Nach ihrem ersten Auftritt haben einige von euch Doras Wesen kommentiert. Manche meinen sie bereits verstanden zu haben und begrüßen sie herzlich als Freudenbringerin, andere sind eher skeptisch. Und ich selbst? Sie scheint mir recht kapriziös, sogar mysteriös zu sein. Also bleibt es spannend.
Vorhin, als ich im Kommentarstrang las, schaute mir Dora über die Schulter. „Hier“, sagte sie und tippte auf Babsis Kommentar, „wäre das nichts für dich?“ Die Frage gefiel mir: ich darf mir die Geschenke selbst aussuchen! Das ist mir nämlich wichtig: Zu vieles kommt dir als Geschenk ins Haus, und hinterher wird dir die Rechnung präsentiert.
Aber warum soll ich gerade den Kommentar von Babsi nehmen? Die anderen sind doch auch schön und sinnreich! Was schreibt Babsi denn so besonderes? „Zuviel Gaben machen unzufrieden, deshalb ist weniger manchmal mehr!“ Hm, da hat sie recht, zuviel ist zuviel. Auch erleichtert es nicht die Wahl. Warum dies und nicht das, wenn dich beides lockt? Buridans Esel kennst du wohl: der Esel, der zwischen zwei Heuhaufen verhungert, weil er beide gleich lecker findet und sich nicht entscheiden kann. Das soll mir nicht passieren. – Aber kennst du auch die Anekdote, die Paul Watzlawick in seiner „Anleitung zum Unglücklichsein“ erzählt? Die Mutter macht ihrem geliebten Sohn zwei Geschenke: ein Hemd und einen Pullover. Der Sohn hält sich das Hemd an und befindet, dass es sehr geschmackvoll und passend sei. Darauf die Mutter: Der Pullover gefällt dir wohl nicht? – Doch, doch, sicher. – Ich seh doch, dass er dir nicht gefällt – Aber nein, der Pullover ist auch sehr schön. – Das sagst du jetzt nur, um mir einen Gefallen zu tun. … So geht es hin und her, bis der Sohn beide Geschenke hinschmeißt und schreit: Recht hast du, sie sind beide beschissen! und Türe knallend die Wohnung verlässt. Eine verzweifelte Mutter bleibt zurück.
Pardon für die Abschweifung. Wie geht es denn nun in Babsis Kommentar weiter? „Lassen wir uns überraschen, was für Gaben uns gegeben werden und vielleicht ist die eine oder andere ein Segen.“ Das ist weise gesprochen: denn überraschend ist die Zukunft ja immer, auch wenn wir oft glauben, schon zu wissen, was sie bringt. Und eine vorsichtige Zuversicht, dass Segensreiches unter den Gaben sein wird, macht die Gegenwart erträglich. Danke, Babsi, dieses Geschenk einer vorsichtigen Zuversicht nehme ich gern entgegen.
Dann sagt Babsi noch etwas über die Quersumme des Jahres. Und schon fängt es bei mir im Kopf an zu rattern: Quersumme von 2022 ist die Sechs! Und die Sechs, was ist das? Nun, nach einer Auslegung ist es der sechsstrahlige Davidstern, gebildet aus zwei Dreiecken, einer von oben kommend, einer von unten heraufwachsend, bis sich beide vollkommen durchdringen: „das Siegel des Salomon“, durch das die unverbrüchliche Treue zwischen Gott und seinem Volk besiegelt wurde. Es ist ein hohes und tiefes Symbol. Nach einer anderen Auslegung ist die Sechs einer der platonischen Körper: der Würfel nämlich mit seinen sechs Seiten, Symbol der Erde … und des Zufalls.
Einstein sagte: „Gott würfelt nicht“ . Aber mit dem abnehmenden Glauben an Gott mehren sich die Zweifler. Ist die Erde wirklich ein sicherer Ort, oder werden wir von unsichtbaren Würflern herumgeworfen? Haben wir Handlungsfreiheit und Selbstbestimmung, oder ist es reiner Zufall, auf welche Seite wir zu liegen kommen?
Alea jacta est (der Würfel ist gefallen) – sprach Cäsar, als er den Rubicon überschritt und damit das Ende der römischen Republik besiegelte. Welche Zahl der Würfel anzeigte, den Cäsar warf – das verraten uns die Geschichtsschreiber nicht. Wir wissen nur, dass das Spiel für den Herrn der damaligen Geschichte nicht gut ausging.
