Schattenmaß. 10.11.22, 11 Uhr vormittags

Elf Uhr am Vormittag. Die  Tage sind noch sehr hell und heiß: Badewetter. Auf der blendend weißen Treppe eines Kirchleins liegt ein ausgetrocknetes Schneckenhaus.

Wie groß und schwer der Schatten ist, jetzt, fast zur Mittagszeit! So flach ist schon der Bogen, den die Sonne über der Erde beschreibt.

Auch an meinem eigenen Schatten kann ich den Fortgang des Jahres ermessen.

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Dora zum NeuntenElften: Ent-Sorgen

Heute, als ich zum Morgenbummel aufbreche, kommt Dora mit einer Plastiktüte hinterhergerannt. Verwundert bleibe ich stehen. Was hat sie vor?  Sie hüpft ins Gestrüpp am Wegrand und zerrt eine leere Plastikflasche hervor, stopft sie in die Tüte. Dann schnappt sie sich eine plattgefahrene Blechdose und versenkt auch die in der Tüte.

„Hej, Dora“, rufe ich, „wozu sammelst du auf, was andere weggeschmissen haben? Soll doch jeder seinen eigenen Mist … Außerdem wird es morgen sowieso wieder  … „

„Anderen macht es Spaß, Sachen in die Gegend zu schmeißen,“ kräht Dora fröhlich zurück und klaubt einen Flaschendeckel aus dem Gras. „Mir macht es Spaß, weggeworfene Sachen zu entsorgen!“

Ent-sorgen. Schönes Wort, und es passt zu Dora, denke ich. Aber macht es ihr wirklich Spaß, anderen den Dreck wegzuräumen? Wo steckt sie denn jetzt? Ich lege die Hand über die Augen, denn die Sonne blendet mich, und halte nach ihr Ausschau. Ah, da kommt sie ja die Straße heraufgehüpft! Die gefüllte Tüte balanciert sie auf ihrer Latüchte, und sie lacht. „Entsorgen macht Spaß!“  kräht sie mir entgehen.

Ich aber bin aus einem anderen Grund baff. „Du bist ja gewachsen!“ rufe ich verblüfft. „Na klar!“ gibt sie zur Antwort. „Du weißt doch, der Mensch wächst mit seinen Aufgaben!“

Sollte es möglich sein, dass Dora, allen Naturgesetzen ein Schnippchen schlagend, nun, gegen Ende ihrer Lebenszeit, noch einmal einen Schuss in die Höhe macht? Und, vielleicht, auch die Nötigung durch Jahreszahlen abschafft? Ein faszinierender Gedanke.

Wozu Jahreszahlen? frage ich mich. Ausgerechnet heute. wo so viel Geschichtsträchtiges im Datum „9.11.“ steckt, frage ich mich das. Ja, ein paar Ereignisse des heutigen „deutschen Schicksaltags“ kann ich runterbeten: Hinrichtung von Robert Blum (Ende der Märzrevolution 1848), Ausrufung der Weimarer Republik (Ende des deutschen Kaiserreichs 1918),   Hitlerputschversuch (1923 und kein Ende abzusehen),  sog. „Reichskristallnacht“ (Beginn der systematischen Ausrottung des europäischen Judentums 1938), Öffnung der Berliner Mauer (1989, Ende der DDR) – andere müsste ich nachlesen. Wozu aber? Wen kümmerts heut? Weggeschmissenes Zeug. Könnte die Daten gleich mal mit-ent-sorgen.

Heute ist heute -und da stehen andere Dinge an. Zum Beispiel die Ergebnisse der US-Zwischenwahlen zu Senat und Kongress. Wie gingen die eigentlich aus?

Nun aber mal ehrlich: Wozu muss ich das wissen? Wer bin ich denn schon, um zu beurteilen, was sie on the long run bedeuten? Ändern kann ich ja sowieso nix.

Und während ich das denke, fühle ich, wie ich schrumpfe…..

 

 

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Dora zum AchtenElften: Licht spenden

Erst denke ich, es sei ein überdimensioniertes Glühwürmchen, das da im Licht-Schatten-Gewirr des Aprikosenbaums an der Hauswand entlanghuscht. Aber es ist Dora. Ist sie etwa in den letzten Wochen, wo ich sie nur selten sah, geschrumpft? Sie kommt mir so winzig vor! So als ob sie langsam ganz verschwinden wollte, jetzt, wo sich ihr Jahr dem Ende zuneigt.

Rätselhaft auch, was sie dort treibt. Gießt sie die Blumen?

