Dora zum AchtundzwanzigstenDritten: Einzigartigkeit (Montags ist Fototermin)

Als ich heute im getrübten Mittagslicht spazieren gehe, frage ich mich, ob der Frühling etwa schon müde geworden sei? Ich fühle nicht das Überbordende, das Mitreißende eines jungen Frühlings. Oder bin ich es, die müde und taub ist, unfähig, die feinen Stimmen zu hören,  die mir aus dem Gras entgegenblühen?

Ich verlangsame meinen Schritt und bleibe schließlich bei jedem unscheinbaren Blümelein stehen.

„Was machst du da?“ schreit Dora, die mir vorausgehüpft ist. „Ich bewundere“, rufe ich zurück. „Wen bewunderst du? Lass sehen!“ kräht Dora und landet blitzschnell auf meiner Schulter.  Ich weise auf ein hellviolettes Blütchen mit blauen  Staubgefäßen, das auf einem prallen Fruchtknoten hockt.

„Och“, meint Dora. „das ist doch nix Besonderes. Von denen gibts viele hier herum.“ – „Ja, schon“, sage ich und denke an den kleinen Prinzen, der ziemlich geschockt war, als er ein Feld mit vielen Rosen sah. Seine einzige Rose, seine Geliebte, schien ihm dadurch entwertet. Sie schien ihm geradezu etwas lächerlich, weil sie sich ihrer einzigartigen Schönheit gerühmt hatte.

„Ja schon“, sage ich erneut und räuspere mich. „Solche wie dich gibt es auch viele hier herum, kleine Dora. Du hast mir selbst ein paar deiner Geschwister gezeigt: die Traud.el von 2019 und die Ul.rike von 2012 und den Fel.ix  2004 und der Will,i 2021 und wie sie alle heißen. Bist du deshalb etwa nix Besonderes?“

Dora schaut mich verblüfft an. Wie kann ich es wagen… „Natürlich bin ich was Besonderes“, schreit sie und wirft sich in die Brust. „Niemand ist wie ich!“ – „Sag ich doch, Dora! Du bist einmalig, wie dieses keine Blümelein hier vor uns.“

„Welches von beiden meinst du?“ fragt Dora etwas spöttisch. „Das helle oder das dunkle? Oder vielleicht die Knospe daneben?“ Ich antworte nicht. Entweder sie begreift es, oder sie begreift es eben nicht, was einzigartig bedeutet.

Später sehe ich sie, wie sie auf einer kleinen weißen Margerite thront und Reden hält. „Solche wie dich gibt es zwar viele hier herum!“ verkündet sie, „aber mach dir keine Sorgen deswegen. Ich bin jetzt bei dir und beachte dich. Und solange ich das tue, bist du einzigartig! Genauso wie ich!“

Die kleine Margarete blinzelt ein wenig verwundert ins Licht. Ihre reife Schwesterblume daneben aber wispert: „Ei ei ei, ein Gernegroß! Du wirst nicht mehr sein, wenn wir Margareten in jedem neuen Frühling erblühen. Ewig …. ewig….“

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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7 Antworten zu Dora zum AchtundzwanzigstenDritten: Einzigartigkeit (Montags ist Fototermin)

  1. evaannacarola schreibt:

    Danke, dass du das Blümchen fotografieren für mich übernimmst. Mir ist dieses Jahr einfach nicht danach. Aber vielleicht wird es ja auch nur schwieriger, sich zu bücken 🙂

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  2. Mitzi Irsaj schreibt:

    Deine Bilder zeigen wie wunderschön jede einzelne dieser Blüten ist. Dora natürlich auch – aber das weiß, das kleine Persönchen eh 😉

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  3. Gisela Benseler schreibt:

    Ewig in der Ewigkeit.

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  4. pflanzwas schreibt:

    Schön, jede einzelne davon 🙂 Klein aber umso feiner!

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  5. Die Blumen blühen trotzdem…

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  6. Wunderhübsch sind die, kleine Schönheiten, liebe Gerda, und daß jeder von uns einzigartig ist und wertvoll, das wird viel zu oft vergessen.

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