Auch im Schlaf sind wir Miterschaffer …

In der vergangenen Nacht hat sich ein schweres Unwetter über dem Gebirge ausgetobt. Die Wellen sind trübe von Erde, heruntergespült von plötzlich aufspringenden Flüssen. Ich stehe zögernd vor diesem bräunlichen Wogen. Soll ich’s wagen? Soll ich mein mondgelbes Gefährt hineinziehen in diese aufgewühlten Wasser und mich ihnen anvertrauen?

img_7978

Nur Mut! höre ich euch rufen. Die Hoffnung trägt dich voran! Ist erst der erste Schritt getan, folgen die anderen wie von selbst! Das Ziel wird dir den Weg glätten, sofern du es nicht aus dem Auge verlierst!

Es sei! Was habe ich schon zu verlieren außer meiner Glaubwürdigkeit? Und so ziehe ich mein Boot in die Fluten, setze mein Segel und schaukele vondannen. Adieu, meine Lieben! Neue Gestade rufen, neue Gefahren, neue Abenteuer! Nun, vielleicht nicht ganz neue, denn alles wurde schon gelebt, gedacht, gesagt, bevor ich es lebe denke sage. Sei’s drum.

 

Und schon kommt der Abend. Schon erscheint die goldgelbe Barke des Mondes, schält sich  heraus aus dem rötlichen Abendgewölk. Schon fällt auch die Nacht, und Sternengeglitzer taucht auf und verschwindet im dunklen Wellengesang. Mein Boot schaukelt mich ein und ich schlafe.

Als ich erwache, sehe ich, dass ich nicht mehr allein bin. Ein anderes Boot, nein! es sind zwei, zwei goldgelbe Boote schaukeln auf mich zu. Drauf sitzen drei Männer, und hinten, im Heck, sitzt ein Hund. Das freut mich besonders, denn schon fehlt mir der meine.

img_2158a

 

„Was treibst du hier?“ fragt mich sofort der eine, ein maskenhafter Typ mit roter Mütze. img_2161 „Ich?“ frage ich vorsichtig zurück, denn wer weiß, was die im Schilde führen, „ich treibe so vor mich hin“. Und lächle angestrengt. Sein Kumpan, der mir verdächtig nach einem Richter aussieht, mischt sich in strengem Ton ein:  „Das Leben

ist nicht dazu da, sich treiben zu lassen“,  img_2160 spricht er und zieht die Augenbrauen hoch, so hoch, dass ich meine, das Weiß in seinen Augen zu sehen. „Ja, nein, wirklich nicht“, stottere ich, „ich versichere Ihnen, hoher Herr, ich bin keine Rumtreiberin. Ich bin auf dem Weg.  Oder, wenn Sie wissen, was ich meine, ich bin auf einer Queste“-  „Einer was?“ – „Einer Queste! auf einer Suche. Ich suche“. – „Und was suchen Sie hier in unserem Gefilde, bitte?“ fragt er noch ein bisschen schärfer. „Ach lassen Sie sie. Sie schläft ja“, mischt sich nun wieder der Rotmützige ein, dessen Gesicht ich immer noch nicht erkennen kann.

Da bemerke ich, dass der Dritte, der mit dem Hund, einen Enterhaken liftet,  mit dessen Hilfe er sich mit dem ersten Boot verhakt hatte. Er wirft mir den Enterhaken zu. „Mach dich fest!“ ruft er mir zu. Sein bärtiges Gesicht wirkt freundlich. Er trägt eine goldgelbe Weste, die aussieht wie ein Schild, und auf dem Kopf hat er einen blauen Dreieckshut. Ich habe sofort Vertrauen zu ihm. Er kommt mir sogar irgendwie bekannt vor.

img_2162  Froh über seine Anrede, die mich aus einer bösen Verlegenheit rettet,  fange ich den Enterhaken auf, verhake unsere beiden Boote, meins und seins, und während wir in die Nacht driften, höre ich noch, wie er den anderen beiden zuruft: „Die Schlafenden sind ebenfalls Arbeiter und Miterschaffer dessen, was in der Welt geschieht.“*

Und so weiß ich jetzt auch, wer mich ins Schlepptau genommen hat. Es ist Heraklit persönlich.Welch ein unverhofftes Glück!

img_2118aaa

* Tοὺς καθεύδοντας ἐργάτας εἶναι καὶ συνεργοὺς τῶν ἐν τῷ κόσμῳ γινομένων). So heißt das 75.  von Heraklit überlieferte Fragment. καθεύδοντας , heute nicht mehr gebräuchlich, wird meistens „die Schlafenden“ übersetzt, aber es bedeutet auch „die, die nichts tun“, „die Nicht- Handelnden“.

Auch wenn du nicht handelst, schaffst du mit an dem, was in der Welt geschieht. Eine tiefe Weisheit steckt darin. Ich brauche sie euch nicht zu erläutern, denn ihr versteht schon, was er meint, nicht wahr?

