Dora interviewt die Kandidaten (siebtes Interview, nochmal das Paar)

„Dora“, sage ich zu Dora, „ich finde, du solltest das Paar noch mal befragen. Eine Leserin meint, dass du vorschnell geurteilt hast. Du hast einfach einen schlechten Moment erwischt. Versuch es doch noch mal.“

Collage aus frühem Aquarell und Schnipselfiguren

„Na gut“, kräht Dora. „Eine zweite Chance sollen sie haben!“ Und weg ist sie. Schon bald ist sie zurück. „Dasselbe in Grün! Diesmal erwische ich sie vor der Kirche, vielleicht, denke ich, haben sie da mehr Lust auf Interviews. Ist aber nicht. Sie unterhalten sich über die Predigt und wohin sie nun zum Essen gehen wollen. Ich tanze um sie herum, ziehe sogar am Regenschirm der Frau, aber sie nimmt mich nicht zur Kenntnis. Als wäre ich Luft. Was soll ich nun tun?“

Ich weiß auch keinen Rat. „Machen wir einen Spaziergang ans Meer!“ schlage ich vor. „Beim Gehen fällt mir manchmal was ein.“

Und tatsächlich! Unten am Meer sehen wir die Dame herumspazieren – allein! 

Dora segelt hinab und positioniert sich vor ihr. „Guten Tag, liebe Dame. Wo ist denn ihr Paar-tner?“ Die Dame lächelt Dora an. „Der Dieter? Der ist da hinten bei den Felsen, er hat da ein paar hübsche Einschlüsse gefunden, die er fotografieren will.“- „Einschüsse?“ fragt Dora. Ach, Dora, deine Bildung ist leider immer noch bedauernswert unvollkommen! Jetzt lacht die Dame: „Nein, Kleines, zum Glück ist der Krieg hier fern. Es sind Einsch-l-üsse, Einschlüsse von Urtieren, die versteinert sind. Wie heißt du überhaupt und woher kommst du?“

Und so entspinnt sich ein lebhaftes Gespräch. Dora ist noch da, als der Mann wieder auftaucht. Jetzt wird die Dame ihm sicher alles verklickern, was sie zuvor mit Dora besprochen hat, denke ich, und er wird ihr und Dora zeigen, was er fotografiert hat. Also mache ich mich auf ein längeres Warten gefasst.

„Die sind richtig nett!“ kräht Dora, als sie sich wieder bei mir einfindet, und funkelt vor Vergnügen. „Die haben mich gefragt, wie ich heiße, woher ich komme, wo ich wohne, was ich esse, ob ich Katzen mag oder lieber Hunde, und noch tausend Sachen. Oder eigentlich hat mich die Frau gefragt, und dann hat sie mich ihrem Paartner vorgestellt, und er hat zugehört, obgleich er eigentlich lieber von seinen Steinen berichtet hätte, glaub ich, und an mir nicht so interessiert war.“

 

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Dora interviewt die Kandidaten (Sechstes Interview: das Paar)

Dora hat nun schon fünf Bewerber befragt, und drei davon sind durchgefallen. Weder der Angstmacher noch der Überlebenskünstler noch der Neue Mensch haben bei ihr Punkte machen können. Der Hilfesuchenden wollte sie gern helfen, doch gelang es ihr nicht recht wegen all der Figuren, die dazwischen traten, und das Spielende Kind half seinerseits Dora, ihre Kraft, ihre Geschenkedose und vor allem das Licht in ihrer Latüchte zurückzugewinnen. 

Nun schaut Dora den Haufen mit den Bewerbungsschreiben an. „Das Paar – was ist denn das?“ fragt sie. „Was soll ich dir sagen,“ druckse ich herum, denn mir ist schon klar, dass Dora ein Einzelwesen ist und nicht versteht, wie ein Paar fühlt. Am besten, wir lesen noch mal, was es sagt!“

„Wir sind ein Wir. Uns ist bewusst, dass unsere Lebensform manchem veraltet erscheint. Wir aber bleiben überzeugt: ein Paar. Was den einen betrifft, ist auch für den anderen wichtig. Als Paar erleben wir die Welt. Als Paar lernen wir, die Welt aus der Perspektive eines Du zu erleben. Das ist manchmal schwierig, auch schmerzhaft, aber es ist das, was uns vor allem anderen interessiert.“

