Dora zum Zweiten (Über das Wählen und Würfeln – Weltpolitik am Sonntag)

Nach ihrem ersten Auftritt haben einige von euch Doras Wesen kommentiert. Manche meinen sie bereits verstanden zu haben und begrüßen sie herzlich als Freudenbringerin, andere sind eher skeptisch. Und ich selbst? Sie scheint mir recht kapriziös, sogar mysteriös zu sein.  Also bleibt es spannend.

Vorhin, als ich im Kommentarstrang las, schaute mir Dora über die Schulter. „Hier“, sagte sie und tippte auf Babsis Kommentar, „wäre das nichts für dich?“ Die Frage gefiel mir: ich darf mir die Geschenke selbst aussuchen! Das ist mir nämlich wichtig: Zu vieles kommt dir als Geschenk ins Haus, und hinterher wird dir die Rechnung präsentiert.

Aber warum soll ich gerade den Kommentar von Babsi nehmen? Die anderen sind doch auch schön und sinnreich! Was schreibt Babsi denn so besonderes? „Zuviel Gaben machen unzufrieden, deshalb ist weniger manchmal mehr!“ Hm, da hat sie recht, zuviel ist zuviel. Auch erleichtert es nicht die Wahl. Warum dies und nicht das, wenn dich beides lockt? Buridans Esel kennst du wohl: der Esel, der zwischen zwei Heuhaufen  verhungert, weil er beide gleich lecker findet und sich nicht entscheiden kann. Das soll mir nicht passieren. – Aber kennst du auch die Anekdote, die Paul Watzlawick in seiner „Anleitung zum Unglücklichsein“ erzählt? Die Mutter macht ihrem geliebten Sohn zwei Geschenke: ein Hemd und einen Pullover. Der Sohn hält sich das Hemd an und befindet, dass es sehr geschmackvoll und passend sei. Darauf die Mutter: Der Pullover gefällt dir wohl nicht? – Doch, doch, sicher. – Ich seh doch, dass er dir nicht gefällt – Aber nein, der Pullover ist auch sehr schön. – Das sagst du jetzt nur, um mir einen Gefallen zu tun. … So geht es hin und her, bis der Sohn beide Geschenke hinschmeißt und schreit: Recht hast du, sie sind beide beschissen! und Türe knallend die Wohnung verlässt. Eine verzweifelte Mutter bleibt zurück.

Pardon für die Abschweifung. Wie geht es denn nun in Babsis Kommentar weiter? „Lassen wir uns überraschen, was für Gaben uns gegeben werden und vielleicht ist die eine oder andere ein Segen.“  Das ist weise gesprochen: denn überraschend ist die Zukunft ja immer, auch wenn wir oft glauben, schon zu wissen, was sie bringt. Und eine vorsichtige Zuversicht, dass Segensreiches unter den Gaben sein wird, macht die Gegenwart erträglich. Danke, Babsi, dieses Geschenk einer vorsichtigen Zuversicht nehme ich gern entgegen.

Dann sagt Babsi noch etwas über die Quersumme des Jahres. Und schon fängt es bei mir im Kopf an zu rattern: Quersumme von 2022 ist die Sechs! Und die Sechs, was ist das? Nun, nach einer Auslegung ist es der sechsstrahlige Davidstern, gebildet aus zwei Dreiecken, einer von oben kommend, einer von unten heraufwachsend, bis sich beide vollkommen durchdringen: „das Siegel des Salomon“, durch das die unverbrüchliche Treue zwischen Gott und seinem Volk besiegelt wurde.  Es ist ein hohes und tiefes Symbol. Nach einer anderen Auslegung ist die Sechs einer der platonischen Körper: der Würfel nämlich mit seinen sechs Seiten, Symbol der Erde … und des Zufalls.

Einstein sagte: „Gott würfelt nicht“ . Aber mit dem abnehmenden Glauben an Gott mehren sich die Zweifler. Ist die Erde wirklich ein sicherer Ort, oder werden wir von unsichtbaren Würflern herumgeworfen? Haben wir Handlungsfreiheit und Selbstbestimmung, oder ist es reiner Zufall, auf welche Seite wir zu liegen kommen?