Ihr saht den kühnen Cäsar dann
Ihr wißt, was aus ihm wurd'!
Er saß wie 'n Gott auf 'nem Altar
Und wurde ermordet, wie ihr erfuhrt
Und zwar, als er am größten war....
B. Brecht, das Lied von Salomon
Ja, ja, das sollten sich die heutigen „Herren der Geschichte“ mal hinter die Ohren schreiben. Denn wie sagt der Volksmund? : „Du sollst den Tag nicht vor dem Abend loben“ und „Hochmut kommt vor den Fall“. Auch diese Sprüche haben übrigens antike Wurzeln – wie könnte es anders sein. Und ich denke, es lohnt sich, sich kurz drauf zu besinnen:
Herodot erzählt uns von dem Besuch des weisen Solon (Gesetzgeber der Griechen) bei Krösus (extrem reicher König Lydiens im 6. vorchristlichen Jahrhundert. Noch heute nennen wir sehr reiche Menschen „Krösus“). Krösus zeigt seinem Gast die übervollen Schatzkammern und fragt ihn dann: „Wer ist der glücklichste Mensch?“ Anstatt „Du, Krösus, bist der glücklichste“ zu antworten, nennt Solon erst einen gewissen Tellos, der einen Heldentod starb, dann die Brüder Kleobis und Biton, die nach einer frommen Tat sanft entschliefen. Krösus beharrt: Ob er selbst, der reichste Mann der damaligen Welt, denn nicht glücklicher zu schätzen sei als diese kleinen Leute? Doch Solon antwortet lakonisch: Es gilt, das Ende abzuwarten. Oder auch: Dein Schicksal wird sich erst vom Ende her beurteilen lassen. Krösus ist enttäuscht von Solon und schickt ihn weg.
Doch schon bald geht es mit Krösus bergab. In totaler Selbstüberschätzung beginnt er einen Feldzug gegen die Perser, den er gründlich verliert. Gefangen und mit einer schmählichen Hinrichtung bedroht, schichtet er seinen eigenen Scheiterhaufen, besteigt ihn und ruft reuevoll aus: „O Solon, Solon!“ Das macht den Perserkönig Kyros neugierig, er fragt nach, erfährt die Geschichte, begnadigt den Gefangenen und macht ihn zu seinem Ratgeber. Happy end.
Rechtzeitig und um diese langweiligen Geschichten über entscheidungslose Esel, verzweifete Mütter und törichte Herrscher zu beenden, kam mir ein Gedichtchen ins Haus geflattert. Mein Bruder schenkte es mir. Es ist, natürlich, von Christian Morgenstern.
Der Würfel
Ein Würfel sprach zu sich: Ich bin
mir selbst nicht völlig zum Gewinn!
Denn meines Wesens sechste Seite,
und sei es auch ein Auge bloß,
sieht immerdar, statt in die Weite,
der Erde ewig dunklen Schoß.
Als dies die Erde, drauf er ruhte,
vernommen, ward ihr schlimm zumute.
Du Esel, sprach sie, ich bin dunkel,
weil dein Gesäß mich just bedeckt!
Ich bin so licht wie ein Karfunkel,
sobald du dich hinweggefleckt.
Der Würfel, innerlichst beleidigt,
hat sich nicht weiter drauf verteidigt.







Liebe Petra, alle Welt veröffentlicht dieser Tage Übersichten über Gelesenes und verfasst Buchempfehlungen. Du, die schon als Kleinkind „in die Buchstabensuppe gefallen“ bist, bist nicht mehr dabei.
Auch Du, liebe Petra, hast der Welt zwei Bücher geschenkt. Das eine hältst du stolz in der Hand – oben auf dem Foto: „Gefahren des Lesens“ nanntest du es. Ich habe damals das Manuskript gegengelesen, und musste oft schmunzeln. Ja, das Lesen ist eine gefährliche Tätigkeit, der man sich nur in sicherem Umfeld und in kleinen Dosen hingeben sollte. Es war dein zweites veröffentlichtes Büchlein.















Unser Kontakt wurde immer flüchtiger, und langsam verlor ich die Übersicht. Wer warst du wirklich, Will.i? Mal warst du ein dunkelhäutiger Junge, mal eine Tänzerin mit Indianerschmuckfeder, mal eine schwarze Frau, dann wieder hellhäutig und männlich… Ich sah in dir einen Technikbesessenen und eine verstörte Jugendliche, ein neugieriges Kind und eine abgedriftete ältliche Person….Einmal kamst du sogar 

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