Dora zum SechsundzwanzigstenAchten: Spiegelfischerei (Glasscherbenspiel)

„Was ist das?“ fragt mich Dora, als ich mal wieder ein Scherbenbild lege. –  „Ein Glasscherbenbild“, antworte ich. –  „Ja, klar, aber was ist das? Was stellt es dar?“ – „Eine Spiegelfischerin“, gebe ich zur Antwort. „Sieht man doch!“

„Sieht man doch! Sieht man doch!“ äfft mich Dora nach. „Was soll das denn sein, eine Spiegelfischerin? Nie gehört. Ich sehe jemanden mit Schild und Speer, der sich gegen anfliegende Waffen verteidigt.“ – „Na fein“, sage ich. „Dann siehst du ja was. Warum fragst du mich dann, was das ist?“ – „Weil…“ Dora stutzt und denkt nach. „Weil ich wissen wollte, was du mit deinem Bild sagen willst.“-  „Hab ich dir ja gesagt: eine Spiegelfischerin. Und als ich es dir sagte, passte es dir nicht.“ – „—-“

„Na gut“, sage ich, als ich Doras Verwirrung bemerke, „vielleicht sollte ich ein bisschen nachhelfen, damit du siehst, was ich sehe: Die Frau mit der hohen Mütze balanziert auf einem Boot. Eine Glascherbe in ihrer Hand wird zum Spiegel. Damit fängt sie Sonnenlicht ein, um Fische anzulocken. Die kommen auch gleich herbeigeschwommen. Sie möchten zu gern wissen, wie sie aussehen. Wenn sie nahe genug herangekommen sind, kann die Frau sie aufspießen.  Vielleicht genügt es ihr auch, ein wenig mit den Fischen zu spielen, indem sie den Spiegel in alle möglichen Richtungen dreht. Dann beginnen die Fische zu tanzen. Das nennt man dann ….“

„Schon gut“ kräht Dora. „Hab verstanden! Coole Erfindung! Probier ich gleich mal aus!“

Es scheint zu klappen. Aus dem feurigen Abendhimmel schwimmt ein Schwarm Fische herbei, kommt näher und näher, um sich im Spiegel zu betrachten….

Ach, alle wollen wir doch wissen, wie wir im Spiegel der anderen aussehen. Die Fische machen da keine Ausnahme. Und so lockt man uns herbei und lässt uns tanzen oder spießt uns auf, je nach gusto.

 

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Tägliches Zeichnen: Katzen und Cafegarten

Jungkatzen zu fotografieren, ist ja keine besondere Kunst. Aber sie zu zeichnen? Sie wimmeln durcheinander, sind kaum mal eine Sekunde ruhig. Mindestens das Köpfchen dreht sich, meist aber ändert sich die gesamte Haltung in kürzester Zeit. Ich machte ein paar hilfllose Versuche, sie in meinem Skizzenbuch festzuhalten.

In einem Gartencafe nahe beim Hafen machte ich eine Skizze von einer jungen Frau, die, angelehnt an eine Wand auf einer Ummauerung saß. Lauschte sie der aus dem Lokal dringenden Musik oder einer Stimme aus dem Handy? Ich konnte es aus der Entfernung nicht erkennen. Hörst du die Musik?

 

 

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Dora zum Fünfundzwanzigsten: Fritzi und das Lesen

Ich habe mich bei offener Tür ins kühlere Atelier zurückgezogen, um in der Augustus-Biographie weiterzukommen. Bald schon erscheint Fritzi, die immer häufiger meine Nähe sucht, und inspiziert den ihr noch unbekannten Raum. Als sie damit fertig ist, will sie spielen. Ich reiche ihr zu dem Zweck meine Hand, ohne meine Augen vom Buch zu nehmen.

 

Solche geteilte Aufmerksamkkeit passt Fritzi nicht. Also steigt sie mir auf den Schoß und setzt sich auf das aufgeschlagene Buch.

