Tagtägliche Zeichnung: Angst vor Formverlust

 

Weiches graues Novemberlicht. Die verwelkenden Blätter werfen nur schwache Schatten: der Kernschatten ein dunkler Fleck, drumrum leichte Streuschatten. Die Konturen der Dinge lösen sich auf darin auf. Ich will  kein Lampenlicht anmachen. Denn dies Licht ist genau richtig, um zu zeigen: Die Blätter fürchten sich vor dem endgültigen Verlust der Form. Bald werden sie zerfallen sein und in Verwesung übergehen. Doch bevor es so weit ist, werden sie starr und brüchig. Das ist ihre letzte Gegenwehr gegen das Unvermeidliche, will mir scheinen.

Oder bin ich es, die sich nicht dreinschicken will? Lege ich deshalb eine Ketten aus harten Kunstharz-Stücken dazu? Die durchscheinende Eule aus Kristall denkt sich ihr Teil.

Schließlich unterlege ich alles noch mit dem geometrischen Muster einer Tischdecke, das wie ein Koordinaten-System dem Brüchigen ein wenig Halt und Form ungeben soll.

Mit dem Fotografieren der Zeichnung hatte ich mal wieder meine Not. Das Tageslicht ist schwach, das Lampenlicht spiegelt sich im Graphit und macht es stellenweise unsichtbar. Auch das ist freilich Teil dieses Novembergefühls der Auflösung der Form.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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28 Antworten zu Tagtägliche Zeichnung: Angst vor Formverlust

  1. Ulli schreibt:

    Stimmt schon, auch wir werden irgendwann ins Formlose übergehen, hoffentlich so weich und dezent bunt wie in deiner vorletzten Bearbeitung, diese und die letzte Variation sprechen zu mir, das letzte, weil bei allem Zaudern und Zögernd das Leben alldem einen Strich dadurch macht, gleich zwei weben sich hinein, sie sagen mir: es ist was es ist, erst das Leben, dann das Vergehen –

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  2. Schön, wie es dir gelingt, die Novembereindrücke auch ohne mechanische Abbildungsvorrichtung auf die Fläche zu bannen!

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    • gkazakou schreibt:

      Danke Joachim. Dass die Schatten bei Tageslicht anders sind als bei Lampenlicht – darauf hast du kürzlich aufmerksam gemacht, und heute beim Zeichnen wurde es mir wieder sehr bewusst. Die anderen Zeichnungen habe ich alle bei Lampenlicht gemacht, daher sind die Schatten sehr scharf abgegrenzt und dunkel.

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  3. puzzleblume schreibt:

    Ausgerechnet die letzte Bearbeitung mit den oragngefarbenen „Ess-Stäbchen“-Streifen spricht mich besonders stark an, bei der die Brüchigkeit so stark scheint, dass es zwischen den Stäbchen knistern müsste und bröseln, wollte man mit ihnen zufassen – auch das ein Novembergefühl für mich, die Art, wie manche Gedanken zu den gewissen Gedenktagen aufscheinen und kaum einem festen Zugriff standzuhalten vermögen, wie eben diese Blätter, jenseits des Lebendigen.

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  4. kopfundgestalt schreibt:

    Ohne ausreichendes Tageslicht ist es eine (un)helle Not! Eine kleine Kamera, die ich zum Fotografieren von Keramik in der Küche verwende (da sind zwei Fenster) liefert oft schwach-tumbe Aufnahmen. Am liebsten also draussen, wenn es eben vom Wetter her passt.

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  5. kowkla123 schreibt:

    ich wünsche eine gute Woche, der erste Advent steht schon vor der Tür.

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  6. gkazakou schreibt:

    Tatsächlich? Eben war doch erst Weihnachten! Danke fürs Erinnern, Klaus.

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  7. www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

    Deine neue Zeichnung zeigt sich irgendwie anders als die vorigen, liebe Gerda.
    Ich sehe das Vergehende wie im Anflug/Angriff? auf das Bestehende, die Eule, der Du Deine Kette wie eine Treppe dazugelegt hast.
    Links die Eule mit der Schmucktreppe und von rechts kommt das Vergehende auf SIE zu, die standfest ist und sich nicht vom Fleck rührt.. Die Eule als Fels in der Brandung?

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    • gkazakou schreibt:

      hm, du hast den Punkt getroffen. Ich formulierte oben: „Oder bin ich es, die sich nicht dreinschicken will? Lege ich deshalb eine Ketten aus harten Kunstharz-Stücken dazu?“ und auch: „Schließlich unterlege ich alles noch mit dem geometrischen Muster einer Tischdecke, das wie ein Koordinaten-System dem Brüchigen ein wenig Halt und Form geben soll“. Kurzum – ich versuche, dem Verlust der Form, den die Blätter erleiden, etwas entgegenzusetzen, weil ICH das brauche. Als Helferin in der Not habe ich die Eule herbeizitiert. Und sie leistet, was sie soll. Sie ist aus durchscheinendem Kristall, zugleich zart und sehr stabil. „Fels in der Brandung“. Ja, sie hält stand.

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  8. www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

    hm, liebe Gerda. Novembergedanken? Du hast nicht nur einen Fels in der Brandung, liebe Gerda!
    Oder liegt da Deine Not? Ich grüße Dich von Herzen

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  9. PPawlo schreibt:

    Mich spricht das zweite unter den beiden großen Bildern ganz besonders an. Als könnte ein Windhauch sie alle davonwehen.. so zart und leicht wirken diese Blätter dort auf mich, als ergäben sie sich in ihr unvermeidliches Schicksal. Schön!

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  10. wildgans schreibt:

    „Wer ein einziges Blatt malen kann,
    kann die ganze Welt malen.“
    (John Ruskin. Im schönen Buch „Blumenmalerinnen“ von Renate Hücking)

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