Die Putzfrau träumt (abc-Etüde, Kurz- und Langform)

 

abc.etüden 2022 23+24 | 365tageasatzaday

Schreibeinladung für die Textwochen 23.24.22 | Wortspende von Annuschkas Northern Star

 

 

Prosaische Kurzfassung:

Anneliese speckt ab, während sie den Yachtclub mit einem nassen Wischmopp (und nicht etwa nur besenrein!) putzt. Sie träumt dabei von einer verliebten Segeltörn mit einem reichen Yachtbesitzer.

Kata-strophische Langform:

Die Anneliese ist verliebt

In einen Yachtbesitzer

Er weiß es nicht, dass es sie gibt

Und dass er ihr Beschützer

Und trauter Traumgefährte ist

Und wüsste er’s, er tät nur spotten:

„Du olle Putzfrau, ach du bist

urkomisch in den Altklamotten

Doch für mich bist du nix als Dreck

Und Dreck kommt niemals mir an Deck!

Geh weg!“

*

Den Yachtclub putzt die Anneliese

Sie macht ihn täglich besenrein

Sie wartet drauf, dass man sie priese

Und einmal lüd zu nem Glas Wein.

Sie würde dann das Glas erheben

Auf  ihren Helden, ihn allein

Und würde rot und würd erbeben

Und Glück erleben.

**

Die Anneliese freut sich schon

Auf diesen einzigen Moment

Sie trägt geduldig ihre Fron

Sie schwingt den Feudel, und sie rennt

Und schwitzt und speckt sich freudig ab

Damit sie flott und schlank erscheine

Die Schönste die’s auf Erden gab

Wenn man sie endlich rief zum Weine

Er würde flüstern: Süße, Kleine

Ab heute bist nur du die Meine

Wir zwei alleine

***

Ach Anneliese, weißt du nicht

Dass Deinesgleichen mit dem Besen

Noch niemals vor das Angesicht

Getreten ist der Auserles’nen?

Du sei man froh, wenn du den Dreck

Den diese Herren hinterlassen

Wegputzen darfst von ihrem Deck

Mit deinem Feudeltuch, dem nassen.

Nimm deinen Lohn, den sie dir geben

Und kauf dir selbst den Saft der Reben

Den trink auf dich und auf dein Leben!

Und segle fort auf deiner Yacht

Die dich bisher noch jede Nacht

Ins Reich der Träume hat gebracht.

Gut Nacht!

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Dora zum SechstenSechsten: Leere und Fülle (Montag ist Fototermin)

Ich mag Dora gern mit meinen kleinen Beobachtungen und Experimenten beeindrucken. „Schau mal, Dora“, sage ich daher, „was ich herausgefunden habe. Wenn ich dieses bemalte Kästchen  von Nahem knipse, sind die Muster auf dem Foto ein wenig verschwommen, aber man erkennt sie noch. Wenn ich näher drangehe, sieht man noch ein paar Farbflecke. Und wenn ich den Apparat drauflege und knipse, sind die Muster weg und es bleibt eine in sich schwingende einfarbige Fläche.“

Dora scheint nicht begeistert zu sein. „Und das gefällt dir, wenn alles weg ist?“ grummelt sie. „Am liebsten würdest du wohl auch die Ameisen wegfegen?“

Die Ameisen? „Nein, Dora, die Ameisen können gerne bleiben.“ – „Und all diese abgefallenen Blüten und Blätter auch?“ – „Ja, Dora. Die auch. Ich bin ja keine Puristin. Es ist nur … Manchmal ist alles zu viel, und da ist es gut, ganz nah ranzugehen, dann merkt mal: da ist eigentlich nichts, nur eine schwingende leere Fläche.“

„Und du findest das schön? Zum Glück hast du mich, sonst wäre deine „schwingende leere Fläche“ ganz schön fade.

Dora auf schwingender leerer Fläche –         dasselbe (ohne Dora) in Nahaufnahme

 

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Distanz (Montag ist Fototermin, kleine Beobachtungen)

Was passiert eigentlich, wenn ich das iphone direkt auf die Fläche lege, die ich fotografieren will? Kommt dabei Schwärze heraus? Oder spielen Restfarben hinein, weil die Oberflächen nicht ganz plan sind, also doch ein wenig Licht eindringt?

Schau selbst! Sechs verschiedene Farbflächen sind entstanden!

Du möchtest vielleicht gern wissen, was ich denn nun „wirklich“ fotografiert habe?

Nehmen wir die blaue Fläche: Mein blauer Flokati wird als solcher erkennbar, wenn ich den Apparat ein wenig von der fotografierten Oberfläche trenne. Je mehr Abstand ich wähle, desto größer ist der erscheinende Ausschnitt der „Wirklichkeit“ – klar. Aber was geschieht mit der Farbe und den Strukturen?

normale Entfernung —————  Nahaufnahme ———————Null Entfernung

Das kräftige Blau hat sich durch alle Stadien ganz gut erhalten, Beim gelben Flokati ist das weniger der Fall: Er wirkt in der Nahaufnahme wie entfärbt.