Dora steht dabei und lacht. „Sieh mal an!“ kräht sie. „Fritzi will das Lesen lernen!“

Ich weiß nicht, Ich habe eher den Eindruck, dass mich Fritzi am Lesen hindern will.

Wie soll ich jetzt erfahren, wie es mit Antonius, Kleopatra und ihren drei geinsamen Kindern zuende ging? Und was wurde aus Kleopatras Erstgeborenem, dem Caesarion, Sohn des großen Cäsar? Wurde er, wie sein Vater, ermordet?

„Geh mal runter, Fritzi“, sage ich und schubse sie ein bisschen. Sie springt leichtfüßig auf den Flokati und kommentiert schnippisch (in Zeichensprache): „Du kannst mich mal“…

Dora gesellt sich zu ihr und erklärt ihr mein seltsames Verhalten. „Die will lesen!“ sagt sie. „Verstaubte Geschichten von längst Verstorbenen zu lesen ist ihr wichtiger, als mit kleinen Katzen zu spielen.“

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Wetterwechsel

Plötzlich reißt die hohe Bewölkung auf, die seit Tagen kommt und geht.

Gleißendes Licht ergießt sich über die wenig bewegte Fläche des Meeres.

Ein Bootsmast betont die Senkrechte.

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Dora zum DreiundzwanzigstenAchten: Gespräch unter Tauben

Als ich heute nach dem Wetter schaue, bemerke ich drei Tauben auf der Stromleitung.  Erfreut über den seltenen Besuch hole ich mein Handy, um sie zu fotografieren.

Da erst fällt mir auf, dass sich Dora zu den Tauben gesellt hat. Bequem am Strommast lehnend, scheint sie ihnen einen Vortrag über die Funktion ihrer Latüchte zu halten. „Was machst du da oben!“ rufe ich erschrocken. „Komm sofort runter!“ – „Wieso?“ – „Es ist gefährlich, durch diese Leitungen läuft elektrischer Strom, Dora!“ – „Und wieso können die Tauben drauf rumspazieren, ohne dass ihnen was passiert?“ – „Das kann ich dir nicht auf die Entfernung erklären!“, schreie ich. „Komm erst mal runter, bitte! Und pass auf, dass du nicht in den Drähten hängenbleibst! Das ist unsere Verbindung mit der Zivilisation! Ohne die sind wir aufgeschmissen!“  – „Keine Sorge!“ schreit sie fröhlich zurück. „Ich hab doch meine Wunderlampe, die ist besser als euer oller Strom!“ und sie wippt auf dem Draht und schwenkt ihre Latüchte “ – „Nein“, schreie ich „hör sofort damit auf! Deine Wunderlampe kannst du dir sonstwo…“

Aber sie hat sich bereits wieder ihrem Gespräch mit den Tauben zugewandt und hört nicht mehr, was ich ihr und ihrer Latüchte wünsche, falls sie unsere Stromleitung kaputtmacht. Oder ist es die Telefonleitung? Egal, jedenfalls brauche ich sie.

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Hundstage & Hundewetter (Glasscherbenspiel)

Der himmlische Große Hund (Canis maior) hat seine Herrschaft abgegeben. Während er seine angestauten Wassermassen auf die trockene Erde niederprasseln lässt und Mensch Schutz unter einem Dach sucht, hebt das irdische Hündchen (Canis minor) fröhlich sein Bein am frisch aufsprießenden Grün.

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3 x Fotografie in der Malerei (Montag ist Fototermin:)

Ich möchte nicht in die Debatte über das Verhältnis von Malerei und Fotografie einsteigen, sondern nur an drei Beispielen, die ich kürzlich im Städel zu Frankfurt sah, zeigen, wie unterschiedlich die Fotografie im bildnerischen Schaffen eingesetzt werden kann.

