Tagebuch der Lustbarkeiten: Saubohne, keimend

Mein Herz tat vor ein paar Tagen einen kleinen freudigen Hüpfer, als aus der braunen Erde, in die ich Christinas Saubohne versenkt hatte, ein grüner Keim hervordrang. Na also! Das Wunder findet statt! so der Begleittext in meinem Kopf.

Ich hatte die am 8. Februar in Empfang genommene und in die Erde gesteckte Saubohne vor zehn Tagen mit nach Athen genommen.

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Saubohnensamen

Das Töpfchen verschwand dann kurz von der Bildfläche – ich fand es im Kühlschrank wieder, wo mein Mann es nichtsahnend verstaut hatte -, dann wechselte es noch mehrmals den Standplatz, denn ich war mir nicht sicher: war es besser drinnen oder draußen aufgehoben? in der Sonne, oder doch eher im Schatten? Ich bin halt ein kompletter Samen-Idiot, und das Wetter ist wechselhaft von sehr kalt bis hin zu frühlingshaften Temperaturen.

Die Bohne nahm nichts übel und wickelte ihr eingeschriebenes Wachstumsprogramm ab. Hier seht ihr sie, draußen im Schatten am 22. und 24.2.aufgenommen. Nun braucht sie noch einen Namen, finde ich. Wie wärs mit Ihre Hoheit Favorita I? (Du siehst, Myriade, ich habe mich auch noch nicht ganz vom Adelsprinzip lossagen können). In eine hübschere Behausung könnte sie dann auch bald umziehen. 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Apollon mit der Harfe

In meiner Fotosammlung vom Archäologischen Museum Neapel geht dem „knieenden Barbaren“ (Bild 1) ein anderes Bildwerk voraus, das wie sein entgegengesetzter Pol wirkt: Der Gott Apoll mit seiner Harfe (Bild 2).  Alles scheint in sein Gegenteil verkehrt:

(1) Dunkel sind Kopf und Hand, hell ist das komplizierte gefältete Gewand.

(2) Hell sind Kopf und Hand, dunkel ist das schlichte Gewand.

(1) Das Haupt ist von Tuch bedeckt, vom Gefäß belastet.

(2) Das Haupt ist frei schwebend, von einem Lorbeerkrank gekrönt.

(1) Der Blick des weit geöffneten Auges ist von unten nach oben gerichtet, die Stirn in Falten, Bartwuchs.

(2) Der Blick des Auges ist von oben nach unten gerichtet, glatt die Stirn, bartlos.

(1) Der eine Arm ist hochgewinkelt, mit hart zupackender, festhaltender Hand, der andere Arm samt Hand ist angespannt, um die Kniehaltung zu stabilisieren oder das Aufstehen zu ermöglichen.

(2) Beide Arme sind entspannt, die weichen Hände halten sanft das Instrument.

(1) Die Füße sind mit Tuch bedeckt, wie verwachsen mit dem gleichfarbigen Grund.

(2) Feingliedrige nackte Füße stecken in leichten Sandalen, vom dunklen Grund isoliert.

Vieles noch ließe sich vergleichend beobachten, doch das Wichtigste ist wohl der Gesamteindruck: Der Barbar ist eindeutig männlich, obwohl er weiblich wirkende Kleidung trägt. Apoll aber ist nicht Mann oder Frau, er ist androgyn (άνδρος=Mann, γυνή-Frau). Er ist beides: Mann UND Frau. In ihm ist die Polarisierung der Geschlechter aufgehoben.

Sein Name deutet das an: APOLLON wurde von den Pythagogäern und Platonikern als Α-πολλων  ausgelegt, was sich übersetzen lässt als „das Un-Viele“, die Negation des Vielen – Hinweis auf das Eine, das Absolute, das im Hintergrund des Vielen aufscheint.