Alea jacta est (der Würfel ist gefallen) – sprach Cäsar, als er den Rubicon überschritt und damit das Ende der römischen Republik besiegelte. Welche Zahl der Würfel anzeigte, den Cäsar warf – das verraten uns die Geschichtsschreiber nicht. Wir wissen nur, dass das Spiel für den Herrn der damaligen Geschichte nicht gut ausging.

Ihr saht den kühnen Cäsar dann
Ihr wißt, was aus ihm wurd'! 
Er saß wie 'n Gott auf 'nem Altar
Und wurde ermordet, wie ihr erfuhrt
Und zwar, als er am größten war....

                                      B. Brecht, das Lied von Salomon

Ja, ja, das sollten sich die heutigen „Herren der Geschichte“ mal hinter die Ohren schreiben. Denn wie sagt der Volksmund? : „Du sollst den Tag nicht vor dem Abend loben“ und „Hochmut kommt vor den Fall“. Auch diese Sprüche haben übrigens antike Wurzeln – wie könnte es anders sein. Und ich denke, es lohnt sich, sich kurz drauf zu besinnen:

Herodot erzählt uns von dem Besuch des weisen Solon (Gesetzgeber der Griechen) bei Krösus (extrem reicher König Lydiens im 6. vorchristlichen Jahrhundert. Noch heute nennen wir sehr reiche Menschen „Krösus“).  Krösus zeigt seinem Gast die übervollen Schatzkammern und fragt ihn dann: „Wer ist der glücklichste Mensch?“ Anstatt „Du, Krösus, bist der glücklichste“ zu antworten, nennt Solon erst einen gewissen Tellos, der einen Heldentod starb, dann die Brüder Kleobis und Biton, die nach einer frommen Tat sanft entschliefen. Krösus beharrt: Ob er selbst, der reichste Mann der damaligen Welt, denn nicht glücklicher zu schätzen sei als diese kleinen Leute? Doch Solon antwortet lakonisch: Es gilt, das Ende abzuwarten. Oder auch: Dein Schicksal wird sich erst vom Ende her beurteilen lassen. Krösus ist enttäuscht von Solon und schickt ihn weg.

Doch schon bald geht es mit Krösus bergab. In totaler Selbstüberschätzung beginnt er einen Feldzug gegen die Perser, den er gründlich verliert. Gefangen und mit einer schmählichen Hinrichtung bedroht, schichtet er seinen eigenen Scheiterhaufen, besteigt ihn und ruft reuevoll aus: „O Solon, Solon!“ Das macht den Perserkönig Kyros neugierig, er fragt nach, erfährt die Geschichte, begnadigt den Gefangenen und macht ihn zu seinem Ratgeber. Happy end.

Rechtzeitig und um diese langweiligen Geschichten über entscheidungslose Esel, verzweifete Mütter und törichte Herrscher zu beenden, kam mir ein Gedichtchen ins Haus geflattert. Mein Bruder schenkte es mir. Es ist, natürlich, von Christian Morgenstern.

                               Der Würfel

Ein Würfel sprach zu sich: Ich bin

mir selbst nicht völlig zum Gewinn!

Denn meines Wesens sechste Seite,

und sei es auch ein Auge bloß,

sieht immerdar, statt in die Weite,

der Erde ewig dunklen Schoß.

Als dies die Erde, drauf er ruhte,

vernommen, ward ihr schlimm zumute.

Du Esel, sprach sie, ich bin dunkel,

weil dein Gesäß mich just bedeckt!

Ich bin so licht wie ein Karfunkel,

sobald du dich hinweggefleckt.

Der Würfel, innerlichst beleidigt,

hat sich nicht weiter drauf verteidigt.

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Dora zum Ersten

Heute morgen schon gab mir Dora (*Anmerkung unten) die erste Lehrstunde. Ich hatte mich gegen zwei ins Bett gelegt und bis acht nicht schlafen können, überhaupt nicht.

