Rom – Gli Amici in Trastevere

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Am letzten Abend sind wir hinaufgefahren auf den Aussichtspunkt von Gianicolo.  Wir wollten einen letzten  Blick auf die Stadt werfen, die langsam verdämmerte, bis nur noch die elektrischen Lichtmuster sichtbar waren. Dort, auf dem höchsten Hügel, steht das Reiterstandbild von Garibaldi (1807-1882), Guerillero auf zwei Kontinenten, Sozialrevolutionär und Großmeister der italienischen Loge,  gefeiert als der Befreier und Einiger Italiens. Es ist ein herausgehobener Platz, angemessen einem Mann, der im Großen wirkte. Die Einzelheiten lassen sich von dieser Höhe aus nicht erkennen.

Doch nicht von ihm und seinen Amici will ich hier erzählen. Der Platz mit dem Reiterstandbild Garibaldis ist nur der Ausgangspunkt für weitere Erkundungen. Hinab gehts ins Gewühl von Trastevere, in die Menschennähe, ins Einzelne, ins hautnahe Erlebnis.

Hungrig sind wir und müde, denn der morgendliche Spaziergang auf der Via Appia steckt noch in den Knochen. Nach etlichen vergeblichen Anläufen finden wir ein freies Tischchen in einem freundlichen Gärtchen, das auf einen belebten Platz hinausschaut. Glücklich studieren wir die Speisekarte und entdecken, dass wir an einem ganz besonderen Platz gelandet sind. Es handelt sich um eine Taverne, die mit Behinderten und Freunden arbeitet, die Wein von kleinen Produzenten aus ganz Italien bezieht, die mit ihren Gewinnen einen Haufen anderer Projekte unterstützt, unter anderem für die Bekämpfung von Aids in Afrika. All das steht auf dem hübsch gestalteten Tischtusch.

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Begeistert bestellen wir, genießen die ausgezeichnete Küche doppelt. Ich fotografiere auch einige der Bilder, die, von behinderten Jugendlichen angefertigt, die Innenräume schmücken.

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Als ich heute bei Ulli von der Geduld las, die man braucht, da sich die Verhältnisse nur schleppend verbessern, und ein Kommentar an all die vielen kleinen geduldigen Initiativen erinnerte, die das Gewebe der Gesellschaft von unten reparieren, dachte ich, euch diese wunderschöne Initiave im Herzen von Trastevere vorzustellen. Wenn ich jünger wäre, würde ich solch einen Ort schaffen…. , nein, ich weiß nicht, ob ich dazu die Geduld hätte. Aber ich freute mich sehr, diese jungen Menschen in ihrem schönen Engagement zu beobachten und ein Glas Wein mehr zu trinken aufs gute Gelingen.

Wenn die großen Veränderungen im 19. Jahrhundert von Einzel-Kämpfern wie Garibaldi verwirklicht wurden, so ist es heute eher ein langsamer, kaum wahrnehmbarer Prozess, getragen von vielen Menschen, der die gesellschaftlichen Verhältnisse freundlicher gestaltet und voranbringt. So meine ich, so hoffe ich.

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Rom – Die Kunst des XXI Jahrhunderts

Die zeitgenössische Kunst ist in Rom eine weibliche Angelegenheit. Sehr dankbar bin ich, dass ich diesen Aspekt gleich am ersten Tag entdeckte: das MAXXI – Museo nazionale delle arti del XXI secolo. Entworfen wurde es von der erstaunlichen Zaha Hadid, von deren Arbeit ich seit einer Ausstellung ihrer Entwürfe in New York tief beeindruckt war.

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„Das Wichtigste ist die Bewegung, der Fluss der Dinge, eine nicht-euklidische Geometrie, in der sich nichts wiederholt: eine Neuordnung des Raumes.“  So meinte Zaha Hadid, die 1960 in Bagdad geborene große Architektin (erst 66jährig, starb sie im März dieses Jahres). Sie habe sich von der russischen Avantgarde zu Beginn des 20. Jahrhundert inspirieren lassen, und sei dem Credo von Malewitsch gefolgt:  „Wir können nur dann Raum wahrnehmen, wenn wir uns von der Erde loslösen, wenn der Auflagepunkt verschwindet.“ (1928) 

Kein Wunder, dass ich gleich am ersten Tag meines Rom-Aufenthaltes den aufgerissenen Bauch des antiken Rom, der Tag und Nacht von den Ameisenströmen der Touristen durchwandert wird, hinter mir ließ und ein Taxi ins ehemalige Kasernengelände von Flaminio nahm: Den Bau von Zaha Hadid musste ich sehen! Denn eine Architektur ohne rechte Winkel, einen festen Bau im Fluss, in dem sich nie irgendetwas wiederholt – das schien mir der zeitgemäße Rahmen für das zu sein, was ich von der Kunst des XXI Jahrhunderts erwarte.