Dora guckt mich mit großen Augen an. „Sind wir ein Paar – du und ich?“ fragt sie. Ich muss lächeln. Liebe Dora. „Nein, nicht wirklich“, sage ich. immer noch lächelnd. „Wir sind ja zwei unabhängige Wesen. Du und ich haben uns getroffen, haben uns eine Weile gut miteinander vertragen, ich habe dich lieb gewonnen und du magst mich, glaube ich, auch. Aber ein Paar sind wir deshalb noch nicht. Ein Paar, das ist, das ist….“

„Ich glaube, ich geh mal hin und frage selbst so ein Paar, bevor deine Zunge Knoten kriegt“, kräht Dora. Sie findet das Paar beim Besuch eines Tempelbezirks. „Im Jahre 345 vor Christus befanden sich hier noch uralte Reste einer früheren Tempelanlage“, hört Dora die Dame sagen, und „Das stimmt nicht genau, Schatz, das war 345 nach Christus,“ meint die männliche Stimme.  – „Ich bitte dich, das ist ganz unmöglich!“ Das sagt die Frau. – „Meine Liebe, im Jahr 345 vor Christus war hier eine ganz andere Zivilisation, die dann allmählich….“ sagt der Mann. „Also ich habe es eben noch nachgelesen, du irrst dich, mein Lieber, hier war, genau, ich lese es dir vor, hier war im Jahre 345 nach Christus…“ sagt die Frau. „Na siehste“, sagt der Mann. „Sag ich doch“. „Sag ich doch auch …“

„Pardon, unterbricht Dora die angeregte Unterhaltung. „Sie haben sich ja fürs Jahr 2022 als Repräsentanten beworben. Darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen?“ – „… „354, nein, 345, du machst mich ganz konfus, immer musst du mich unterbrechen und korrigieren.“ –  „Pardon“, versucht es Dora noch einmal. Doch das Paar hat kein Ohr für Dora. Es ist mit sich selbst beschäftigt. Ich-du, du-ich. Ein Dritter hat da keine Chance. Man ist sich selbst genug.

„Ein Glück, dass wir kein Paar sind“, fasst Dora ihre Erfahrung zusammen.

Vielleicht hat sie ihr Urteil zu schnell gefällt. Es gibt ja solche und sone Paare, oder?

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Montag ist Fototermin: Lichtschrift

Fotografieren ist ein Kunstwort aus dem Griechischen und heißt in wörtlicher Übersetzung: Lichtschreiben (φως, του φωτός – fos. tu fotos, Licht, des Lichts) γράφω – grafo, ich schreibe). Die Fotografie ist also ein Lichtgeschriebenes.

Damit das Licht schreiben kann, braucht es, wie wir ja auch, wenn wir Gedanken notieren wollen, eine materielle Grundlage. Alles kann ihr als Schreibfläche dienen. Unendlich sind die Bilder, die es erzeugt. Heute war mir nach Wasser- und Sand-Lichtbildern.

(Die Lichtbilder habe ich dem Archiv entnommen. Gleich gehe ich und suche neue in der Natur auf)

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05.12. – Wieder ein Weihnachtsdilemma gelöst | Adventüden

Mit herzlichem Dank an Christiane für ihren Adventüden-Adventskalender! Heute bin ich dort mit ein paar Kata-Strophen über weihnachtliche Versöhnung vertreten.

Avatar von ChristianeIrgendwas ist immer

»Wie wirst du, Hinrich, dieses Jahr
(Bei uns wars letztens wunderbar!)
Das heilge Weihnachtsfest verbringen?
Hol schon mal raus den Weihnachtsputz!«
So spricht zu Hinrich sein Freund Lutz.

»Ich werde meinen Weihnachtsabend,
Mich an einem Eintopf labend,
In der Lichtung bei den Rehen
Unterm Sternenglanz begehen.«
So spricht der Hinrich und schweigt still
Weil er mehr nicht sagen will.

