Tagesbewusstsein

Ich fürchte, ich bin seekrank. In meinem Kopf herrscht ein Riesendurcheinander von Worten, Bildern und Gedanken, und mein Magen ist schwer von unverdauten Gefühlen. Zu viel geschah in dieser ersten Nacht meiner Reise!

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So viel ist sicher: Als ich am Morgen erwachte, schaukelte ich allein auf einem wild bewegten Meer. Nirgendwo das goldene Boot mit dem freundlichen Bartmenschen, der mich ins Schlepptau genommen hatte. Nur hohe Wellen ringsum, der Himmel verfinstert, Sturm von allen Seiten, und mein Bötlein nicht mehr als eine Nussschale im Aufruhr der Elemente. Ach, ich hatte mich wohl nicht fest genug mit dem anderen verbunden, das Tau hatte sich gelöst.

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Zum Glück erschien,  als ich es kaum noch erhoffte, eine Küste, und ein ruhiger kleiner Hafen öffnete sich für mein Boot. Ich fand einen Platz zwischen anderen dort ankernden Booten und legte den Mast um.

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Dann ging ich an Land. Ich ging breitbeinig wie ein alter Seebär, denn unter mir schwankte der Boden. Nun sitze ich in einer Taverne und habe sogar WLAN-Anschluss. Welch ein Glück! Denn ich muss dringend die diversen Namen, die heute Nacht fielen, im internet nachschauen. Hungrig bin ich auch, und der frisch gegrillte Oktapus, den mir die freundliche Wirtin servierte, ist mir mehr als recht.

Und so schreckt mich nicht, was sich da draußen, auf hoher See, heute Nacht womöglich ereignet. Ich bin unter Menschen und angeschlossen an die modernen Kommunikationsmittel – genau so wie ihr, meine lieben Blogger-FreundInnen. Was kann uns da schon passieren? Langsam verzieht sich der Schwindel, der sich in meinem Kopf eingenistet hatte, und das schöne Gefühl der Normalität breitet sich in mir aus. Nichts wird sich ändern. Alles wird so bleiben, wie es war.

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Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Fotografie, Leben, Legearbeiten, Natur, Psyche, Reisen, Träumen, Vom Meere, Zwischen Himmel und Meer veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

15 Antworten zu Tagesbewusstsein

  1. mmandarin schreibt:

    Das hätte ich gerne gesehen, wie du breitbeinig, leicht schwankend, in die Taverne getaumelt bist. Darauf solltest du einen dicken Schluck aus der Buddel nehmen und später kannst du dann „Sieben Mann auf des Totenmanns Kiste“ oder „War einst ein kleines Segelschiffchen“ gröhlen. Hattest du während der Fahrt die Ohren mit Wachs verklebt, gab es Sirenen, Riffe, die es zu umsegeln galt ? Du siehst, ich will alles wissen.

    Aber jetzt ruh dich erstmal aus von den Strapazen. Gute Nacht. Marie

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  2. teggytiggs schreibt:

    …so wie man niemals als derselbe in den gleichen Fluss steigen kann, so bist nach dieser Reise auch Du verändert, vielleicht zeigt es sich erst mit der Zeit…sehe ich richtig, ankert Dein gelbes Boot abseits der anderen?

    …was für ein beeindruckendes Foto!…als näherten sich Meer und Himmel, um sich besser kennenzulernen, beobachtet von den fernen Bergen, die diese Geschichte schon kennen…

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  3. Monika schreibt:

    Liebe Gerda,
    es ist schon bemerkenswert, das Meer hat dich und dein Schiff freigegeben. Du konntest in einem Hafen ankern. Wie es sich anfühlt, ausgeliefert zu sein. Ob im Traum der Nacht, oder in der Wirklichkeit des Tages. Das Meer tut was es will. Wir sind bedeutungslos, und doch trotzen wir ihm. Fordern uns zu Höchstleistungen, schreien in den Wind. Kämpfen um unser Leben und am Ende gibt es keinen Sieger. Nur einen Hafen in dem wir ausruhen können, um wieder der Herausforderung zu folgen. – Dem Abenteuer, den Tod zu besiegen -.
    LG. Monika