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, alte Kulturen, die schöne Welt des Scheins, Fotografie, Kunst, Leben, Legearbeiten, Natur, Psyche, Reisen, Tiere, Träumen, Vom Meere, Zwischen Himmel und Meer abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

20 Antworten zu Auch im Schlaf sind wir Miterschaffer …

  1. Natalie schreibt:

    hihihi cool🙂

    Gefällt mir

  2. Ulli schreibt:

    Ja, Gerda, ich verstehe gut, was er meint!
    Ich bade jetzt in deiner Geschichte und deinen Bildern …
    Ulli

    Gefällt 2 Personen

  3. Sahra schreibt:

    ….so schön erzählt,eine Gute Nacht Geschichte für mich.Danke
    Sahra

    Gefällt mir

  4. Pingback: Gute Reise |

  5. karfunkelfee schreibt:

    Wunderbar!
    Mit dieser klugen Erkenntnis, Deinen klugen Worten und Deinen Bildern gehe ich jetzt gleich schlafen.
    Du hast Heraklit an der Seite und irgendwo in der Nähe schippern Goethe, Ulli, ich und alle anderen herum und freuen uns mit Dir auf das sagenumwobene Ephesos.
    Eins sei alles! (Heraklit v. Ephesos)
    Gute Reise…✨

    Gefällt 1 Person

  6. bruni8wortbehagen schreibt:

    Oho, was für eine aufregende Begegnung, liebe Gerda, ich hatte schon Angst, daß Du Räubern auf See begegnet bist, aber dann, der ditte Mann, welch eine Erlösung, Dir freundlich gesinnt und tierlieb noch dazu *schmunzel*
    Du warst noch im Traum gefangen und doch erkanntest Du ihn an seinen Worten, die Du so gut kennst. Nun wird er Dich sicher in den Hafen von Ephesos geleiten. Was für ein Glück.
    Eine Sorge weniger *lächel*, ich muß nicht mehr um das sommergelbe Sichelboot bangen, daß in den bräunlichen aufgewühlten Wellen mutterseelenallein und mitten in der Nacht unterwegs war, mit der schlafenden Fracht Gerda an Bord.
    Göttlich, Deine Collagen!

    Gefällt 2 Personen

  7. Monika schreibt:

    Auch wenn du NICHT handelst, schaffst du mit an dem, was in der Welt geschieht, und wenn du es tust, ist es nicht immer „GUT „. „Die Schlafenden“, die, die nichts tun“, lassen den Dingen Zeit. Sie übertragen die Verantwortung der Allgemeinheit. Dadurch kann Wachstum entstehen, aber auch nicht. Den Begebenheiten selbst überlassen, müssen Kräfte frei gesetzt werden, das würde dann Wachheit, Aktivität, voraussetzen.
    Das Schiff, das in die See sticht, obwohl es ein Ziel hat, ist allen Gefahren ausgesetzt und nicht sicher, ob es je ankommt, geschweige denn zurück, in die Heimat.
    Was ist daran schlimm, arg, widersinnig, nur ein Betrachter, also ein Schlafender, zu sein. Auf dem Meer mit dem Schiff einem Traum nach zu segeln. – Weltgeschehen –
    LG. Monika

    Gefällt 1 Person

  8. gkazakou schreibt:

    Danke, liebe Monika, für deinen klugen Kommentar. Handeln oder Lassen, Zulassen, das muss wohl von Fall zu Fall und immer aktuell entschieden werden. Der eine glaubt, ohne sein aktives Engagement würde die Erde aus dem Kosmos rausfliegen wie ein fauler Apfel, der andere meint, mit Kontemplation und guten Gedanken zur Harmonie viel oder sogar mehr beitragen zu können, der dritte ist einfach indifferent und der vierte tut nach Herzenslust, was ihm gerade einfällt. –
    Der Frage, wie, auf welche Weise der Schlafende zum Weltgeschehen beiträgt, will ich noch nachgehen. Deine Gedanken kommen da gerade recht. LG Gerda

    Gefällt mir

  9. teggytiggs schreibt:

    …eine Geschichte, die mir sehr gefällt, ich musste gleich lächeln…ja, die Schlafenden, schlafen sie denn nicht nur in der sichtbaren Welt? …vielleicht ist ihr Wirken in der wachen Welt nur nicht sichtbar, durchaus aber vorhanden, gleich ob sie Phantasiereiche in der Zukunft erträumen oder im Stillen Kämpfe ausfechten…selbst das stille Sein wirkt…beruhigend, wogenglättend…

    Gefällt 2 Personen

    • gkazakou schreibt:

      danke dir herzlich, Teggytiggs, für deine Gedanken: ja wie wirkt denn eigentlich der Schlafende, der Träumende ins Weltgeschehen hinein? Ich denke darüber nach. Vielleicht ist die Wirkung wie die der Homöopathie?

      Gefällt 1 Person

      • teggytiggs schreibt:

        …ich stelle mir vor, dass Gedanken und Gefühle nach außen schwappen wie Wellen, feiner als Armbewegungen, viel feiner als sichtbare Materie, aber doch wirken sie weit über den Körper hinaus, sie können alle materiellen Grenzen durchdringen, eben weil sie so fein sind…..und wenn dann viele ähnlich Träumen, wird die geträumte Energie stark, dann tritt sie sichtbar ins Leben…

        Gefällt 2 Personen

  10. finbarsgift schreibt:

    Oh Gott, ist diese Geschichte zauberhaft schön!

    Und erst die Bilder,
    UMWERFEND!!!

    Gefällt 2 Personen

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s