»Kreuzkümmelschock und zugenäht
Was ist, wenn Wind von Westen weht?
Der bringt dann Regen, oder Schnee
Du wirst arg friern, Herrjeminee!
Sei klug und mach’s wie alle Leute
Es allzeit tun und so auch heute:

Kauf euch eine hübsche Tanne
Hänge viel Lametta dranne
Fülle ein paar tolle Lose
In die olle Gebäckdose
Mach auch selbst den Weihnachtsmann
Damit dein Kind sich freuen kann.«

»Νee, ich brauch kein’ Weihnachtsputz«,
Sagt der Hinrich nun zum Lutz.
»Seit dem Krach im letzten Jahr
Sind Trud und ich nicht mehr ein Paar

Den Kleinen…

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Dora interviewt die Kandidaten (Fünftes Interview: Überlebenskünstler)

„Als nächsten interviewe ich den Lebenskünstler“, verkündet Dora. „Überlebenskünstler“, korrigiere ich sie. „Ihm geht es nicht um die Kunst des Lebens, sondern des Überlebens.“

Dora guckt mich fragend an. Anscheinend versteht sie den Unterschied nicht. „Überleben bedeutet, nicht zu sterben, wenn es hart auf hart geht“, erkläre ich ihr. „Hör mal, was er in seiner Bewerbung schreibt!“

„Auch unter extremen Bedingungen weiß ich zu überleben.  In der Stadt, im Wald, im Krieg oder auf dem Mond – es gibt kein „unmöglich“ für mich. Ich bin gewappnet, und du tätest gut daran, dir auch schon mal ein paar skills anzueignen. Weißt du denn, obs im nächsten Jahr nicht hart hergehen wird? Und was machst du dann, du Weichei? Pardon, ich möchte dir nicht zu nahe treten, nur warnen möchte ich dich: Bereite dich aufs Schlimmste vor – immer!

„Ich frag ihn am besten, was er mit bereite dich aufs Schlimmste vor meint, und warum das so wichtig ist“, überlegt Dora laut. „Wo finde ich ihn wohl? Auf dem Mond, im Wald, im Krieg oder in der Stadt?“

„Keine Ahnung“, gebe ich zu. „Versuchen wir es in der Stadt, da leben ja die meisten Menschen, also vermutlich auch die meisten Überlebenskünstler.“

Wir finden ihn in einem Lager an der städtischen Peripherie. Sein Outfit mit Baseballmütze, Gesichtsmaske, Ganzkörperisolieranzug in Tarnfarben und passenden Über- und Handschuhen zeigt, dass er wirklich gut für alle Eventualitäten gerüstet ist. Als Waffe trägt er eine Feder – nach manchen die gefährlichste Waffe der Welt.

Collage aus Gemälde und Legebildern

Dora tänzelt auf ihn zu, vergisst ihre Frage und kräht stattdessen: „Guten Tag, ich bin Dora, die Reporterin. Darf ich Sie fragen, was Sie hier treiben?“ – „Ich kontrolliere die Uhren“, antwortet der Befragte bereitwillig. „Und warum? Was sind das für Uhren?“ – „Es sind Anzeiger für die Lage im Katastrophensektor. Ich schaue nach, ob die Zeiger vor Mitternacht stehen oder schon drüber hinaus sind.“ – „Aha“, macht Dora. Ich sehe, wie sie ihre Stirn in Falten legt. Das tut sie immer, wenn sie etwas verstehen möchte, es ihr aber schwer fällt.  Schließlich räuspert sie sich und fragt: „Und? Wie stehen sie?“

Auf dieses Stichwort hat der Typ anscheinend nur gewartet. Jedenfalls strömen die Katastrophennachrichten nur so aus ihm heraus. „Die Uhr hier zeigt den Stand des Klimawandels an“, sagt er. „Da sind wir bei einer Minute nach Mitternacht. Und der Zeiger rückt jede Sekunde weiter vor. Diese Uhr zeigt den Ressourcenverbrauch. Da sieht es ein bisschen besser aus, aber nicht viel. Hier ist eine Uhr, die die atomare Bedrohung anzeigt. Die hat letzthin ein ziemlich rasantes Tempo vorgelegt. Diese Uhr hier zeigt die Welternährungslage an, und diese die Fluchtbewegungen. Ist alles in ziemlicher Eile. Und diese hier… “ –

„Geht’s ein bisschen langsamer, bitte?“ unterbricht Dora seinen Redeschwall. „Ich komme so schnell nicht mit.“ – „Langsamer geht’s nicht“, antwortet der Überlebenskünstler, „ich muss mich beeilen, um den Katastrophen zuvor zu kommen.“ – „Und wie machst du das?“ fragt nun Dora. Bravo! Genauso hätte ich auch gefragt.

