Mondsüchtige Kata-Strophen (abc-etüde)

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Wenn wunderliche Laffen

und arg verführte Pfaffen

nachts in den Vollmond gaffen

Dann werden sie mondsüchtig.

Doch Menschen die stets tüchtig

Und treu und bieder, züchtig

Die ohne Ehrgeiz schaffen

Für sich kein’n Reichtum raffen

Die keine Kräutlein paffen

Die können nächtens schlafen

Und gleichgesinnt mit Schafen

Früh morgens aufgewacht

 Ihr Tagewerk vollbracht

Zum Stalle freudig eilen

Und nirgends blöd verweilen

Um dumm das Wahrheitspflänzchen

Zu suchen….

….

Hier verließen den Poeten

Seine Sinne,  es verdrehten

Wohlgerüche von Gebeten

Dem armen Tropf

Seinen Kopf.

.

Und des Nachts, total verwirrt

Ist er durch den Wald geirrt.

Nirgends Mondschein, nirgends Pfaffen

Nur langhalsige Giraffen

Knabbern an dem Laub der Bäume

Ach Poete, schlafe, träume!  

Welt ist dunkel, Himmelsräume

Öffnen nachts die weiten Pforten

Tragen dich zu Himmelsorten

Wo die Tische reich mit Worten

Schon gedeckt sind auch für dich

Dorten gibt es sicherlich

Was du brauchst für dein Gedicht.

Hier hinieden findst du’s nicht.

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Dora zum ErstenFünften: Fritzi

Dora hängt jetzt oft bei den Kätzchen rum, was ich durchaus verstehe. Ich hänge ja auch ständig am Fenster rum, um ihnen heimlich bei ihren Spielen zuzusehen. So nah wie Dora kann ich leider nicht rangehen.

Auch Dora ist nicht immer willkommen. „Kannst du uns, BITTE, einen Moment in Ruhe lassen? Als ob ich nicht mit fünf schon genug am Hals hätte!“ höre ich Prinkipessa stöhnen. Dora tänzelt dann tatsächlich ein wenig schuldbewusst davon. Oder ist sie etwa beleidigt?

Sie hockt sich zu mir ans Fenster (nein, sie ist nicht beleidigt), und gemeinsam beobachten wir, wie sich das Kätzchen, das wir bei der Gelegenheit Fritzi taufen, bei seiner Mama einzuschmeicheln versucht.

Aber ach! Prinkipessa hat uns bemerkt. Ihr strenger Blick lässt uns keine andere Wahl, als leise das Fenster zu schließen.

Jedenfalls konnte ich euch nun Fritzi vorstellen. Ob es eine Katze oder ein Kater werden will? Egal. Fritz oder Fritzi – man wird ja sehen.

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Dora zum DreißigstenVierten: Mai-Erwartung

Der Mai liegt in der Luft. Er offenbart sich im Duft von Rosen und blühenden Gräsern, im sausenden Flug der Schwalben, in einer innigen Freude am Sein, die selbst mich alte Nörglerin erfasst.

Gegen Mittag drehe ich eine Runde im Feld hinter dem Supermarkt. Nur ein Grasweg quert ihn. Es ist eine Naturoase im Nirgendwo, wie es sie hier überall gibt.  Im Hintergrund die typische Stadtrandbebauung: Büro-, Schul- und Wohngebäude, Zäune, zerbröckelndes Gemäuer und eine aufgegebene Plantage mit verwilderten verkrüppelten Zitronen- und Orangenbäumen. Auch mit Will.i drehte ich hier meine Runden, wenn mein Mann im Supermarkt einkaufen war  – das Foto ist vom Dezember 2021.

Jetzt stehen wilder Raps, Malven und Hafer übermannshoch und bilden einen Insektendschungel.  Wie zu Hause – denke ich.  Aber das stimmt nicht. „Zu Hause“, das heißt in meiner Kindheitsheimat an der Ostsee, waren die Felder abgegrenzt, da wuchs kein wilder Hafer zwischen den Häusern, die Rapsfelder dehnten sich in klar begrenzten geometrischen gelben Feldern über das hügelige Land bis hin zum Horizont, schwarz-weiße Kühe grasten hinter ordentlichen  Zäunen … Aber der Duft, der war doch derselbe wie jetzt, oder? Und die Bienen summten genauso…

„Warte mal!“ schreit Dora, die zurückgeblieben war. „Ich habe ein Geschenk für dich!“ Noch ein Geschenk? Sie wedelt mit etwas Rotem.