„Sind das deine versprochenen Gaben?“ frage ich Dora, als sie frisch geputzt im hellen Tageslicht erscheint. „Ist Schlaflosigkeit dein erstes Geschenk im Jahr 2022?“

„Losigkeiten führe ich nicht im Gepäck“, antwortet sie schnippisch.

„Ja, warum aber…, ich bat dich doch um Schlaf, aber du ….“

„Da musst du schon bei dir selbst anfragen“, gibt sie mir Bescheid und verzieht ihr Frätzchen. „Wie war das doch gleich? Abends noch Kaffee trinken, in der Nacht noch schwer essen, bis zwei Uhr am Computer sitzen – was meinst du, wie der Schlaf das findet… ähäm, wie er dich finden soll? Aber wenn du willst, frag ich ihn, vielleicht erbarmt er sich.“ – Und so war es. Der Schlaf kam und blieb bis elf.

So konnte auch ich dem 1. Tag des Neuen Jahres mit offenen Augen begegnen. Dora hatte alles wunderbar eingerichtet: die Sonne schien – der Kaffee war warm – das Auto funktionierte – das Lädchen, in dem ich Oliven und Tomaten kaufen sollte, war geöffnet – das Meer, das der Küste in stürmischen Nächten arg zugesetzt hatte, rollte zufrieden glänzend in seinem Bett – eine Menge Schwemmholz wartete darauf, von mir eingesammelt zu werden, um den Kamin anzuheizen – eine Freundin erschien zum gemeinsamen Bummel – ein alter Mann erklärte uns geduldig, wie er die Algen, die er am Strand sammelte, als Bodendünger zubereitete … Zu Hause war der Tisch auf der Turmterrasse schnell aufgebaut und deckte sich mit leckeren Speisen. Wein und gute Gespäche waren auch zur Stelle. Danach legte ich mich hin, und Dora brachte mir noch ein Mützchen voll Schlaf.

Gaben, Gaben, Gaben. Danke, Dora!

Wenn man so reich beschenkt wird, möchte man gern ein wenig zurückgeben. Womit aber kann ich die kleine Dora beglücken? Vielleicht mit einem Legebild aus Scherben? Hier sieht man sie, wie sie zwei traurige Gestalten mit einem goldenen Ball beschenkt hat. Die eine bolzt gleich los, die andere schaut bedenklich. Vielleicht haben sie keine Ahnung, wozu der goldene Ball dient?

Diese hier erhielten auch einen goldenen Ball, und wie es scheint, hellt sich etwas in ihnen auf, sie spielen zusammen und werden ein ganz klein bisschen glücklicher.

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*Anmerkung: Der Name dieses Jahres ist Dora (ΔΩΡΑ). Das wurde mir bereits vor Tagen, als die Welt mit dem Neuen noch schwanger ging, ins Ohr geflüstert. Dora ist griechisch. Es ist nicht nur ein schöner Frauenname, sondern hat auch eine schöne Bedeutung, nämlich „Geschenke, Gaben“. Als Name ist es eine Abkürzung von Theodora (Gottesgeschenk), männlich auch als Theodor, oder auch in umgekehrter Reihenfolge Dorothea (Geschenkgöttin).

Das letzte Jahr hieß Will.i = ich will.  Wollen ist wichtig,  es gibt dem Handeln eine Richtung. Aber wenn die Umstände dem Wollen entgegenstehen – nützt es etwas, sich den Kopf einzurennen? Nein. Vor allem aber: Macht es glücklich?

Und da kommt nun das neue Jahr heraufgezogen und verkündet: „Ich heiße Dora. Hör auf zu wollen; empfange!“ Als ich das hörte, zog eine Seligkeit in mich ein. Wie schön! Alles wird sich von selbst schön richten. Ich muss nicht mehr wollen und mir den Kopf einrennen, ich darf empfangen. Ein Jahr des Segens. Aber schon kamen Zweifel auf: Geschenke – ist das nicht auch ein zweischneidiges Schwert? Ich bekomme zwar gern Geschenke, aber einfach so, unbesehen, in Empfang nehmen, was kommt? Was steckt im wohlverschnürten Päckchen drin?  Wenn mir das Geschenk nicht zusagt – kann ich es zurückgeben? Und grundsätzlich: Ist Empfangen nicht entsetzlich passiv? Ich mag die Kontrolle über mein Leben und seine Umstände nicht an ein unbekanntes Wesen abgeben.

