G20 Gipfel Buenos Aires. Ein bisschen Statistik.

Da sind sie ja, die 20 Staatschefs vereint auf dem Familienfoto!

Ah, Pardon, da hab ich doch glatt das falsche Foto erwischt… hier ist das richtige:

Ich weiß, es sind mehr als 20 Leute drauf, schließlich sind bei solchen Treffen, bei denen es ganz inoffiziell und chez nouz (unter uns) um das Wohl und Wehe der Welt geht, auch noch andere wichtige Persönlichkeiten geladen. Ich kann sie euch leider nicht alle nennen, aber Frau Lagarde vom IWF strahlt unübersehbar in der Mitte. Bei solch einer Unterrepräsentanz der Frauen fällt sie gleich auf. Sonst sind da nur Frau May und Frau Merkel …. Moment mal, wo steckt denn die? Immer noch nicht angekommen? Oder etwa schon wieder abgereist? Na, egal. Jedenfalls freue ich mich, nicht nur zwei Frauen,  sondern auch zwei Afrikaner zu erblicken. Vielleicht stehen ja auch noch welche am rechten Rand, der hier beschnitten ist.

Welches sind eigentlich die 20 vertretenen Länder, und wieviel der Erdbevölkerung vertreten sie? Ich zeige es euch mal auf einer Tabelle. In der ersten Spalte siehst du den Landesnamen, in der zweiten die geschätzte Einwohnerzahl (Schätzung der Weltbank, 2015), in der dritten den Anteil des Landes an der Erdbevölkerung. In der vierten Spalte gleich daneben siehst du, wieviel das BIP (Bruttoinlandprodukt) des Landes, gemessen als Anteil an der gesamten Kaufkraft des Planeten darstellt ( Schätzung der Weltbank, 2017).

Wenn du die % an der Weltbevölkerung (vorletzte Spalte) und die % der verfügbaren  Kaufkraft (letzte Spalte) vergleichst, bekommst du eine kleine Vorstellung über die Verteilung des Reichtums zwischen den 20 vertretenen Ländern.

Bevölkerung in Millionen                     % der Weltbevölkerung / % der weltweiten Kaufkraft

Argentinien                          43,4                                                                      0.6                           0.7

Australien                             23,8                                                                      0.3                           1.0

Brasilien                               207,0                                                                     2.8                           2.5

Deutschland                         81,7                                                                        1.1.                          3.3

EU                                          510,0                                                                     6.9                         16.4

Frankreich                             65,5                                                                      0.9                          2.2

Indien                              1.311,1                                                                       17.8                           7.5

Indonesien                         257,6                                                                      3.5                            2.6

Italien                                     60,7                                                                       0.8                         1.8

Japan                                    127,0                                                                      1.7                          4.3

Kanada                                  35,8                                                                        0.5                          1.4

Mexiko                                 127,0                                                                      1.7                          1.9

Russland                              144,1                                                                      2.0                          3.1

Saudi Arabien                      31,5                                                                       0.4                          1.4

Südafrika                               55,0                                                                       0.7                          0.6

Südkorea                               50,6                                                                       0.7                          1.6

Türkei                                     80,8                                                                       1.1                          1.6

Großbritannien                   65,1                                                                       0.9                          2.3

USA                                        321,4                                                                     4.4                         15.3

China                                     1.371,0                                                                  18.7                       18.3

Summe                             4.696,0                                                          63.9                     80.3

Weltbevölkerung               7.250,0                                                                     100                      100

(bei Wiki wird die Weltbevölkerung 2018 bereits auf  7,730.0 geschätzt, d.h. auf 480 Millionen mehr, was in etwa der gesamten Bevölkerung  der EU entspricht.)

Als Interpretationshilfe ein paar Beispiele: Nimm die erste und zweite Zeile: Argentinien: liegt mit 0.6 % der Weltbevölkerung und 0.7 % am BIP aller Länder der Welt ein kleines bisschen über, Brasilien mit 2.8 bzw 2.5% ein wenig unter dem, was dem Land bei gleicher Verteilung des Reichtums zukäme. Deutschland stellt 1.1% der Weltbevölkerung, kann aber 3.3 % des in der Welt erwirtschafteten Reichtums verzehren, also 3 mal so viel wie ihm bei Gleichverteilung zustünde. Etwas schlechter steht die EU als Ganzes da. Nur die USA sind reicher mit 4.4 % der Weltbevölkerung, die 15.3 % des weltweiten BIP – also fast das Vierfache des ihm Zustehenden –  erwirtschaftet bzw verzehren kann. Indien, mit 17.8 % der Weltbevölkerung, kommt nur auf 7.5% des BIP, also auf weniger als die Hälfte der ihm entsprechenden Kaufkraft. Bei China sind die Zahlen jetzt recht ausgeglichen: es stellt 18.7 % der Erdbevölkerung und verfügt über 18.3% des weltweit erwirtschafteten BIP.

