In meiner Fotosammlung vom Archäologischen Museum Neapel geht dem „knieenden Barbaren“ (Bild 1) ein anderes Bildwerk voraus, das wie sein entgegengesetzter Pol wirkt: Der Gott Apoll mit seiner Harfe (Bild 2). Alles scheint in sein Gegenteil verkehrt:
(1) Dunkel sind Kopf und Hand, hell ist das komplizierte gefältete Gewand.
(2) Hell sind Kopf und Hand, dunkel ist das schlichte Gewand.
(1) Das Haupt ist von Tuch bedeckt, vom Gefäß belastet.
(2) Das Haupt ist frei schwebend, von einem Lorbeerkrank gekrönt.
(1) Der Blick des weit geöffneten Auges ist von unten nach oben gerichtet, die Stirn in Falten, Bartwuchs.
(2) Der Blick des Auges ist von oben nach unten gerichtet, glatt die Stirn, bartlos.
(1) Der eine Arm ist hochgewinkelt, mit hart zupackender, festhaltender Hand, der andere Arm samt Hand ist angespannt, um die Kniehaltung zu stabilisieren oder das Aufstehen zu ermöglichen.
(2) Beide Arme sind entspannt, die weichen Hände halten sanft das Instrument.
(1) Die Füße sind mit Tuch bedeckt, wie verwachsen mit dem gleichfarbigen Grund.
(2) Feingliedrige nackte Füße stecken in leichten Sandalen, vom dunklen Grund isoliert.
Vieles noch ließe sich vergleichend beobachten, doch das Wichtigste ist wohl der Gesamteindruck: Der Barbar ist eindeutig männlich, obwohl er weiblich wirkende Kleidung trägt. Apoll aber ist nicht Mann oder Frau, er ist androgyn (άνδρος=Mann, γυνή-Frau). Er ist beides: Mann UND Frau. In ihm ist die Polarisierung der Geschlechter aufgehoben.
Sein Name deutet das an: APOLLON wurde von den Pythagogäern und Platonikern als Α-πολλων ausgelegt, was sich übersetzen lässt als „das Un-Viele“, die Negation des Vielen – Hinweis auf das Eine, das Absolute, das im Hintergrund des Vielen aufscheint.
Nach der Genealogie ist Apollon der Sohn der Leto, von Zeus gezeugt im kleinasiatischen Didyma (Zwillinge), zweitgeborener Zwillingsbruder der Artemis, die, nachdem sie gerade geboren war, der Mutter bei der Geburt des Apoll zur Hand ging. All das geschah auf der damals noch schwimmenden Insel Delos, denn nur dort konnte Leto niederkommen, Festes war ihr durch Hera verboten, die die Geburt missbilligte. Dass er in Didyma gezeugt wurde, verweist auf das Alter des Mythos: das Zeitalter der Zwillige (ca 6000-4000 v.Chr.), das dem des Stiers voranging (Stierkulte) und zu Jesu Geburt ins Zeitalter des Widders (Lamm Gottes) gemündet war.*
Artemis und Apollon waren wie Mond und Sonne. Phoibos, der Strahlende, war Apolls Beiname. Er liebte Frauen und Jünglinge gleichermaßen, sein bekanntester Geliebter war Kyparissos, der, verzweifelt über den Tod seines geliebten wilden Hirsches, in eine Zypresse verwandelt wurde.
Apoll übertrat Gesetze des Vaters Zeus, wurde mit Unterweltdiensten bestraft, flog winters auf seinem Schwanengefährt ins Hyperboräische (jenseits des Nordens), liebte, tötete, heilte, brachte Pest und vertrieb sie, verlieh Seherkraft und vergiftete sie (Kassandra), war den Musen verbunden, spielte die große Harfe – Instrument der Planetenharmonie. Wie man sieht, war er unreif, sprunghaft, nomadisch, der seine Spaltungen und Widersprüche überwand und sich allmählich zum Heiler und Sonnengott wandelte – eine Vorprägung des kosmischen Christus.
Die erste Tat des Apoll war, den Python zu töten. Die Schlange Python, Sohn von Mutter Erde (Gaia), floh vor Apoll nach Delphi, Apoll folgte und tötete ihn/sie (Python ist zweigeschlechtlich). Was heißt das? Was geschah auf der Erde, als Apoll Python tötete?
Leicht verliere ich mich in den unzähligen köstlichen Nebengängen des Mythos. Wieviel wäre noch auszuführen, anzumerken, zu assoziieren! Doch nun ist Schluss.
Nur dies noch: der androgyne Mensch geistert seit Menschengedenken durch unsere Vorstellungswelt, er wurde im biblischen Schöpfungsmythos auseinandergeschnitten in Adam und Eva…..Nun feiert er als Zwitter oder „Trans“ Auferstehung in der für unser Zeitalter so typischen materiellen Form: man sucht ihn herzustellen mithilfe von Operationen, Hormongaben oder Epilation…
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Ephesos, Kleinasien, wo ein alter Artemis-Tempel bestand, wo Heraklit lehrte und Maria bestattet wurde.
*Anm: Heute befinden wir uns im Zeitalter der Fische, daher wurde der Fisch /griechisch ἸΧΘΥΣ Anagramm von „Jesus Christus Sohn Gottes Erlöser“, zum Erkennungszeichen der Christen. 
Die Bezeichnung des Zeitalters im platonischen Weltenjahr (= Präzessionsperiode der Erdachse) geschieht nach dem Sternbild, in dem die Sonne zur Frühlings-Äquinox aufgeht (= Frühlingspunkt). Dieser Punkt verschiebt sich ständig. 25 920 Jahre dauert es, bis der Sonnenaufgang am selben Frühlingspunkt stattfindet (= Weltenjahr).
Mit der großen Harfe des Apoll möge auch meine kleine Harfe erklingen (wie oben, so unten).
Kleiner Harfe Zitterklänge (https://gerdakazakou.com/2017/07/27/kleiner-harfe-zitterklaenge/ …)

wuchsen Flügel, wollten fliegen …

fielen auf das Wasser nieder …

trübten es mit feinen Rinnen

Kam ein Schneider, trug sie fort.
Dachte sich ein Kleid zu machen
aus den Zitterharfen-Klängen
doch in seinen groben Händen
klumpten sie und welkten hin

Rötlich wurde das Gewebe

wie die Blätter, wenn im Herbste
in das Laub die Stürme fegen
und es von den Bäumen reißen
hierhin, dorthin, zu dir hin.