Nach der Genealogie ist Apollon der Sohn der Leto, von Zeus gezeugt im kleinasiatischen Didyma (Zwillinge), zweitgeborener Zwillingsbruder der Artemis, die, nachdem sie gerade geboren war, der Mutter bei der Geburt des Apoll zur Hand ging. All das geschah auf der damals noch schwimmenden Insel Delos, denn nur dort konnte Leto niederkommen, Festes war ihr durch Hera verboten, die die Geburt missbilligte.  Dass er in Didyma gezeugt wurde, verweist auf das Alter des Mythos: das Zeitalter der Zwillige (ca 6000-4000 v.Chr.), das dem des Stiers voranging (Stierkulte) und zu Jesu Geburt ins Zeitalter des Widders (Lamm Gottes) gemündet war.*

Artemis und Apollon waren wie Mond und Sonne. Phoibos, der Strahlende, war Apolls Beiname. Er liebte Frauen und Jünglinge gleichermaßen, sein bekanntester Geliebter war Kyparissos, der, verzweifelt über den Tod seines geliebten wilden Hirsches, in eine Zypresse verwandelt wurde.

Apoll übertrat Gesetze des Vaters Zeus, wurde mit Unterweltdiensten bestraft, flog winters auf seinem Schwanengefährt ins Hyperboräische (jenseits des Nordens), liebte, tötete, heilte, brachte Pest und vertrieb sie, verlieh Seherkraft und vergiftete sie (Kassandra), war den Musen verbunden, spielte die große Harfe – Instrument der Planetenharmonie.  Wie man sieht, war er unreif, sprunghaft, nomadisch, der seine Spaltungen und Widersprüche überwand und sich allmählich zum Heiler und Sonnengott wandelte  – eine Vorprägung des kosmischen Christus.

Die erste Tat des Apoll war, den Python zu töten. Die Schlange Python, Sohn von Mutter Erde (Gaia),  floh vor Apoll nach Delphi, Apoll folgte und tötete ihn/sie (Python ist zweigeschlechtlich). Was heißt das? Was geschah auf der Erde, als Apoll Python tötete?

Leicht verliere ich mich in den unzähligen köstlichen Nebengängen des Mythos. Wieviel wäre noch auszuführen, anzumerken, zu assoziieren! Doch nun ist Schluss.

Nur dies noch: der androgyne Mensch geistert seit Menschengedenken durch unsere Vorstellungswelt, er wurde im biblischen Schöpfungsmythos auseinandergeschnitten in Adam und Eva…..Nun feiert er als Zwitter oder „Trans“ Auferstehung in der für unser Zeitalter so typischen materiellen Form: man sucht ihn herzustellen mithilfe von Operationen, Hormongaben oder Epilation…

………………

Ephesos, Kleinasien, wo ein alter Artemis-Tempel bestand, wo Heraklit lehrte und Maria bestattet wurde.

*Anm: Heute befinden wir uns im Zeitalter der Fische, daher wurde der Fisch /griechisch ἸΧΘΥΣ Anagramm von „Jesus Christus Sohn Gottes Erlöser“, zum Erkennungszeichen der Christen.

Die Bezeichnung des Zeitalters im platonischen Weltenjahr (= Präzessionsperiode der Erdachse) geschieht nach dem Sternbild, in dem die Sonne zur Frühlings-Äquinox aufgeht (= Frühlingspunkt). Dieser Punkt verschiebt sich ständig. 25 920 Jahre dauert es, bis der Sonnenaufgang am selben Frühlingspunkt stattfindet (= Weltenjahr).


Mit der großen Harfe des Apoll möge auch meine kleine Harfe erklingen (wie oben, so unten).

Kleiner Harfe Zitterklänge (https://gerdakazakou.com/2017/07/27/kleiner-harfe-zitterklaenge/ …)

wuchsen Flügel, wollten fliegen …

fielen auf das Wasser nieder …

trübten es mit feinen Rinnen

Kam ein Schneider, trug sie fort.

Dachte sich ein Kleid zu machen

aus den Zitterharfen-Klängen

doch in seinen groben Händen

klumpten sie und welkten hin

Rötlich wurde das Gewebe

wie die Blätter, wenn im Herbste

in das Laub die Stürme fegen

und es von den Bäumen reißen

hierhin, dorthin, zu dir hin.