In den gar nicht in Buenos Aires vertretenen Länder leben mit ca. 2.5 Milliarden Menschen ca. 36 % der Weltbevölkerung, die aber nur über ca. 19.7%  des BIP (in Kaufkraft), verfügen können. Wo um Himmels willen steckt Afrika?

Noch eine Zahl. 193 anerkannte Staaten (Mitglieder der UNO) gibt es, ferner den Vatikan und noch ein paar staatsähnliche Gebilde. 19 davon und die EU sind Buenos Aires anwesend.

So. Genug der Statistik. Ich denke, dass es kein Fehler ist, sich die Größenordnungen einmal vor Augen zu führen, auch wenn diese Daten natürlich gar nichts über die Verteilung des Reichtums innerhalb eines jeden Landes aussagen.

 

 

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Tagtägliche Zeichnung: Der G20-Eulengipfel (Weltpolitik am Sonntag)

Hamburg war mal. Heute und morgen ist Buenos Aires Austragungsort für den G20-Gipfel, wo sich die 19 „wichtigsten“ Industrie- und Schwellenländer und die EU als 20. Mitglied über uns und unsere Zukunft unterhalten. Auf der Agenda stehen „die Zukunft der Arbeit, Infrastruktur für Entwicklung, Ernährungssicherheit, Gleichstellung der Geschlechter“ und noch dies und das.

Um der Agenda Nachdruck zu verschaffen und um sie um ein paar Punkte zu erweitern, haben die Eulen zu einer eigenen Konferenz eingeladen. Mich baten sie, ein Familienfoto anzufertigen. Ich zählte nach: es waren tatsächlich zwanzig. Zwanzig Eulen, Käuze und Uhus, große, mittlere und kleine, dümmliche, kluge und schlaue, freche, schläfrige und strenge, aus Federn, Holz, Keramik, Metall, Glas und wer weiß woraus noch. Und ich sollte sie abkonterfeien. Was ich tat.

Ich bin gespannt, was sie beschließen werden. Vielleicht hast du eine Idee?

Eulengipfel (G20, 1.12.2018) Bleistiftzeichnung (c) gerda kazakou

Eulengipfel, retouchiert (c) gerda kazakou, 1.12.2018

 

 

 

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Alltag 2

Ulli hat mit ihrem Vorschlag, sich über den Alltag auszutauschen, einiges angestoßen. Bei mir ist es die Einsicht, das ich keine Alltags-Routinen habe. Keine außer einer. dem täglichen Spaziergang mit dem Hund, aber da auch, wenn immer möglich, heute auf Wegen, die ich nicht gestern ging. Der Hund findet das natürlich nicht so gut, er liebt Routinen. Immer wieder habe ich versucht, Routinen aufzubauen, so zuletzt mit der täglichen Zeichnung. Aber sie gehen mir nicht in Fleisch und Blut über. Sobald ich kann, schlage ich ihnen ein Schnippchen.

Dennoch: Ich finde mich, sobald ich aufgestanden bin – das kann zu verschiedenen Zeiten sein – , meist mit einem Becher Kaffee am Computer ein, um nachzuschauen, was in der Mailbox gelandet ist.  Seit ich blogge, ist das eine ganze Menge. Rund um den Computer häufen sich Artefakte anderer Tätigkeiten. Im Moment sehe ich: das zerflederte deutsch-griechische Lexikon, Briefschaften und Formulare, Bankauszüge und Postkarten, Pillen und Brillenetuis von abhandenen Brillen, handschriftliche Notizen anlässlich einer gestrigen Politikerrede, ein gelber Merkzettel mit einer Telefonnummer und einem Namen – ist an einer Aufstellung interessiert, Ohrstöpsel fürs Anhören von Videos, ein Maßband, mit dem ich gestern ein Bildformat ausmaß, ein leeres Tintenfass, alle möglichen Stifte – die meisten ausgetrocknet, Schachteln und Dosen, eine davon in Eulenformat, eine leere Blumenvase – könnte ich ja mal wieder was reinstellen oder sie wegräumen, ein Buch – ja, was denn? Aha: „Die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts“ von Werner Rügemer, noch nicht angelesen, drei Tui-Tiu-Büchlein, die ich vielleicht verschicken will. Und dahinter, auf dem Sofa, Tito, der immer mal wieder vorbeikommt, mich mit feuchter Nase anstupst und mich fragt, wann es denn endlich los geht? Gleich, gleich! sagte ich. Und er: „Nicht gleich, sofort! der Himmel ist schon ganz grau, beeil dich!!“ Ja, sage ich, einen Moment noch. Jetzt noch die Bilder reintun, und fertig! der Rest kann warten.