1. Gerhard Richter (*1932): Unscharfe fotorealistische Malerei.

Unscharf und fotorealistisch – ein Widerspruch? Ja, und ein wenig verstörend. Da sieht man eine Bootsfahrt; das Gemälde hat die Ästhetik eines alten Fotos, das ein bisschen verwackelt ist. Man sucht die Menschen und ihren Ausdruck trotzdem zu fixieren, aber es will nicht recht gelingen. Sie gleiten vorbei, Optasien* in verflüssigtem Raum und nie stilstehender Zeit. Unscharf bzw unklar ist auch, wo das Foto endet und die Malerei beginnt. Richter hat immer wieder an dieser Grenze gespielt, irritierend und zum Denken anregend durch die Ungewissheit, was man vor sich hat.


*οπτασία (Optasia) ist griechisch, bedeutet so etwas wie Erscheinung, Augentäuschung, Vision. Ich finde den Ausdruck hier sehr passend, weil das Auge getäuscht und etwas zur  Erscheinung gebracht wird. das man nicht fassen und fixieren kann.

2. D.O.Paeffgen (1933-2013): Fotoprojektion mit Überrzeichnung

Paeffken: Die Araberin

Ein recht gleichgültiges Foto wird durch eine einfach erscheinende lineare Intervention zum ausdrucksstarken Gemälde. Die Technik ist etwas verwickelter, als es scheint: das Foto wurde auf die Leinwand projiziert und dann bearbeitet, wobei Paeffgen Wert darauf legte, das Ganze wie beiläufig mit dem Filzstift aufs Photo gekritzelte Linien erscheinen zu lassen. Die Wirkung ist verblüffend. Die Frau in der Mitte („Araberin“) hat eine enorme Präsenz, während die mitfotografierten Männer zu bedeutungslosen Randfiguren heruntergestuft werden.

3. Anselm Kiefer (*1945): Foto und Blei

Dieses nach der Schlacht von Kunersdorf* betitelte großformatige Werk (1988) besteht zum größten Teil aus einer Bleiplatte. Im unteren Mittelfeld aber wird eine bleigraue Fotografie sichtbar. Zoomt man heran, erkennt man einen Mann, der in Feldherrenmanier auf einem Hügel steht. Es ist der Künstler selbst, der sich 1969 in einer höchst umstrittenen Aktion („Besetzungen“) an verschiedenen Orten Europas mit dem „deutschen Gruß“ ablichten ließ.

Blei als Werkstoff scheint mir angesichts dieser Thematik angemessen zu sein. Aufgewachsen sind wir – Kinder des Krieges – in einer bleiernen Zeit.

——–

*Die Schlacht von Kunersdorf fand am 12. August 1759. also vor 243 Jahren statt. Friedrich II („der Große“) erlitt eine furchtbare Niederlage gegen die vereinten Heere von Österreich-Ungarn und Russland. „Die Verluste seiner Armee beliefen sich auf über 19.000 Mann, darunter 6.179 Tote. 28 Fahnen, eine große Anzahl Geschütze und 110 Munitionswagen waren verloren gegangen. Mithin hatte Friedrich über 40 % seiner Soldaten verloren. Die Russen verloren 566 Offiziere und 13.615 Mann, die Österreicher 116 Offiziere und 2.215 Soldaten“ (Wikipedia). Ja, so sprach und spricht man: Friedrich verlor 40% seiner Soldaten, während es doch besser hieße:  Die Mütter, Frauen, Kinder, Geschwister von 22.009 Sodaten verschiedener Nationen verloren ihre Männerr, Väter, Brüder, Söhne.

Fast wäre es damals schon mit Preußens Gloria zu Ende gewesen. Die deutsche und europäische Geschichte hätte einen völlig anderen Verlauf genommen. Doch wie wir wissen: es kam anders. Besser? Schlimmer? Wer kann das wissen?

 

 

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Dora zum ZweiundzwanzigstenAchten: Wasserrutschenbootsfahrt

Noch sind die Strände – hauptsächlich durch Athener und andere Inlandtouristen — stark bevölkert, doch spürt man schon deutlich, dass sich die Saison dem Ende zuneigt.

