Dora zum NeuntenElften: Ent-Sorgen

Heute, als ich zum Morgenbummel aufbreche, kommt Dora mit einer Plastiktüte hinterhergerannt. Verwundert bleibe ich stehen. Was hat sie vor?  Sie hüpft ins Gestrüpp am Wegrand und zerrt eine leere Plastikflasche hervor, stopft sie in die Tüte. Dann schnappt sie sich eine plattgefahrene Blechdose und versenkt auch die in der Tüte.

„Hej, Dora“, rufe ich, „wozu sammelst du auf, was andere weggeschmissen haben? Soll doch jeder seinen eigenen Mist … Außerdem wird es morgen sowieso wieder  … „

„Anderen macht es Spaß, Sachen in die Gegend zu schmeißen,“ kräht Dora fröhlich zurück und klaubt einen Flaschendeckel aus dem Gras. „Mir macht es Spaß, weggeworfene Sachen zu entsorgen!“

Ent-sorgen. Schönes Wort, und es passt zu Dora, denke ich. Aber macht es ihr wirklich Spaß, anderen den Dreck wegzuräumen? Wo steckt sie denn jetzt? Ich lege die Hand über die Augen, denn die Sonne blendet mich, und halte nach ihr Ausschau. Ah, da kommt sie ja die Straße heraufgehüpft! Die gefüllte Tüte balanciert sie auf ihrer Latüchte, und sie lacht. „Entsorgen macht Spaß!“  kräht sie mir entgehen.

Ich aber bin aus einem anderen Grund baff. „Du bist ja gewachsen!“ rufe ich verblüfft. „Na klar!“ gibt sie zur Antwort. „Du weißt doch, der Mensch wächst mit seinen Aufgaben!“

Sollte es möglich sein, dass Dora, allen Naturgesetzen ein Schnippchen schlagend, nun, gegen Ende ihrer Lebenszeit, noch einmal einen Schuss in die Höhe macht? Und, vielleicht, auch die Nötigung durch Jahreszahlen abschafft? Ein faszinierender Gedanke.

Wozu Jahreszahlen? frage ich mich. Ausgerechnet heute. wo so viel Geschichtsträchtiges im Datum „9.11.“ steckt, frage ich mich das. Ja, ein paar Ereignisse des heutigen „deutschen Schicksaltags“ kann ich runterbeten: Hinrichtung von Robert Blum (Ende der Märzrevolution 1848), Ausrufung der Weimarer Republik (Ende des deutschen Kaiserreichs 1918),   Hitlerputschversuch (1923 und kein Ende abzusehen),  sog. „Reichskristallnacht“ (Beginn der systematischen Ausrottung des europäischen Judentums 1938), Öffnung der Berliner Mauer (1989, Ende der DDR) – andere müsste ich nachlesen. Wozu aber? Wen kümmerts heut? Weggeschmissenes Zeug. Könnte die Daten gleich mal mit-ent-sorgen.

Heute ist heute -und da stehen andere Dinge an. Zum Beispiel die Ergebnisse der US-Zwischenwahlen zu Senat und Kongress. Wie gingen die eigentlich aus?

Nun aber mal ehrlich: Wozu muss ich das wissen? Wer bin ich denn schon, um zu beurteilen, was sie on the long run bedeuten? Ändern kann ich ja sowieso nix.

Und während ich das denke, fühle ich, wie ich schrumpfe…..

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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17 Antworten zu Dora zum NeuntenElften: Ent-Sorgen

  1. Random Randomsen schreibt:

    Dora ist wohl weniger ein Kind ihrer Zeit, als vielmehr ein zeitlos kluges Kind. 😀 Ja, der Mensch wächst mit seinen Aufgaben. Aufgabe – etwas aufgeben. Wenn wir loslassen – also auf-geben oder ent-sorgen – was uns niederdrückt, mag es uns leichter fallen [ 😉 ], aufrecht unsere eigentliche Größe zu entfalten…

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    • gkazakou schreibt:

      Deine tiefere Betrachtung von Wörtern bezaubert mich wieder einmal, lieber Random. Wenn wir aufgaben, was uns niederdrückt, wenn wir uns ent-sorgen, können wir wachsen.

      Gefällt 2 Personen

      • Random Randomsen schreibt:

        🙂
        Bereits ein einzelnes Wort kann uns unerwartete Einsichten schenken. In diesem Sinne ist Sprache – in Wesensverwandtschaft mit Dora – eine fortwährend Schenkende. Zudem sind diese potenziellen Geschenke in jeder Sprache anders geartet. Ein guter Grund, unterschiedliche Sprachen nicht als Grenzen zu betrachten, sondern als Reichtum, der sich durch Austausch mehren lässt.

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  2. Lopadistory schreibt:

    Wunderbare Geschichte. Ich bin nämlich auch ein bisschen Dora😉

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  3. lachmitmaren schreibt:

    Oh ja, ich finde auch, Dora ist zeitlos! Unbedingt … . 😃💝

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    • gkazakou schreibt:

      Danke, Maren, ja, zeitlos ist sie: die Schenkende. Und doch hat sie, meine ich, hier im Blog nur eine begrenzte Auftrittszeit. Jedenfalls war es so gedacht. Nun weiß ich es aber nicht mit Bestimmtheit. Dora ist voller Überraschungen, vielleicht taucht sie auch im nächsten Jahr auf?

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  4. Gisela Benseler schreibt:

    Schön der Gedanke, daß der Mensch mit seinen Aufgaben wächst! Dora macht es vor. Wie mich das freut!😊

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  5. Dora wächst und Du schrumpfst?
    Sich nackte Jahreszahlen zu merken, ist etwas schwierig, es sei denn, wir können sie mit Ereignissen bekleiden. Durch das Ereignis ist eine Jahreszahl nicht mehr so anonym…
    Wenn Dora an ihren Aufgaben gewachsen ist und Jahreszahlen nicht mehr wichtig sind, könnte sie uns doch im Jahr 2023 erhalten bleiben. Was meinst Du dazu, liebe Gerda?

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  6. Sie ist so liebenswürdig. Sie ust ein wundervoller Gegenpart zur Realität.

    Es wäre schön, sie weiter zu behalten und nicht schon wieder gehen lassen zu müssen, Gerda

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