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Adieu November, sei gegrüßt Dezember!

Oft denke ich, wenn die Tage so dahinrasen, dass ich nichts richtig auf die Reihe bringe. Doch stimmt es so? Mir zum Trost und zur Selbstversicherung lasse ich noch einmal Momente des Monats November als Blog-Foto-Revue passieren. Der Monat begann mit den „Seelenvögeln“ noch in der Mani  und endete mit den „Booten und Eulen“ in Athen. Dazwischen Zeichnungen, Legebilder, abc-etüden, Spaziergänge, Alltag, Museen, Ausstellungen, Konzerte, Fotoexperimente, Wolkenbilder und was nicht noch alles. An einiges wirst du dich vielleicht gerne erinnern. wenn du ein Bild größer sehen willst: einfach anklicken.

 

 

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Tagtägliche Zeichnung: Mit Eulen und Schiffen

Zwei Eulen – zwei Boote – ein verwelktes Kastanienblatt und ein Fruchtstand – ein Pinienzweig mit Zapfen, eine Tischdecke und eine Lampe, die die Szene beleuchtet und deren Licht Schatten an die Wand malt. (Das Foto habe ich nachträglich für euch gemacht. Ich zeichne nie nach Fotos, sondern immer vor der Natur bzw vor den Objekten).

Die Dinge hatten nichts miteinander zu tun, bis ich sie zusammenstellte. Doch sobald ich anfange, sie zu zeichnen, beginnen sie eine Geschichte zu erzählen, ein Drama aufzuführen. Ein Wind kommt auf, bewegt den Zweig, das Blatt, das Boot. Der Rand der Decke schlägt leichte Wellen. Die runde Eule aus Perlmutt schaut furchtsam auf das kleine Boot. „Mit dem soll ich reisen, und das bei solchem Sturm?“ Streng blickt der hoch aufgerichtete Eulenmann. „Manche Schiffe ziehen  vorbei, aber sie sind nicht für dich.  Man reise mit dem, was man hat.“

Zwei Eulen, zwei Schiffe. Bleistiftzeichnung (c) gerda kazakou, 30.11.2018

Ich habe die Zeichnung diesmal mehrfach fotografiert, so dass das Licht der Lampe das Papier mal von der einen, mal von der anderen Seite beleuchtet. Das zeigt sich dann deutlich in den Bearbeitungen.

 

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Über Sonnenflecken und Armutsstatistiken (Vorsicht: Politik!)

Eisig ist es geworden, der Wind hat mir Hände, Nase und Lippen fast abgefroren, als ich vorhin, schlecht gerüstet, mit meinem Hund im Syngrou spazieren ging. Gestern aber erfreute ich mich noch an den Sonnenflecken auf den Baumstämmen und den grüngrünen Teppichen aus Frauenmantel.

Sonnenflecken anderer Art machen grad die Runde im internet: NASA-Wissenschaftler haben, so lese ich, verkündet, dass die Sonnenfleckenaktivität 2020 ihr Minimum erreicht. Andere sehen das Tief im kommenden Jahr und prognostizieren eine kleine Eiszeit. Gibt es denn einen Zusammenhang zwischen der Sonnenaktivität und unserem Klima? Frag die Experten von der TU Berlin, sagte ich mir und fand dies. Ich bin verwirrt und würde gern von einschlägig informierten Lesern oder Leserinnen erfahren:

Muss ich mir nun eine dicke Wollmütze und Handschuhe zulegen oder geht diese Kältewelle schnell vorbei und wir können uns auf warme Tage freuen?

Bitte, ich bin keine „Klimaleugnerin“, aber eine „Klimazweiflerin“ bin ich durchaus, dh ich kann mich von dem Verdacht nicht befreien, dass die ganze Diskussion über den globalen Klimawandel auf löchrigem Boden stattfindet. Nämlich auf dem der globalen Statistik, die über lokale Entwicklungen rein gar nichts aussagt.

Was übrigens für alle „globalen“ Diskussionen zutrifft.

So wird dieser Tage ein anderes Datum von Regierungsmündern und Presse herumgereicht: die extreme Armut – so die Weltbank in ihrem letzten Bericht – sei global drastisch zurückgegangen, und um 2030 herum werde sie wohl ganz verschwunden sein. O wunderbare Welt! O herrliche Früchte des liberalen Kapitalismus westlicher Prägung! möchte man ausrufen, und ruft man auch aus: Ich hörte es grad gestern aus dem Mund eines Bewerbers um den CDU-Parteivorsitz.