Heute fuhren wir in die große Sandovabucht.

Kaum sind wir am Strand angekommen, zieht Dora mich zu der neu dort angesiedelten  Bootsvermietung. Klar, die Wasserrutsche hat es ihr angetan. Sie möchte mit dem Rutschenboot ins offene Meer hinaus.

„Liebe Dora, du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich in son Ding steige?“ frage ich sie entsetzt. – „Nee, du nicht, aber ich!“ kräht sie vergnügt.

Wenn Dora will, kann sie super charmant sein und alle Leute bezirzen. Schon hat sie ein Opfer gefunden, das bereit ist, das Boot zu mieten. Schon hat sie die Rutsche erklommen, schon rast sie, die Latüchte in die Höhe gestreckt, juchzend hinunter, schon landet sie im Wasser, während ihre Geschenkbox als Extra-Boje davonschwimmt. …

 

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Dora zum EinundzwanzigstenAchten: Etüdensommerpausenintermezzo

Etüdensommerpausenintermezzo 2022 – 7 aus 12 | 365tageasatzaday

Damit wir nicht ganz aus der Übung kommen, hat Christiane uns für die lange Sommerpause freundlicherweise eine Extra-Schreibübung vorbereitet.

Wie waren doch gleich die Regeln?

LÄNGE: egal. Länger als eine Etüde. Gerne deutlich länger! 😀
ORT UND ZEIT: egal.
ABER: Es gibt zwei Bedingungen.
  1. Ihr sucht euch aus der folgenden Liste (mindestens) 7 aus den 12 großartigen Wörtern aus und baut die in eure Geschichte ein. Ich steh auf so was, wem es noch nicht aufgefallen sein sollte.
  2. Euer Text muss folgenden Satz beinhalten:
Wie wenig wir einander kennen.

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Deutschland funktioniert. Ein Bericht von meinem letzten Tag in Deutschland.

Am Sonntag mache ich mich, den Rucksack geschultert, in K auf die Socken. Immer mich im Schatten von Bäumen haltend, erreiche ich, ohne zu hetzen und zu schwitzen, den Fernbahnhof. Die Regionalbahn fährt pünktlich ein, ist sauber und fast leer, und für 9 E zu reisen ist ja fast geschenkt. Auch das zweimalige Umsteigen klappt vorzüglich, und so komme ich ausgeruht in W an. Nun gilt es noch meine Herberge zu finden, die ich in der Nähe des Flughafens für eine Übernachtung gebucht habe. Ich werde nämlich am nächsten Tag in aller Herrgottsfrühe losrennen müssen, mein Flug geht schon um 6. Um die frühe Zeit gehen die billigen Flüge in die Türkei und zu den griechischen Provinzflughäfen ab. Gewiss wird es viele Reisende geben, die die Sommerpause nutzen, um in ihre Heimat zu fliegen. Also besser mit Schlangen an der Sicherheitskontrolle rechnen.

Ich finde die Adresse auf Anhieb. Man erreicht das Zimmer zwar etwas abenteuerlich über zwei enge Treppen zum Dachgeschoss, doch das macht mir nichts aus. Mir gefällt es mit seinen großen ins Dach eingelassenen Klappfenstern. Es ist sauber und geräumig. Es gibt sogar gekühltes Bier, Gläser und Knabberzeug. Den Couchtisch mit dem hübschen Tischtuch schmückt ein falschsilberner Kerzenständer. Den Fernseher schalte ich nicht an, denn sicher gibt es Nachrichten aus der Ukraine, wonach mir wirklich nicht der Sinn steht.

Leider wird es mit dem Schlaf dann doch nichts. (Hier könnte ich nun die Geschichte kippen lassen: aus dem glatten Verlauf der Reise wird ein Alptraum. Doch nein!)

