Zäune (kleine Beobachtungen zum Jahreswechsel)

Beim Spazierengehen begrüßte ich gestern den schönen kräftigen Hund, der in einem eingezäunten Käfig weit entfernt von den nächsten Behausungen lebt. Eine Zeitlang war er angekettet, sein gegenwärtiger Zustand ist besser, da der Käfig geräumig und sauber ist, er hat eine gute Hütte und bekommt ausreichend Futter. Er muss auf die Hühner aufpassen, die im Gehege daneben leben. Die Hühner sinds zufrieden, sie scharren und gurren. Aber der Hund? Er schaut mich misstrauisch an. Manchmal bellt er auch versuchsweise. Er wedelt nicht.  Aber als ich zur Pforte in seinem Zaun gehe, folgt er hoffnungsvoll. „Nein“, sage ich zu ihm, „ich kann dich nicht rauslassen. Erstens ist da ein Schloss an der Pforte, und zweitens, drittens, viertens, was soll aus dir werden? Ich kann nicht für dich sorgen.“

Ich kenne den Hund von früher. Da lebte er noch frei, wie hier, im Dezember 2019, als er mit Tito spielte – Tito ist nun tot, und der andere muss Hühner bewachen. Auch wir waren damals noch frei.

„Innerhalb des Zauns stehst du in deinem Eigentum, da bist du der Herr“, sage ich zum Hund. „Wenn ich versuche, da rein zu kommen, wirst du mich beißen, ich seh’s an deinen Augen. Genau gesprochen ist es freilich nicht dein Eigentum, lieber Hund, denn ein anderer hat den Schlüssel, und der ist es auch, der dir das Futter bringt. Ohne den bist du aufgeschmissen, stimmts? Klar, drum tutst du alles, was er von dir verlangt, und du liebst ihn. Und bewachst seine Hühner.“

Ich gehe und fühle seinen Blick in meinem Rücken. Bald wird er in seine Hütte zurückgehen, sich seufzend niederlassen und warten, dass irgendetwas geschieht.

Wir sind wie Schafe im Pferch, Hühner im Gehege, manche auch wie Hunde, um auf uns aufzupassen. Unser Gehege ist größer, aber es ist ein Gehege, mit Zäunen, zu deren Pforten andere die Schlüssel besitzen. So denke ich im Weitergehen.

Unten im Dorf fällt mir ein Zaun auf. Er bildet ein silbrig-rostiges Muster. Denn ein fast neu wirkender und ein verrosteter Draht sind ineinander geflochten. Vielleicht sind sie aus verschiedenem Material – oder wie sonst lässt sich dieser Unterschied erklären?

Wie gemacht zum Jahreswechsel, denke ich. Das eine Jahr verrostet – das andere neu. Sie greifen ineinander, wie die Drähte dieses Zauns hier. Wie wäre es, ich nähme die große Drahtschere und verschnitte den Zaun, jeden Zaun, den zwischen den Jahren nicht ausgenommen?

Kommt gut rüber!

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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14 Antworten zu Zäune (kleine Beobachtungen zum Jahreswechsel)

  1. Gisela Benseler schreibt:

    ————–♡♡♡♡♡⊙⊙⊙⊙♧♧♧♧☆☆☆☆☆Lassen wir die „Zäune“ hinter uns! Die Kunst jedenfalls hat sie längst überwunden.

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  2. Werner Kastens schreibt:

    Abschneiden heisst für mich entsorgen, auf den Müll werfen, nichts mehr davon wissen und lernen wollen, und das hielte ich für unangebracht, liebe Gerda.

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    • gkazakou schreibt:

      Ich las mal im Roman „Angst vorm Fliegen“ (alles andere habe ich vergessen), dass sich die Autorin über deutsche Toiletten mokierte: diese flachen Schalen, wo man die Sch… noch lange betrachten kann, bevor man sich von ihr verabschiedet, hielt sie für „typisch deutsch“. Ich fand ihre Kritik an deutscher Art ein wenig überzogen, zumal es ja nicht falsch ist, prüfend zu betrachten, was man so hervorgebracht hat, gerade auch wenn es Sch… war.
      Nun wünsche ich ein gutes ÜberdenZaunSteigen! Liebe Grüße!

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    • gkazakou schreibt:

      Danke, Lore! Ich bin grad sehr optimistisch gestimmt und überzeugt: das wird ein supergutes Jahr mit entscheidenden Durchbrüchen. Der Himmel hats mir verraten, so klar leuchteten die Sterne mir..

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  3. Schön gesagt in einer schönen Geschichte! In diesem Sinne nochmals einen Guten Rutsch!

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  4. Liebe Gerda,

    es kommt ein neues Jahr und wir nehmen es an und wir begrüßen es!
    Es passiert etwas GUTES, daß uns alle weiterbringt, daß die Menschen nachdenken lässt und wieder versöhnen lässt! Mit diesen Gedanken gehe ich ins neue Jahr❣️
    Wir sind nicht alleine mit unseren Gedanken, daß ist ein Geschenk ❣️

    Sei herzlich gegrüßt
    Babsi

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  5. Leela schreibt:

    ich helfe dir beim Drahtzerschneiden 🙂 Eine rostige Reihe von oben bis nach unten zerteilen (die rostige ist vermutlich leichter zu durchtrennen), dann das Ganze zur Seite rollen und durchschlüpfen…
    nur was wartet hinter dem Zaun im globalen Einerlei?
    vorsichtshalber nehme ich mal die Schere beim Weiterwandern mit…

    Geschenke auspacken ist spannend… 🙂

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  6. Das neue Jahr wird ein Gedchenk sein? Ein gutes, meinst Du?
    DAS hoffe ich doch sehr. Ein schlimmes, miesepetriges nehmen wir einfch nicht an, Gerda!

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