Was wurde aus den Birken von Birkenau? abc-etüde (Sachtext)

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abc.etüden 2022 12+13 | 365tageasatzaday

An einem trüben Berliner Apriltag des Jahres 2012 pflanzten junge Menschen im Rahmen einer Kunstaktion junge Birken ein. Eigentlich wollte der polnische Künstler Lukasz Surowiec, der 320 Stecklinge „aus einem Boden, der die Spuren unzähliger Toter trägt“, ausgegraben hatte, in Berlin ein Erinnerungs-Birkenwäldchen pflanzen. Doch es fand sich kein Platz. Also pflanzte man hier und dort. Junge Birken aus Auschwitz-Birkenau. Aus der Aue mit den Birkenwäldchen.

Was wurde eigentlich inzwischen aus den Birken aus Birkenau? fragte ich mich und begann zu recherchieren.

Eine Pflanzung wurde gleich verwüstet, die Bäumchen ausgerissen, die Hinweistafel entfernt. Zwei Jahre später pflanzten junge Menschen dort erneut Birken aus Birkenau. An anderen Stellen wuchsen die kleinen Birken friedlich heran. Sie wurden, wie sich der Künstler erträumt hatte,  „zu einem lebendigen Archiv, das etwas Wachsendes und Atmendes in die Stadt trägt“.  Sie verströmen nun ihren blumigen Duft, entgiften die Berliner Atmosphäre und vielleicht auch die Köpfe, die immer noch versuchen, das, was Menschen durch Menschen angetan wurde, zu verdrängen, zu verleugnen, zu vergessen. Vielleicht, weil es zu schwer fällt, es für wahr zu halten.

Doch wo genau kann man nun die Birken finden? Ich würde gern einen solchen Baum umarmen. Die Seite http://www.berlinbiennale.de/blog/allgemein/hier-finden-sie-alle-orte-an-den-die-birken-gepflanzt-wurden-24404 „bedauert“, der Inhalt sei gelöscht oder verschoben worden.  Also fragte ich gestern per Mail an. Falls ich eine Antwort erhalte, ergänze ich den Text. Oder weißt du, wo sie sind?

Zum Künstler ein Interview

 

 

 

 

 

Am kleinen Birkenwäldchen in Oberschöneweide erinnert eine Informationstafel an die Kunstaktion von 2012. Und gleich daneben haben sich Studenten der HTW eine Fläche für urbanes Gärtnern eingerichtet, Bienenkästen inklusive. Auch hier grünt es fast das ganze Jahr über, und Spaziergänger können sich alles in Ruhe anschauen. Denn weder Birkenwald noch Studentengarten sind abgesperrt. Baumpflanzaktion 2012 mit HTW-Präsident Michael Heine.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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22 Antworten zu Was wurde aus den Birken von Birkenau? abc-etüde (Sachtext)

  1. kopfundgestalt schreibt:

    „Köpfe, die immer noch versuchen, das, was Menschen durch Menschen angetan wurde, zu verdrängen, zu verleugnen, zu vergessen. “
    Die gibt es immer wieder.
    * Man ist in einem nahen Ort enträüstet, daß eine „alte“ Missbrauchsgeschichte durch einen Pfarrer des Ortes wieder ausgegraben wird. Man will die Verheerung nicht sehen, die dieser Mensch angerichtet hatte.
    * Im Allgäu vor Jahren: Ich sties auf eine Gedenkstätte zu einem jüdischen Arbeitslager. Ein sehr hoher Prozentsatz starb in diesem Arbeitslager. Als ich das einem Einheimischen erzählte, hörte ich: „Wieso kann man diese Geschichte nicht ruhen lassen?“. Na klar, ein Aushängeschild ist das nicht!

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Bei dieser Kunstaktion gefiel mir die Idee, die Toten durch lebendige Birken zu den Lebenden sprechen zu lassen. Ich empfand das als wohltuende Transformation — ganz anders als das steinerne Gebilde der offiziellen Gedenkstätte in Berlin. Wichtig ist ja nicht das Erinnern als solches, sondern das, was es bei den Lebenden bewirken kann

      Gefällt 6 Personen

  2. Myriade schreibt:

    Eine wunderbare Kunstinstallation, falls man Bäume als Installation bezeichnen kann. Eine Idee, die nicht viele Worte braucht vom Leben, das dem Tod entgegengestellt wird und obendrein ist Bäume zu pflanzen das allerbeste was Privtpersonen für die Umwelt tun können. Gefällt mir sehr

    Gefällt 6 Personen

  3. Werner Kastens schreibt:

    Bei uns ganz in der Nähe gab es in WW-II eineinitionsfabrik, wo am 8.5.45 noch 32 Zwangsarbeiter kaltblütig ermordet wurden. Jahrzehntelang hat man die Aufarbeitung unterdrückt. „Lasst doch die alten Geschichten endlich ruhen!“ hieß es immer wieder. Dann würde doch eine Gedenkstätte errichtet, allerdings so schwer zugänglich, dass kaum jemals einer dorthin gelangt. Fortsetzung mit anderen Mitteln.