Da ich nicht schlafen kann, stelle ich mich auf die Zehenspitzen und blicke aus dem Klappfenster hinüber zum roten Blinken des Towers. Ich befinde mich allein im Nirgendwo über einer mir unbekannten Stadt und fühle mich dennoch sicher und geborgen. Ich fühle Verbundenheit mit den Menschen, die ich gerade verließ und mit denen, die ich morgen wieder umarmen werde. Zwischen diesen Pfeilern stehe auf dem Seil und balanziere mich aus.  „Wie wenig wir einander doch kennen“, denke ich, „aber ich habe Vertrauen. Ich bin getragen. Nichts Böses kann mir geschehen.“

————

Uff! Sieben Wörter, und der Satz ist auch untergebracht. Stolz lese ich Dora meine Geschichte vor. Die verzieht ihr Gesicht. „Puh! Ist die lame!“ – „Aber so war es doch!“ verteidige ich mich. – „Mag sein, dass es so war!“, gibt sie zur Antwort. „Aber wen interessieren schon Geschichten, in denen nix passiert? Konntest du nicht jedenfalls die Treppe runterfallen, den Flug verpassen, überfallen werden, Alpträume haben, bestohlen werden, knapp einem Feuer entronnen sein? Oder meinetwegen, wenn du Katastrophen nicht magst, hättest du dir ja einen Galan anlachen können, der mit dir ins Zimmer hochsteigt, um mit dir einen Snack zunehmen… War jedenfalls Eis im Kühlschrank?“

Und wie um mich zu veräppeln, macht Dora ihre Latüchte zur Gitarre und singt und tanzt und reimt wie ein  Milonga*-Troubador:

O lala und chachacha

ich bringe Eis, wem es gefällt

der kann es haben ohne Geld!

„Halt ein, Dora!“ protestiere ich. „Du kannst doch nicht irgendwelchen Unsinn zusammenreimen! Du musst die vorgegebenen Wörter benutzen!“ – „Ach was!“, kräht Dora. „Jetzt ist Milonga-Sommerpause! Aber wenn du willst, reime ich dir morgen was mit Kullerauge und Flohzirkus zusammen! Versprochen!“


 

*Wikipedia: Laut José Gobello… handelt es sich bei der Lunfardo-Vokabel milonga um einen Afronegrismus aus der südwestafrikanischen Bantu-Sprache Kimbundu. Es ist der Plural von mulonga, mit der Bedeutung „Wörter“, „Gerede“. Ganz in diesem ursprünglichen Sinne bedeutet milongas (pluralisch gebraucht) im heutigen Umgangsspanisch noch „Lug und Trug“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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Kunst am Sonntag: Jean Dubuffet und Art Brut

Myriade zeigte uns vor drei Tagen eine Ausstellung mit künstlerischen Arbeiten von Menschen, die in Gugging, „eine(r) vollbetreute(n) Wohneinrichtung für Kunstschaffende mit Psychiatriehintergrund oder Behinderung“ leben und arbeiten. Der leitende Psychiater von Gugging, Leo Navratil, habe sich 1947, beeindruckt von der expressiven Kraft der Arbeiten seiner Patienten, an Jean Dubuffet gewandt, der sie als wesensverwandt mit seinem eigenen „art brut“ genannten Kunststil anerkannt habe. (Bildbeispiele und weitere Information findest du bei Myriade.)

Wer aber ist Jean Dubuffet? Und was ist „art brut“?

Als ich kürzlich durch die Sammlung „Zeitgenössische Kunst“ des Städel in Frankfurt wanderte, blieb ich vor einem Portrait stehen. Es vertrat als einziges Werk den  französischen Künstler Jean Dubuffet (1901-1985). Er übt zugleich starke Faszination und Irritation auf mich aus, seit ich erstmals Bilder von ihm sah. Wielange das her ist? Keine Ahnung. Es muss im Pariser Centre Pompidou kurz nach seinem Bau 1977 gewesen sein.

