Jedem das Seine

Dies habe ich eben im Mitmachblog zum Wochenthema „Kauderwelsch“ veröffentlicht.

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In einer Nacht wie vorgestern …

Fünfzehn Jahre ist es nun her. In einer Nacht wie vorgestern – es war die Nacht vom 10. auf den 11. September 2001 – trieb es mich, mit Ölkreide auf Papier zu zeichnen. Keine Ahnung, warum, denn das war damals gar nicht meine übliche Technik. Wahrscheinlich hatte ich es eilig, und Ölkreiden und Papier sind gleich zur Hand.

Was da unter meinen Händen entstand, gefiel mir nicht, denn es schien mir, es sei ein Dämon. Ich sagte zu ihm: „Nein, geh weg, ich will dir keine Gestalt geben“. Also  überzeichnete ich das, was da entstehen wollte, wieder und wieder, aber das, was mir wie ein Dämon vorkam, setzte sich immer wieder durch.

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Endlich gab ich auf und griff mir ein anderes Blatt Papier, zeichnete von neuem, benutzte auch Klebestreifen. Doch das half gar nichts, denn diesmal entstanden gleich mehrere „Flugdämonen“ – grau-rötliche geflügelte Wesen. Leider kann ich das Bild nicht finden. Erneut zeichnete ich, auf einem anderen Blatt Papier, fest entschlossen, diesem Treiben ein Ende zu setzen. Diesmal entstand ein Bild, das ich „zerstückelter Dämon“ taufte. zerstueckelter-daimon Das letzte Bild war dann dieses:

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Es war inzwischen fünf Uhr morgens, aber es drängte mich, dieses merkwürdige Erlebnis aufzuschreiben. Ich führte damals noch handschriftlich Tagebuch. Ich beschrieb sehr detailliert, was mir in der Nacht widerfuhr und was ich eben in groben Zügen erzählt habe. (Das Tagebuch ist in Athen, deshalb kann ich nicht wörtlich zitieren). Um sechs ging ich schließlich recht erschöpft schlafen.

Gegen drei Uhr mittags dieses Tages, es ist der 11. September 2001, ruft mich mein Mann aus der Küche, wo wir unseren TV stehen haben. Er ist sehr erregt. Im TV zeigen sie grad einen hohen Turm, in den ein Flugzeug hineinschneidet. Lautlos und präzis. Sie zeigen es immer wieder. Dann ist die Hölle los.

Ich beschaute mir später meine nächtlichen Kritzeleien und befand: das letzte Bild, das ich  „Landebahnen“ betitelt hatte, zeigte zwei fast quadratische feurige Gebilde. Mir schien, als seien es die Zwillingstürme, die gerade in Schutt und Asche fielen. Wäre nicht diese nächtliche Besessenheit zu zeichnen gewesen, und hätte ich nicht die Tagebucheinträge gemacht, ich würde sagen: Chimären, Einbildungen. Die Bilder können alles und jedes darstellen. So aber  …. Ich weiß nicht. Mir kommt es so vor, als habe meine Hand bereits gewusst, was sich in den Lüften zusammenbraute.

An jenem 11.9.2001 hat sich etwas in der Welt verändert. Sehr bald schon begannen die USA, Afganistan wie wild zu bombardieren. Wochenlang ließen sie auf die Menschen dieses Landes, die mit dem Angriff auf die Zwillingstürme herzlich wenig zu tun hatten, mehr Bomben fallen als auf Deutschland im ganzen zweiten Weltkrieg. (ein Panorama-Bericht im ARD von 2001 gibt ein wenig davon wieder https://www.google.gr/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=3&cad=rja&uact=8&ved=0ahUKEwjvwM7WrorPAhWsI8AKHXbaAkgQFggkMAI&url=http%3A%2F%2Fdaserste.ndr.de%2Fpanorama%2Farchiv%2F2001%2Ferste7466.html&usg=AFQjCNGSEJ5tzHTSADm-MmDS04kzUo3RCQ)

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Kreuz und Halbmond (Flugzeuge in Kreuzform greifen den Halbmond an)

Furcht und Schrecken (Shock and Awe) dann auch im Irak. Die Flammen des Kriegs springen an vielen Stellen des Globus auf,  sie verbrennen menschliches Leben und ihre Behausungen, viele Millionen Menschen sind auf die Flucht …Und es geht weiter, neue Kriegsziele sind schon ausgemacht.