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: knieender Barbar

Da ich mit einer blöden Virus-Infektion darniederliege, habe ich keine Lustbarkeiten von draußen vorzuweisen. Aber gibt es nicht die Archive, um notfalls in ihnen zu grasen? Heute verschlug es mich in das großartige archäologische Museum von Neapel, das die aus der Katastrophe von Pompeji und Heraculeum geretteten Kunstschätze zeigt. Viele der Photos, die ich auf dieser unvergesslichen Reise im Juli 2018 machte, habe ich schon gezeigt, zB hier. Ich selbst kenne die Fotos natürlich, sogar an die Originale erinnere ich mich, glaube ich, noch recht gut. (Ich weiß am Ende nie mit Sicherheit, ob ich mich an das Original oder ein Foto erinnere, das ich oft anschaute….)

Wie dem auch sei: ein neuer Blick ist auch ein neues Kunstwerk. Und so blieb ich mit großer Bewunderung und einigen merkwürdigen Gedanken beim „knieenden Barbaren“ hängen, im 1. Jh kunstreich aus Pavonazetto-Marmor gehauen, der schwarze Kopf und die schwarze Hand aus Nero antico.

Der „Barbar“ kniet nicht nur, er muss zudem auf der Schulter ein Gefäß schleppen. Offenbar ist er „versklavt“ worden. Sein wildes schwarzes Gesicht zeigt, dass er sich damit durchaus nicht abgefunden hat: in ihm wütet ein Sturm, der sich keinen Ausweg weiß. Aufspringen, schreien, das Gefäß zertrümmern? (dummes Zeug, er wäre auf der Stelle tot). Nach einer herumliegenden Waffe greifen und sich einen Ausweg erkämpfen? (Hollywood liegt noch in ferner Zukunft). Sich mit klugen Reden und Schmeicheleien aus der demütigenden Pose in eine andere sklavische Beschäftigung hochbefördern? (sein Gesicht lässt diesen Ausweg nicht zu. Er will seine Freiheit, nicht mehr und nicht weniger). Was also?

Er wird seinen Groll und seine Demütigung stumm in sich vergraben und auf seine Stunde warten.

Groll über die zugefügte Demütigung und die Zerstörung seiner Freiheit lasten schwer auf dem Grund seiner Seele, und nur die wütende Entschlossenheit, es „denen da“ zu zeigen, wenn die Stunde günstig ist, hält ihn am Leben. Inzwischen lernt er, wie die Welt der Römer beschaffen ist.

Dieser Barbar ist wahrscheinlich einer unserer deutschen Vorfahren.

Aha! Aber warum ist er schwarz? Ist das Knien vor einem Sklavenhalter denn nicht nur für Afrikaner? 

Es tut mir leid: nein. Jeden konnte bzw kann es treffen.

Aber vielleicht war es kein Germane, sondern ein Grieche? Nein, leider, denn die wurden zwar auch massenhaft versklavt, galten aber nicht als „Barbaren“. Schließlich konnten sie meist schreiben und lesen und waren Vertreter einer Kultur, die von der römischen hoch geschätzt und wo immer möglich imitiert wurde.

Vielleicht ein Kelte? Nun, wo ist der Unterschied zum Germanen? Es sind die jetzt herrschenden Völker des „Westens“, die die Rechtsvorstellungen Roms in ihrer Rolle als Sklaven internalisiert und weiterentwickelt haben. Sie sind die Erben des römischen Reichs.

Die nächsten Herrscher, die während der europäisch-amerikanischen Sklaverei und ihrem kaum weniger rabiaten Kolonialismus „unsere“ Rechtsvorstellungen internalisierten, könnten sich sehr wohl aus „echten“ schwarzen Nationen rekrutieren.

Das war die Idee hinter der letzten Szene des „Welttheaters“: Abud nährt seinen Zorn wie eine Glut, die auf den Wind der Gelegenheit wartet, um sie zur Flamme hochschlagen zu lassen. Danai, selbst ein Flüchtige, aber mit tiefen Wurzeln in Europa, daher auch in Katastrophen sehr gut bewandert, bemüht sich, die Glut zu dämpfen.