Im Raum fotogafiert stellen sich das Blau und Gelb der Flokatis so dar:

IMG_0070

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Dora zum FünftenSechsten: Latüchten-Fotografie

Gegen Abend dieses heißen schwülen Tages machte ich mich auf die Socken, um eine Runde zu schwimmen. Wunderbar kühlend war das Wasser, ich genoss es sehr und schwamm recht weit hinaus. Da sah ich das Piratenschiff um die aus groben Felsen geschichtete Schutzmauer der Bucht biegen. Gerne hätte ich eine Aufnahme davon gemacht, aber bis ich wieder am Strand war, wäre das Schiff längst vorbei.

Ich rief daher Dora, die am Strand geblieben war, zu: „Mach doch bitte eine Aufnahme vom Schiff!“

Du glaubst es nicht, dass ihr die Latüchte auch als Fotoapparat dient? Doch! Tut sie! Und sogar sehr trickreich! Denn mit jedem Strahl nimmt sie eine andere Position des Schiffes auf, während die Sonne an ihrem Platz bleibt.

In herkömmlicher Fotografie sähe die Szene etwa so aus: Ein Schiff, eine Sonne – und irgendwo da hinten, unerkennbar, eine glückliche Schwimmerin.

 

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Dora zum ViertenSechsten: Rollenspiel

Sehr gerne gehe ich in Geschäfte, in denen Handwerkszeug und Farben verkauft werden. Gerüche, Strukturen, mir unbekannte, aber erratbare oder erfragbare Funktionen … alles scheint mir reizvoll und bemerkenswert.

Die riesigen Rollen aus grober Pappe haben es mir heute angetan. Es kribbelt mir in den Fingern, ich möchte die Fingerkuppen drüber laufen lassen, Wie alte Schallplatten kommen sie mir vor, die, wenn man nur den richtigen Tonabnehmer hätte, dunkle Melodien von Wäldern, Walzen und Werkstätten erklingen lassen würden.

Obgleich alle nach demselben Prinzip produziert wurden, ist doch jede anders, ist unverwechselbar und hat insofern eine eigene Persönlichkeit und eine eigene Melodie.  Wie Wellenspiel, das zwar einer in Gesetzen zu beschreibenden Ordnung folgt und sich doch stets neu und überraschend entwickelt.

Anders als die immer gleichen glatten Formen der industriellen Produktion sind diese wie vorindustriell wirkenden Papprollenmonster voller überraschender Abweichungen und Musterstörungen. Ihre Lebendigkeit macht mich froh.

Während ich der verhaltenen Musik der Rollen lausche, meine ich einen anderen Singsang zu hören.  „Dolle olle Rolle es komme was da wolle“  verstehe ich. Ist das etwa Dora? Ihre Stimme klingt ganz anders, nicht krähend wie sonst, sondern dunkel und hohl. Ich glaube, sie steckt in einer Rolle drin.

Schon sehe ich es funkeln, und aus dem dunklen Schacht, als wärs ein Bergwerk, steigt Dora mit ihrer Latüchte empor, immer noch singend: „Es komme wie es wolle, der Rolle ist es recht, sie ist ne supertolle und findet gar nichts schlecht.“

So so! Dora hat eine neue Rolle als Dichterin optimistischer Lyrik und vielleicht auch eine kleine Weisheit im dunklen Schacht der Rolle gefunden.

 

 

 

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Glasscherbenspiel mit Drehung und Verdichtung

Sind die Scherben nun endlich ausgereizt? Oder lässt sich mit ihnen noch etwas Neues, Überraschendes gestalten? Ich setze mit eine neue Regel: die Glasscherben-Flächen sollen sich berühren, nach dem Motto: Alles hängt mit allem zusammen.

Sehr ausdrucksstark ist das Gebilde nicht. Vielleicht hilft es, seine Eigenfarbe zu verstärken und es vor einen blauen Himmel zu setzen? Der Reigen wird wilder, die Zentrifugalkräfte nehmen zu, wodurch die Verbindungen größerem Stress ausgesetzt werden und zu zerreißen drohen.

Der Reigen beginnt sich zu drehen, zu wogen, er stoppt, er beginnt von Neuem. Die dabei entstehenden Momentaufnahmen überlagern sich.

Das zentrale Stück:

Anstatt zu drehen, lasse ich es jetzt in die Höhe wachsen.

Ein Teilstück, gedreht.

Eine weitere Reihe entsteht, indem ich eine weitere einfache Form lege und mit der ersten kombiniere:

 

Und so spiele ich fort und lasse immer neue Strukturen entstehen, indem ich meine wenigen Glasscherbenelemente übereinander schichte und mit- und gegeneiandender spielen lasse.