„Ich spende ihnen ein bisschen Extralicht“, höre sich sie piepsen. „Ist ja nicht mehr lange hell, da helfe ich mit meiner Latüchte aus!“                             (zum Größersehen anklicken)

Ach, Dora! Immer willst du schenken und spenden! Brauchen die Blumen das denn? Oder ist es für sie nicht gerade richtig so, wie es jetzt ist: ein wenig dunkler?

Aber ich versteh dich schon, du Liebe. Auch wir Menschen hätten gern bisweilen ein bisschen Extralicht, selbst wenn es vielleicht ganz gut so ist wie es ist. Die wachsende Dunkelheit führt uns zu uns selbst und zu unserem inneren Licht, heißt es. Hoffentlich stimmt das auch, und es ist nicht ein dunkles Loch, in das wir stürzen, sobald das äußere Licht erlischt. 

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Auseinanderfalten des Raums (Montag ist Fototermin.)

Ich habe ja kürzlich (hier)  unseren Wohnraums und Garten mit der „Panorama“- Funktion des Handy fotografiert und einige Fotos gepostet, zB dieses:

Inzwischen sind es weit mehr geworden. Die Räume verändern sich auf geradezu magische Weise. Die Ecken runden sich, der Raum scheint sich zu krümmen, zu zerbrechen  und neu zu ordnen. Hier nochmal derselbe Raum:

Heute lasse ich meinen Blick durchs Atelier wandern, das geräumig, aber nicht riesig ist. Synchron mit dem Blick lasse ich die Kamera des iphone in Panorama-Einstellung mitlaufen. Was sich meinem Auge nacheinander mitteilt, ist nun auf einer  zweidimensionalen Fläche festgebannt. Die lebendige Bewegung, die sich ja in Zeit und Raum vollzieht, ist um die Zeitdimension beraubt. Der Raum erscheint wie aufgeblättert.

Dies „Aufblättern“ kann auf die unterschiedlichste Weise erfolgen. Im ersten Beispiel lasse ich den Blick ruhig – bei der linken Wand beginnend – über den Boden mit den Teppichen schweifen, um ihn bei der Fensterfront in meinem Rücken enden zu lassen …

Das andere Mal führe ich meinen Blick in die Höhe zur Decke, lasse ihn abstürzen und fange dann wieder die Fensterfront ein. Es ist derselbe Raum, derselbe Standpunkt, und doch ….

Wie sieht der Raum denn nun „wirklich“ aus, ohne den ihn erschließenden Blick, ohne die Bewegung? Gibt es Raum womöglich nur, indem ich ihn stets neu durch Bewegung erzeuge?

Die Front mit der verglasten Eingangstür und den Fenstern links und rechts liegen „in Wirklichkeit“ auf einer Ebene, die Wand ist gerade. Auf einem Standfoto sieht das so aus:

IMG_0071

Fotografiert mit der Panorama-Funktion wölbt sich mir die zentrale Tür entgegen, die Fenster „drehen ab“ und die Seitenwände mitsamt Zimmerdecke werden sichtbar.

In der Kunst werden solche „Verbiegungen“ und „Brüche“ des Raums spätestens seit dem Kubismus eingeführt – nicht zufällig übrigens zeitgleich mit der Entwicklung der Einstein΄schen Relativitätstheorie. Das war damals, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, eine Revolution. Die Wirklichkeit wurde zu etwas, was sich jeder erst konstruieren muss. Heute verlangt niemand mehr vom Künstler, den Raum perspektivisch korrekt auf die Malfläche zu projizieren. Und so darf auch ich den oben fotografierten Eingang auf meine ganz eigene Art rekonstruieren.

Dass Ähnliches auch fototechnisch möglich ist, habe ich erst dieser Tage entdeckt.

 

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Gelehrte Eule – blind gezeichnet

Heute hatte ich mal wieder Lust, „blind“ zu zeichnen. Das bedeutet: beim Zeichnen nur das „Objekt“ anzusehen, ohne mit dem Auge Hand und Linie zu kontrollieren.  Als Modell erkor ich eine „gelehrte Eule“.  Erst zeichnete ich mit schwarzem Kuli (No 1), darüber mit grünem und rotem Kuli (No 2) und schließlich mit schwarzem Filzstift. 

(Zum größer Sehen anklicken)

Dann füllte ich „sehenden Auges“ den Hintergrund mit gelbem Marker aus und umrandete das Gebilde mit roter Ölkreide.

Vielleicht möchtst du auch mein Modell sehen? Voila!

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Herbst poetisch (Royusch Fotoprojekt Herbst VII)

Danke, Roland, für die schöne Anregung, diesmal ein Gedicht beizutragen. https://royusch-unterwegs.com/2022/11/06/fotoprojekt-2022-der-herbst-vii/

Ich habe zu diesem Zweck eine Collage aus Foto-Gedicht-Zeichnung gemacht.