Als sie näher kommt, erkenne ich: es ist Mohn, der jetzt überall prächtig blüht….Mohn blühte auch an den Feldrainen zu Hause, sogar in den Weizenfeldern gab es rote Tupfer, denn so streng wie in den dann folgenden Jahren wurden er und seinesgleichen noch nicht als „Unkraut“ verfolgt und ausgerottet.

Hier darf der Mohn überall sein, denn hier ist alles nachlässiger und ein wenig Ruine, und das ist es, was der Mohn liebt. Der Zementweg, der im vorigen Jahr aus welchem Grund auch immer rund um eine Gruppe von Oliven gebaut und nie vollendet wurde, beginnt bereits, still an seinen Rändern zu bröckeln…., für Dora eine erwünschte Rollerbahn.

Was dem Mohn und Dora recht ist, soll mir billig sein.

 

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Dora zum NeunundzwanzigstenVierten: Wachstum

Dora steht im Blumentopf an der Hauswand, in dem eine Zwiebel wächst. Sie sieht ein bisschen unglücklich aus. „Was machst du denn da?“ frage ich. –  „Ich messe mich“, kommt ihre Antwort. „Ich glaube, ich schrumpfe jeden Tag ein bisschen.“

„Wie kommst du denn auf die Idee?“ staune ich. – „Ich habe mich jeden Tag hier in den Topf gestellt, und jeden Tag ragt die Zwiebel höher über meinen Kopf.“

„Aber klar!“ antworte ich lachend, „die Zwiebel wächst eben“. „Genau! und ich wachse nicht mit, sondern schrumpfe“, kommt prompt Doras Antwort.  „Aber du schrumpfst doch nicht!“ widerspreche ich, frage mich aber sogleich, ob an Doras Aussage nicht doch etwas Wahres ist. Das Jahr schrumpft ja vielleicht tatsächlich. Nicht mal zwei Drittel seiner ursprünglichen Länge sind noch da. Bin jedenfalls ich gewachsen?  Nein, auch nicht. Auch ich schrumpfe. Mein Lebensraum schrumpft, und ich habe ein bisschen meiner „endgültigen“ Größe, die ich mit 17 oder so erreicht hatte, verloren. Nur meine Füße wachsen, wie ich gestern feststellte, als ich mir neue Schuhe kaufte. Oder haben sich die Schuhgrößen verändert und meine Füße blieben sich gleich? Wie dem auch sei….

Zwiebel am 26.4. und am 29.4., zwei Fotos montiert

Ein Mensch wächst, bis er ausgewachsen ist. Eine Zwiebel auch. Der Mond auch. Es kommt ein Moment der erfüllten Form, und schon beginnt die Umkehrung. Das ist das Leben.

Und was passiert, wenn der Mensch ausgewachsen ist? Wächst er dann nicht mehr? Oder wächst er anders? Wächst er an Erfahrung, an Wissen, vielleicht auch an Weisheit? Die Chance dazu hat er jedenfalls.

Die Zeit aber, wenn man sie als Maß und Zahl versteht, wächst nicht. Sie kriecht von morgen zu morgen zu morgen, wie Shakespeare seinen König Macbeth klagen lässt:  „Tomorrow, and tomorrow, and tomorrow, Creeps in this petty pace from day to day, To the last syllable of recorded time…“

Du aber, kleine Dora, bist ein Jetzt in der Ewigkeit. Und du bist so groß wie gerade dieses Jetzt.

Falls du etwas tiefer über Zeit nachdenken möchtest, so kann ich einen Beitrag empfehlen, den ich heute bei Blütensthaub fand: https://naturlesen.wordpress.com/2022/04/23/sieben-generationen-wie-weit-reicht-unser-einfluss/?wref=pil. Er endet mit der Beschreibung einer Szene an einem Strand von Sri Lanka. Wie groß kann ein Moment sein? Ich zitiere:

Eine junge Frau führte uns „Am Strand gehen“ vor…. Sie wies auf das enorme Alter jedes Sandkorns hin und erklärte, dass die Schichten des feuchten Sandes unter dem trockenen Sand voller kleiner Lebewesen seien, so dass man vorsichtig auftreten müsse, um sie nicht zu töten. Sie fragte ob die Haut das Strahlen der Sonne fühle und wie das Rauschen des Meeres und das Mövengeschrei im Ohr klinge. Ob zu spüren sei, wie der Wind durch die Nase in die Lungenflügel dringt. Sie zeigte, wie es aussehen kann, wenn eine Person so auf dem Sandstrand geht, dass sie ganz und gar präsent ist. Die Kinder ahmten ihr Vorbild hingebungsvoll nach, und sie erklärte uns, dass das einzige Ziel ganz einfach sei: Es gelte, den gegenwärtigen Moment durch das eigene Sein vollkommen aufzunehmen.