Was es mit Dora TATSÄCHLICH auf sich hat – ich werde es ja erleben.

 

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Guten Morgen, du Schöne!

Guten Morgen, du Schöne! Da bist du ja, kommst aus Himmelshöhen zu uns herab, Neues Jahr, kleine Dora! Dora wie „Geschenke“! Nomen est omen, sagten die Römer, und wenngleich sich auch Römer so manches Mal geirrrt haben – hier hatten sie recht! Der Name zeigt an, was man erwarten darf.  Du bist ja selbst ein Geschenk, eine Gabe!

Ich will dich mit Freuden empfangen und begrüßen. Und alles für mich behalten, was es an Sprüchen gibt, die vor Geschenken warnen. Wie der Spruch: „Fürchte dich vor den Danaern, wenn sie Geschenke bringen“ – der bezieht sich auf das hölzerne Pferd, das die Griechen („Danaer“) den Trojanern schenkten und hat mit uns gar nichts zu tun.  Auch die andere griechische Erfindung, die berühmt-berüchtigte Pandora, erstes künstliches Weib der Geschichte, die Gott Hephaistos persönlich herstellte, um Prometheus‘ Menschengeschlecht zu verderben – was geht sie uns an? Nichts. Die Alten dachten sich so etwas aus – heute ist es völlig unpassend. Trojaner gibt es schon lange nicht mehr, und Götter auch nicht. Du bist einfach nur: Dora, vom Himmel herabgestiegen, um uns arme Menschen und sonstigen Erdbewohner mit deinen Geschenken zu erfreuen.

So freue ich mich auf dich, du liebe Gefährtin, bereit, all deine Gaben fröhlich entgegenzunehmen. Und da ist es ja schon, dein erstes Geschenk! Der Gipfel des Taygetos, ein wenig beschneit, leuchtet in rosigem Schein.

 

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Zäune (kleine Beobachtungen zum Jahreswechsel)

Beim Spazierengehen begrüßte ich gestern den schönen kräftigen Hund, der in einem eingezäunten Käfig weit entfernt von den nächsten Behausungen lebt. Eine Zeitlang war er angekettet, sein gegenwärtiger Zustand ist besser, da der Käfig geräumig und sauber ist, er hat eine gute Hütte und bekommt ausreichend Futter. Er muss auf die Hühner aufpassen, die im Gehege daneben leben. Die Hühner sinds zufrieden, sie scharren und gurren. Aber der Hund? Er schaut mich misstrauisch an. Manchmal bellt er auch versuchsweise. Er wedelt nicht.  Aber als ich zur Pforte in seinem Zaun gehe, folgt er hoffnungsvoll. „Nein“, sage ich zu ihm, „ich kann dich nicht rauslassen. Erstens ist da ein Schloss an der Pforte, und zweitens, drittens, viertens, was soll aus dir werden? Ich kann nicht für dich sorgen.“

Ich kenne den Hund von früher. Da lebte er noch frei, wie hier, im Dezember 2019, als er mit Tito spielte – Tito ist nun tot, und der andere muss Hühner bewachen. Auch wir waren damals noch frei.

„Innerhalb des Zauns stehst du in deinem Eigentum, da bist du der Herr“, sage ich zum Hund. „Wenn ich versuche, da rein zu kommen, wirst du mich beißen, ich seh’s an deinen Augen. Genau gesprochen ist es freilich nicht dein Eigentum, lieber Hund, denn ein anderer hat den Schlüssel, und der ist es auch, der dir das Futter bringt. Ohne den bist du aufgeschmissen, stimmts? Klar, drum tutst du alles, was er von dir verlangt, und du liebst ihn. Und bewachst seine Hühner.“

Ich gehe und fühle seinen Blick in meinem Rücken. Bald wird er in seine Hütte zurückgehen, sich seufzend niederlassen und warten, dass irgendetwas geschieht.

