5.4.2021 Absurdes Theater mit Will.ie und dem Saharasand

Saharasand legte sich über unser Land und trübte unseren klaren Himmel. Ab und zu fallen dicke Tropfen herunter wie Tränen. Wo mag Will.ie stecken? Immer noch in Niger? Bei den Flüchtlingen? Oder hat sie nun ihre Wüstenwanderung angetreten?

Ich schaue hinaus in den trüben Tag, und  da sehe ich sie. Ja, das muss sie sein! Der Südwind hat sie hergetragen. Schwarz ist sie geworden, doch die gewisse schrille Extravaganz, die sie seit ihrer Geschlechtsumwandlung in den Staaten auszeichnet, ist nicht ganz verschwunden.  Aber was tut sie da zwischen Judasbaum und Feigenkaktus? Sie baut, so scheint mir, eine Bühne auf, ja, und sie stellt große Figuren auf die Bühne! Jetzt holt sie ein Manuskript hervor und beginnt doch tatsächlich zu deklamieren.

Was wollt ihr hier,  ihr großspurigen Leute? Kommt mit eurer angelesenen Weisheit und eurem Klimbim und wollt die Leute lehren, wie man sich die Hände wäscht?!  Es gibt, sagt ihr, eine bösartige Krankheit, die jederman fürchten muss. Nur wenn ihr euch ordentlich die Hände wascht und euch einen Stofffetzen vor den Mund bindet, kann man sie eindämmen. Sonst wird sie euch dahinraffen! Und dann ist da die Spritze. Sie hilft noch mehr. Nehmt sie, dann seid ihr in Sicherheit, dann könnt ihr sogar reisen, weg von hier! Ohne diese Spritze: Vergesst es.

Und ihr, die ihr hier im Land Niger lebt und leidet: Warum nehmt ihr das so lang entbehrte kostbare Wasser nicht und trinkt es, sondern lasst es brav wie die dressierten Hündchen über eure Hände laufen? Wollt ihr beweisen, wie wohlerzogen ihr seid, und wie lernfähig?

Die Figuren stehen taub und stumm, verstehen nichts von dem, was Will.ie sagt. Ich aber spitze die Ohren.

Lasst euch nicht verführen!  Corona hat Afrika kaum betroffen! Von vielen Millionen Toten redeten sie, und dass die einzige Hoffnung die Spritze sei! Aber in ganz Afrika wurden nur 106 000 Tote gezählt bisher, und dass obgleich sie fleißig zählen, was sich irgend zählen lässt. „Im Zusammenhang mit Corona“ seien diese eure Landsleute gestorben. Meinetwegen.

Aber in welchem Zusammenhang sterbt ihr? (Diese Frage stößt Will.ie sehr kraftvoll hervor und ballt energisch die Faust).

Seit sie eure Grenzen zugemacht haben, mit Millionen und Abermillionen Euro für die Grenzpolizei, damit ihr nicht weglauft aus eurer Hölle und am Ende noch vor ihrer Tür steht, stirbt es sich leichter hier. Ihr habt die Wahl: ihr verhungert, ihr verdurstet,  ihr werdet erschossen, seis von den eigenen Polizisten, seis von fremden Banditen, die im Namen Allahs morden. Euer Haus wurde verbrannt, euer Vieh geschlachtet. Nur zu! Wascht eure Hände ordentlich mit dem kostbaren Wasser, vielleicht kommt ihr dann davon! Lasst euch spritzen, es gibt da viele Anwärter, die eure Regierungen schmieren und ihnen allerlei Zeug andrehen gegen eine Krankheit, die ihr nicht habt. Die Krankheit, die ihr habt, ist Armut, Gewalt und Chancenlosigkeit.

Ich bewundere nicht wenig Will.ies rednerische Talente. Während sie die vorige Passage mit anklagendem Pathos vorbrachte, mäßigt sie jetzt ihre Stimme und spricht leise, in fast sachlichem Ton:

Eine halbe Million Menschen sind anerkannte Flüchtlinge allein in eurem Land Niger, das 23 Milllionen Einwohner hat, viele von euch kamen über die Grenzen aus Mali oder Nigeria oder Burkina Faso. Viele von euch sind geflohen vor der Wüste, die euch nicht mehr ernährt, vor dem verseuchten Fluss, vor der Korruption, vor den mordenden Horden, den Vergewaltigern, der ewig ausgestreckten Hand des Polizisten, die abkassiert, sofern noch etwas zu haben ist….