Noch habe ich nicht verstanden, was in jener Nacht vor nun fünfzehn Jahren wirklich geschah. Vieles habe ich drüber gelesen, nichts geglaubt. Ich weiß nur, dass etwas sehr Tiefgreifendes Bösartig- Feiges und Verlogenes angerührt wurde, etwas „Dämonisches“,  das unserem Jahrtausend, kaum war es in Erscheinung getreten, seinen Stempel aufdrückte.

Heute, als ich das letzte Bild noch einmal betrachtete, fiel mir erst auf, dass sich im Zentrum ein Dreieck von „Landebahnen“ bildet, und sich auf dem einen schwarzen Streifen  ein Totenkopf zeigt. Seht ihr den auch, oder spinne ich?

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Flieg, Vogel, flieg!

Schönes und Sinnreiches las ich dieser Tage über die Geflügelten bei Ulli (https://cafeweltenall.wordpress.com/2016/09/09/was-sind-mir-die-voegel/)

Und heute sah ich bei Susanne eine geöffnete Hand, aus deren Handfläche sich ein Vogel herausbildet (https://susannehaun.com/2016/09/10/silaat-die-kinder-von-sila-zeichnung-von-susanne-haun). Eine sehr schöne Inspiration, fand ich. Denn gibt es etwas Zärtlicheres als den kurzen Moment der Berührung zwischen der Handfläche und dem Vogel, der, kaum öffnest du die Hand, davonfliegen wird?

Da fiel mir eine kleine Zeichnung ein, die ich vor etlichen Jahren mit Feder und Tinte gemacht habe. Sie ist von einem Vogel, der nicht davon flog. Ich spürte die letzten Zuckungen seines kurzen Lebens in meiner Handfläche. Nach etlichem Suchen fand ich sie. Das Foto zeigt etwa die Originalgröße der Zeichnung.

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Lieber kleiner Vogel. Flieg Vogel flieg. Aber er flog nicht mehr.

 

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Prinzip Hoffnung

Noch einmal zum Wochenthema des Mitmachblogs: das Prinzip Hoffnung

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Ein Traum

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In der vorvergangenen Nacht hatte ich einen Traum, von dem ich erzählen möchte. Ich träume  oft Szenen, in denen mir ganz unbekannte Menschen in aller Deutlichkeit entgegentreten. Ich sehe sie viel schärfer, als ich sie mit meinen wachen Augen wahrnehmen könnte, und wenn ich aufwache, könnte ich sie zeichnen.

So war auch dieser Traum. Er handelte von drei Menschen auf der Flucht: Vater, Mutter und ihre etwa zehnjährige Tochter. Sie kamen aus dem Jemen, ursprünglich aber aus Ägypten, denn sie hatten den Jemen nur als Brückenkopf für ihre Flucht benutzt. Das erfuhr ich erst am Ende des Traums durch das Mädchen.

Zunächst fiel mir vor allem die Mutter auf, eine schwere, stumpfe, grobe Frau mittleren Alters ohne jeden Charme. Sie stopfte das Essen, das man vor sie auf den Tisch gestellt hatte,  gierig in sich hinein, ohne nach rechts und links zu schauen, ausschließlich aufs Kauen und Hinunterschlingen konzentriert. Der Mann, auch er mittleren Alters und recht schwer, blieb für mich gesichtslos. Sein Anliegen an mich war, ihnen zu helfen, in den Besitz eines Visums nach Deutschland zu gelangen. Ich sagte ihm, dass ich  gar nichts für ihn tun könne, es gäbe Hunderte und Tausende in seiner Lage, leider. Er müsse sich an die zuständigen Behörden wenden. Mir war klar,  dass er das schon versucht hatte und ihm mein Ratschlag nichts bringen würde.