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Das MAXXI wurde nicht nur von einer Frau gebaut, es wurde 2009 mit der Performance einer anderen Frau, der Choreografin Sasha Waltz und ihrer Tanzcompagnie eröffnet. Auch die ersten Direktorinnen des MAXXI sind Frauen: Margaret Guccione und Anna Mattirolo.

Der Gang durch das MAXXI war ein Abenteuer nicht nur wegen des fantastischen Raumgefüges, sondern auch wegen der Exponate: Architekturentwürfe und -modelle in einem Teil, skulpturelle Installationen, Videos, Fotografie und ein wenig Malerei auf den übrigen Flächen.  Dazu eine Studienabteilung, ein Hörsaal, eine Bibliothek und – zum Glück! – auch eine Bar, denn die Füße, ach, die Füße!

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Hier ein Selfie in der riesigen Animation der pakistanischen Künstlerin img_8211 Shahzia Sikander, die natürlich längst nicht mehr in Lahore lebt, wo sie in der traditionellen Miniaturkunst ihrer Heimat  ausgebildet wurde. Sie arbeitet immer noch am liebsten mit paper and pencil und integriert ihre Zeichnungen in ihre gewaltige farbenfrohe Animation, die einen riesigen Raum beherrscht.

Auf den Raum bezogen sind auch viele der anderen Kunstwerke, in eindrucksvollster Weise wohl in dieser (von ??): der lange geschwungene Gang wird beherrscht von einer kalten Deckenbeleuchtung und einem Gitternetz an der Wand. Du eilst den Gang entlang, denn es gibt ja sooo viel zu sehen in diesem Museum und du hast soo wenig Zeit .

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Und dann siehst du sie plötzlich, die weißlichen Hände, die sich durch das Gitter strecken, manche resigniert herabhängend, andere ans Gitter geklammert.

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Am Ende des Ganges und nun wieder im Licht findest du aufatmend eine Videoinstallation mit Zugvögeln. So jedenfalls habe ich es verstanden: Die Vögel umrunden unsere Erde und bilden um diese herum eine bewegte flatternde Hülle. Jede Vogelart auf ihre Weise.

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Ich erzähle vielleicht später weiter von diesem fantastischen Kunstraum MAXXI. Denn jetzt muss ich erneut aufbrechen: es ruft die Mani!  Seid herzlich gegrüßt und genießt die neue Woche, die nun gerade begonnen hat.

 

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Rom – Via Appia

Rom. Wie soll ich dich fassen? Bist du diese alten Steine, auf denen Petrus und Paulus ihrem auferstandenen Heiland begegneten? Via Appia Antica heißt sie heute, war einst eine viel befahrende und durchwanderte Handelsstraße.

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Auch ich ging über diese Steine, suchte den Schatten der Zypressen und Pinien an einem heißen Septembertag des Jahres 2016. Das war gestern.

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Das Antik-Römische und das Christlich-Römische sind eine tiefe Verbindung eingegangen.

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Versuche nur recht gelehrt und fleißig, ihre Steine und Ausdrucksformen auseinander zu dividieren …

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…im Gegenlicht der Geschichte werden sie eins mit den Bäumen und dem Land, aus dem sie erwachsen sind.

Auf der nun fromm gewordenen Via Appia begleiten dich die Stationen des auferstandenen Heilands, geformt aus gebrannter Erde.

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Aber auch die vorchristlichen, nun heidnisch genannten  Kulturen kannten dieselbe Sehnsucht nach einem Leben, das den Tod überdauert, und die Herrschenden bauten sich gewaltige Grab-Monumente …

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oder füllten die Asche ihrer Verstorbenen in Vasen zwecks ewigen Andenkens.

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Ein wenig mag das geholfen haben, um den Schmerz zu ertragen, den der Tod zu allen Zeiten bedeutete. Mich aber erfreute, dass ich an eben dieser Straße einen kleinen Park mit neuzeitlichen Skulpturen fand, mit denen das Leben gepriesen wurde.