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Dreikönigsfest – eine optimistisch-sentimentale abc-etüde

abc.etüden 2022 16+17 | 365tageasatzadayhttps://365tageasatzaday.wordpress.com/2022/04/17/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-16-17-22-wortspende-von-ludwig-zeidler/

Dreikönigsfest 2035

Eine optimistisch-sentimentale Etüde mit Notfall-Rezeptur.

Sie konnte sich nur noch vage an den letzten Königskuchen erinnern. Wie war doch noch das Rezept? Das unverwüstliche Oetker-Backbuch stand wie früher auf dem Küchenregal,  nur die rechten Seiten waren angesengt. Ah hier, der Königskuchen! Man nehme….

Mit zitterndem Finger fuhr sie über die Zeilen:
etwas Fett
etwas Weizenmehl
für die Gugelhupfform.

Die Form war noch da. Sie hatte sie eigenhändig aus dem Schutt gezogen.

Und für den Rührteig:
50 g Zitronat (vergiss es) – 300 g Butter oder Margarine (akribisch kratzte sie den Rest Margarine aus der Packung) – 250 g Zucker (ein Esslöffel Zucker sollte wohl reichen), 1 Pck Vanillin-Zucker (vergiss es), 1 g Salz (der Salzstreuer war zum Glück heil geblieben), 5 Eier (o je, ja, Eier brauchte man für den Kuchen), 300 g Weizenmehl … So viel Mehl, und dann auch noch 250 g Rosinen? Davon wagte sie nicht mal zu träumen. Backpulver hatte sie nicht, aber sie hatte ein wenig Pottasche, die sie selbst aus Pflanzen hergestellt hatte.
Sie seufzte und betrachtete stirnrunzelnd die sauber gescheuerte Metallplatte, auf der sie alle verfügbaren Ingredienzien aufgebaut hatte. Mit dem echten Königskuchen würde es auch in diesem Jahr nichts werden. Aber vielleicht könnte sie doch einen Teig zusammenrühren. Dem Rest Weizenmehl könnte sie geschrotetes Korn und zermahlene Kichererbsen beimischen, und statt der Rosinen Apfelschalen verwenden. Holz hatte sie genug gesammelt und der Ofen funktionierte trotz fehlenden Rohrs ganz gut. Rauch und Qualm waren sie ja nun schon lange gewohnt. Und statt der üblichen Tränen würde der Duft eines Kuchens ihrem kleinen Sohn Glückstränen in die Augen treiben. Dass er dann das Stück mit der alten 100-Euro-Münze erhalten würde – dafür würde sie schon sorgen.

Voller Vorfreude machte sie sich an die Arbeit.

in diesem Legebild verwendete ich Schnittreste und Fundstücke von Bruni

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Dora zum AchtundzwanzigstenVierten: Kätzchenglück

Merkwürdigerweise lässt sich Mama Prinkipessa durch Dora überhaupt nicht aus der Ruhe bringen. Dora darf, was sonst niemandem erlaubt ist: mit ihren Kindern spielen. Und das ist, was Dora wirklich kann. Ihre Geschenkbox wird zum Spielball für die Kleinen.

Ihre Latüchte hat sie auf Sparflamme gestellt und beleuchtet die Szenerie gerade so viel, dass ich von weitem Fotos machen kann.

Hier noch mal eine Nahaufnahme. Wie die Kleine wohl heißen mag?

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Tägliches Zeichnen: Schwertlilien vor Rosmarin

Heute abend nahm ich mir vor, die blauen Schwertlilien zu zeichnen. Ich setzte mich vor das Schwertlilienbeet, das sich seinerseits vor einer mit Rosmarin überwucherten Mauer befindet. Die Schwertlilien sind in unterschiedlichem Blühzustand von der Knospe bis hin zum verkrumpelten Rest einer einst prächtigen Blüte.

Drei Anläufe machte ich. Beim ersten Anlauf behandelte ich die Schwertlilien als Plastik und betonte die Hell-Dunkel-Kontraste zwischen den Blumen und dem dunklen Rosmarin. Beim zweiten verzichtete ich weitgehend auf Kontraste und ließ dem Linienspiel freien Lauf.

Beim dritten Anlauf rückte ich meinen Stuhl näher an die Blüten heran, da ich sie im sinkenden Abend nur mehr ungefähr erkennen konnte. Diesmal beachtete ich auch die vor der Mauer durch das Rosmarin gebildeten Strukturen.