Der Überlebenskünstler weist mit großer Geste auf die gestapelten Kisten, Kasten, und Transportbänder: „Hier hab ich alles, was ich für drei Jahre Überleben brauche. Dahinten siehst du den Eingang zu meinem persönlichen Atombunker, der ist voll ausgestattet mit Stromaggregaten, Batterien, Kerzen, Wasserfilteranlagen, die ganze Latte. Ich habe vorgesorgt und kann überleben, wenn alle anderen längst tot sind“

Dora beguckt sich die Sachen in der ersten Kiste, rümpft ihr Näschen und meint abfällig: „Also wirklich! All diesen Trockenmampf hast du angesammelt? Und mit wem willst du den teilen, wenn alle anderen weg sind? Das ist doch kein Leben!“ – „Es geht schon längst nicht mehr ums Leben, sondern nur noch ums Überleben“, doziert der Überlebenskünstler, aber Dora hat ihm bereits den Rücken gekehrt.

 

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Dora interviewt die Kandidaten (Viertes Interview: Das spielende Kind)

Inzwischen ist es Abend geworden. Ich finde Dora ziemlich zerrupft nahe am Kampfplatz wieder (siehe Interview 3). Sie ist empört.  „Eine arme Frau bittet um Hilfe“ kräht sie und plustert sich auf, „und denen fällt nichts anderes ein, als wie man sie am besten verwerten kann. Der eine will sie als Altenpflegerin, der andere für sein Bordell und der dritte als Nummer in seinen Versicherungsbilanzen. Denen hab ichs aber gegeben!“

Nun, ich bin mir nicht sicher, wer es wem gegeben hat, aber ich halte den Mund und frage auch nicht, was mit ihrer Latüchte passiert ist. Die Geschenkbox ist auch weg. Traurig, denn dann kriege ich wohl auch keine Geschenke mehr. Ausgerechnet jetzt zu Weihnachten hatte ich eigentlich fest damit gerechnet. Andererseits, wenn es der Hilfesuchenden geholfen hat…..

„Und wer kommt als nächstes dran?“ fragt Dora in meine trüben Gedanken hinein. „Wen soll ich als nächstes interviewen?“ Hach, sie ist voller Tatendrang und lässt sich nicht abschrecken! An ihr ist wahrlich eine Journalistin verloren gegangen!  „Das liegt ganz bei dir“, gebe ich bedächtig zur Antwort. Insgeheim denke ich: Tapfer ist sie und hart im Nehmen. Dennoch würde ihr das Spielende Kind jetzt sicher gut tun. „Ich befrage das Kind!“ verkündet Dora, kaum hab ich es gedacht. „Da drüben spielt es!“

Collage aus Gemälde und Legebildern

Dora hat recht: Aus einem Hafenlokal, vor dem sich einiges Volk gesammelt hat, ertönt Klavier-geklimper, und gleich daneben, unberührt und wie eingeschlossen in seine eigene Welt, spielt das Kind. In der Hand hält es eine goldene Kugel – ähnlich der Kugel der Prinzessin. die dann in den Brunnen fiel, und Froschkönig ….* , aber lassen wir das – , und eine Kerze erhellt die Szene mit reinem Licht.

„Hallo!“ ruft Dora. „Ich bin die Dora. Darf ich dich was fragen?“ – Das Kind lässt die Kugel ein wenig langsamer kreisen und nickt. „Was spielst du da gerade?“ fragt Dora – „Ich spiele mit der Sonne“, sagt das Kind. „Ich bin die Erde und lasse die Sonne um mich kreisen“. – „Die Sonne kreist aber nicht um die Erde!“, korrigiert Dora altklug. „Wer hat dir solchen Unsinn erzählt?“ – „Klar kreist sie!“ sagt das Kind. „Schau doch!“ Und im Nu dreht sie sich um die eigene Achse und die Sonne steht auf der anderen Seite. „Gib schon deine Lampe her, damit wir sie an der Sonne anzünden! Und aus dem Wachs der Kerze machen wir eine neue Geschenkbox.“

Ich stehe und staune. So was! Die Latüchte brennt wieder, und zu Doras Füßen rollt eine neue Geschenkbox, ganz genau wie die alte. Im Spiel wird alles heil, denke ich noch, bevor ich die beiden allein lasse, um sie nicht weiter zu stören.