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Besonders freute mich, dass dieser Künstler aus Kolumbien

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einer Schaukelinhaberin ein Denkmal setzte. Denn geben wir es zu: das Schaukeln ist reine Lebensfreude, ja des Lebens selbst, das mal rauf, mal runter geht.

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Auf nach Rom!

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Du willst nach Osten, und segelst nach Westen? – Ja, warum nicht! Das tat auch Kolumbus mit schönem Erfolg. Er vermutete: die Erde sei rund. Und siehe da: sie war rund. Er war natürlich nicht der erste, der das glaubte. Die immer wissbegierigen Griechen waren schon lange davon überzeugt – schließlich waren sie Seefahrer und wussten Bescheid. Doch erst nach Kolumbus und den ungeahnten Schätzen, die seine Entdeckung dem alten Kontinent bescherte, ließen sich die kirchlichen Dogmatiker von der Kugelfom der Erde überzeugen.

Auch ich wende nun den Bug meines Schiffes gen Westen, um mein Ziel, Ephesos im Osten, zu erreichen. Aber ich tue es aus einem anderen Grund als Kolumbus. Ich möchte nicht länger den geographischen Illusionen folgen, sondern will mich den Zeitläuften anvertrauen.

Was ich damit meine? Der Raum ist, wie wir sahen, relativ. Fährst du lange genug nach Westen, gelangst du in den Osten – und  umgekehrt. Aber wie ist es mit der Zeit? Wenn ich mich in den Zeitläuften rückwärts bewege, stoße ich auf Rom, bevor ich nach Athen oder gar nach Ephesus gelange.

Nimm das Christentum, zum Beispiel.

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Wie klein und unscheinbar war der Samen des Christentums in Ephesus,  als Johannes dort sein Evangelium schrieb und Paulus die Händler des Artemis-Tempels verärgerte, weil er ihre Idole, mit denen sie ihren Lebensunterhalt verdienten, verdammte! Als der Same dann Richtung Westen getragen wurde, begann er zu keimen: Paulus predigte den Athenern auf dem Aeropag,  und Petrus den Handwerkern und Fischern in Korinth.  In Rom wuchs der Same zum Baum, der sich mit mächtigem Gezweig über die westliche Hemisphäre breitete. Später wurde es dann ein ganzer Wald – aber darüber will ich mich hier nicht auslassen.

Von heute aus betrachtet tritt mir zuerst Rom, die „ewige Stadt“, vor Augen. In ihr wurde all das verdaut und ins Große gewendet, was zuvor in Athen herangewachsen und an der asiatischen Küste gesät worden war. Also gehe ich jetzt nach Rom, um mich von dort vom Zeitstrom rückwärts tragen zu lassen ….

Ich bin zuversichtlich, dass ich so sicher in Ephesus lande. Denn bei allen großen Strömungen, deren Oberfläche wir beobachten, bemerken wir eine feine Unterströmung, die in die entgegengesetzte Richtung führt. Auf nach Rom! Von dort soll mich die feine Unterströmung in den Hafen von Ephesos treiben.

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Mit besten Grüßen aus Athen!

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Sonnenaufgang mit Himmelsbogen

Arc de ciel nennen die Franzosen den Regenbogen, und die Griechen nennen ihn Ouranio Toxo. Beides bedeutet „Himmelsbogen“. Er ist ein gutes Omen. Für mich war es besonders beglückend, denn wir reisen für den Rest der Woche nach Rom.

Heute, kurz bevor die Sonne über die Gipfellinie des Taygetos stieg, öffnete ich das Moskitonetz und stieg von unserem Lager auf der Turmterrasse. Den gestern noch klaren Himmel bedeckte eine dünne gelblich verfärbte Wolkenschicht.  Würde es regnen?  Während ich mit noch schläfrigem Blick den Himmel beäugte, erwägend, ob ich die Matratzen lieber gleich ins Haus schleppen sollte, sah ich, wie sich ein Himmelsbogen über

dem Meer bildete. img_8067  Du kannst dir mein Entzücken denken, als sich der Bogen gemächlich über den ganzen Himmel spannte und sich sogar teilweise verdoppelte. Nie, in meinem ja nun schon etliche Jährchen währenden Leben, hatte ich einen Regenbogen vor Sonnenaufgang gesehen!  Du weißt vielleicht, dass der Bogen umso größer wird, je niedrigen die Sonne steht. In eins  konnte ich ihn daher nicht fotografieren, denn die Sonne befand sich nach wie vor unterhalb meines Horizontes.