Seither habe ich vor etlichen seiner Werke gestanden und spürte immer wieder diesem merkwürdigen Doppeleffekt von Attraktion und Abstoßung nach, ohne ihn ergründen zu können.

Dubuffets Leben begann, wie bei Wikipedia zu lesen ist, im Jahr nach der vorletzten Jahrhundertwende als Sohn eines wohlhabenden Weinhändlers in Le Havre.  Es trieb ihn 1918, also nach Beendigung der Schlächterei des 1. Weltkriegs, zum Studium „der Künste“ (Literatur, Musik) nach Paris. Dort begann auch „im Umkreis der Surrealisten“ zu malen. Dann aber wandte er sich dem väterlichen Betrieb zu. Ein neuer Krieg begann. Ich weiß nicht, ob der es war, der den Weinhändlersohn in einen aktiven Künstler verwandelte. Jedenfalls machte er nun „primitive Materialbilder“, die er 1944 erstmals ausstellte und einen Skandal erzeugte. Drei Jahre später, 1947, hatte er damit in New York erste Erfolge.

Für seine Kunst benutzte Dubuffet bald den Begriff Art brut, also rohe Kunst, die er mit Rückgriff auf die Ausdrucksformen von Kindern, Naiven, psychisch Erkrankten, geistig Retardierten und gesellschaftlichen Außenseitern als „Kunst im Rohzustand“ ansah, bevor sie durch kulturelle und intellektuelle Überformung zum anerkannten Stil und zur marktfähigen Ware wird. Seinen Kunststil – denn um einen solchen handelt es sich natürlich – machte er in vielen Schriften und Vorträgen sehr erfolgreich zu seinem Markenzeichen.

Und so war sein Ruhm gut begründet in den Tiefen der kreativen Urkräfte, die sich im Malen von Kindern und Narren gelegentlich zeigen. Natürlich war Dubuffet selbst alles andere als naiv. Er war sogar höchst „sophisticated“ („verfeinert, kultiviert, intellektuell, gekünstelt“ übersetzt Langenscheid). Also machte er das, was andere naiv tun – zum Beispiel das Übereinanderlegen von Farbschichten auf Mauern, um ein neues Graffiti darauf anzubringen –  zum bewussten Vorgang. Auf seiner Leinwand trug er Schicht um Schicht auf, ritzte dann „naive“ Zeichnungen hinein und verband dadurch „Trivial- und Hochkunst“.

Nachdem sein Ruf als Maler unerschütterlich geworden war, konnte er sich erfolgreich auch größeren, weniger „rohen“ Werken zuwenden. Ich sah einiges davon anlässlich einer Amerikareise (meine Fotos gingen leider verloren), aber es machte nicht denselben tiefen Eindruck auf mich wie seine „primitiven“ Bilder.

Dubuffets „Art brut“ kam mir beim „gemeinsamen Zeichnen“ mit einer jungen Frau in den Sinn, die „ganz unbeleckt von Zeichenunterricht ist“, wie ich hier schrieb.

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Die Ausdrucksformen von kleinen Kindern begeistern mich auch immer wieder, so wie hier Asterias Kunstwerke .

Für mich bleibt die Frage offen, ob man die Kunst von Kindern mit der von naiven oder seelisch, geistig oder sozial an den Rand gedrängten Menschen (im Amerikanischen „Outsider Art“) in einen Topf werfen darf.  Ich neige dazu zu sagen: Nein! Kinder sind anders!

Das dachte ich auch, als ich heute Morgen Schumanns  ergeifende „Kinderszenen“  in der Interpretation des alten Vladimir Horowitz anhörte

https://youtu.be/yibf6QNjgGU (besonders 6:08!)

Nein, lieber Jean Dubuffet, du wirst sie nie erreichen. Das aber schmälert deine Kunst durchaus nicht. Es gehört eben zum Schwersten, die Malkunst von Kindern zu erreichen – wie der alte Picasso bedauernd feststellte.

 

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