——-

*Über Froschkönig habe ich schon öfter sinniert. In einem Beitrag von 2016 zum Valentinstag heißt es: „Da ist ein junges Mädchen, fast noch ein Kind, und spielt im Wald nahe einem Brunnen mit seiner goldenen Kugel.  (Die goldene Kugel ist die Vollkommenheit des Kindes, die unangefochtene, intakte Unschuld und Jungfräulichkeit). Und wie es so spielt, rollt die Kugel in den Brunnen, „der war tief, so tief, dass man keinen Grund sah“. Es ist untröstlich, denn es kann die Kugel nicht aus eigener Kraft zurückholen. Aber da ist ein Frosch, der aus dem tiefen Wasser emportaucht. Das Mädchen sieht, wie er seinen dicken, hässlichen Kopf aus dem Wasser streckt, und spricht ihn an:. Ach, du bist’s, alter Wasserpatscher? Sie kennt den alten Wasserpatscher durchaus, aber sie weiß noch nicht, was er von ihr will. Also verspricht sie ihm, was immer er haben will …“ (Die Fortsetzung findest du unter dem angegebenen link)

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Dora interviewt die Kandidaten (Drittes Interview: Hilfesuchende)

Dora ist nach den beiden ersten Interviews ziemlich geplättet. „Der Angstmacher“ wollte ihr weismachen, dass Mäuse ihr Leben am besten im Loch verbringen, und „die Wissenschaft“ probierte gleich mal aus, ob sie sich als Versuchskaninchen für die Züchtung des „Neuen Menschen“ eignet. „Wenn die anderen auch so sind…“ murmelt sie, „dann sehe ich schwarz.“ – „Du hast ja erst zwei gesehen, da kannst du nicht urteilen“, gebe ich zur Antwort. „Mach noch ein Interview, dann sehen wir schon klarer.“

Diesmal zieht Dora mit geschlossenen Augen eine Karte. Es ist die Hilfesuchende.“Wo finde ich die denn?“ fragt sie etwas hilflos. Steht da was in ihrer Bewerbung?“ Ich lese die Bewerbung vor:

„Ich fürchte, unsereins wird im kommenden Jahr nicht sehr beachtet werden. Doch werden wir immer mehr. Wo sollen wir hin? Wo finden wir eine sichere Bleibe? Während ihr euch über Geschlechter, Transparenz und die Temperatur der Erde zankt, haben wir kein Plätzchen, um unser Haupt hinzulegen. Ich bitte euch, uns nicht zu vergessen. Wenn ihr mich wählt, werde ich euch täglich zuschauen bei eurem Tun und sehen, ob ich ein bisschen Hoffnung daraus schöpfen kann.“

„Hm. Da steht nichts. Wahrscheinlich ist sie am Hafen.“ überlegt Dora. Und so machen wir uns auf den Weg zum Hafen. Dort lungern drei Gestalten herum – und die Hilfesuchende ist auch da.

Collage aus eigener Zeichnung, Papier von Susanne B, Schnipseln von Bruni, Susanne H und Jürgen Küster.

Dora will sich an einem schweren Typen vorbeidrücken, aber der blockt sie ab. „Was willst du hier? Die ist nichts für dich, du halbe Portion.“

„He“, kräht Dora mutig. „Lass mich durch! Ich hab hier nen Auftrag, ich muss die Hilfesuchende interviewen.“ – „Von der Presse, wa? Mach weg, sonst kriegst was in die Fresse!“ kommt die drohende Antwort.