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Die Farben des südlichen Abschnittes (oben) unterschieden sich deutlich von dem im nördlichen Abschnitt, in dem die Wolkenschicht dichter war (unten).

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Die Sonne, wenngleich selbst nicht sichtbar, schickte ihre Strahlen über die Gipfel voraus,

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bis sie den ganzen Himmelsraum mit ihrem feurigen Glanz erhellte.

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Kali evdomada (Gute Woche!), wie man sich hier am Montag wünscht. Euch allen eine Woche voller Abenteuer und Wunder. Gerda

 

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Nacht für Nacht

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Nacht für Nacht irre ich auf den Traummeeren, die sich zwischen Asien und Europa erstrecken. Wachend folge ich jedem Sonnenaufgang,  folge der Bahn der Sonne und finde mich am Abend erneut am Ausgangspunkt.  Nun habe ich die Kompassnadel festgezurrt: Sie schaut nach Osten! Immer nur nach Osten. Es muss doch möglich sein, eine Richtung einzuhalten, selbst auf diesem Planeten, der sich dreht.

In den Traumnächten begegnet mir viel Volk. Ich will gar nicht erst versuchen, all die Wesen aufzulisten, die sich ein Stelldichein geben in den Traumwelten. Du kennst dich aus, weißt, wie unsicher die Auskünfte sind, die man da geben kann. Nur so viel: Immer wieder segele ich auch am Eingang des Hades vorbei, und jedesmal zerrt der Herrscher der Unterwelt,

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auf seinem stierartigen Ross reitend, ein anderes widerstrebendes Opfer in den Rachen seiner Welt.

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Aber lassen wir das. Über den Tod haben wir noch genug Zeit zu reden.

Am Tag irre ich durch die Archipele,

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nähere mich auch zaghaft der einen und anderen Insel, nur um zu finden, dass sie unbewohnbar ist.  Jedenfalls für mich, zum jetzigen Zeitpunkt. Zu feurig! Meine Seele ist noch zu wässrig, um diesem Feuer standzuhalten.

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Denn sagt nicht Heraklit, den ich suche: αὐγὴ ξηρὴ σοφωτάτη καὶ ἀρίστη, ἢ καλύτερα: αὔη ψυχὴ σοφωτάτη καὶ ἀρίστη. Aber lassen wir auch das für den Moment.  Denn es gilt, Kurs zu halten.

Wie die rostigen Blüten auf meiner Gartenschublade, wie die unzähmbaren Blüten auf Cy Twomblys Gemälden präsentieren sich mir die Inselwelten zwischen Europas und Asiens Küsten, feurig und wild.

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Werde ich zwischen ihnen verrosten? oder mit ihnen erblühen? Wird es mir je möglich sein, mich auf diesem Ozean zurechtzufinden und festes Land zu gewinnen? Die Seele ist ein Ozean, „grenzenlos, und soweit du auch wanderst, du wirst die Grenzen der Seele nicht finden, so große Tiefe hat sie“.  (ψυχῆ ς πείρατα ἰὼν οὐκ ἂν ἐξεύροιο πᾶσαν ἐπιπορευόμενος ὁδόν· οὕτω βαθὺν λόγον ἔχει.)  Das sagt Heraklitos, raunt es mir zu in den Nächten, wenn ich mich ihm auf Traumpfaden nähere.

 

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Sonnenaufgang / Sonnenuntergang

In wenigen Tagen werden sich Tag und Nacht die Waage halten. Danach wird sich die kosmische Waage unaufhaltsam der Nacht zuneigen.

Noch aber überwiegt der Tag. Ich begrüßte ihn, als die Sonne sich gerade anschickte, über dem Taygetos aufzugehen….

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Dort also ist der Osten, dachte ich wenig überzeugt, denn der Osten verbindet sich für mich mit Meer, nicht mit Gebirge. Bin ich doch an der Ostsee geboren….

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Der spitze Gipfel mit dem schwarzen Pfeil ist „unser“ Berg, an ihm kann ich mich orientieren (auch das kommt vom Wort Osten, Orient). Der rote Pfeil weist auf den höchsten Gipfel des Taygetos, die „Pyramide“ – 2600 m hoch ist sie, gemessen von der Meeresoberfläche, und tatsächlich hat sie die Form eines gleichschenkligen  Dreiecks. Wenn die Sonne hinter ihr aufgeht, wirft sie ein perfektes Schattendreieck auf das Meer.