Wir sind wie Schafe im Pferch, Hühner im Gehege, manche auch wie Hunde, um auf uns aufzupassen. Unser Gehege ist größer, aber es ist ein Gehege, mit Zäunen, zu deren Pforten andere die Schlüssel besitzen. So denke ich im Weitergehen.

Unten im Dorf fällt mir ein Zaun auf. Er bildet ein silbrig-rostiges Muster. Denn ein fast neu wirkender und ein verrosteter Draht sind ineinander geflochten. Vielleicht sind sie aus verschiedenem Material – oder wie sonst lässt sich dieser Unterschied erklären?

Wie gemacht zum Jahreswechsel, denke ich. Das eine Jahr verrostet – das andere neu. Sie greifen ineinander, wie die Drähte dieses Zauns hier. Wie wäre es, ich nähme die große Drahtschere und verschnitte den Zaun, jeden Zaun, den zwischen den Jahren nicht ausgenommen?

Kommt gut rüber!

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Liebe Petra (Leseempfehlungen)

Liebe Petra, alle Welt veröffentlicht dieser Tage Übersichten über Gelesenes und verfasst Buchempfehlungen. Du, die schon als Kleinkind „in die Buchstabensuppe gefallen“ bist, bist nicht mehr dabei. Bist in diesem Jahr von uns gegangen. Ich blättere heute ein wenig in deinem Blog, der noch nicht in den Weiten des internet verschwunden ist.

Im nun zuende gehenden Jahr hast du nur noch wenig geschrieben, aber im Januar verfasstest du eine Übersicht über all die Bücher, die dir im Jahr zuvor wichtig waren. Wer weiß, vielleicht lässt sich auch heute die eine und der andere davon inspirieren.  Denn was ist ein Jahr angesichts der Zeitlosigkeit, in der du dich nun befindest?

Du nennst dein zurückliegendes Lesejahr „das Jahr der Frauen“. Denn ob Zufall oder nicht: deine meistgeliebten Bücher des Jahres waren von Frauen geschrieben. Hier ist der Link:

Blick zurück: 2019, das Jahr der Frauen?

Zur Erinnerung und für die, die dich nicht kannten: Was motivierte dich, dein Blog zu führen? Hier steht es, in deinen eigenen Worten.

Über Philea’s Blog

Augustinus von Hippo befand: „Die Welt ist ein Buch. Wer nie reist, sieht nur eine Seite davon.“ Sein Vergleich lässt sich auch umkehren, denn jedes Buch birgt eine eigene Welt in sich, weshalb dem, der nie liest, ganze Welten verschlossen bleiben.

Philea’s Blog erkundet diese Welten unter dem Motto „Leselust & Reisefieber“. Mit Buch-Tipps, die zur Lektüre ermuntern möchten (nicht gelesen wird ja schon genug), mit Beiträgen zu literarischen Themen, über Schriftstellerinnen und Schriftsteller, mit Interviews, Reiseberichten und Fundstücken von unterwegs. Seien sie aus dem echten Leben, den virtuellen Räumen oder aus der Welt der Bücher.

Bei den Serien „Leseplätzchen“, „Sammelstückchen“, „Bücherkoffer“, „Bücherparadiese weltweit“ und den „Shelfies“ sind die Bloggäste herzlich zum Mitmachen eingeladen. Und natürlich sind Kommentare hochwillkommen. Gerade bei den Beiträgen zur Literatur können wir durch unseren Austausch eine Art Fortführung der literarischen Salons von einst mit virtuellen Mitteln etablieren. Für mich jedenfalls sind Literaturblogs schon lange eine Variante jener Salons. Und einen Salon zu führen, war schon immer einer meiner Träume.

Gefahren des LesensAuch Du, liebe Petra, hast der Welt zwei Bücher geschenkt. Das eine hältst du stolz in der Hand – oben auf dem Foto: „Gefahren des Lesens“ nanntest du es. Ich habe damals das Manuskript gegengelesen, und musste oft schmunzeln. Ja, das Lesen ist eine gefährliche Tätigkeit, der man sich nur in sicherem Umfeld und in kleinen Dosen hingeben sollte. Es war dein zweites veröffentlichtes Büchlein.