Dora linst an dem schweren Kerl vorbei zu den anderen beiden. Der eine trägt ein großes Herz auf seinem Hemd, der ist sicher ein Guter. „Hej“, schreit sie,“könnt ihr mal den Dicken hier wegschubsen? Ich will zu der Frau hin!“ Die beiden aber haben anderes zu tun. „Die kommt auf unsere Station“, sagt der eine, und der andere sagt: „Keineswegs. Wir haben auch Personalmangel.“

Nun wäre Dora nicht Dora, würde es ihr nicht doch gelingen, sich an den Figuren vorbeizuschlängeln und sich vor der Frau aufzubauen. „Wie heißt du überhaupt?“ fragt sie  freundschaftlich. „Mayla“ flüstert die Frau. „Ich heiße Mayla.“ – „Und was bedeutet das?“ – „Hoffnung“, wispert die Frau. Bevor Dora ihre nächste Frage stellen kann, packt der Dicke sie am Schlawittchen. „Mach, dass du hier wegkommst, Kleiner. Ich hab dir gesagt, die ist nichts für dich!“

Ich höre noch, wie Dora ruft: „Behalt schon mal meine Geschenkebox!“, dann werde auch ich von der Bühne gefegt.

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Dora zum DrittenZwölften: Truthahnbegegnung

Gestern spazierten wir eine Runde durchs Zentraldorf Kampos, freuten uns am Sonnenschein, an den glänzenden Früchten im dunklen Bitterorangengrün, an den alten teils verfallenden, teils schön renovierten Häusern. Überall grünt und blüht, gluckert und glänzt es, denn tags zuvor hatte es tüchtig geregnet. Als wir an einem Zaun stehen bleiben, um glückliche Hühner und Puten zu betrachten, die auf einer weiten Wiese unter Bäumen picken und scharren, kommt mächtig aufgeregt und mit aggressivem Gekollere ein Truthahn auf uns zugeschritten. „Was wollt ihr, was wollt ihr?“ schreit er und  plustert sein Gefieder auf, dass es schimmert und funkelt. „Meine Zeit ist noch nicht da, ist noch nicht da!“

Ich verstehe die Truthahnsprache leider nicht, wohl aber Dora. Sie spricht ihn an und fragt ihn, wieso er sich so aufregt. „Thanksgiving ist vorbei und Weihnachten noch nicht in Sicht, also habe ich noch eine Frist!“ schreit er empört. Dora schlüpft durch den Zaun und nähert sich beruhigend dem Aufgeregten: „Schon gut! Schon gut, keine Sorge!“ kräht sie. „Wir wollen dich nicht essen.“

„Und wenn doch, wenn doch?“ kollert der Puter weiter, wenngleich nun nicht mehr ganz so heftig gesträubt. 

„Kein wenn-doch, mein Lieber. Wir stehen stets entschlossen auf der Seite der Truthähne und passen auf, dass euch kein Haar gekrümmt und kein Hals umgedreht wird, bevor eure Zeit gekommen ist. So wahr ich Dora heiße!“

Da beruhigt sich der Vogel, sammelt sein Gefieder ein, dreht sich noch ein paarmal um sich selbst, und kehrt zu seinen Damen zurück.

 

 

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Dora interviewt die Kandidaten 2023 (Zweites Interview: Neuer Mensch)

 

„Pu!“ Dora schüttelt sich. „Dieser Angstmacher ist ja ne ziemlich trübe Tasse. Wenn die anderen auch so sind, bleibt dir im nächsten Jahr das Lachen im Halse stecken!“ – „Die andern sind anders„, sage ich und täusche Zuversicht vor. „Willst du nicht noch wen interviewen, damit wir vorankommen?“

„Klar will ich“, tönt Dora, nun wieder bei Kräften. „Mal sehen, wen wir als nächsten nehmen. Dieser blaue Sprinter sieht lustig aus. Oder ist das eine Frau? Durchsichtig ist sie ja, aber die, hm, wesentlichen Unterscheidungsmerkmale erkennt man trotzdem nicht.  Und der Kopf mit dem Knopf, oder was auch immer da auf seinen Schultern sitzt, macht mir ein bisschen Sorge. Kann er überhaupt reden? Sag noch mal, was in seiner Bewerbung steht!“

Ich lese vor:

„Der alte Mensch ist unvollkommen. Neue Wege weist uns die Wissenschaft! Wir schreiten voran, lassen alte Vorurteile hinter uns. Der Mensch aus der Retorte – perfekt, störungsfrei, voller Kraft und Schönheit – entspringt der Retorte mit dem Samen und der Eizelle deiner Wahl. Sein Denken wird nicht mehr in die Irre gehen, sondern wundervoll zentriert um die gesetzten Ziele kreisen. Das Schönste aber: seine Gefühle sind vollkommen transparent. Schluss mit all dem Düsteren, mit den Schatten der Vergangenheit. Klar und heiter ist seine Seele. Komm, sei einer der Pioniere, die dieses herrliche Menschenziel realisieren! Auf in die Zukunft einer glücklichen Menschheit!“