Leider habe ich es nie geschafft, bei Sonnenaufgang auf der Pyramide zu stehen und ihren Schatten auf dem Meer zu sehen. Andere aber haben ihn gesehen und sogar fotografiert. Also dürft ihr mir glauben.

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Den Sonnenuntergang habe ich heute auch betrachtet. Das tue ich eigentlich jeden Tag und werde es nicht müde. Meistens schwimme ich dabei und singe. Heute war ein sehr warmer, irgendwie träger Abend, die Felsen schwappten wie uralte Tiere im leicht bewegten Wasser. Beim Foto vermied ich den Feuerball der Sonne, mir reichte, wie auch am Morgen,  ihr Schein.

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Ich war ein wenig traurig, denn kurz zuvor hatte ich eine Riesenschildkröte gesichtet, eine Caretta Caretta, und die war tot. Sie wirkte aber fast lebendig, als ich sie in eine kleine Felsenbucht trieb. Eine Verletzung konnte ich nicht feststellen, aber eine Frau, die das Tier vorher gefunden hatte, sagte mir, es habe auf dem Rücken gelegen mit durchgeschnittener Kehle. Ich betrachtete sie lange, wie sie mit ihren Flossen, die sich wie Flügel bewegten, im Wasser schaukelte, bis sie erneut auf dem kiesigen Grund festsaß.

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Es ist mir immer noch so schwer, den Tod zu akzeptieren. Aber das muss ich wohl, genauso wie, dass die Nacht sich nun vertiefen wird, bis in der Mitte des Winters die Tage erneut anfangen zu wachsen….

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Et in Arcadia ego / Das Kirchlein der Theodora

Vom Gipfel des Wolfsberg – mit seinem Adlerblick, dem frischen Wind, der kargen Vegetation, der Verlassenheit und den Goldbechern, die inmitten bröckelnden  Gesteins das Licht der Sonne in sich sammeln  – , bis zum Quellgebiet des Flüsschens Charadros sind es in Luftlinie nicht mehr als 15 km. Aber es eröffnet sich eine Welt, die verschiedener nicht sein könnte. Überbordende Vegetation, glitzerndes Wasser springt über weißes rundes Geröll , Vögel huschen durchs Gezweig,  Libellen breiten grüngoldene Flügel, Menschen kommen und gehen, stecken Kerzen an, die sich imWasser spiegeln, treten voller Andacht in das Kirchlein der Hl. Theodora, hinterlegen Zettelchen mit Namen geliebter Menschen, um deren Gesundheit sie bitten.

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Und das alles wegen eines „Wunders“, das so ziemlich jeder Grieche, jede Griechin vor allem, einmal besuchen möchte.

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Dieses Kirchlein – ein einfaches Rechteck mit einem Trullos (Kuppel) und einer kleinen Absis – wurde im 10. Jahrhundert gebaut, als die Venezier die Peloponnes beherrschten und sie Moreas nannten. Es steht über der Quelle des Flüsschens Charadros, so dass an allen Tagen des Jahres  Wasser in Trinkwasserqualität unter ihm hervorströmt und durch einen Dschungel von Platanen und Farnen über helles rundes Gestein hinab zum Tamissos springt.

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Schon wenig später hat das Flüsschen durch andere Zuflüsse so viel Kraft entwickelt, dass es selbst jetzt, am Ende des Sommers, eine Mühle betreiben kann.

Das wäre ja schon Wunder genug! Doch nein, das „eigentliche“ Wunder, das diesen Ort zu einem Pilgerort macht, sind die Bäume, die auf dem Dach des Kirchleins wachsen. Ja, schau nur hin! Ein ganzer Wald hat sich auf dem Schindeldach angesiedelt!

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Wunderbarer Weise haben sich die Wurzeln der Bäume nicht in den heiligen Innenraum verirrt, sondern  sind hübsch draußen geblieben. Und unter der Last der Bäume ist das Kirchlein nicht zusammengebrochen. So hat sich in tausend Jahren ein lebendiges Ensemble von Menschenwerk und Naturkräften gebildet, das sein Gleichgewicht täglich neu herstellt. Denn die Bäume wachsen ja, die Witterung wechselt, und das Kirchlein, dessen Wände und Decke schon den einen und anderen Riss davongetragen haben, wird täglich wieder liebevoll in den Gesamtverband der Naturkräfte aufgenommen, zusammengehalten, neu zusammengefügt und erhalten.