Mir fiel es leicht, mich von diesen Leuten, die mir gleichgültig waren, abzuwenden. Und das tat ich. Ich ging schwimmen und sah, wie sie ein Boot bestiegen und sich darauf entfernten.

Da sagte das Mädchen – und es stand plötzlich sehr nahe vor mir: „Wir gehen ja schon, wir fallen nicht länger lästig. Aber ich möchte vorher erzählen, warum wir hier sind. Wir lebten in Ägypten nahe der Küste. Wir waren mit unserer Lehrerin am Meer. Badezeug hatten wir nicht, also gingen wir nackt schwimmen. Die Lehrerin war natürlich richtig angezogen, wie es sich gehört. Aber wir waren ja noch klein. Sie haben uns gesehen. Und dann wurden wir bestraft, Männer banden uns fest und peitschten uns aus, damit wir lernten, uns anständig zu benehmen. Mein ganzer Rücken war blutig. Wollen Sie die Narben sehen?“ – Nein, das brauchte ich nicht. Denn ich sah die Szene vor mir, sah dies Mädchen, mager und hoch aufgeschossen, die Knospen der Brust noch kaum entwickelt, sah seinen blutig geschlagenen Rücken. „Darum musste ich weg“, sagte das Kind. „Wie soll ich so leben? Sie wollen mich zu einem Menschen prügeln, in dem alles tot ist.“

Das Mädchen sprach nicht mit genau diesen Worten, aber sinngemäß verstand ich es sofort. Denn ich erkannte mich selbst in dem Mädchen. Natürlich bin ich nicht ausgepeitscht worden, und immer noch gehe ich nackt schwimmen, wenn ich mich unbeobachtet wähne. Was ich hörte und verstand, war dies Aufbegehren gegen eine Gesellschaft, die mich zwingen wollte, in einer ganz bestimmten Weise zu denken und zu handeln.  „Mädchen tun dies nicht“, „Mädchen tun das nicht“, „eine Frau hat gefälligst … , sollte, muss…“

War mir diese Familie bis dahin völlig gleichgültig gewesen, so tat sich plötzlich in meiner Brust ein blutender Riss auf: ich fühlte die Not dieses Kindes, aber auch das Schicksal der Mutter fühlte ich, die unter den Schlägen der Welt zu einem dumpfen stumpfen schweren Wesen geworden war.  Das, was für mich das Schönste, das Größte ist – Frau zu sein – , sah ich über die Jahrtausende hin so herabgewürdigt, so tief verletzt, so in den Staub getreten, dass es mich, die ich mir immerhin einen gewissen Grad an Selbstverwicklichung habe erkämpfen können, in einen Abgrund der Verzweiflung zu stürzen drohte. Und so erwachte ich.

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Anmerkung zu den Bildern: das erste Bild malte ich vor vielen Jahren als erste Stufe einer Frau, die sich aufrichtet.

das zweite Bild zeichnete ich gestern.

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Verspielte Chance

In der vorvergangenen Nacht, angehängt an sein Boot, hatte der Alte zu mir gesprochen: „Du meinst also, verstanden zu haben, dass der, der nicht handelt, ebenso zum Weltgeschehen beiträgt wie der Handelnde. Und dass du daher nicht zu handeln brauchst. Seh ich das richtig?“ Seine genauen Worte sind mir schon nicht mehr bewusst. Aber ich weiß noch, dass ich ihn zweifelnd betrachtete. img_2162 Nein, genau so hatte ich es nicht gemeint. Handeln musste ich natürlich, tat es ja unausweichlich, konnte gar nicht nicht handeln, selbst wenn ich bewegungslos in meinem Boot lag. Irgendwie handelte ich ja auch jetzt, denn ich versuchte herauszufinden, worauf er hinauswollte.
„Der Schläfer trägt bei zum Weltgeschehen, nicht obwohl, sondern weil er schläft“,  hörte ich ihn nun sagen. Es hätte nicht viel gefehlt, dass ich aufgesprungen wäre, so elektrisierte mich dieser Satz. Aber aufspringen konnte ich nicht. Mein Körper lag schlaff und weich, eine bloße Hülle, im schaukelnden Boot, während mein Geist hellwach war. Und schon hörte ich ihn, meine Empfindung bestätigend, sagen:  „Denn wo befindet sich der Schläfer? Ist er hier? Nein, seine Seele ist ausgeflogen. Hier liegt nur dein Körper, schlaff und weich, unfähig sich nach deinem Willen zu rühren. Aber deine Seele lauscht mir. Sie ist hier, bei mir. Im Gefilde des Geistes.“