„Komisch“, sagt Dora und kratzt sich am Köpfchen. „Der redet tatsächlich nicht. Jemand anderes redet über ihn. Wer ist denn dieser andere. der immer ‚Wir‘ sagt? Ich sehe ihn gar nicht auf dem Bild. Soll ich die Luft interviewen?“

In dem Moment ertönt eine joviale männliche Stimme aus dem Off. „Guten Abend. Du heißt Dora, nicht wahr? Darf ich dich in unser Labor einladen?“

Dora guckt herum, sieht aber niemanden. „Und wer bist du, wenn ich fragen darf?“ fragt sie. – „Ich bin die Wissenschaft“, antwortet dieselbe Stimme. 

„Also eine Frau?“ schlussfolgert Dora.

„Ja und nein“, sagt die Stimme, die nun ein bisschen hohler klingt. „Nimm jenen Kopf-Set-up, der vor dir erscheint. Exakt. Setz ihn dir auf. Exakt.  Jetzt sind wir verbunden und können kommunizieren. Was möchtest du wissen?“ 

Dora sieht mit den großen Kopfhörern ziemlich unglücklich aus, aber sie sagt tapfer: „Ist der Blaue lebendig?“ – „Ja, freilich, sogar lebendiger als du. Es ist ein neuer Mensch, den wir aus der Erbmasse der Menschheit entwickelt und optimiert haben. Ich schalte jetzt den Betrieb an, dann kannst du selbst sehen und fühlen, wie er funktioniert. Ich gebe dir die Impulse, dann kannst du ihn steuern, natürlich nach unseren Anweisungen, damit kein Unglück passiert.“

Und wie die Stimme noch redet, springen Lichter an und aus, hier strömt es grün, dort rötlich, sogar Dora ändert laufend die Farbe. „Was fühlst du, wenn du blau bist? Was denkst du jetzt? Exakt. Es macht Spaß, und es funktioniert,“ sagt die Stimme.

Doch Dora reißt sich empört die Kopfhörer von ihrem Köpfchen. „Sag mal, spinnst du?“ schreit sie. „Ich bin doch keine Maschine, die man an- und ausknipsen kann! Und von Leuten, die ich nicht kenne, lasse ich mich schon gar nicht herumkommandieren. Wenn du hier antreten willst, komm gefälligst persönlich vorbei!“

 

 

 

 

 
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Dora interviewt die Kandidaten: No 15

Ich konnte und wollte Dora nicht länger verheimlichen, dass ich in ihrer Abwesenheit einigen Bewerbern für 2023 Gehör geschenkt habe. Sie war übrigens kein bisschen sauer deswegen. Sie ist, scheints, frei von unserer menschlichen Empfindlichkeit, Nachfolgediskussionen schrecklich zu finden, solange wir noch selbst in Amt und am Leben sind.

Dora also besieht sich unsere gemeinsam erstellte Liste. „Habt ihr auch Einstellungsgespräche geführt?“ fragt sie dann. Nein, daran habe ich gar nicht gedacht. Dabei ist es ja vielleicht doch klug, die Kandidaten direkt zu befragen, anstatt sich  allein auf Bewerbungsschreiben zu stützen. Schließlich ist es keine kleine Verantwortung, ein ganzes Jahr zu repräsentieren.

Dora findet das auch, und so laden wir nun alle Bewerber zu einem persönlichen Gespräch. Ich überlasse Dora Termingestaltung und Gesprächsführung und bescheide mich mit der Rolle der Protokollantin.

Als erstes läd Dora den Kandidaten ein, der ganz unten auf der Liste steht: den Angstmacher. Als Befragungsraum wählt sie die Gute Stube des Heiligen Hieronimus, die ich von Dürers Original abgezeichnet habe.

