Was zuletzt geschah: Domna setzt sich zu den beiden Alten an den Tisch. Jenny und Clara bedienen sich an den Speisen.
Domna
Wie darf ich mit euch reden, sagt mir an?
Alte:
Ich bin die Lies, und das ist Klaus, mein Mann.
Was treibt dich her in unser altes Haus,
Wann war denn das, so sag es mir doch, Klaus!
Alter:
Das war, ja lass mich rechnen, ja, das war
bevor die Kinder in die Fremde gingen
der Hans und Grete waren schon ein Paar
womit die Übel dann anfingen….
Alte:
Die Übel? Welche? Was ist denn geschehn?
Was wars, dass beide in die Fremde gehn?
Alter:
Was wars… ich weiß nicht, ich muss sie wohl fragen
wenn sie vorbeischaun in den nächsten Tagen
Alte:
Wer soll vorbeischaun, sag, die Grete starb
bevor sie dieses Haus erwarb.
Was Hans dann tat, weiß ich nicht mehr
es ist ja auch schon lange her.
Alter:
Was fragst du dann? Was willst du wissen?
Komm her zu mir, ich will dich küssen!
Alte (kichernd) :
Du magst mich immer noch, mein Alter?
Bin ich wie einst dein bunter Falter?
Dein Schmetterling, dein süßer Fratz?
Alter:
Ja freilich, komm mal her, mein Schatz
und gib mir einen dicken Schmatz!
Alte:
Das schickt sich nicht, Besuch ist da.
Alter:
Wer denn? Wer kam? die Großmama?
Alte:
Ach Kläuschen, nein, die ist doch tot
nun lass und iss dein Abendbrot.
Domna:
Ihr lieben Leute, mir will scheinen
dass auch ihr beiden schon vor Zeiten
mit eurem Hiersein wart im Reinen
und wechseltet die Lebensseiten.
Ihr gingt hinüber zu den Toten
doch etwas hält euch hier gefangen.
Das ist zwar keineswegs verboten
doch besser ist es zu gelangen
auf jene Seite ganz und gar
und nicht zu haften an dem Alten.
Denn dann erkennt ihr das was war
und überblickt all die Gestalten
die euch im Leben einst begegnet.
Dann seht ihr: dies war falsch, dies richtig
Am End der Rechnung seid gesegnet
denn ihr versteht: die Lieb ist wichtig
und alles andre geht vorbei.
Denn das, was ihr im Leben tatet
ist vor dem Himmel einerlei
solange ihr der Lieb entratet.
Nur Liebe kann den toten Stoff beleben
sie wirkt und wogt durch alle Weltensphären
Wir Menschen können unsren Anteil geben
und unsererseits die Weltenliebe nähren.
Die irdisch Liebe ist ganz wie ein Sänger
der eingesperrt im Käfig klagend singt
Der Körper ist grad wie ein Vogelfänger
der nur durch Liebe singt und klingt.
Im Sterben lasse diesen Vogel frei
damit er seine Schwingen breiten kann
der Käfig, ja, der bricht entzwei,
nur auf den Vogel kommt es an.
Er fliege heim, zurück ins Große Ganze
der Kraft, die euch im Irdischen beseelt.
Auf dass ihr teilhabt an dem höh’ren Glanze.
und euch im Geisterreiche neu vermählt.
Alter:
Du meinst, wir dürfen uns lieben
auch wenn der Stoff vergeht?
Alte:
Und auch wenn nichts mehr geblieben
und der Körper zu Staub verweht?
Domna:
Ja freilich,
das mein ich.
Alte und Alte:
So wollen wirs wagen
denn schwer zu ertragen
ists Dasein als klapprig Gebein
und nicht tot, nicht lebendig zu sein.
Ihre Figuren lösen sich auf . Zurück bleiben ein paar Knochen und ein Gefäß. Der Raum wird hell.
Domna (für sich)
Immer wieder, ob wir der Liebe Landschaft auch kennen,
und den kleinen Kirchhof mit seinen klagenden Namen
und die furchtbar verschweigende Schlucht, in welcher die andern
enden: immer wieder gehn wir zu zweien hinaus
unter die alten Bäume, lagern uns immer wieder
zwischen die Blumen, gegenüber dem Himmel.
(Rainer Maria Rilke)



Tage der Toten in Puebla, Mexiko, 2006. (Leider habe ich die Originalfotos nicht mehr). Die jungen Frauen haben die eine Hälfte ihres Gesichts weiß mit dunklen Augenhöhlen geschminkt. Zwischen ihnen stehen große Schalen und Körbe mit Früchten und anderen Speisen. Im Hintergrund wird eine Art Hochzeitsdrama aufgeführt. 



