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Die alten Fresken, die die Wände noch bis in die 50er Jahre bedeckten, sind freilich fast verschwunden. Schuld sind die Besucherströme, die, seit eine bequeme Autostraße den abgeschiedenen Ort mit den umliegenden Provinzen verbindet, täglich anreisen. Der Atem der Menschen hat die Fresken ruiniert. Nur Spuren einer Mutter Maria sind noch zu erkennen – aber vielleicht ist es auch die kämpferische tapfere Theodora, die hier als Heilige abgebildet ist.

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Die Legende hinter diesem Ort willst du wissen? Nun, Theodora war die Tochter eines armen Mannes (von einer Mutter hören wir nichts), der viele Töchter, aber keinen Sohn hatte. Die Familien waren aber verpflichtet, einen Sohn für den Wehrdienst zu stellen oder das Geld für einen Söldner aufzubringen. Was war zu tun? Geld gab es nicht, Söhne gab es nicht und der Vater war zu alt und klapprig für den Wehrdienst. Kurz entschlossen verkleidete sich Theodora und wurde zu Theodor, tat sich durch besondere Tapferkeit hervor und wurde sogar zum Hauptmann befördert. Doch dann wurde eine Nonne, deren Kloster seine Gruppe zu bewachen hatte, schwanger. Um sich zu retten, bezichtigte die Nonne den Theodor, er habe sie vergewaltigt. Theodora lüftete ihr Geheimnis nicht, da sie ihren Vater nicht gefährden wollte, und so wurde sie verurteilt und geköpft. Doch zuvor äußerte sie einen Wunsch: Mein Leib soll zu einem Kirchlein werden, meine Haare zu Bäumen und mein unschuldiges Blut zu einem Fluss. Und so geschah es ….

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Durch und durch weiblich ist dieses Kirchlein, das fühlst du sicher auch, wenn du einmal in die Gegend kommst und es besuchst. Es ist Höhle, Mutterleib, Innenraum. Wenn du willst, kannst du das Kirchlein auch für den abgeschlagenen Kopf der Theodora halten. Denn das Geistige ist ja nicht auf die Männer beschränkt, die asketisch in den Höhen wandeln und denen gelegentlich auch der Kopf abgeschlagen wird (siehe Johannes der Täufer in:  https://gerdakazakou.com/2016/09/16/et-in-arcadia-ego-der-wolfsberg/ ). Nur äußert sich das Geistige bei uns anders, denke ich. Kein Totenkopf präsentiert sich hier. Aus unserem kämpferischen Haupt dürfen Wälder sprießen, in denen Vögel nisten, und Quellen dürfen aus ihm strömen zur Freude aller Lebewesen.

Et in Arcadia ego. Viel wurde gerätselt über diesen Satz. Goethe setzte ihn als Motto über seine Italienische Reise. Manche glauben, der Tod spreche den Satz aus: „Auch mich wirst du im paradiesischen Arkadien antreffen“. Manche sehen darin einen Einweihungssatz: „Auch ich war in Arkadien – ich weiß alles über Leben und Sterben“. Das berühmteste Bild dazu hat im Jahr 1638-9 der Barockmaler Nicolas Poussin gemalt. Die „arkadischen Hirten“ entziffern die Inschrift auf einem Sarkophag. Sie heißt Et in Arcadia ego. Eine hohe Frauengestalt legt ihre Hand auf die Schulter des einen Hirten, der sich fragend umwendet, als wolle er sie bitten, ihm das Rätsel zu lösen. Aber sie lächelt und schweigt.

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Et in Arcadia ego / Der Wolfsberg

giovanni-francesco-barnieri-et-in-arcadia-ego  Giovanni Francesco Barbieri, Et in Arcadia ego (1616–1620)

Auch ich war in Arkadien. Gestern. Und besuchte zwei heilige Orte, die verschiedener nicht sein könnten.

Der erste ist ein hoher einsamer Ort, kahl und steinig, auf schmalem Schotterweg mühsam zu erreichen: der Gipfel des Berges Lykaion, des Wolfsbergs. Es ist „der heilige Berg der Arkaden“. Leichenweiße bröckelige Steine, manche sind rötlich, was auf Eisenhaltigkeit schließen lässt. Hier wachsen nur ein paar krüppelige Eichen, schöne Disteln und ein Heer von Königskerzen, die jetzt ihre erloschenen Kerzen in den blauen Himmel spießten.

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Doch zwischen dem bröckelnden Gestein blüten zahlreiche goldene Kelche hervor, als wollten sie das Licht des Tages in sich auffangen.