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Julian Schnabel, Maria Callas

Es ist ein Riesenwerk: auf 274,3 mal 309,9 cm hat Julian Schnabel sein Gemälde „Maria Callas 4“ hingeschmettert. Ich sah es am Sonntag in der Sammlung des Goulandri Museums für Moderne Kunst.   

1982 hat er es gemalt, da war die Unübertreffliche, La Divina, die griechisch geborene Maria Anna Sofia Cecilia Kalogeropoulou bereits seit 5 Jahren tot. Sie wurde nur 53 Jahre alt. Aber was für Jahre!

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Kunst am Sonntag

Endlich hatte ich Gelegenheit, das Goulandri Museum für Moderne Kunst zu besuchen.

Es ist eine fantastische private Sammlung, die nach 30jährigem Clinch mit der Öffentlichen Hand und der Stadt Athen ein Zuhause gefunden hat. Die Lage ist nicht so exquisit wie die angestrebte, und der Entwurf des Star-Architekten Pei konnte daher nicht realisiert werden, doch ist die gefundene Lösung durchaus gelungen. Das Ehepaar Vasilis und Elise Goulandris verstarb drüber, die Erben stritten sich – aber Ende gut, alles gut. Eine reich bebilderte Einführung auf deutsch findest du hier.

Ich werde mich hüten, hier nun einen Bericht über den heutigen Besuch zu verfassen. Doch denke ich, die Rubrik „Kunst am Sonntag“ wiederzubeleben und jeden Sonntag etwas aus der Sammlung (oder aus anderen Ausstellungen) zum Gucken anzubieten.

Womit soll ich nur beginnen? Spaß soll es machen, eine Lustbarkeit soll es sein. Warum also nicht mit einem Krokodil beginnen, zumal der  „Krokodilgott“ ja gerade bei mir dran war?

Dieses freundliche erleuchtete Wesen ist, du ahnst es bereits, von Niki de Saint-Phalle. Und das Gefährt mit der drallen Lenkerin, das womöglich demnächst stark nachgefragt wird (man sagt Europa ja bereits kubanische Verhältnisse vorher), ist natürlich von ihrem Lebensgefährten, dem großen Bastler Jean Tinguely.

Der schwarze Mann mit Hut und farbenfrohem Dress könnte gut als Gegenstück zur „Näherin“ in Myriades Impulswerkstatt dienen, die mich zum gestrigen Beitrag „Afrikanische Mütter“ anregte.

Der Mann liest in einem Journal (den Text konnte ich nicht entziffern). Was aber steht auf der großen Tafel hinter ihm? Es sind Zeilen des „Dichterfürsten“  Odysseas Elytis – einem der beiden griechischen Nobelpreisträger für Literatur (der andere ist Giorgos Seferis), siehe zB hier.

Die Zacken des Sterns sind mit Worten für die Elemente bezeichnet: oben Φωτιά (Feuer), rechts Ξηρασιά Γη κρύο (Trockenheit, Erde, kalt), unten Νερό (Wasser), links Ζέστη ΑΕΡΑΣ υγρασία (Wärme, Wind-Luft, Feuchtigkeit). Dies knüpft nun wieder an meine letzte Szene (Feuer) im Welttheater an.

Der Text gibt vermutlich Zeilen aus ΑΥΤΟΣ Ο ΚΟΣΜΟΣ, Ο ΜΙΚΡΟΣ, Ο ΜΕΓΑΣ (Diese Welt, die kleine, die gewaltig große)  aus dem  Άξιον Εστί von Odysseas Elytis wieder. „Große Welt – kleine Welt“: die versuche ich im Welttheater spielerisch zusammenzubringen.

Und so fühle ich mich (in gebührender Bescheidenheit) all diesen Werken höchst aktuell verbunden.

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Impulswerkstatt: Afrikanische Mütter

Dies ist mein zweiter Beitrag zu dem obigen Bild aus Myriades Impulswerkstatt.