Da bot sich mir nun die Chance, wirklich einmal tiefe Weisheiten zu vernehmen, und anstatt fromm zu lauschen, frage ich dummes Zeug. Frage aus purer Neugier wie die kleinen Kinder. So bin ich leider. Also frage ich, ihn unterbrechend  (auch das eine meiner Untugenden): „Die anderen auf dem zweiten Boot, die waren also auch Schlafende im Gefilde des Geistes? Oder vielleicht sogar Verstorbene?“ „Ja, auch sie. Fragte dich nicht der eine: Was suchest du in unserem Gefilde? Denkst du, er fragte nur so ohnehin? Er ist ein strenger Herr. Man nannte ihn Cato, als er auf der Erde lebte“.

img_2160 Cato. Angestrengt versuchte ich, mir in Erinnerung zu rufen, wessen Geistes Kind er war. Mir schwante, dass ich den Namen schon gehört hatte, fern rauschte die Stimme des Lateinlehrers auf – auch er wohl ein Verstorbener im Gefilde des Geistes. Ich vernahm etwas von Senat und Republik und Caesar. Cato, der die Republik verteidigte gegen die Ansprüche des Caesar. Der Schlachten schlug, im fernen Epiros, und unterlag. Der in Afrika die Stellung hielt, bis es nicht mehr ging. Ein Stoiker war er, ein Anhänger der Stoa…

Beruhigt, dass mir mein Lateinlehrer zu Hilfe kam, fragte ich gleich noch nach: „Und der andere, der ohne Gesicht? Wie kam der in dein Schlepptau?“ img_2161 „Der nannte sich zu Lebzeiten Zenon. Ich bin froh, dass ich sie abhängen konnte – alle beide!“, fügte der Alte grummelnd hinzu und kam allmählich in Rage. „Jahrhunderte schon muss ich sie mit mir rumschleppen. Besonders diesen Zenon. Eigentlich ein Händler, aber als es mit dem Handel schief ging, wurde er Philosoph. Da war er natürlich weder der erste noch der letzte, der die Philosophie als refugium entdeckte.  Er fand Schüler, die waren wie er: flache Geister. Man solle dem Logos folgen und nicht seinen Emotionen. Alle Nase lang berief er sich auf mich und sagte: Wie schon Heraklit äußerte etc pp. Er hat aber nichts begriffen, sondern meine Sätze nachgeplappert und mit seiner seichten Tugendlehre infiziert.

photo 10 Quadrat a  Logos, sage ich dir – das ist nicht kühle Logik, und erst recht nicht trockene Moral, Logos ist Feuer und Geist!“

Furios war der Alte, ein wahrhaft cholerisches Temperament offenbarte er in dieser Nacht. Er schimpfte und schalt und sprach überhaupt nicht in Aphorismen. „Diesen Logos, der ewig ist, verstehen die Menschen niemals, weder bevor sie von ihm gehört haben, noch dann, wenn sie zum ersten Mal von ihm hören; denn obzwar der Logos alles Geschehen durchwaltet, gleichen sie Leuten ohne jede Erfahrung. Ich lege ihnen ihre gesamte Erfahrung, ihre Worte und Taten, auseinander, nehme jedes Einzelne nach seiner Natur auseinander und zeige, wie es sich mit ihm verhält. Aber verstehen sie? Nein. Sie haben kein Bewusstsein davon, was sie im Wachen tun, genauso, wie ihnen entgeht, was sie schlafend tun“. (Fragment 1, eigene Übersetzung)

Und wie er so sprach und wütete, wurde das Meer immer wilder, es schäumte und drohte, uns zu verschlingen. Jedenfalls mich.