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Der gesamte zentrale Teil der Pelopsinsel – Arkadien – breitet sich vor deinem Auge.  Du wirst zum Adler. Zeus wurde hier verehrt. Sein Tempel  durfte von Menschen nicht betreten werden. Taten sie es doch, merkten sie bald, dass sie ohne Schatten waren. In spätestens einem Jahr würden sie tot sein.

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Über den Wolfsberg wurden im Altertum viele Geschichten erzählt. Von Menschenopfern wurde geraunt. Der König der Arkaden wurde, weil er Zeus gebratenes Menschenfleisch vorsetzte, in einen Wolf (lykos) verwandelt, daher der Name des Berges Lykaion. Pausanias, der die Tempel Griechenlands im 1. Jahrhundert noch vorfand und bereiste, berichtet davon, und Ovid beschreibt die Verwandlung des Königs in seinen Metamorphosen. Aber auch  Platon kannte die uralte Legende. Am Fuße des Berges liegt eine Ortschaft namens Lykosoura, die Pausanias als die älteste Stadt der Welt bezeichnet.

Als ich hinabstieg, sah ich den kahlen Gipfel sich spiegeln in einer Pfütze, die vom letzten Regen stehen geblieben war.

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Der Himmel verfinsterte sich kurz, doch ein frischer Wind zerstreute die Wolken wieder.

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Wie allen antiken Heiligtümern, so hat die Kirche auch diesem ihren Stempel aufgedrückt. Zu mehr als zwei armseligen Kapellen reichte es allerdings nicht. Die bedeutendere wurde 1934 errichtet. Darin fand ich zwei Ikonen, die aus jener Zeit stammen müssen. Die Farbe ist gesprungen. Die eine Ikone zeigt den Propheten Elias, die andere den auferstandenen Christus, zu meiner Verwunderung geflügelt.

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Der Prophet Elias – das ist auf Griechenlands Bergen der Nachfolger von Helios (ΗΛΙΟΣ), dem Sonnengott. Die meisten Gipfel in Griechenland heißen nach ihm. Er fährt wie dieser mit feurigem Pferdegespann in den Himmel. Hier hält er einen Vogel in der Hand, der mir sehr dem Adler des Zeus nachempfunden zu sein scheint. Die anderen Symbole über ihm kann ich nicht entschlüsseln.

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Der Wolfsberg scheint mir ganz und gar dem menschlichen Schädel zu entsprechen. Himmelragend und hoher Geistigkeit zugewandt im Positiven, verknöcherte Natur und Tod (Totenschädel) im Negativen. Die Festung Machaerus am Toten Meer kam mir in den Sinn, wo Johannes der Täufer auf Verlangen von Salome geköpft wurde. Auch jener Berg gleicht einem Schädel, mehr sogar noch als dieser. Und so wunderte es mich kaum, dass im Kirchlein auf dem Wolfsberg  zwei Ikonen des Täufers hingen, seine hagere geflügelte Gestalt im Fell überragt die Berggipfel und ist dem Himmel zugewandt, während zu seinen Füßen sein abgeschlagener Kopf liegt.

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Wenn der Wolfsberg mir „männlich“ zu sein schien, mutete mich der andere Ort, an den wir gestern fuhren,  durch und durch „weiblich“ an. Er nennt sich Hl. Theodora. Darüber schreibe ich in einem anderen Beitrag, weil dieser sonst zu lang würde.

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Menschliche Beziehungen skizzieren

In letzter Zeit versuche ich wieder vermehrt, mit meinem Zeichenstift oder Kugelschreiber menschliche Beziehungen zu beobachten. Ich sehe vor mir ein Paar auf einer Bank oder ein paar alte Männer in einem Kaffeehaus, eine Mutter mit ihrem Kind oder skandinavische Touristen an einem Tavernentisch. Und beginne zu zeichnen.

Die Zeichnungen wollen keine Ähnlichkeit mit den Akteuren, sondern sind ausschließlich auf Haltungen, Bewegungen, Dominanz, Kontakt, Kontaktvermeidung und dergleichen fokussiert. Drauf  gekommen bin ich als teilnehmende Beobachterin in einem kunsttherapeutischen Seminar. https://gerdakazakou.com/2016/01/25/skizzieren-erinnern/ . Nun versuche ich, dies Skizzieren von Beziehungen zu einem Instrument zu machen, das auch andere Studierende benutzen sollen. Ob es mir gelingt, weiß ich noch nicht. Ich sehe es als eine Art Protokoll. Sicher ist, dass es die Aufmerksamkeit enorm erhöht, wenn man versucht, Haltungen und wechselseitige Beziehungen zu skizzieren.