Der Impuls der afrikanischen werdenden Mutter lässt mich nicht los. Ich habe von Zeit zu Zeit Zeichnungen von afrikanischen „Mutter“-Skulpturen angefertigt, so die „kleine graue Mutter“ und „Mutter und Kind“. Diese und andere Skulpturen brachte mein Mann von einer Afrikareise mit. Die Namen der Künstler sind mir nicht bekannt, aber es handelt sich nicht um massenhaft hergestellte Andenken, sondern um echte Kunstwerke.

Da es sich bei diesem Impuls um ein Kunstwerk handelt, möchte ich mit meinen Arbeiten zum Thema antworten.

Die „kleine graue Mutter“ – Bleistiftzeichnung.

Kleine graue Mutter

„Mutter und Kind“, Kohlezeichnung

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Mutter und Kind

Die zweite Skulptur habe ich auch schon einmal in einer Foto-Collage der Impulswerkstatt unter dem Titel „Ertrunkene“ gezeigt.

Auch in meinem „Welttheater“ kommt eine solche Mutter vor: der noch kindliche Hawi erinnert sich an sein friedliches Dorf, wo einer dem anderen half:

Doch dann sind Männer angekommen

die haben uns das Land genommen.

Das Feuer kam, es brannte loh!

und niemand in dem Dorf war froh.

 

Sie haben unser Haus verbrannt

und alle sind schnell weggerannt.

 

Ich musste durch das Feuer rennen

und mich von meiner Mutter trennen.

Weiß nicht, was mit ihr noch geschah.

ich war ja später nicht mehr da.

Mama Afrika heißt einer meiner frühesten Einträge hier auf dem Blog, eine Legearbeit von 2015. Damals schrieb ich:

„Mama Afrika, du unser aller Mama. In deinem Katunkleid mit dem bunten Tuch ums Haar, und dem uralten gegerbten Gesicht.

Von dir kommen wir ja alle her, du hast uns geboren.

Immer noch schickst du deine Kinder über das Meer nach Europa und fragst nicht, ob wir dich lieben. Ob wir deine Kinder lieben. Manchmal kommen wir, mit weißer oder geröteter Haut jetzt, gealtert, müde und anspruchsvoll, zu dir herüber. Kommen wir, um dich zu ehren? Oder um deiner großen Natur willen? Dein Boden bringt ja alles hervor, und doch hungern deine Kinder. Die Geschäftemacher finden zu dir, um den Boden nach Diamanten zu durchpflügen oder nach Gold. Mit dem Geschmeide, aus deinen Eingeweiden gewonnen, schmücken wir unsere weißen Brüste. Deine Tochter aber sitzt in der Hütte, sie macht das Feuer wie eh und je, und dein kleiner Sohn mit dem abgeschossenen Fuß träumt von einer Hütte, in der Frieden herrscht.“

Mama Africa

Immer sehe ich sie im Geist vor mir, die afrikanischen Mütter, die sich ihre kleinen Kinder auf den Rücken binden und auf den Feldern und Märkten mit sich herumtragen, mühsam sie heranziehen, Stolz ihres Herzens, um sie dann in einer der schrecklichen Katastrophen zu verlieren, die den „schwarzen Kontinent“ heimsuchen.

Gestern las ich anlässlich eines Kommentars zum Welttheater nach, wie es mit dem Verkauf von Kleinwaffen nach Afrika steht. Unter dem Titel „Kleinwaffen in Afrika“ nennt das deutsche Bundesministerium für Verteidigung sie

Die wahren Massenvernichtungswaffen

„Kein Waffensystem ist so tödlich wie das der Kleinwaffen. Bis zu 100.000 Menschen weltweit fallen ihnen jedes Jahr zum Opfer. Auch in Afrika gefährden sie als Treiber für Konflikte die Stabilität des ganzen Kontinents.“

So ist das.