Verschlungen hat es mich nicht, denn wie ihr seht: ich sitze im Trockenen, mit WLAN und allen Schikanen. So kann ich euch auch sagen, dass dieser Zenon im 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung lebte. Er unterrichtete seine Schüler, weil er keinen anderen Raum hatte, in einer bunt ausgemalten Wandelhalle, der Stoa von  Athen. 220px-stoa_in_athens Drum nannte man seine Lehre Stoa und seine Anhänger Stoiker, die sich von nichts aus der Ruhe bringen lassen. Zenon beging Selbstmord, als ihm eine Verletzung zu schaffen machte.
Cato lebte 300 Jahre später und lernte die Stoa lieben, als er Pergamon besuchte und dort einen alten griechischen Philosophen fand, der ihn belehrte. Der noch junge Cato konnte den Alten sogar dazu überreden, mit ihm nach Rom zu kommen, um in seinem Haus sein Altersbrot zu verzehren.

Pergamon liegt etwas nördlich von Ephesos an der Kleinasiatischen Küste. Den Altar findet ihr heute in Berlin. Ja, ihr Berliner! Da könnt ihr euch mal freuen.berlin_-_pergamonmuseum_-_altar_01

Cato war ein schrecklicher Formalist, ein Verteidiger der Institutionen von Rom, der von dem Gang der Welt wenig verstand. Warum sonst hätte er sich immer auf die Seite des „kleineren Übels“ und der Verlierer geschlagen? Ehrenwert war er, durchaus. Jedenfalls meistens. Gemordet hat er auch, wenn es sich nicht vermeiden ließ, und Leute zum Tode verurteilt hat er auch, das gehörte zu seinem Aufgabenverständnis.. Vielleicht war er ein Held. Auch er beging, wie sein geistiger Führer Zenon, Selbstmord, und zwar sogar einen besonders scheußlichen, denn er rammte sich das eigene Schwert in die Eingeweide. Diese Stoiker, so scheint mir, sind in einem so hohen Maße leidenschaftslos, dass sie lieber Schluss machen mit dem elenden Leben, als das Leiden hinzunehmen – in der Hoffnung auf bessere Tage.

Das weiß ich nun auch. Und was habe ich gewonnen? Was hast du gewonnen, der/die bis zu diesem Punkt geduldig gelesen hat, in der Hoffnung, etwas zu finden, was dir in deinen Lebensfragen weiterhilft? Nichts. Staub statt Gold. Oder, wie Heraklit sagt: χρυσὸν γὰρ οἱ διζήμενοι γῆν πολλὴν ὀρύσσουσι καὶ εὑρίσκουσιν ὀλίγον. (Fragment 22) „Einen Haufen Erde durchwühlen die Goldsucher, aber das, was sie finden, ist wenig“. Und natürlich sagte er auch: „Viel Wissen macht nicht weise“. .

Nun hoffe ich auf ein weiteres Treffen, bei dem ich hoffentlich nicht unter sein Verdikt falle, das da heißt: ἀξύνετοι ἀκούσαντες κωφοῖσιν ἐοίκασι· φάτις αὐτοῖσιν μαρτυρεῖ παρεόντας ἀπεῖναι. „Wenn sie hören, verstehen sie nicht, darum ähneln sie den Tauben. Auf sie kann man die Redensart anwenden: Anwesend waren sie abwesend.“

Eins ist mir klar: Ich muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist. Also werde ich mich morgen erneut auf den Weg machen.