 

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Impulswerkstatt No 4: Beste Freundinnen (Kulissenschieben)

Mein zweiter Beitrag zu https://laparoleaetedonneealhomme.wordpress.com/2022/11/03/einladung-zur-impulswerkstatt-november-dezember-2022/

Bevor ich die beiden jungen Frauen deines Foto, liebe Myriade (das mir übrigens wegen seiner schlichten Aussagekraft sehr gefällt – Marion brachte es hier auf den Punkt), vor dein Gemälde platzierte,  ließ ich sie an verschiedene andere Orte reisen. Das war schwieriger, als ich gedacht hatte, denn die beiden scheinen dort, wo du sie fotografiert hast, wirklich „an ihrem Patz“ gewesen zu sein.  Dennoch vorsuchte ich es. Es ist ein bisschen wie Kulissenschieben: gleiche Darsteller, andere Szenerie und Ästhetik, neue Impulse für neue Geschichten.

Unterhaltung vor einem Bild (Kohlezeichnung G.K.)

Am Meer im Winter:

Über Zukunftsperspektiven reden:

Römisches Tagebuch: Besuch in Augustus‘ Friedenstempel

Zerwürfnis (in Salerno, mit Dora)

Poesiealbum:

Rast im kleinen Kloster:

Auf einem Scherbenhaufen:

In den Hügeln, im Blumenmeer

 

 

 

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Impulswerkstatt: vier Fotos, zwei Sätze.

Vorhang auf für die nächste Runde von Myriades „Impuswerkstatt“. Im Zuschauerraum sind die Lichter schon ausgegangen. Umso geheimnisvoller wirkt das Licht, das unter dem geschlossenen Vorhang hervorquillt und seinen Weg durch die mittlere Spalte sucht. Magische Wellen ….Welche Geschichten werden diesmal zur Aufführung gelangen?

Und schon geht es los!

 

Dieses Mal wir es glücken, du wirst sehen. Wir gehen….“

Was die junge Dame in der schicken roten Jacke ihrer schwarz gekleideten Freundin vorschlägt, kann ich leider nicht verstehen, denn ein wütend kläffender Hund zerreißt die Stille. Ich drehe mich zur Quelle der Störung um und muss lachen. Nee so watt aber auch! Da hat man dem Kleinen einen Maulkob verpasst, aber das hektische Bellen kann er trotzdem nicht lassen! Ich rede ihm gut zu, und so beruhigt er sich, blickt aber weiterhin finster auf mich und die Welt, die ihm allerlei zumutet. Es ist ja nicht nur der Maulkorb, der ihm das Leben verleidet, sondern dieser ganze Mummenschanz einer auf „Sicherheit“ ausgelegten Politik seiner Inhaberin. Sie meint es gut, gewiss! Aber ist das ein Leben?

Während meiner Unterhaltung mit dem Hund sind die jungen Damen weitergezogen. Ich schicke ihnen den Wunsch hinterher, dass ihr Vorhaben, welches es auch sei, vom Glück begünstigt wird. Ich selbst muss mich beeilen, denn ich will noch schnell eine Galerie aufsuchen, bevor sie schließt.  Eine Freundin hat dort ihre neuesten Werke ausgehängt. Also nix wie hin.

Und wen sehe ich da, vor einem Diptychon hockend, selbst einem Diptychon gleichend? Die beiden Hübschen von vorhin! In den Hügeln“, höre ich die in der schwarzen Jacke flüstern – warum flüstern die Menschen eigentlich immer im Angesicht von Kunst? – „scheint es zu lodern, ein Waldbrand vielleicht?“ – „Ich gaub nicht“, flüstert die rot Bejackte zurück, „ich glaub, das soll eine nächtliche Stadt am Fuß von einem Berg sein. Ist ja ganz schön, aber deine Sachen mag ich viel lieber. Die sind nicht so düster wie diese hier. Sollen wir die Galeristin mal fragen, ob sie sich deine Bilder ansehen will? Vielleicht klappt es diesmal.“

 

 

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Dora zum ViertenElften: Heiligt der Zweck die Mittel? (abc-etüde)

Schreibeinladung für die Textwochen 44.45.22 | Wortspende von Fundevogelnest

abc.etüden 2022 44+45 | 365tageasatzaday

Heiligt der Zweck die Mittel?