Gleichzeitig aber, lese ich bei „Terre des hommes“, ist „Deutschland einer der größten Hersteller und Exporteure von Kleinwaffen. Zu den Herstellern gehören Heckler & Koch, Rheinmetall, Diehl, Walther und Sig Sauer. Allein das G3-Sturmgewehr von Heckler & Koch ist mit zehn Millionen Exemplaren in mindestens 80 Ländern der Welt im Umlauf.“ (https://www.tdh.de/index/). Wie reimt sich das zusammen?

Terre des hommes verlinkt auch einen Bericht, was dieser Kleinwaffenexport insbesondere für Kinder bedeutet. https://www.tdh.de/fileadmin/user_upload/inhalte/04_Was_wir_tun/Themen/Weitere_Themen/Kleinwaffen/Kleinwaffen_in_kleinen_Haenden_Brot_fuer_die_Welt_terre_des_hommes_Bits_FFINAL_12Juli21.pdf

So ist das also. Wir, die großen Friedensbringer und Werteverteidiger, wissen zwar, was die bei uns produzierten Waffen anrichten, aber ist das ein Grund, das lukrative Geschäft einzustellen?

Heute habe ich die zweite Skulptur noch einmal, diesmal mit Tintenstift, gezeichnet. Die frühere Kohlezeichnung bringt das Skulpturale weit besser heraus. Vielleicht sollte ich doch mal wieder die Kohle in die Hand nehmen.

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Welttheater: Vierte Zwischenbilanz (7.-18.2.2023)

Schon wieder sind 12 Tage seit der letzten Zwischenbilanz vergangen. Zeit für eine neue, damit auch Spätkommer und Manchmalleserinnen das Welttheater verfolgen können.

Die erste Zwischenbilanz  schrieb ich am 12. Januar. Dort findest du auch ein Personenverzeichnis und eine Revue, „wie alles begann“: Die „blinde Poetin“ (Domna) wurde Ende 2022 zur wichtigsten Repräsentantin des Jahres 2023 gewählt. Sie ist also der spiritus rector dieses „Welttheaters“.  Mithilfe von Eichendorffs „Wünschelrute“ (Zauberwort) findet Domna das Leitmotiv des Stücks, das im Jahre 2023 aufgeführt wird: Geben und Nehmen im Ausgleich“. Dieses Motiv wird durch alle folgenden Szenen variiert.

Die zweite Zwischenbilanz vom 24. 1. endet mit dem Einbruch in Wilhelms Lager (Horten vs. unrechtmäßige Aneignung), wo sich die Gesellschaft zum gemeinsamen Frühstück („Symposion“, Austausch) eingefunden hatte.

Die dritte Zwischenbilanz ist vom 6. 1..  Sie endet in der Bucht, wo Domna und Tschinn ihre Sichtweisen über die Gesetze der Natur und der Menschen gegeneinander stellen und Diaphania (Transparenz) erscheint.

Während Tschinn und Domna Diaphania ihre Auffassung erläutern (Gesetz-des-Stärkeren/Fitteren vs Geben-und-Nehmen-im-Ausgleich), überredet Kairos das Kind Clara, sich von ihm zum erstrebten „Taschengeld“ entführen zu lassen. Clara eignet sich die „Taler“ an, die sie freilich nicht in ihrem Tauschwert erkennt, sondern zum unschuldigen Spiel benutzt. Als Jenny auftaucht, will sie ihr die „Taler“ schenken. Jenny aber bezweifelt die Rechtmäßigkeit der Aneignung und stellt Clara die Folgen ihres „Diebstahls“ vor Augen. Clara ist bestürzt, versteht Jenny nicht, da sie keine Ahnung von Eigentum und menschlichen Gesetzen hat. Doch weiß sie, was „Diebstahl“ ist (wenn man ihr wegnimmt, was ihr gehört).

Inzwischen kuriert Danai im Lager den abgestürzten Wilhelm mithilfe hallunizogener Kräuter. Er halluziniert die Weiblichkeit (Hedonie) erst als gebährende und tragende Mütterlichkeit, dann im Liebesakt, der, wenn er gelingt, die höchste Form von Geben-und-Nehmen-im Ausgleich ist. Doch hier bleibt es eine Illusion (Halluzination).