Begierig nach mehr suchte ich nach dem Weltbank-Bericht. Da findet man als erstes Hochglanz-Fotografien von lächelnden bzw hungernden Asiaten oder Afrikanern. Auch gibt es seitenweise Tabellen mit Kurven, die alle nach unten zeigen. Und man findet eine Kopfzähl-Uhr, auf der kann man zusehen, wie Weiblein und Männlein aus der Armut entkommen.  Schau sie dir an, es ist wirklich reizend! Und so aufbauend in der Vorweihnachtszeit. Sogar im Yemen entkommen Menschlein der extremen Armut! Vielleicht durch die Pforte des Todes?

Aber wie kommt die hoffnungsvolle Zahl von minus 20 Millionen Hungernden in acht Jahren zustande? China! kam mir in den Sinn. Da leben immerhin 1.4 Milliarden der globalen 5.4 Milliarden-Menschheit. Tatsächlich, weniger als 1% vegetieren dort unter der Armutsgrenze von 1.90 $ pro Tag! Diese Chinesen machen die globale Statistik richtig hübsch. Und die tüchtigen 100 Millionen Vietnamesen? 11 % Rückgang der extremen Armut in der letzten Dekade.  Russland? Da ist die extreme Armut auch deutlich rückläufig, räumt die Weltbank ein. All dies sind Länder, die nicht dem neoliberalen Wirtschaftmodell folgen und daher auch nicht von der Welthungerhilfe profitieren.

Neugierig nach mehr suchte ich nun nach Griechenland – aber o weh, da zeigt die Weltbank keine Armuts-Daten! Nur dass das Bruttosozialprodukt um ca 25 % geschrumpft ist, ist zu erfahren. Das ist jedenfalls Weltspitze und kann sich sehen lassen. Ich schaute auch bei Bosnien, Bulgarien, Ukraine…. und bei afrikanischen Staaten der Subsahara, und da, ach, gibt es leider auch Zahlen, die überhaupt nicht hübsch aussehen.

Kurzum: So ist das mit Statistiken. Muss ich mir nun eine dicke Mütze und Handschuhe zulegen oder wird es schon wieder wärmer?

 

 

 

 

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abc-etüde: Als der Herr das Weib erschuf (Kata-Strophen)

Seit zehn Tagen läuft die neue abc-etüden-Runde von Christiane, und es wäre Sünde und Schande, wenn ich dazu nicht ein paar Kata-Strophen beitragen würde. Die Wörter

Raureif
sündig
verrücken

spendete Yvonne von umgebucht (herzlichen Dank!), die Einladungskarte hat Christiane wieder selbst gestaltet. 300 Wörter sind erlaubt, ich habe 297 verbraucht. Hier sind sie:

Als der Herr das Weib erschuf

Als der Herr das Weib erschuf
Untergrub er seinen Ruf
Als Mann der Weisheit und der Tugend
Den man als Vorbild zeigt der Jugend.

Kaum sahn die Engel dieses Weibchen
Noch völlig nackigt, ohne Leibchen
Und ohne Rock und ohne Schleier
Ergriffen sie erbost die Leier
Und psalmodierten wutentbrannt:
„Aha, wir haben dich erkannt!
Wir Engel waren dir nicht recht,
du wolltest eine mit Geschlecht
ihr beizuwohnen voll Entzücken
bis Tag und Nacht sich dir verrücken!
Und tust dus nicht, so tuts der Mann
Der bald nicht mehr begreifen kann
Dass sündig ist, was er da treibt
Auch wenn die Bibel es so schreibt.
Statt Weihrauch fromm dem Himmel spenden
Wird er bald spüren in den Lenden
Die Kraft der Zeugung, und vergessen
Was einem Frommen angemessen.
Hallee-lujaa, die Teufel reiben
die Hände sich, so kanns nicht bleiben!
Du musst, o Herr, ein Mittel finden
Dass wieder Schluss ist mit den Sünden.“

Der Herr dacht nach, und auf die Rosen
Senkt sich der Raureif, und in Hosen
Sind nun gesteckt die Männerleiber
In Tuch und Rock die geilen Weiber
Sie sitzen fromm erwartungsvoll
Dass sie ein Freier holen soll
Der gottesfürchtig, wenn auch alt
Dem sündgen Leib gebietet: Halt!
Du darfst zwar seinen Ofen heizen
Für deinen Mann die Beine spreizen
Auf dass er seinen Samen senke
In dich und dir so Kinder schenke.
Doch mit der Lust ist Schluss, mein Lieb,
denn Lust ist nur ein Teufels-Trieb.