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  4. Ulli schreibt:

    Nichts wird sich ändern, alles wird so bleiben, wie es war? Ei Gerda, es scheint da ist ein Fluss ins Stocken gekommen? Nun, lasse ich es so stehen, für eine Weile ist es gut und dann wird sich das Rad drehen und dein Schiffchen wird den sicheren Hafen wieder verlassen (ein sehr feines Bild ist das, neben den anderen … ), vielleicht musst du einfach einmal ausschnaufen von all der Aufregung der letzten Tage? Hat sich der Sturm gelegt?
    Ich wünsche dir einen ruhigen Tag mit einer ruhigen See
    herzlichst
    Ulli

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    • gkazakou schreibt:

      Liebe Ulli, danke dir für deine einfühlsamen Worte. Dieser Satz „alles bleibt wie es war“ ist, wie du natürlich weißt, eine Illusion, die uns das Tagesbewusstsein gelegentlich vorspielt (daher auch der Titel). Wir möchten manchmal eine Situation festhalten und wieder und wieder durchspielen. Wir möchten nicht wieder hinaus in das unruhig flackernde Leben, sondern es erstarren lassen. So wie wir wünschen, jeden Morgen wieder aufzuwachen und die Wände um uns wiederzuerkennen und die Menschen und Tiere, die wir lieben, an ihrem Platz zu finden. Das passiert, wenn wir erschöpft sind, natürlich besonders gern.
      Ja, der Sturm hat sich vorerst gelegt, aber noch drohen Unwetter, alles ist dicht verhangen. In Westgriechenland und auch bei uns in Kalamata gab es schwere Überschwemmungen, auch Tote. Dies Wetter ist für Anfang September sehr ungewöhnlich. Ganz herzliche Grüße dir hinüber zum Berg. Gerda

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      • Ulli schreibt:

        Uijui, das sind aber heftige Wetterkapriolen bei euch, das tut mir leid, besonders, dass auch Menschen sterben mussten.
        Ich frage mich gerade, wie es bei mir ist, ja, es ist schön, wenn das und die und der eine an Ort und Stelle bleiben, selten habe ich noch das Bedürfnis einen Moment festhalten zu wollen- vielleicht hat sich ja das Wissen vom ewigen Wandel schon so tief in mich hineingegraben, dass ich jetzt so bin, wie ich bin?!
        liebe Grüsse
        Ulli
        P.S. wie geht es deinem Hund, alles gut? Ich hoffe es doch sehr … denke andauernd an ihn und dich-

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    • gkazakou schreibt:

      Ulli, hab ganz herzlichen Dank für dein an uns Denken. Wir waren noch nicht beim Tierarzt, ich hab mich gedrückt, denn dem Hund gehts eigenlich gut, Und ich bin so feige. Morgen, sage ich, morgen.

      Die Unwetter nehmen halt überall auf der Welt zu, keine Frage auch bei uns. Und persönlich hat es nicht geschadet. Manche Häuser sind auf ehemaligen Winterbächen gebaut, manche dieser natürlichen Ablaufrinnen wurden geschlossen, da kommt es dann bei heftigem Regen leicht zu Katastrophen. Gute Nacht dir!

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      • Ulli schreibt:

        … morgen sagst du, morgen und ganz leise da hinten rumort es dann doch, oder😉 machs, dann kannst du aufatmen und handeln …
        ja, diese Wetter, ich will gar nicht schreiben, wie es hier um den Wald bestellt ist, traurig, wütend bin ich immer mal wieder über diese Sturheit und Dummheit der Menschen und ihrem nicht Lernenwollen, nicht Hinschauenkönnen- so viele, so viele … und ich?
        Nu hör ich aber auf, ich zwinker dir zu und wünsche dir eine ruhige Nacht
        Ulli

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    • gkazakou schreibt:

      ja, ja, morgen ganz bestimmt. Morgen. Gute Nacht.

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