Erwachend will er Hedonie (Isolde) dort finden, wo er sie zuerst traf: in der Bucht. Die Afrikaner Abud und Hawi und Danai schleppen ihn wunschgemäß aus dem Lager und durch den Spinnwebwald. Am Ausgang des Sumpfes streiken Abud und Hawi. Abud, durch frühe Erfahrungen misstrauisch, will wissen, welchen Lohn er erhalten wird. Danai überredet ihn abzuwarten, wie sich Wilhelm ihm gegenüber verhalten wird: grausam und betrügerisch wie die Kolonialherren oder wie ein Freund (gerechter Lohn vs Ausbeutung/Raub)

Die Spirits (Elementargeister), die den Sumpf beleben, erschrecken Hawi. Danai erläutert ihr Wirken: Jedes Element sei für sich zerstörerisch, Leben entstehe und werde erhalten durch Zusammenwirken und gegenseitige Begrenzung (grenzenloser Egoismus vs Selbstverwirklichung durch Kooperation).

Sie machen ein Feuer. Die Elementarwesen Feuer und Wärme/Licht werden wirksam. Der kindliche Hawi erzählt von seinem Herkunftsdorf, wo alle harmonisch zusammen lebten und arbeiteten, bis „Männer“ kamen und alles verbrannten. Er entkam durchs Feuer. Abud hatte ähnliche Erlebnisse, fragt zornig nach den Verantwortlichen und der Strafe: Wer gab die Waffen? Wer den Befehl? Danai ermahnt ihn, seine Wut („Glut“) zu kontrollieren, da sonst die Hölle losbrechen würde (Alleinherrschaft des Feuerelements=Zerstörung).

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Erkundung

Ich mag es nicht bei den „Unlustbarkeiten“ der Prozessionsraupen belassen, denn der heutige Tag hat viel wirklich Schönes gebracht. Es reichte, dass wir uns auf die Socken machten, den nahegelegenen Stadtwald aufsuchten, von dort durch Löcher in Umzäunungen stiegen, weite verwilderte Naturlandschaften durchstreiften und schließlich in einer mir unbekannten Wohngegend landeten … Wir: mein zu einem Kurz-Besuch hier weilender Sohn und ich.

Die Mandelbäume stehen in voller Blüte, der Himmel ist knallblau und die beiden von uns aus sichtbaren Gebirge – Pendeli und Parnitha – zeigen Spuren von Schnee.

Im „Syngrou“ (Stadtwald, benannt nach seinem Stifter) wurde tüchtig aufgeräumt: Vertrocknete Bäume wurden beschnitten, verwildertes Unterholz an einigen Strecken, die besonders brandgefährdet sind, beseitigt. Sogar eine Übersichtstafel wurde aufgestellt, damit man sich nicht verirrt. Manchen gefällt dieser Ordnungseifer nicht, es gab Proteste deswegen. Immerhin gibt es nun auch neue, funktionierende Anschlüsse für die Feuerwehr, und ein riesiges Wasserresevoir gibt es auch. Die „Wurzelmännchen“ aka Weinreben sind noch da, ihr Feld stabil eingezäunt.

Wir verlassen das ummauerte Gelände des Syngrou an der entgegengesetzten Seite durch eine Lücke in der Mauer und gelangen in eine elegante Neubaugegend: Die durch Kameras gesicherten Grundstücke mit Häusern, die die Hand bekannter Architekten verraten, haben Sicht auf diesen Wald, was die Grundstückspreise natürlich mächtig beflügelt.

Wenig später hört die Bebauung auf, es gibt nichts mehr als eine leere Erschließungsstraße und einen Drahtzaun vor einem weitläufigen bewaldeten Gelände. Wenn du genau hinschaust, erkennst du in der Ferne die beschneiten Gipfel des Pentelikon.

Natürlich gibt es im Zaun ein Loch, groß genug, um hindurchzusteigen, und auch einen Trampelpfad, der von hier aus ins Waldgelände hinunterführt. Ein Raubvogel kreist darüber, später sehe ich einen zweiten. Unterwegs treffen wir eine Schildkröte, die haarscharf am menschlichen Schuh vorbeimarschiert auf ein uns nicht bekanntes Ziel zu.