Dann höre ich nicht mehr zu.  Ich bin müde und traurig. Ach, meine Will.ie, denke ich, wem erzählst du das? Du predigst tauben Ohren. Die, die es angeht, wissen längst Bescheid, und die anderen wollen es nicht wissen.  Es ist ja alles bekannt. Es ist offiziell, dass Afrika durch die Corona-Maßnahmen (und nicht durch Corona selbst!) schwer geschädigt wurde. Um 3.7% sei das BSP eingebrochen, sagt die Weltbank, aber was heißt das schon für die Ärmsten, die in keinem BSP aufgeführt sind? Sie haben nichts mehr, rein gar nichts. Millionen Mädchen aus ärmeren Familien – auch das ist bekannt und einige Hillfsorganisationen werben mit hübschen farbigen Broschüren um Spenden, um dem Elend zu begegnen – werden, sofern die Schulen wieder aufmachen, nicht mehr zurückkehren können, denn inzwischen sind sie verheiratet, geschwängert, als Arbeitskraft gebraucht worden.  Aids und Cholera sind wieder auf dem Vormarsch. Und wo die Armut zunimmt und alle legalen Wege versperrt sind, nehmen auch Raub und Mord, Aufstände, Bürgerkriege und die obrigkeitliche Gewalt zu.

Hör auf, Will.ie, die Volksrednerin zu spielen. Es ist unangenehm, es stört. Wen willst du überzeugen und wovon? Lass sie doch machen, Will.ie. Sie haben die Macht, sie haben das Geld und die Waffen. Der arme Mensch muss hoffen und leiden und gehorchen, so war es schon immer. So wird es immer sein.

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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13 Antworten zu 5.4.2021 Absurdes Theater mit Will.ie und dem Saharasand

  1. Leela schreibt:

    „Der arme Mensch muss hoffen und leiden und gehorchen, so war es schon immer. So wird es immer sein“.
    Das könnte Will.ie demotivieren und dann stirbt sogar die Hoffnung…

    Gefällt 1 Person

  2. Werner Kastens schreibt:

    Ich kann mir nicht helfen, ich komme mir vor, wie bei einem Verhör: und jetzt sagen Sie bitte, auf welcher Seite Sie stehen.

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    • gkazakou schreibt:

      ? Wer verhört hier wen, lieber Werner? Vielleicht verhöre ich mich selbst?

      Gefällt 1 Person

      • Werner Kastens schreibt:

        Liebe Gerda, ich glaube, jedes Bild, jedes Gedicht, jede Geschichte, die irgendwer veröffentlicht, ist eine Art Verhör. Man geht in sich, um sich selbst zu erforschen und/oder (hauptsächlich?) man erwartet eine Antwort, eine Stellungnahme als Zuspruch oder Ablehnung. Das läuft in der Regel sicherlich sehr sublim ab, so dass es einem gar nicht offenbar wird.
        Aber bei Dir habe ich es wie eine unverhohlene Aufforderung empfunden, als eine Art leichter Zwang: ich erwarte, dass ……
        Könnte natürlich der Tatsache geschuldet sei, dass Dich das Thema selbst emotional sehr fordert.

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  3. lachmitmaren schreibt:

    Armut, Gewalt, Korruption, Ausbeutung, Unterdrückung von Mädchen und Frauen, wenn man all diese Krankheiten erfolgreich „bekämpft“ bekäme, das wäre toll!!! Aber es ist eben einfacher, mit Spritzen und Masken zu kommen als „Hilfsangebote“, und vor allem für die Wirtschaft in den reichen Staaten profitabler…. .

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  4. Gisela Benseler schreibt:

    Eine ungeschminkte Realität, also die irdische Seite der Medaille. Gibt es auch eine himmlische?

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  5. Oh Gerda, * Die Krankheit, die ihr habt, ist Armut, Gewalt und Chancenlosigkeit. *
    wie recht hast Du hier … Hilflos siehst Du mich, machtlos

    Gefällt 2 Personen

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