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Dora zum SiebenundzwanzigstenVierten: Vassilopita – eine brauchstümliche abc-Etüde.

abc.etüden 2022 16+17 | 365tageasatzaday

Ich möchte gern noch eine abc-etüde für Christiane schreiben. Dora hockt auf meiner Schulter, bereit, mir zu helfen. Es geht um Ludwig Zeidlers Wörter

Königskuchen
akribisch
träumen.

„Kai ti einai parakalo ena Königskuchen„? fragt Dora. Sie spricht gewöhnlich Griechisch mit mir. Auf Deutsch: „Und was ist bitte ein Königskuchen?“  „Königskuchen heißt hier Vassilopita“, erkläre ich ihr.  Was eine Vassilopita ist, weiß Dora, auch wenn sie sich nicht an Einzelheiten erinnert, war sie doch erst einen Tag alt, als sie den Königskuchen zu Gesicht bekam. Am 1. Januar, so will es die Sitte, wird er auf den Familientisch gestellt und geteilt. Der Hausherr oder auch die Hausherrin ritzt drei Kreuze rein, möglichst akribisch bitte, denn es sollen zwölf gleichgroße Stücke entstehen. Oft kommt ein Kreis in der Mitte hinzu. Und dann wird bestimmt, an wen die Stücke fallen: an den Hausstand, an den Papa, die Mama, die Oma, die Tante Emma, an den abwesenden Sohn, den Bruder, den Neffen, die Hungrigen dieser Welt, die Flüchtlinge,  die Freundin, den Fremdling….Das runde Stück in der Mitte wird oft dem Lieben Gott zugesprochen. Manchmal ist es auch die Firma oder, bei Emigranten, das ferne Vaterland.

Ist der Kuchen verteilt, beginnt die Suche nach dem Glückstaler, der im Kuchen versteckt ist. Früher war es schon mal ein echter Silber-Sterling, heute reicht eine billige Nachahmung, in Aluminiumfolie eingewickelt. Aber egal: Glück ist Glück! Fällt er dir zu, zeigst du ihn glücklich herum und beginnst zu träumen: Dieses Jahr, so träumst du vielleicht, mache ich endlich eine Weltreise, treffe ich meine große Liebe, wird endlich Frieden einkehren, haben alle Menschen genug zu essen…. Jeder träumt anders.

„Und wer bekam dieses Jahr den Glückstaler?“ fragt Dora. „Ich“, antworte ich lächend. „Und ich träumte von einer Dora, die mir tagtäglich Freude schenkt“.

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Welche Farbe hat die blaue Iris? (zwischen Homer und Fotoshop)

Momentan blühen im Garten viele hochstengelige blaue Schwertlilien, die nach der griechischen Götterbotin Iris heißen. Iris begleitete die Seelen der Toten über den Regenbogen ins Jenseits. Und so wurde die blaue Iris zum Symbol der Trauer und des weiten Meeres. Denn ja, im weiten Meer verschwand so mancher Seefahrer, um nie zurückzukehren. Nach der Götterbotin Iris hat schon der griechische Arzt Galenos von Pergamos (2.-3. Jh) auch die „irisierende“ Blende des Auges, die Regenbogenhaut, benannt, die um die Pupille herum liegt und sie öffnet und zusammenzieht ähnlich einer Fotoblende. (Foto: Wikipedia)

 

Oft betrachte ich die so merkwürdig aus Zartem und Wildem gemischte Blüte der Iris, ihre komplizierte Bauart, ihre vom späten Nachmittaglicht durchleuchteten blauen „Domblätter“ und den struppigen Bart auf dem zentralen getigerten „Hängeblatt“.

Heute nun beschaute ich mir meine Fotos von der blauen Iris und fragte mich wie so oft: Was heißt hier eigentlich blau? Wie blau ist dies Blau?

Wie ich schon an anderer Stelle zitierte, hatten die „Alten“ keinen Begriff für „blau“: „In den homerischen Epen etwa ist das Meer keineswegs blau. Die große Meeresfläche erscheint farbig wie Wein (οἶνοψ) oder Veilchen (ἰοειδής); seine Fluten sind entweder purpurfarben (πορφύρεος), schwarz oder dunkel (μέλας, κελαινός); das Ufer und die von Schaum bedeckten Wellen werden weiß und dann grau (πολιός).“

Dies Fehlen der Farbe Blau im Homerischen Wortschatz veranlasste die Gräzisten zu den merkwürdigsten Theorien.  Offenbar hatten sie selbst nie ein Meer wirklich betrachtet, denn sie führten lange Debatten über das unterschiedliche Sehen der Völker …  anstatt einfach mal hinzuschauen. Ist das Meer denn tatsächlich „blau“? Auch Nietzsche schloss sich der merkwürdigen Farbblindheits-Theorie an und erweiterte sie philosophisch-anthropologisch – zugegebener Maßen höchst eindrucksvoll:

»Wie anders sahen die Griechen in ihre Natur, wenn ihnen, wie man sich eingestehen muss, das Auge für Blau und Grün blind war, und sie statt des ersteren ein tiefes Braun, statt des zweiten ein Gelb sahen (…), – wie anders und wie viel näher an den Menschen gerückt musste ihnen die Natur erscheinen, weil in ihrem Auge die Farben des Menschen auch in der Natur überwogen und diese gleichsam in dem Farbenäther der Menschheit schwamm! (Blau und Grün entmenschlichen die Natur mehr, als alles Andere.)« (zitiert nach derselben sehr lesenswerten Abhandlung https://doi.org/10.4000/trivium.5588 

Nun, lassen wir die Alten und auch Nietzsche beiseite und schauen wir uns an, was Fotoshop dazu sagt. In der folgenden Collage siehst du links ein Originalfoto. Ich wählte dann einen „einfarbig blauen“ Ausschnitt und bearbeitete ihn mit dem automatisierten Farbanpasser „autocolor“, der die vorhandenen Farben „verdichtet“ (rechts oben). Rechts unten setzte ich den automatisierten Tonanpasser „autotone“ ein („Auto Tone tastet das gesamte Bild ab und bewertet die Farbwerte einzeln. Es geht in die rote Ebene, setzt das dunkelste Pixel auf Schwarz, das hellste Pixel auf Weiß und verteilt alle anderen Werte zwischen den beiden neu“ )  

Hier ein zweites unbearbeitetes Foto, bei dem ein Stück des getigerten bärtigen Hängeblatts einbezogen ist :

Welche Farbbezeichnung von all denen, die uns Homer für die Farben des Meeres anbietet, passt am besten?  Farbig wie Wein (οἶνοψ/inops) oder Veilchen (ἰοειδής/joidis);  purpurfarben (πορφύρεος/porphyreos), schwarz (μέλας/melas) oder dunkel (κελαινός/kelänos) bisweilen; oder weißgrau (πολιός/polios), blassgelb ockrig wie die Toten (όχρα/ochra) oder auch lebendig-hellgrün (χλωρός/chloros wie Chlorgas und Chlorophyll)?

Der Götterbotin Iris, die die Seelen auf dem Regenbogen ins Jenseits geleitet, und der nach ihr benannten Blume steht die gesamte Farbpalette zur Verfügung. 

 Wie verarmt ist die heutige Farbwahrnehmung! Heute sagt man blau (μπλε) für Himmel und Meer, und dann noch grün (πράσσινος), rot (κόκκινος), gelb (κίτρινος) wie für die Phasen der Verkehrsampel. Die Zwischentöne und die damit verbundenen Gemütsverfassungen sind aus dem Wortgebrauch weitgehend verschwunden.

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Dora zum SechsundzwanzigstenVierten: Holzbienen-Domizil

Im Garten duftet es nach Rosen und Orangenblüten und nach etlichem mehr, das ich nicht benennen kann. Mild liegt der Sonnenschein auf dem blühenden Rasen, der natürlich kein Rasen, sondern ein buntes Gemisch aus gelbem und weißem Klee, vielfarbigem Geranke und Geblühe ist und allerlei Bienenvolk anzieht.

Wie ich so lustwandle und meine Nase in diese und jene Blüte stecke….

Orangenblüte mit Fruchtansatz

vernehme ich ein aufgeregtes Brummen und sehe eine mächtige schwarz-irisierende Holzbiene auf die Gartenbank zuhalten. Bevor ich auch nur daran denken kann, sie zu fotografieren, ist sie in einem der Löcher verschwunden. Dieser Vorgang wiederholt sich mehrere Male. Wieviele  der Löcher, die sich auf beiden Seiten der Rückenlehne befinden, bewohnt sind?

Dora will es wissen und leuchtet in die Löcher rein. „Hier ist eine drin“, informiert sie mich.

Im oberen Loch ebenfalls, das sehe ich auch ohne Extra-Beleuchtung. Ich lege mich nun mit dem iphone auf die Lauer. Aber ach! Die Batterie geht gerade in dem Moment zu Ende, als sich die Biene entschließt, das Loch zu verlassen. So musst du mir ohne neuen fotografischen Beweis einfach mal glauben.

Dieses Holzbienen-Exemplar erwischte ich voriges Jahr im Juni.

 

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