Menschliche Beziehungen skizzieren

In letzter Zeit versuche ich wieder vermehrt, mit meinem Zeichenstift oder Kugelschreiber menschliche Beziehungen zu beobachten. Ich sehe vor mir ein Paar auf einer Bank oder ein paar alte Männer in einem Kaffeehaus, eine Mutter mit ihrem Kind oder skandinavische Touristen an einem Tavernentisch. Und beginne zu zeichnen.

Die Zeichnungen wollen keine Ähnlichkeit mit den Akteuren, sondern sind ausschließlich auf Haltungen, Bewegungen, Dominanz, Kontakt, Kontaktvermeidung und dergleichen fokussiert. Drauf  gekommen bin ich als teilnehmende Beobachterin in einem kunsttherapeutischen Seminar. https://gerdakazakou.com/2016/01/25/skizzieren-erinnern/ . Nun versuche ich, dies Skizzieren von Beziehungen zu einem Instrument zu machen, das auch andere Studierende benutzen sollen. Ob es mir gelingt, weiß ich noch nicht. Ich sehe es als eine Art Protokoll. Sicher ist, dass es die Aufmerksamkeit enorm erhöht, wenn man versucht, Haltungen und wechselseitige Beziehungen zu skizzieren.

Mein erster Versuch: zwei junge Menschen sitzen auf einer Bank. Offensichtlich kennen sie sich, sie reden, aber sie kommunizieren nicht miteiander. Der junge Mann (M) schaut geradeaus, hält seinen Kopf aber nach links geneigt, und sein übergeschlagenes Bein wirkt als Barriere. Die junge Frau (F) sitzt locker, frontal, in sich gesammelt und schaut abwechselnd geradeaus und auf ihr Handy. M behält in der zweiten Skizze die Abwendung des Kopfes und der Schultern bei, wechselt nur die Beinhaltung. In der dritten Skizze schauen beide gleichzeitig nach links, als würden sie jemanden erwarten, der sie endlich aus ihrer unbequemen Gemeinsamkeit befreit.

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Was gehen dich diese Leutchen an?  Nichts. Auch ich brauche nicht zu wissen, in welcher Beziehung sie zueinander stehen. Das Zeichnen ist eine Übung, eine Schulung in Empathie. Für angehende Therapeuten ist es sehr wichtig, sich der eigenen Körpersprache und der der Klienten bewusst zu sein, damit sie sich einstimmen können.

Hier nun eine Skizze, die ich anschließend machte. Eine sehr energisch redende ältere Frau (links) – in der Mitte eine Mutter und rechts deren kleine Tochter. Die Redeenergie der Älteren habe ich durch Verstärkung des Gesichts dargestellt. Die Mama – mit dem Rücken zu mir – spricht kaum und versucht irgendwie ihre Aufmerksamkeit zwischen der Älteren (Mutter oder Schwiegermutter?) und dem Kind zu teilen, wodurch sich ihre Figur fast auflöst. Das Kind hängt auf dem Stuhl, langweilt sich, schaut mal hier, mal dort hin, ohne erkennbares Interesse.

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Hier nun eine andere Tischbesetzung im Cafe. Eine ältere Frau führt einen jungen Mann und eine junge Frau aus. Sie hat die Initiative. Ich kann sie nicht sehen, denn sie wird von dem jungen Mann verdeckt, der ihr gegenüber Platz nimmt und mit dem sie die Köpfe zusammensteckt. Die junge Frau wird nur gelegentlich durch einen Blick oder ein Wort eingebunden.

