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Gott Merkur, gerade geboren und den Windeln entflohen,
ersinnt einen Weg, wie er dem größeren Bruder Apollon
den Rang ablaufen könnte trotz des leider vorhandenen
Rangunterschieds zwischen den Müttern der beiden.
Als erstes entführt er die goldenen Rinder, die dem Bruder gehören,
und treibt, um Verfolger zu täuschen, die Herde
rückwärtsgehend der Grotte zu, in der seine Windeln noch liegen.
Schlachtet auch gleich eines der heiligen Tiere, zerlegt es,
entfernt die Sehnen der Beine und legt sie beiseite
röstet sich dann einen Schenkel und isst ihn.
Alsdann fühlt er Lust auf fröhliche Weisen, gespielt auf der Lyra.
Doch freilich die Lyra ist damals noch gar nicht erfunden.
Klein Hermes erkennt gleich die Lösung, als eine Schildkröte den Weg kreuzt.
„Komm her, ich brauch deinen Panzer, die Lyra zu bauen“, so spricht er.
Die Schildkröte fleht: „Ach lass mich am Leben, du göttlicher Knabe
Ich möchte noch hundert Jahre und mehr am grünenden Gras mich erquicken.“
Doch Merkur hat Eile, er tötet die Arme und nimmt sich den Panzer
Drauf spannt er die Sehnen des Rinds und fertig ist schon die Leier.
Apoll ist erzürnt ob der fehlenden Rinder und stürzt in die Grotte.
„Ich wars nicht“, so wimmert das Kleinkind, „ich habe dir gar nichts gestohlen!
Doch weil ich dich traurig seh und dich lieb hab
So schenke ich dir meine Leier, die grad ich erfunden. Ich weiß schon
Du wirst dann später behaupten, du seiest der wahre Erfinder
Das will ich gern dir verzeihn, denn großzügiger bin ich als jeder.“
Apoll, verwirrt von den Reden des Kleinen, bestaunt die neue Erfindung
Nimmt in die Hand sie und beginnt sie zu spielen. Da kann er nicht anders
Als seinem Bruder verzeihn. Ich täte es gleichfalls, auch wenn die Erfindung
Den Tod zweier Wesen voraussetzt. Kultur ist oft tödlich.

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