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Alchemisten-Schmiede (c) gerda kazakou

 

 

 

 

 

 

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Pandora – die Frau mit der Büchse

dies habe ich eben zum Wochenthema „Hoffnung“ im Mitmachblog veröffentlicht.

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Tagesbewusstsein

Ich fürchte, ich bin seekrank. In meinem Kopf herrscht ein Riesendurcheinander von Worten, Bildern und Gedanken, und mein Magen ist schwer von unverdauten Gefühlen. Zu viel geschah in dieser ersten Nacht meiner Reise!

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So viel ist sicher: Als ich am Morgen erwachte, schaukelte ich allein auf einem wild bewegten Meer. Nirgendwo das goldene Boot mit dem freundlichen Bartmenschen, der mich ins Schlepptau genommen hatte. Nur hohe Wellen ringsum, der Himmel verfinstert, Sturm von allen Seiten, und mein Bötlein nicht mehr als eine Nussschale im Aufruhr der Elemente. Ach, ich hatte mich wohl nicht fest genug mit dem anderen verbunden, das Tau hatte sich gelöst.

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Zum Glück erschien,  als ich es kaum noch erhoffte, eine Küste, und ein ruhiger kleiner Hafen öffnete sich für mein Boot. Ich fand einen Platz zwischen anderen dort ankernden Booten und legte den Mast um.

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Dann ging ich an Land. Ich ging breitbeinig wie ein alter Seebär, denn unter mir schwankte der Boden. Nun sitze ich in einer Taverne und habe sogar WLAN-Anschluss. Welch ein Glück! Denn ich muss dringend die diversen Namen, die heute Nacht fielen, im internet nachschauen. Hungrig bin ich auch, und der frisch gegrillte Oktapus, den mir die freundliche Wirtin servierte, ist mir mehr als recht.

Und so schreckt mich nicht, was sich da draußen, auf hoher See, heute Nacht womöglich ereignet. Ich bin unter Menschen und angeschlossen an die modernen Kommunikationsmittel – genau so wie ihr, meine lieben Blogger-FreundInnen. Was kann uns da schon passieren? Langsam verzieht sich der Schwindel, der sich in meinem Kopf eingenistet hatte, und das schöne Gefühl der Normalität breitet sich in mir aus. Nichts wird sich ändern. Alles wird so bleiben, wie es war.

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Auch im Schlaf sind wir Miterschaffer …

In der vergangenen Nacht hat sich ein schweres Unwetter über dem Gebirge ausgetobt. Die Wellen sind trübe von Erde, heruntergespült von plötzlich aufspringenden Flüssen. Ich stehe zögernd vor diesem bräunlichen Wogen. Soll ich’s wagen? Soll ich mein mondgelbes Gefährt hineinziehen in diese aufgewühlten Wasser und mich ihnen anvertrauen?

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Nur Mut! höre ich euch rufen. Die Hoffnung trägt dich voran! Ist erst der erste Schritt getan, folgen die anderen wie von selbst! Das Ziel wird dir den Weg glätten, sofern du es nicht aus dem Auge verlierst!

Es sei! Was habe ich schon zu verlieren außer meiner Glaubwürdigkeit? Und so ziehe ich mein Boot in die Fluten, setze mein Segel und schaukele vondannen. Adieu, meine Lieben! Neue Gestade rufen, neue Gefahren, neue Abenteuer! Nun, vielleicht nicht ganz neue, denn alles wurde schon gelebt, gedacht, gesagt, bevor ich es lebe denke sage. Sei’s drum.

 

Und schon kommt der Abend. Schon erscheint die goldgelbe Barke des Mondes, schält sich  heraus aus dem rötlichen Abendgewölk. Schon fällt auch die Nacht, und Sternengeglitzer taucht auf und verschwindet im dunklen Wellengesang. Mein Boot schaukelt mich ein und ich schlafe.

Als ich erwache, sehe ich, dass ich nicht mehr allein bin. Ein anderes Boot, nein! es sind zwei, zwei goldgelbe Boote schaukeln auf mich zu. Drauf sitzen drei Männer, und hinten, im Heck, sitzt ein Hund. Das freut mich besonders, denn schon fehlt mir der meine.