    Gefällt 3 Personen

  4. Christiane schreibt:

    Ich glaube, um auf deine Frage einzugehen, dass die Birken ungestört(er) wachsen werden, wenn sie nicht mit dem Projekt in Verbindung gebracht werden.
    Und weißt du was? Ich schäme mich dafür. Deutschland 2022, und Leute haben Angst vor Bäumen bzw. vor dem, wofür sie stehen. Unglaublich.
    Danke dir 🧡
    Nachmittagskaffeegrüße 😏☁️☕🍪🌼👍

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  5. lachmitmaren schreibt:

    Etwas Lebendiges, das etwas Wachsendes und Atmendes in die Stadt trägt, gefällt mir gut. Gerade die Stadt Berlin trägt aufgrund ihrer Geschichte viel Gift in sich und kann daher nur profitieren von der Liebe von Natur und Mensch, die sich in solchen Pflanzaktionen widerspiegelt.
    Archive hingegen sind zur Entgiftung wenig geeignet. Sie bewahren Trauer und Schmerz. Sie zu betreten, lässt uns den dort bewahrten Schmerz vergangener Zeiten spüren. Und lässt uns daher sehr wütend werden auf die, die nach unserer Wahrnehmung die Schuldigen sind an dem, was damals geschehen ist. Sie bewahren daher Gift, anstatt die Vergiftung zu heilen.

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    • gkazakou schreibt:

      Archive, Gedenkstätten der üblichen Art …. ja, das ist schwierig. es bedarf der Transformation. Darum überzeugt mich dies Projekt. Ich würde mich freuen, wenn viele Menschen einfach ab und an hingingen zu einer dieser Birken, die in der Asche der Ermordeten keimten, wurzelten und zu wachsen begannen, und sie umarmten. Einfach so, im Erinnern. Und den Schmerz zulassen, die iebe zulassen, ohne nach Schuld zu fragen. Die Schuld möge bei den Schuldigen beiben.

      Gefällt 4 Personen

      • lachmitmaren schreibt:

        Ja, es bedarf der Transformation!

        Gefällt 2 Personen

      • Werner Kastens schreibt:

        Ich komme damit nicht ganz klar, liebe Gerda. Ich stimme voll zu, dass ein Denkmal nicht immer aus Stein sein muss, aber Bäume, die bewusst für eine Erinnerung an eine Freveltat gepflanzt worden sind, das sind nun einmal Denkmale, die man m.E. nicht einfach umarmen kann und mit den gestorbenen Seelen mitfühlen kann, wenn man NICHT die Frage der Schuld stellt. Denn das hiesse wieder einmal wegschauen, wie zu den Tagen der Untaten.Wandlung braucht das Ziel „davon will ich weg“ oder „das dürfen wir nicht noch einmal machen“, verlangt doch eine eigene Konsequenz und den Willen, das auch weiterzugeben.

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    • gkazakou schreibt:

      Lieber Werner, das „WIR“ (das dürfen wir nicht noch einmal machen) akzeptiere ich nicht. Ich wähle mein WIR selbst.. Ich habe niemanden umgebracht und ich wurde auch von niemandem zum Richter bestellt. Was bleibt, ist der Schmerz darüber, was Menschen Menschen antun. Und den kann ich am besten ertragen, wenn ich mit den Opfern bin. Es würde mir sehr gut tun, einen solchen Baum zu umarmen und dem Flüstern seiner Blätter zuzuhören und seinen Duft zu atmen. Ich glaube, dir täte das auch gut. Und allen, die sich mit den Fragen von Schuld und Richtertum quälen.

      Gefällt 1 Person

  6. Einer meiner Nachbarorte hier an der Bergstraße heißt Birkenau. Ich weiß leider nicht, ob es an das andere Birkenau erinnern soll. Ich denke nicht.
    Ich verstehe es bis heute nicht, daß es geschehen konnte. So viel Leid, so viel grausames Geschehen, so viele völlig unschuldige Tote und da soll mir einer kommen und es leugnen.
    Ich glaube, ich würde sehr wütend werden, Gerda.

    Gefällt 1 Person

  7. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 14.15.22 | Wortspende von Katha kritzelt | Irgendwas ist immer

  8. Petra Schuseil schreibt:

    Liebe Gerda, hallo, jassu, deinen Text möcht ich gern im Totenhemd-Blog rebloggen … und Lust auf einen Spaziergang in Berlin machen. Ein schönes Erinnern ist das.
    Ganz liebe Grüße. Petra

    Gefällt 1 Person

  9. Petra Schuseil schreibt:

    Hat dies auf Totenhemd-Blog rebloggt und kommentierte:
    Gestern entdeckte ich Gerdas Text, den ich hier rebloggen darf. Lies mal.

    Vielleicht hast Du Lust in Berlin auf die Suche zu gehen und das Birkenwäldchen oder zumindest einige von den Birken zu finden in der Hauptstadt. Lass es uns wissen, wenn du sie findest.

    Im Interview mit dem Künstler las ich, dass es wohl auch Birken in Hongkong zu entdecken gibt. Da freut mich.

    Wir sollten sowieso ganz viele Bäume pflanzen!

    Habt einen schönen Tag.

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