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Hier nun eine Gruppe von älteren Männern an einem Kaffehaustisch. Kann man erkennen, was ich festhalten wollte? Vier der Männer sitzen nur lässig da,  jeder ist für sich. Sie äußern sich nicht. Der Mann links vorn sagt etwas in ruhigem Ton. Daraufhin beginnt der Mann rechts vorn heftig zu reden, er wird sozusagen schwarz vor Wut. Sein ganzer Körper gerät in Wallung. Die anderen bleiben gleichgültig und trinken ohne erkennbare Seelenregung ihren Kaffee. img_7939

Ich zeichnete dann in einer Taverne eine Gruppe von skandinavischen Touristen, Männer und Frauen. Sie sprechen lebhaft mit einander, aber dies Sprechen ist eine Sache des Mundes, nicht der Arme und des ganzen Körpers. Sie wirken auf mich, als nähmen sie, jeder und jede für sich, nur sehr wenig Raum ein, und als gingen sie nicht aus sich heraus, als seien sie in sich gefesselt.  img_7942

Ganz anders ein Grieche, Typ Arbeiter, der zuvor mit anderen an einem Tisch gesessen hatte und nun allein ist. Sein Körper, halb verdeckt durch die Stuhllehne, ist entspannt, ein Arm hängt über die Lehne. Er sinniert, er schaut. Außer dem Kopf ist alles gelöst.

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Das also meine kleinen Versuche, mithilfe des Stiftes mehr von den Beziehungen zu verstehen, die die Menschen zu sich und der Welt unterhalten.

Zum Abschluss und zu eurer Belustigung nach so viel ernsthafter Kritzelei ein buntes Bildchen, das ich zu Beginn meiner Beschäftigung mit der Malerei machte. Es ist ca 1980 entstanden und nimmt  das Thema der menschlichen Beziehungen in völlig anderer Form auf. Ich nannte es „Familienausflug“. (Aquarell und Feder)img_6218

 

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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9 Antworten zu Menschliche Beziehungen skizzieren

  1. Arabella schreibt:

    Ein lebensfohes Bild, die Skizzen finde ich aussagestark.

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  2. Myriade schreibt:

    Ei, ei, so viele ineinander verwobene Familienmitglieder🙂
    Die Körperspracheskizzen sind ein intessanter Ansatz ich denke , es ist sehr schwierig nur zu sehen und zu zeichnen und nicht nach den eigenen Vorstellungen zu interpretieren .
    Ich habe viel mit Interkulturalität und Menschen aus verschiedenen Kulturen zu tun und finde, dass man eine Weile braucht um die Körpersprache von Menschen aus einer Kultur, die man nicht gut oder gar nicht kennt, beurteilen zu können

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  3. bruni8wortbehagen schreibt:

    Sie sind interessant und sehr aufschlußreich, Deine Skizzen, liebe Gerda.
    Ich mache nie Skizzen, wenn ich beobachte, aber die Körpersprache fällt mir oft auf und ich ziehe meine Rückschlüsse.Es gibt so viele Haltungen, aus denen wir klar ersehen, was sie bedeuten und Hinwendung oder Aufmerksamkeit zu einem ist ausgesprochen gut zu erkennen und auch das Abwenden, das kaum zu erkennen ist, ist zu sehen. Wir müssen nur die Augen aufhalten und neugierig sein.
    Auch das Entspannte oder Angespannte drückt sich in Gestik und Haltung gut aus.
    Am griechischen Mitbürger zeigst Du es gut, erkennst Du es gut.
    Wir nehmen uns zurück, wenn wir nichts preisgeben wollen u. doch ist genau aus dieser Haltung auch vieles herauszulesen für einen aufmerksamen geschulten Beobachter.

    Dein Familienausflug zum Abschluß ist wunderschön und ich sehe ein Miteinander, sonst nichts🙂
    Miteinander ist so viel, was will ich mehr? – Nichts, ist mein Antwort, liebe Gerda, jetzt nur noch ein Bett *lächel*

    Liebe Grüße von Bruni

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    • gkazakou schreibt:

      Liebe Bruni, guten Morgen und Dank für deins. Ja, man kann viel sehen, und deine Gedichte zeigen, dass du im Beobachten sehr geschult bist. Wenn man aufmerksam ist, kann man’s – aber man ist es nicht immer, und man vergisst auch schnell, was man gesehen hat, wenn man es nicht irgendwie festhält. Das Zeichnen möchte ich als eine Art Protokoll von kunsttherapeutischen Sitzungen entwickeln, um die Aufmerksamkeit des angehenden Therapeuten zu schulen, der oft zu sehr am Wort klebt und weder seine eigene Körpersprache noch die des anderen beachtet. Natürlich wäre das nur ein kleiner Teil der Ausbildung. Na, mal sehen, ob ich es einbringen kann. Liebe Grüße! Gerda

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      • bruni8wortbehagen schreibt:

        Du wirst es mit Sicherheit wundervoll einbringen können *lächel*, mit oder ohne Deine Skizzen. wobei die Skizzen selbstverständlich eine sehr gute Hilfe dabei sein können.

        Lieber Morgengruß von Bruni

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  4. Monika schreibt:

    Damals, in der Schule, kritzelte ich während des Unterrichts. Meine Hefte waren am Rand, oder seitenweise mit Zeichnungen bemalt. Meine Mutter schimpfte, da sie glaubte ich hätte nicht aufgepasst. Ich hatte, aber es war langweilig, nicht anregend. Natürlich hatte ich kein Talent. Darauf kann es auch nicht an. Mit der Bewegung meiner Hand, ließ ich Stauungen aus meinem Inneren abfließen, unwillkürlich nahm ich den Inhalt des Unterrichts auf. Die Strafe, zu dieser damaligen Zeit Untat, folgte. Mutter und Lehrer waren sich einig.
    Du zeichnest eine Person und du benennt sie als Frau, in einer sehr starken, aussagekräftigen, männlichen Körperposition. Dem Mann würde ich eine weiche, weibliche Seite zukommen lassen. Im nächsten Bild, die übermächtige Kreatur, die auf die mittlere eindringt, so dass diese langsam platzt. Sie aber in fast gleicher Höhe ist mit der scheinbar kindlichen Gestalt und dessen machtlosen Haltung. Symptomatisch für ein noch heute bestehender Mutter-Tochter- Konflikt.
    Die Gruppe mit den Männern: Herdenführer, Angriff, Zurechtweisung, Verteidigung, Zusammenhalt. Vielleicht kommt später Spaltung. Ich weiß nicht.
    Skandinavier- Urlauber, ihre Gestik ist geprägt, von dem was sie erleben, sehen wollen in einem zeitlichen, begrenzten Fenster. Nähe ist da ein – muss –
    Aber der Grieche, ich möchte ihn sehen, als Schäfer. In einer entspannten, ruhenden Körperhaltung. Nur den wachsamen Kopf aufgerichtet, dessen Augen das Geschehen weiter ins Gehirn leiten. Entscheiden wann er aktiv werden muss, zeigt mir, worauf es im Leben ankommt. Dein Familienausflug, bringt mir die Verbundenheit und die überfließenden Erlebnisse einer gemeinsamen Unternehmung, einer Familie nahe. Nicht zu vergessen die Zweier- Beziehung, in deinen Betrachtungen. Da kann man als Außenstehende kaum eindringen, wenn nicht ein Signal gegeben wird. Zustimmung, Annahme, Einsicht, Wohlwollen.
    Danke
    LG. Monika

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    • gkazakou schreibt:

      Liebe Monika, mit deiner Auslegung meiner Zeichnungen hast du mir sehr weitergeholfen. Du entzifferst so genau, was ich da festzuhalten versuchte, dass es meine Annahme bestätigt, dass so eine kleine Skizze manchmal mehr aussagen kann als hundert Worte. – Was du über dein Zeichnen im Schulunterricht sagst, macht mich traurig. Leider haben viele Erwachsene kein Verständnis, und fragen auch nicht nach, schauen nicht hin, sondern haben ihre festen Vorstellungen im Kopf, was das Richtige fürs Kind ist. Und so wird manches als Fehlverhalten abgestempelt, was für das Kind eine wichtige Ausdrucksform ist. Leider. Sei herzlich gegrüßt von Gerda

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