Das erste hat einen Titel, der meine Tränen fließen lässt. „Ganz weit weg“ heißt es. Denn nicht nur Lesen, auch Reisen wolltest du, und wenn du unterwegs warst, hattest du oft literarische Ziele. „Leselust & Reisefieber“ war ja das Motto deines Blogs und in gewissem Umfang wohl auch deines Lebens. Zu deinem Kummer musste der kleine Verlag, in dem dein feines kleines Buch erschien, bald danach schließen. https://phileablog.wordpress.com/2015/08/26/letzte-chancen-ganz-weit-weg/

Du bist nun in den Weiten des Lichts. Mögen die, die dich verloren haben, getröstet sein.

 

 

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Fingerübung mit Schneckenhaus (tägliches Zeichnen und Überblenden)

Heute hat es nur zu kleinen, etwas zittrigen Fingerübungen gereicht. Denn statt zu zeichnen, war ich einkaufen (es regnete), und als es aufhörte zu regnen, ging ich stundenlang spazieren. Das Schneckenhaus nahm ich von einem gestrigen Spaziergang mit heim. Am Abend sah ich im TV einen Film über das Leben und Forschen von Johannes Kepler (Ende 16.-Beginn 17. Jahrhundert) – und da war sie wieder: die Schneckenhausspirale. Ich sah sie – und husch, war das Bild auch schon wieder weg. Also suchte ich im internet, was es bei Kepler mit der Spirale auf sich hat. Und o Wunder! Ich fand einen Artikel, der eine Brücke zur … Symmetrie der Schneeflocke baut.

Wer Lust hat, liest unter dem link, wer keine Lust hat, guckt hier weiter.

Als erstes zeichne ich das Schneckenhaus von der Seite, auf der die Spirale mir entgegenwächst.

Dann drehe ich das Schneckenhaus um und blicke in das Innere, in dem die Schnecke wohnte, die sich dies perfekte Haus erhaute. Sie ist nun nicht mehr da, ihr Haus ist unbewohnt.

Mir fällt auf, dass diese Öffnung wie das Negativ meines Daumennagels wirkt. Sie sind ja auch aus ähnlichem Stoff gemacht Ich halte beide nebeneinander und zeichne sie.

Ich mache auch ein paar Fotos, die ich mit den Zeichnungen überblende.  (Ja, ich weiß, mein Daumennagel ist schmutzig. Ist er meistens, immer grabe ich irgendwas aus…)

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Drei Aprikosenblätter (Jahresende)

Drei von der Morgensonne durchglühte Blätter am Aprikosenbaum lächeln mich an, als ich die Augen aufmache und in den Garten hinausschaue.

„Das sind mehr als die Tage, die jetzt noch vom Baum meines Lebens fallen“ – sagt das Will.i-Jahr. „Also halt ein, nimm wahr, freu dich, lass Licht dich durchströmen.  Kommt das Neue Jahr, denkst du, du schöpfst aus der Fülle von 365 Blättern. Aber leben kannst du immer nur Blatt um Blatt.“

Und das ist wahr. Dieses Blatt, das ich vorgestern aufnahm – mitsamt seinem Schatten, den es an die Wand warf – , dieses Blatt ist abgefallen.

Jedes Blatt hat seine Schönheit und sein Eigenleben. Jedes einzelne Blatt. Ich kann es anschauen, zeichnen und rahmen. Aber halten kann ichs nicht, es fällt ab.

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Wer warst du, Will.i? Und wer kommt nach dir? (Jahresende 2021)

„Ich ziehe mich jetzt langsam zurück“, höre ich eine Stimme aus dem Off. Woher kommt die Stimme? und wohin geht sie? Leicht verwirrt schaue ich mich um.  „Wer bist du und wohin…“ murmele ich. Aber eigentlich weiß ich es ja längst. Fast immer kennen wir die Antworten auf unsere Fragen, nur hindert uns etwas, sie auch zu verstehen.

