kram zusammen, und auf gehts. Das Meer ist wild und die tiefstehende Sonne so hell, dass ich auch mit zusammengekniffenen Augen kaum aufs überglänzte Meer blicken kann. Im Wasser und auf dem Lande tummeln sich noch etliche Menschen. Wind und Wellen lachen. Herrlich, nix wie rein!

Hier siehst du Dora bei ihrem neuesten Sport: Wellenreiten!

Sie nennt es Lichtwellensurfen und behauptet, es mache viel mehr Spaß als das Surfen im internet. Bravo, Dora! Für ein Kind der Zeit hast du wahrhaft fortgeschrittene Ansichten! Am Ende ist unsere Erde doch noch zu retten!

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Kunst am Sonntag: Ottilie Röderstein (Malerinnen)

Soeben las ich Susanne Hauns heutigen Eintrag, besah mir auch das beigefügte Video. Susanne besuchte eine Sonderausstellung mit den Werken von 99 Künstlerinnen des Bröhan Museums in Berlin https://www.broehan-museum.de/ausstellung/ansehen-kunst-und-design-von-frauen-1880-1940/. Es handelt sich wohl um eine der vielen Bemühungen, weiblichen Künstlerinnen einen Platz in der Kunstgeschichte zu geben. „Wie brav, wie angepasst“, dachte ich, als ich die Bilder betrachtete. Käthe Kowitz sticht aus der Sammlung hervor wie eine seltene Distel in einem Blumenstrauß.

Solche Gedanken kamen mir auch, als ich die großen Plakate sah, die eine Sonderausstellung von Ottilie Röderstein im Frankfurter Städel anzeigten. Aha, sagte ich mir, da hat man wieder mal eine Malerin ausgegraben. Wer kennt schon Ottilie Röderstein? Ich jedenfalls nicht.

Nachdem ich durch die Ausstellung gewandert war, war mir auch klar, warum sie heute so gut wie unbekannt ist: Sie war eine ausgezeichnete Portraitistin für die „gehobenen Kreise“, daher zu Lebzeiten (1859-1934) erfolgreich und ökonomisch unabhängig, aber für die Kunstentwicklung völlig bedeutungslos.

O ja, sie ist begabt, willensstark und fleißig, Sie setzt sich gegen die Widerstände, die vor allem von der eigenen Mutter gegen die gewählte Lebensform vorgetragen werden, durch. Sie kämpft darum, eine gute Ausbildung als Malerin zu bekommen, geht von Zürich nach Berlin und dann nach Paris…. Sie schafft es, durch Auftragsarbeiten, Verkäufe und Unterrichtung anderer Frauen sich von der Bevormundung durch die konservativen wohlhabenden Eltern zu befreien. Was  sie erreicht, macht sie zum Programm auch für ihre Geschlechtsgenossinnen. Zusammen mit Mitkämpferinnen setzt sie es durch, dass 1911 die ersten Mädchen in Frankfurt zur Abitursprüfung zugelassen wurden. Sie lebt offen in einer Beziehung mit einer anderen Frau.

All das kann sie erreichen, weil sie beim Malen  „auf Experimente verzichtet“. Sie malt, wie man es von einer Frau aus besseren Verhältnissen erwartet.  Sie malt ausgezeichnet – im „klassischen Portraitstil“. Nur wenige Werke in dieser Sonderausstellung zeigen einen zaghafen Versuch, neuere Entwicklungen aufzunehmen: impressionistische oder Japonerien etwa,  die sich mit dem „gutbürgerlichen Geschmack“ ihrer Kunden durchaus vertragen.

Wirklich stark ist sie in den späten Zeichnungen. O ja, sie ist eine Kämpferin, man sieht es. Aber es reicht nicht dafür, aus dem konventionellen Milieu auszubrechen und neue Wege in der Kunst zu öffnen.

Zuvor war ich in der ständigen Sammlung „Zeitgenössische Kunst“, ebenfalls  im Städel. Es ist eine wirklich sehenswerte Sammlung – gut aufgebaut, mit repräsentativen Beispielen der Kunstentwicklung  in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wirklich „zeitgenössisch“ ist die Sammlung freilich nur für Menschen meiner Generation, jüngeren wird sie wohl schon „klassisch“ oder gar recht verstaubt vorkommen.

Waren Malerinnen präsent? Ich habe viele viele Werke, die für mich bedeutend waren, fotografiert, mein Sohn, der unabhängig von mir in der Sammlung unterwegs war, ebenfalls. Nur eine Künstlerin kam mir unter (ihm gar keine): Maria Lassnig (1919-2014), vertreten durch ihr „Selbstportrait mit Affen (geliebte Vorväter)“ von 2001.

Ich weiß nicht, ob noch andere weibliche Künstler vertreten waren. Als von männlichen Kollegen verwendetes Bildmotiv sind Frauen jedenfalls immer noch reichlicher vorhanden. Allerdings geht auch da ihre Präsenz zurück, will mir scheinen.

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