Doch immer, wenn der Lenz sich naht
Weiß Gott sich kaum noch einen Rat.
Denn wie die Rosen voll Entzücken
Den Duft verströmen und berücken
Die Nase mancher Menschenkinder,
so werden Mann und Frau auch Sünder,
sobald die Leiber sich berühren
und hinter fest verschlossnen Türen
sich ineinander ganz verknäulen.
Die Hölle singt, die Engel heulen.

297 Wörter

Diese Legearbeit habe ich schon mal gezeigt. Angefertigt habe ich sie mit den Schnipseln, die Jürgen mir schickte. Mehr dazu dort.

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Tagtägliche Zeichnung: Der Schwan aus Filz schwimmt vorbei

Pablo Neruda, Canto General (Der große Gesang)

SUCEDE que me canso de ser hombre.
Sucede que entro en las sastrerías y en los cines
marchito, impenetrable, como un cisne de fieltro
navegando en un agua de origen y ceniza.

Mit einmal bin ich es müde, ein Mensch zu sein.
Mit einmal trete ich ein in Schneidereien und Kinos,
undurchdringlich und welk wie ein Schwan aus Filz,
treibe ich hin auf einem Wasser von Ursprung und Asche.

(Übersetzung zitiert nach http://www.planetlyrik.de/pablo-neruda-der-grosse-gesang/2012/09/)

Schon einmal war er da, der Schwan aus Filz. Heute schwimmt er vorbei an einer gelben Vase mit welkenden Rosen und an erstarrten Feigenblättern. Der aufziehbare Clown breitet die Arme aus und lächelt selig. Wenn nicht er, wer dann?

Gezeichnet habe ich heute wieder auf dem mittelgroßen Block, 35×50 cm. Zum Vergleich: die gestrige Zeichnung ist doppelt so groß, eine frühere mit dem Widderkopf etwas mehr als halb so groß.

Hier nun wieder ein paar Bearbeitungen mit Filtern von Fotoshop.

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Tagtägliche Zeichnung: Mit dem Hasen

Die Lampe aus Altmetall – ich habe sie mal im Club Voltaire erstanden – ist mit den verwelkten Blättern des Feigenbaums formverwandt. Was bei diesen erstarrte brüchige Form, ist bei jener schwarz lackierte eiserne Dauerhaftigkeit. Ich stellte sie zusammen und dazu den eisernen Briefständer mit den schwarzen Eulen. Dazwischen stecken Karten und Briefe, nicht von heute und gestern, sondern von vorgestern. Ich nahm sie heraus, besah eine nach der anderen, las. Die mit dem Hasen ist ein letzter Gruß einer inzwischen verstorbenen Freundin.

Auf meiner Zeichnung siehst du die Karte halb verborgen unter den vertrockneten Blättern links, auf einem Briefumschlag, der die letzten Karten und Fotos einer anderen Freundin enthält. Dahinter ein Glas Rotwein, das zur Neige geht.

Die ungleichmäßige Ausleuchtung der Zeichnung bitte ich zu entschuldigen.

….und drei Bearbeitungen.

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Tagtägliche Zeichnung: Angst vor Formverlust

 

Weiches graues Novemberlicht. Die verwelkenden Blätter werfen nur schwache Schatten: der Kernschatten ein dunkler Fleck, drumrum leichte Streuschatten. Die Konturen der Dinge lösen sich auf darin auf. Ich will  kein Lampenlicht anmachen. Denn dies Licht ist genau richtig, um zu zeigen: Die Blätter fürchten sich vor dem endgültigen Verlust der Form. Bald werden sie zerfallen sein und in Verwesung übergehen. Doch bevor es so weit ist, werden sie starr und brüchig. Das ist ihre letzte Gegenwehr gegen das Unvermeidliche, will mir scheinen.

Oder bin ich es, die sich nicht dreinschicken will? Lege ich deshalb eine Ketten aus harten Kunstharz-Stücken dazu? Die durchscheinende Eule aus Kristall denkt sich ihr Teil.

Schließlich unterlege ich alles noch mit dem geometrischen Muster einer Tischdecke, das wie ein Koordinaten-System dem Brüchigen ein wenig Halt und Form ungeben soll.

Mit dem Fotografieren der Zeichnung hatte ich mal wieder meine Not. Das Tageslicht ist schwach, das Lampenlicht spiegelt sich im Graphit und macht es stellenweise unsichtbar. Auch das ist freilich Teil dieses Novembergefühls der Auflösung der Form.

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