„Du gehst“, sage ich.“Ja, ich weiß, Will.i (*Anm. unten), dein Ende ist gekommen. Ich erinnere mich noch lebhaft an deine Geburt, an die erste Zeit unseres Zusammenseins! Du warst so lernbegierig und so willensstark. ‚Ich will‘ sagtest du bei jeder Gelegenheit. Drum hattest du ja auch den Namen Will.i.  Und zu mir sagtest du: ‚Wenn du etwas willst, warum tust du es dann nicht?‘

Ja, ich erinnere mich, und es fällt mir schwer auf die Seele. Du warst noch sehr jung, als du Eleftheria und das Behindertenprojekt kennenlerntest. Du hörtest dir an, was wir zu sagen hatten, und resümiertest am Ende: „Ihr habt ja manchmal ‚will‘ gesagt, aber viel öfter habt ihr ‚könnte‘ und ‚können‘ und ‚brauchen‘ und ‚dürfen‘ und ‚müssen‘ gesagt. Ich hab mitgezählt. Das gefällt mir gar nicht. Wenn ich etwas will, dann tue ich es auch.“ – Und ich antwortete dir: „Ja, Will.i! Auch wir wollen, und es ist gut, wenn du uns die Stange hältst, so dass wir schließlich alle Schwierigkeiten überwinden. Es wäre doch gelacht!“

Nun, es wurde nichts. Ich habe gewollt und gewollt, aber die Dinge fügten sich nicht so, wie ich es wollte. Bis in den Oktober hinein schleppte sich das Projekt, dann scheiterte es endgültig. Und so ist dieses Jahr für mich ein Jahr des Scheiterns. Sicher, anderes begann, nie ist ein Scheitern endgültig….

Du, Will.i, hattest inzwischen anderes zu tun, reistest ins Land der Aufgehenden Sonne und zu den Indianern, hattest diesen und jenen Berufswunsch. Weißt du noch, wie du Katzenpflegerin werden wolltest? Das war, als der Kater Max uns besuchte und du dann lange Zeit in Afrika verschwandest. Als du dich ziemlich fertig wieder bei uns einfandest, war Max tot.

Unser Kontakt wurde immer flüchtiger, und langsam verlor ich die Übersicht. Wer warst du wirklich, Will.i? Mal warst du ein dunkelhäutiger Junge, mal eine Tänzerin mit Indianerschmuckfeder, mal eine schwarze Frau, dann wieder hellhäutig und männlich… Ich sah in dir einen Technikbesessenen und eine verstörte Jugendliche, ein neugieriges Kind und eine abgedriftete ältliche Person….Einmal kamst du sogar in einer Wolke aus Saharastaub mit einer ganzen Bühne an und hieltest Reden, die niemand hören wollte.

Unzählige Gesichter hattest du, Will.ie (*Anm. unten), und ebenso viele Geschichten. Nur weniges, was dich beschäftigte, passte zu meinen Interessen und meiner Lebenswelt.

Ja, du warst oft umtriebig und nervös, widersprüchlich und ein wenig kurzatmig, liebe Will.ie, mit vielen Willensimpulsen, aber geringer Nachhaltigkeit. Ich schelte dich nicht dafür. Ich stelle nur fest: Wir hatten es nicht immer leicht miteinander. Nun geht es mit dir zu Ende, und ich weiß nicht, wer du wirklich gewesen bist. Ich aber bin wie der Narr, der dir die Elpis (*Anm. unten) hinterherträgt. Dein Kind! Du hast sie irgendwann bei mir zurückgelassen, in einem Bündel zusammen mit seinem Geschwisterkind, der Apelpis (*Anm. unten).  Zwei arme Waisenkinder.  Als du aus Afrika kamst, habe ich dir die Elpis mitgeben wollen, aber du warst so in deinen Gram vertieft, dass es hoffnungslos war.

