Wer warst du, Will.i? Und wer kommt nach dir? (Jahresende 2021)

„Ich ziehe mich jetzt langsam zurück“, höre ich eine Stimme aus dem Off. Woher kommt die Stimme? und wohin geht sie? Leicht verwirrt schaue ich mich um.  „Wer bist du und wohin…“ murmele ich. Aber eigentlich weiß ich es ja längst. Fast immer kennen wir die Antworten auf unsere Fragen, nur hindert uns etwas, sie auch zu verstehen.

„Du gehst“, sage ich.“Ja, ich weiß, Will.i (*Anm. unten), dein Ende ist gekommen. Ich erinnere mich noch lebhaft an deine Geburt, an die erste Zeit unseres Zusammenseins! Du warst so lernbegierig und so willensstark. ‚Ich will‘ sagtest du bei jeder Gelegenheit. Drum hattest du ja auch den Namen Will.i.  Und zu mir sagtest du: ‚Wenn du etwas willst, warum tust du es dann nicht?‘

Ja, ich erinnere mich, und es fällt mir schwer auf die Seele. Du warst noch sehr jung, als du Eleftheria und das Behindertenprojekt kennenlerntest. Du hörtest dir an, was wir zu sagen hatten, und resümiertest am Ende: „Ihr habt ja manchmal ‚will‘ gesagt, aber viel öfter habt ihr ‚könnte‘ und ‚können‘ und ‚brauchen‘ und ‚dürfen‘ und ‚müssen‘ gesagt. Ich hab mitgezählt. Das gefällt mir gar nicht. Wenn ich etwas will, dann tue ich es auch.“ – Und ich antwortete dir: „Ja, Will.i! Auch wir wollen, und es ist gut, wenn du uns die Stange hältst, so dass wir schließlich alle Schwierigkeiten überwinden. Es wäre doch gelacht!“

Nun, es wurde nichts. Ich habe gewollt und gewollt, aber die Dinge fügten sich nicht so, wie ich es wollte. Bis in den Oktober hinein schleppte sich das Projekt, dann scheiterte es endgültig. Und so ist dieses Jahr für mich ein Jahr des Scheiterns. Sicher, anderes begann, nie ist ein Scheitern endgültig….

Du, Will.i, hattest inzwischen anderes zu tun, reistest ins Land der Aufgehenden Sonne und zu den Indianern, hattest diesen und jenen Berufswunsch. Weißt du noch, wie du Katzenpflegerin werden wolltest? Das war, als der Kater Max uns besuchte und du dann lange Zeit in Afrika verschwandest. Als du dich ziemlich fertig wieder bei uns einfandest, war Max tot.

Unser Kontakt wurde immer flüchtiger, und langsam verlor ich die Übersicht. Wer warst du wirklich, Will.i? Mal warst du ein dunkelhäutiger Junge, mal eine Tänzerin mit Indianerschmuckfeder, mal eine schwarze Frau, dann wieder hellhäutig und männlich… Ich sah in dir einen Technikbesessenen und eine verstörte Jugendliche, ein neugieriges Kind und eine abgedriftete ältliche Person….Einmal kamst du sogar in einer Wolke aus Saharastaub mit einer ganzen Bühne an und hieltest Reden, die niemand hören wollte.

Unzählige Gesichter hattest du, Will.ie (*Anm. unten), und ebenso viele Geschichten. Nur weniges, was dich beschäftigte, passte zu meinen Interessen und meiner Lebenswelt.

Ja, du warst oft umtriebig und nervös, widersprüchlich und ein wenig kurzatmig, liebe Will.ie, mit vielen Willensimpulsen, aber geringer Nachhaltigkeit. Ich schelte dich nicht dafür. Ich stelle nur fest: Wir hatten es nicht immer leicht miteinander. Nun geht es mit dir zu Ende, und ich weiß nicht, wer du wirklich gewesen bist. Ich aber bin wie der Narr, der dir die Elpis (*Anm. unten) hinterherträgt. Dein Kind! Du hast sie irgendwann bei mir zurückgelassen, in einem Bündel zusammen mit seinem Geschwisterkind, der Apelpis (*Anm. unten).  Zwei arme Waisenkinder.  Als du aus Afrika kamst, habe ich dir die Elpis mitgeben wollen, aber du warst so in deinen Gram vertieft, dass es hoffnungslos war.

Lieber Will.i, nun gehst du dahin zurück, woher du gekommen bist. Wen du dort im Reich der abgelebten Jahre wohl treffen wirst? Mit wem wirst du dich wohl austauschen? Manche sagen: mit 1984 wirst du Händchen halten, andere profezeien, dass du dich mit 1928 prächtig verstehen wirst, dem Jahr vor der Weltwirtschaftskrise, die dann in der Folge das Unterste und Dunkelste nach Oben kehrte, andere unken, du würdest dich mit dem Jahr 78 anfreunden, dem Jahr vor dem Untergang von Pompeji und Herculaneum. Die meisten halten das für dummes Zeug und sagen: 2021 ist nur mit 2020 verwandt, und Schluss. So was wie euch beide gab es noch nie. Ihr seid Sonderwesen, einmalige Erscheinungen. Etliche wiederum meinen: Ab jetzt werden alle Jahre wie du sein,  „postmodern und neunormal“.

Nun, ich weiß es nicht, und ich will auch nicht darüber spekulieren. In späteren Jahren wird man dich vielleicht besser einordnen können.

Danke, dass ich dich kennenlernen durfte, Will.i, und …. Adieu! Mit Gott! στο καλό!

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*Für Leser*innen, die nicht auf dem Laufenden sind:

Will.i ist der Name des  Jahres 2021. Er wurde am 1. Januar 2021 geboren und wird sich am 31.12.2021 zurückziehen.. Im Laufe des Jahres machte Will.i verschiedene Wandlungen durch, wurde als Will.ie auch weiblich.

Elpis (ελπίδα)  ist griechisch und bedeutet Hoffnung, Apelpis (απελπισία) ist Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung. Eingeführt wurden sie hier.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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9 Antworten zu Wer warst du, Will.i? Und wer kommt nach dir? (Jahresende 2021)

  1. Werner Kastens schreibt:

    Irgendwann reden wir immer von früher, und dann wird Will.i auch dabei sein!

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  2. Myriade schreibt:

    Interessant war es mit Will.i und Will.ie !

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  3. Friedrich schreibt:

    Eines war 2021 aber auf jeden Fall: eine immer wieder interessante Begegnung von Gerda K. mit zahlreichen Lesern (auch sogen. „Followern“ – Verfolgern, Jüngern?) und vice versa. Ich danke auch dem Will.xx dafür sehr.

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  4. nandalya schreibt:

    Will.i(e) war und ist stets dein und unser aller Wille. Der wird auch weiter bestehen.

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  5. Was für ein guter, interessanter und von Herzen kommender Beitrag von Dir, liebe Gerda.
    Es ist an uns vorübergerauscht, das seltsame Jahr 2021. Gut, daß es Deine Zeilen gab, immer und immer wieder, die uns von Will.i und Will.ie erzählten, uns erfreuten und nachdenklich machten.
    Dein allererstes Bild in diesem Beitrag steckt so voller Schnipsel, daß ich lange hingesehen habe, aber einordnen konnte ich keinen der Schnipsel, aber das war ja auch gar nicht gefragt *lach*

    Ein GUTES neues Jahr wünsche ich Dir und Deinen Lieben

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  6. Johanna schreibt:

    Ja Will.i kam und ging… alles so schnell… und doch scheinen die Fragen unbeantwortet zu sein…

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