Du schreibst hier, kräht Dora und liest mit gewichtiger Miene das Bewerbungsschreiben vor:

„Fürchte dich, Menschlein! Sieh dich vor! Der Tod lauert überall, er steckt schon in dir! Täusche dich ja nicht! Sei dir gewiss: Hier tobt schon ein Krieg, dort nehmen die Verbrechen zu, es wüten die Epidemien, wenn nicht jetzt, so doch morgen. Es kommt zu Umstürzen, Gewalt und üblen Exzessen! Die Meere verschlingen die Küsten, die Wüsten wachsen, Stürme decken dein Haus ab. Fürchte dich! Die Furcht wird dich schützen! Täglich werde ich dich füttern mit den schlimmen Nachrichten des Tages, denn leicht könntest du vergessen, wie schrecklich die Welt ist.“

„Was meinst du, wenn ich fragen darf, mit „Die Furcht wird dich schützen?“.

Der Angstmacher schaut Dora geradewegs ins Gesicht: „Du fürchtest dich wohl vor gar nichts, wie?“

Dora fällt auf diese bewährte  Technik, Fragen zu stellen anstatt Antwort zu geben, herein. „Natürlich fürchte ich mich nicht. Woher auch und wovor? Vor dir etwa? Du machst mir keine Angst.“

Der Angstmacher grinst. Er hat sie da, wo er sie haben will. „Du meinst also nicht, das es klug ist, sich vor Epidemien zu fürchten und Vorsorge zu treffen, indem man sich impfen lässt? Du bist der Meinung, dass man keine Waffen produzieren, sondern wehr- und waffenlos auf  einen Angriff von Feinden warten soll? Du findest es toll, seine Türen offen zu halten, obgleich jederzeit ein Räuber oder Mörder auftauchen kann?“

Dora ist verwirrt. Sie zieht ihre Stirn in Falten und denkt nach. Dann stammelt sie  „Also wenn so eine Epidemie oder ein Feind da ist, dann … Aber wenn sie nicht da sind, du sagst ja Vorsorge weil sie kommen könnten ….Also du machst mich ganz konfus. Warte mal. Ich glaube, ich bin hier die, die die Fragen stellen muss….“

Ich atme auf. Endlich hat sie die Falle erkannt. Ja, Dora, stell deine Fragen und lass dich nicht von einem raffinierten Filibuster ins Boxhorn jagen!

„Meine Frage war: Was meinst du mit ΄Die Furcht wird dich schützen‘?„

Der Angstmacher schaut hochmütig auf das unwissende Kind vor ihm: „Die Sache ist doch ganz einfach: Die Maus wird von der Katze gefressen, wenn sie sich nicht vor der Katze fürchtet. Sie tut also gut daran, sich zu fürchten. Die Furcht wird sie schützen.“

Dora ist diesmal um eine Gegenfrage nicht verlegen. „Und du meinst also, die Maus soll ihr Leben damit verbringen, sich vor Katzen zu fürchten, weil irgendwann eine Katze daherkommt und sie fressen will? Ist das nicht ein bisschen übertrieben? Vielleicht gibt es in der Gegend gar keine Katzen?“

„Die Maus“, doziert der Angstmacher, ohne sich auf Doras Argument einzulassen,  „kann auch in eine Mausefalle gehen, weil Speck darinnen ist. Sie tut also gut daran, sich vor Speck zu fürchten. Ein Bussard kann die Maus ergreifen, sie tut also gut daran, sich vor dem offenen Himmel zu fürchten. Viele Gefahren lauern auf die Maus. Sie tut gut daran, sich zu fürchten und Vorsorge zu treffen. Sie sollte den offenen Himmel, den Speck und jegliche Region vermeiden, in der Katzen vorkommen können.“

Dora ist baff. „Du bist gut!“ kräht sie. „Soll die Maus etwa ihr Leben in einem Loch verbringen?“ 

„Selbstverständlich würde ich ihr das raten!“, antwortet der Angstmacher. „Außerdem würde ich ihr raten, sich ein Fernsehgerät in ihr Loch zu stellen, damit sie jederzeit sehen kann, wo gerade Katzen oder Bussarde Mäuse den Garaus machen, wo es Speck gibt, den es zu meiden gilt, und wie ein offener Himmel aussieht. Dann braucht sie auch nicht rauszugehen, um ihn sich anzusehen, und läuft keine Gefahr.“

An dieser Stelle bricht Dora das Interview ab und kräht: „Mäuse brauchen kein TiWi, um ihnen den Himmel zu zeigen. Die gehen lieber selbst unter dem Himmel spazieren.“ 

 

 

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