„Ich finde,“ kräht Dora, der ich mein gestriges Poem zur Erfindung der Lyra vorgelesen habe, „diesen Typen, wie heißt er doch gleich, ja, Merkur, den finde ich überhaupt nicht witzig. Die arme Schildkröte totzumachen!“  

„…und auch eins von Apolls Sonnenrindern“, erinnere ich sie bereitwillig. „Aber vielleicht heiligt der Zweck ja die Mittel? Immerhin hat er uns die Lyra geschenkt. Aus der haben sich dann all die anderen Saiteninstrumente entwickelt. Ohne Hermes gäbe es weder die Harfe noch die Gitarre, weder die ….“ 

„Blech!“ empört sich Dora. „Ich hab ja gar nix gegen die Lyra, aber konnte er dafür nicht was anderes nehmen? Holz vielleicht? Wahrscheinlich war es dem Faulpelz zuviel Arbeit. Einfacher ist es natürlich, einer Schildkröte den Garaus zu machen. Stell dir vor, ich würde das Kätzchen hier totmachen, weil ich kalte Füße habe und grad nix anderes zur Hand ist, um mir Hausschuhe herzustellen. Ich glaube kaum, dass du da so großzügig mit deinem Urteil wärst. Du würdest mich anflehen, das kleine süße Kätzchen leben zu lassen. Oder etwa nicht?“ 

Das Kätzchen! O weh, ja! Heute kam es mauzend angewackelt, dabei hatte ich schon gehofft, Prinkipessa hätte ihre Brut woanders hinverfrachtet. Aber nein, es steckte hinter dem Winterholzvorrat, wuchs heran und verlangt nun Lebensrechte. Die großen Geschwister sind nicht begeistert, aber was sollen sie tun? Sie dulden es. Mein Mann hat den keinen Wicht sowieso schon ins Herz geschlossen. Und ich gehöre auch nicht zu denen, die sagen, man sollte aus überflüssigen Katzen am besten Hausschuhe machen. Also sage ich kleinlaut: „Aus dem Kätzchen werden keine Hausschuhe gemacht, solange ich hier das Sagen habe.“

„Und aus Schildkröten keine Lyra, solange ich das Sagen habe!“ kräht Dora.

„Für die Lyra nehmen wir den Panzer einer toten Schildkröte,“ schlage ich vor. „Ich hab da sogar einen von Karen prächtig bemalten…“

Originalfoto von Karen Backhus.

300 Wörter

 

 

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Die Erfindung der Lyra. Mytho-logische abc-etüde in gebundener Rede.

 

Dies ist in Beitrag zu https://365tageasatzaday.wordpress.com/2022/10/30/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-44-45-22-wortspende-von-fundevogelnest/

 

Gott Merkur, gerade geboren und den Windeln entflohen,

ersinnt einen Weg, wie er dem größeren Bruder Apollon

den Rang ablaufen könnte trotz des leider vorhandenen

Rangunterschieds zwischen den Müttern der beiden.

 

Als erstes entführt er die goldenen Rinder, die dem Bruder gehören,

und treibt,  um Verfolger zu täuschen, die Herde

rückwärtsgehend der Grotte zu, in der seine Windeln noch liegen.

Schlachtet auch gleich eines der heiligen Tiere, zerlegt es,

entfernt die Sehnen der Beine und legt sie beiseite

röstet sich dann einen Schenkel und isst ihn.

 

Alsdann fühlt er Lust auf fröhliche Weisen, gespielt auf der Lyra.

Doch freilich die Lyra ist damals noch gar nicht erfunden.

Klein Hermes erkennt gleich die Lösung, als eine Schildkröte den Weg kreuzt.

„Komm her, ich brauch deinen Panzer, die Lyra zu bauen“, so spricht er.

Die Schildkröte fleht: „Ach lass mich am Leben, du göttlicher Knabe

Ich möchte noch hundert Jahre und mehr am grünenden Gras mich erquicken.“

Doch Merkur hat Eile, er tötet die Arme und nimmt sich den Panzer

Drauf spannt er die Sehnen des Rinds und fertig ist schon die Leier.

 

Apoll ist erzürnt ob der fehlenden Rinder und stürzt in die Grotte.

„Ich wars nicht“, so wimmert das Kleinkind, „ich habe dir gar nichts gestohlen!

Doch weil ich dich traurig seh und dich lieb hab

So schenke ich dir meine Leier, die grad ich erfunden. Ich weiß schon

Du wirst dann später behaupten, du seiest der wahre Erfinder

Das will ich gern dir verzeihn, denn großzügiger bin ich als jeder.“

 

Apoll, verwirrt von den Reden des Kleinen, bestaunt die neue Erfindung

Nimmt in die Hand sie und beginnt sie zu spielen. Da kann er nicht anders

Als seinem Bruder verzeihn. Ich täte es gleichfalls, auch wenn die Erfindung

Den Tod zweier Wesen voraussetzt. Kultur ist oft tödlich.

abc.etüden 2022 44+45 | 365tageasatzaday

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