Lieber Will.i, nun gehst du dahin zurück, woher du gekommen bist. Wen du dort im Reich der abgelebten Jahre wohl treffen wirst? Mit wem wirst du dich wohl austauschen? Manche sagen: mit 1984 wirst du Händchen halten, andere profezeien, dass du dich mit 1928 prächtig verstehen wirst, dem Jahr vor der Weltwirtschaftskrise, die dann in der Folge das Unterste und Dunkelste nach Oben kehrte, andere unken, du würdest dich mit dem Jahr 78 anfreunden, dem Jahr vor dem Untergang von Pompeji und Herculaneum. Die meisten halten das für dummes Zeug und sagen: 2021 ist nur mit 2020 verwandt, und Schluss. So was wie euch beide gab es noch nie. Ihr seid Sonderwesen, einmalige Erscheinungen. Etliche wiederum meinen: Ab jetzt werden alle Jahre wie du sein,  „postmodern und neunormal“.

Nun, ich weiß es nicht, und ich will auch nicht darüber spekulieren. In späteren Jahren wird man dich vielleicht besser einordnen können.

Danke, dass ich dich kennenlernen durfte, Will.i, und …. Adieu! Mit Gott! στο καλό!

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*Für Leser*innen, die nicht auf dem Laufenden sind:

Will.i ist der Name des  Jahres 2021. Er wurde am 1. Januar 2021 geboren und wird sich am 31.12.2021 zurückziehen.. Im Laufe des Jahres machte Will.i verschiedene Wandlungen durch, wurde als Will.ie auch weiblich.

Elpis (ελπίδα)  ist griechisch und bedeutet Hoffnung, Apelpis (απελπισία) ist Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung. Eingeführt wurden sie hier.

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Am Hafen (tägliches Zeichnen und Spiel mit Überblendungen)

Ich war nicht am Hafen, sondern im Atelier. Endlich spannte ich mal wieder ein großes Papier von der Rolle auf und zeichnete frei mit Kohle. Es war eine Art Befreiungsschlag, denn zuletzt wurden meine Formate immer kleiner und kleiner. Das Ergebnis entstand in mehreren Phasen.

Erste Phase:

Ich ließ nur einen Ausschnitt stehen und verwischte den Rest, zeichnete dann mit dem Pinsel und weißer Akryllfarbe in den verwischten Teil hinein. Danach ging es mit Kohle weiter. Inzwischen war mir klar, dass ich das riesige leerstehende Hafengebäude im Kopf hatte.

Letzte Phase:

und ein Bildausschnitt.

Natürlich musste ich noch mit dem Fotoshop weiterspielen. Vieles habe ich ausprobiert. Ein paar der Ergebnisse möchte ich zeigen.

Ich suchte eine kleine, früher vor Ort gezeichnete Skizze heraus  …

überblendete sie mit zwei Phasen der heutigen Kohlezeichnung und setzte einen Scheinwerfer, durch den die nächtliche Szene in ein unruhiges Licht versetzt wird.

Ich suchte dann nach weiteren Möglichkeiten der Verfremdung. Hier habe ich die verdoppelte Zeichnung mit dem entfärbten Foto der Rosenblüte überblendet.

Schließlich suchte ich eine weitere frühere Skizze heraus….

und überblendete sie und meine heutige Zeichnung mit der entfärbten Rosenblüte. Wie eine gewaltige Welle schlägt die Rose über dem alten Fabrikgebäude zusammen und hüllt es ein ihren duftenden Schaum ein.

 

 

 

 

 

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Und das segelt so hin – und das kommt auch mal an (gläsernes Boot)

„Und das segelt so hin – und das kommt auch mal an…“ (B Brecht: „Matrosen-Tango“, aus „Happy End“, Musik Kurt Weill)

(Fotocollage mit Glasscherben-Legebild)

Jetzt braucht da nur einmal ein Sturm zu kommen
Na ja, da ist’s ja schon das Dock von Birma –
Halt du, das ist doch nur ’ne schwarze Wolkenwand
Mensch und die Wellen, ’s ist ja allerhand!
Mensch, das verschlingt uns ja die ganze Firma –
Ja, da sind wir jetzt glatt am Rand
Ja, da sind wir eben jetzt am Rand!
Bald sinkt das Schiff zu Grund, das Meer geht drüber
Und die versunken sind, sieht nur der Hai im See –

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https://youtu.be/_nciv_sfhMg

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