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„Was treibst du hier?“ fragt mich sofort der eine, ein maskenhafter Typ mit roter Mütze. img_2161 „Ich?“ frage ich vorsichtig zurück, denn wer weiß, was die im Schilde führen, „ich treibe so vor mich hin“. Und lächle angestrengt. Sein Kumpan, der mir verdächtig nach einem Richter aussieht, mischt sich in strengem Ton ein:  „Das Leben

ist nicht dazu da, sich treiben zu lassen“,  img_2160 spricht er und zieht die Augenbrauen hoch, so hoch, dass ich meine, das Weiß in seinen Augen zu sehen. „Ja, nein, wirklich nicht“, stottere ich, „ich versichere Ihnen, hoher Herr, ich bin keine Rumtreiberin. Ich bin auf dem Weg.  Oder, wenn Sie wissen, was ich meine, ich bin auf einer Queste“-  „Einer was?“ – „Einer Queste! auf einer Suche. Ich suche“. – „Und was suchen Sie hier in unserem Gefilde, bitte?“ fragt er noch ein bisschen schärfer. „Ach lassen Sie sie. Sie schläft ja“, mischt sich nun wieder der Rotmützige ein, dessen Gesicht ich immer noch nicht erkennen kann.

Da bemerke ich, dass der Dritte, der mit dem Hund, einen Enterhaken liftet,  mit dessen Hilfe er sich mit dem ersten Boot verhakt hatte. Er wirft mir den Enterhaken zu. „Mach dich fest!“ ruft er mir zu. Sein bärtiges Gesicht wirkt freundlich. Er trägt eine goldgelbe Weste, die aussieht wie ein Schild, und auf dem Kopf hat er einen blauen Dreieckshut. Ich habe sofort Vertrauen zu ihm. Er kommt mir sogar irgendwie bekannt vor.

img_2162  Froh über seine Anrede, die mich aus einer bösen Verlegenheit rettet,  fange ich den Enterhaken auf, verhake unsere beiden Boote, meins und seins, und während wir in die Nacht driften, höre ich noch, wie er den anderen beiden zuruft: „Die Schlafenden sind ebenfalls Arbeiter und Miterschaffer dessen, was in der Welt geschieht.“*

Und so weiß ich jetzt auch, wer mich ins Schlepptau genommen hat. Es ist Heraklit persönlich.Welch ein unverhofftes Glück!

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* Tοὺς καθεύδοντας ἐργάτας εἶναι καὶ συνεργοὺς τῶν ἐν τῷ κόσμῳ γινομένων). So heißt das 75.  von Heraklit überlieferte Fragment. καθεύδοντας , heute nicht mehr gebräuchlich, wird meistens „die Schlafenden“ übersetzt, aber es bedeutet auch „die, die nichts tun“, „die Nicht- Handelnden“.

Auch wenn du nicht handelst, schaffst du mit an dem, was in der Welt geschieht. Eine tiefe Weisheit steckt darin. Ich brauche sie euch nicht zu erläutern, denn ihr versteht schon, was er meint, nicht wahr?

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Mañana

Marie meint, ich solle einfach heute abend lossegeln zu meinem Sehnsuchtsort. Im Traum, meinte sie, solle ich aufbrechen und morgen früh an neuen Gestaden erwachen. Sollte ich? Wollte ich? Ich warf einen „letzten Blick“ auf mein Meer, auf die mir vertraute Küste, auf den Abendhimmel, in dessen dunklem Gewölk die zarte Mondsichel versunken war. Mein Mondboot, dachte ich ein wenig beklommen und prüfte wieder und wieder den Himmel, aber meine Barke wollte nicht wieder erscheinen. Morgen. Morgen ganz bestimmt. Morgen wird mein Sichelboot kräftiger sein und leuchtender. Es wird schon früher am Himmel stehen und auf mich warten. Morgen kann es losgehen. Mañana.

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