Mein erster Versuch: zwei junge Menschen sitzen auf einer Bank. Offensichtlich kennen sie sich, sie reden, aber sie kommunizieren nicht miteiander. Der junge Mann (M) schaut geradeaus, hält seinen Kopf aber nach links geneigt, und sein übergeschlagenes Bein wirkt als Barriere. Die junge Frau (F) sitzt locker, frontal, in sich gesammelt und schaut abwechselnd geradeaus und auf ihr Handy. M behält in der zweiten Skizze die Abwendung des Kopfes und der Schultern bei, wechselt nur die Beinhaltung. In der dritten Skizze schauen beide gleichzeitig nach links, als würden sie jemanden erwarten, der sie endlich aus ihrer unbequemen Gemeinsamkeit befreit.

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Was gehen dich diese Leutchen an?  Nichts. Auch ich brauche nicht zu wissen, in welcher Beziehung sie zueinander stehen. Das Zeichnen ist eine Übung, eine Schulung in Empathie. Für angehende Therapeuten ist es sehr wichtig, sich der eigenen Körpersprache und der der Klienten bewusst zu sein, damit sie sich einstimmen können.

Hier nun eine Skizze, die ich anschließend machte. Eine sehr energisch redende ältere Frau (links) – in der Mitte eine Mutter und rechts deren kleine Tochter. Die Redeenergie der Älteren habe ich durch Verstärkung des Gesichts dargestellt. Die Mama – mit dem Rücken zu mir – spricht kaum und versucht irgendwie ihre Aufmerksamkeit zwischen der Älteren (Mutter oder Schwiegermutter?) und dem Kind zu teilen, wodurch sich ihre Figur fast auflöst. Das Kind hängt auf dem Stuhl, langweilt sich, schaut mal hier, mal dort hin, ohne erkennbares Interesse.

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Hier nun eine andere Tischbesetzung im Cafe. Eine ältere Frau führt einen jungen Mann und eine junge Frau aus. Sie hat die Initiative. Ich kann sie nicht sehen, denn sie wird von dem jungen Mann verdeckt, der ihr gegenüber Platz nimmt und mit dem sie die Köpfe zusammensteckt. Die junge Frau wird nur gelegentlich durch einen Blick oder ein Wort eingebunden.

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Hier nun eine Gruppe von älteren Männern an einem Kaffehaustisch. Kann man erkennen, was ich festhalten wollte? Vier der Männer sitzen nur lässig da,  jeder ist für sich. Sie äußern sich nicht. Der Mann links vorn sagt etwas in ruhigem Ton. Daraufhin beginnt der Mann rechts vorn heftig zu reden, er wird sozusagen schwarz vor Wut. Sein ganzer Körper gerät in Wallung. Die anderen bleiben gleichgültig und trinken ohne erkennbare Seelenregung ihren Kaffee. img_7939

Ich zeichnete dann in einer Taverne eine Gruppe von skandinavischen Touristen, Männer und Frauen. Sie sprechen lebhaft mit einander, aber dies Sprechen ist eine Sache des Mundes, nicht der Arme und des ganzen Körpers. Sie wirken auf mich, als nähmen sie, jeder und jede für sich, nur sehr wenig Raum ein, und als gingen sie nicht aus sich heraus, als seien sie in sich gefesselt.  img_7942

Ganz anders ein Grieche, Typ Arbeiter, der zuvor mit anderen an einem Tisch gesessen hatte und nun allein ist. Sein Körper, halb verdeckt durch die Stuhllehne, ist entspannt, ein Arm hängt über die Lehne. Er sinniert, er schaut. Außer dem Kopf ist alles gelöst.

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Das also meine kleinen Versuche, mithilfe des Stiftes mehr von den Beziehungen zu verstehen, die die Menschen zu sich und der Welt unterhalten.

Zum Abschluss und zu eurer Belustigung nach so viel ernsthafter Kritzelei ein buntes Bildchen, das ich zu Beginn meiner Beschäftigung mit der Malerei machte. Es ist ca 1980 entstanden und nimmt  das Thema der menschlichen Beziehungen in völlig anderer Form auf. Ich nannte es „Familienausflug“. (Aquarell und Feder)img_6218

 

 

 

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