In eine Gruppe riesenhafter Pinien hat jemand ein abenteuerliches Baumhaus gezimmert. Das ist die einzige Bebauung weit und breit.

Der Pfad führt an der anderen Seite des Geländes erneut durch ein Loch im Zaun raus auf einen schön gepflasterten und mit Laternen geschmückten Weg. So ist das Leben hier: voller Überraschungen. Ein Weg, der im Nichts beginnt und endet. Niemand scheint diesen Weg zu benutzen, außer den Anrainern, die hier ihre teuren Häuser auf teilweise riesige Grundstücke gestellt haben.

Die Grundstücke sind natürlich durch alle möglichen Schickanen vor Einbrechern gesichert. Müssen sie auch, denn hier riecht es nach viel Geld.

Gleich danach ist wieder Wildnis angesagt, die gelegentlich durch provisorische Erschließungsstraßen zu Häusern führen. Über den Trockenbach führt ein Brückchen.

Und dann ist es nur noch eine Viertelstunde bis nach Hause…. Mein Schrittezähler meint, dass wir 5,5 km zurückgelegt haben.

 

 

 

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Tagebuch der Unlustbarkeiten: Prozessionsraupen

Eine Lustbarkeit ist es wahrscheinlich für die Prozessionsraupen, nicht aber für die betroffenen Bäume und den vorbeiwandernden Betrachter. Im Stadtwald sah ich heute – viel zu früh im Jahr – lange Schlangen, die sich kaum merklich, aber eben doch vorwärtsbewegten. Eine leichte Welle ging durch die Reihen, teilte sich den einzelnen Individuen mit, und weiter gings.

Über die Pinienprozessionsspinner, um die es sich hier handelt, habe ich schon berichtet (hier und hier). Warum sie manchmal die Orientierung zu verlieren scheinen, so dass sich die Schlange verknäuelt und nicht mehr vorankommt, weiß ich nicht.

Die Raupen sind, so las ich, nachtaktiv, aber manchmal sind sie eben auch am Tage unterwegs. Sie steigen dann von ihrem Wirtsbaum herab, wo sie in eine Art Nester eingewoben sind, und suchen andere Bäume auf, die sie abfressen können. Das Ergebnis ihrer Fresssucht ist leider nicht sehr hübsch: die Bäume sterben bei starkem Befall ab. Dieses noch junge Bäumchen hat keine besonders guten Aussichten, außer, ihm wird durch Menschenhand geholfen.

Im April oder Mai werden sie sich verpuppen (vielleicht nun auch schon früher?). Dafür graben sie sich in die Erde ein, kollektive braune Nester bildend. Einen kurzen Sommer nur leben die Ende Juni schlüpfenden Motten-ähnlichen Falter, Zeit genug, um pro Weibchen 250 bis 350 Eier zu produzieren und in die Kronen der Pinien einzuweben.

Wozu sind sie gut? Als Nahrungsquelle für andere Lebewesen taugen sie wenig, denn sie sind mit giftigen Härchen bewehrt. Neugierige Hunde können durch Beschnüffeln zugrunde gehen. Ein paar Feinde haben sie aber trotz ihrer Nessel-Behaarung: einige Wespen-, Raupenfliegen- und Wollschweber-Arten haben sich auf ihre Eier spezialisiert (Parasitoide). Und einige Vögel wie Meisen, Kuckuck und Wiedehopf mögen sie sogar fressen. Mir solls recht sein, denn ehrlich: ich mag sie nicht besonders. Sie gehören nicht zu meinen Freunden.

 

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Tägliches Zeichnen: Hand mit Zypressenzapfen (Nr 4)

Noch einmal das kleine zerklüftete Ebenbild der Weltkugel – der weibliche Zapfen der Zypresse – in meiner Hand. Diesmal habe ich langsamer gezeichnet.

Die drei vorigen zumVergleich:

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