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Dora zum DrittenSechsten: Unterstützung

Ich denke, viele von euch kennen es – das Haus in „meiner“ Bucht, denn ich habe es oft fotografiert und auch gezeichnet, erstmals hier und dann wieder und wieder und wieder. Das Meer setzt ihm von Jahr zu Jahr schwerer zu. Zuletzt befand es sich in einem beklagenswerten Zustand. Hätte Dora nicht seine eingesunkene Flanke gestützt – es wäre wohl zusammengestürzt.

Das arme alte Haus nennt sie es. „Warum tust du nicht mal was, um das arme alte Haus zu unterstützen?“ – „Aber was, liebe Dora? Weißt du einen Rat?“ frage ich hilflos und krame in meinen Scherben herum. Und wie ich so krame, entsteht ein Scherbenhaus.

Das nehme ich, Doras Rat folgend, um damit das arme alte Haus zu stützen.

Ein Glashaus, um ein Haus aus Stein zu stützen.  Ja, warum auch nicht! Ich habe Ähnliches in großem Maßstab gesehen, zB den Apollon-Tempel von Bassä. Der wurde vor ich weiß nicht wie vielen Jahren unter ein riesiges Zelt gestellt – vorübergehend, um ihn vor Wind und Wetter zu schützen. Seither steht er da. „Nichts ist dauerhafter als das Provisorium“, sagen die Griechen. Bis sich eine besere Lösung findet, muss meine Glaskonstrukton reichen.

IMG_2019

Was dem altehrwürdigen Tempel von Bassä recht ist, soll dem armen alten Haus billig sein – zumal auch die heutige Politik einem ganz ähnlichen Denkansatz folgt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Wegwarte (Fotos und Dichtung)

Auf dem Weg ans Meer komme ich an einer unschönen Stelle vorbei.

Ein paar Meter weiter stehen die überquellenen Müllcontainer herum, und der Wind nimmt das eine und andere Stück Unrat mit, das dann im Drahtzaun am Wegesrand hängen bleibt. Normalerweise wechsele ich daher die Straßenseite, um den Müll zu vermeiden.

Heute aber möchte ich auf der schattigen Seite der Straße bleiben, denn es ist zwar noch recht früh am Morgen, aber schon sehr heiß. Und so sehe ich die Wegwarte in voller morgendlicher Blüte und vergesse, was es rundum an Unschönem gibt.

Zauberhafte  Wegwarte!  Seit altersher eine Heilpflanze, hat sie auch in Mythen und Märchen verdiente Würdigung gefunden. Sie half den Verliebten, die Angebeteten für sich zu gewinnen, sie machte im Kampf unverwundbar, sie inspirierte Dichter, inbesondere die sehnsuchtsvoll-romantischen, die immer nach der „blauen Blume“ suchen.  Dass die Gedichte nicht von Erfüllung, sondern von traurigem Verlust und vergeblichem Warten sprechen, mag am dürftigen Umfeld liegen, in dem diese Wächterinnen der Wege mit Vorliebe wurzeln und blühen.

Wegewarte

Es steht eine Blume,
Wo der Wind weht den Staub,
Blau ist ihre Blüte,
Aber grau ist ihr Laub.

Ich stand an dem Wege,
Hielt auf meine Hand,
Du hast deine Augen
Von mir abgewandt.

Jetzt stehst du am Wege,
Da wehet der Wind,
Deine Augen, die blauen,
Vom Staub sind sie blind.

Da stehst du und wartest,
Daß ich komme daher,
Wegewarte, Wegewarte,
Du blühst ja nicht mehr. 

(Hermann Löns)

Die Wegwarte

Mit nackten Füßchen am Wegesrand,
Die Augen still ins Weite gewandt,
Saht ihr bei Ginster und Heide
Das Mädchen im blauen Kleide?

Der Weg wird stille, der Weg wird leer.
So kommt denn heute das Glück nicht mehr?
Die Sonne geht rötlich nieder,
Ihr starren im Wind die Glieder.

– Das Glück kommt nicht in mein armes Haus,
drum stell’ ich mich hier an den Weg heraus;
und kommt es zu Pferde, zu Fuße,
ich tret’ ihm entgegen mit Gruße.

Es ziehen der Wanderer mancherlei
zu Pferd, zu Fuß, zu Wagen vorbei.
– Habt ihr das Glück nicht gesehen?
Die lassen sie lachend stehen.

Der Regen klatscht ihr ins Angesicht,
Sie steht noch immer, sie merkt es nicht:
– Vielleicht ist es schon gekommen,
– Hat die andere Strasse genommen

Die Füßchen wurzeln am Boden ein
Zur Blume wurde der Augen Schein.
Sie fühlt’s und fühlt’s wie im Traume,
Sie wartet am Wegessaume.

(Isolde Kurz)

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Dora zum ZweitenSechsten: Möwe

Ich sitze mit einer Freundin in einem Cafe am Hafen, ins Gespräch vertieft. Anstatt das Blau des Himmels, die im Hafenbecken leise vor sich hin schwankenden Boote oder die Blätter des schattenspendenden Gummibaums zu betrachten, sehen wir vor unserem inneren Auge die Bilder, die sich gesprächsweise ergeben.

Schade eigentlich ums schöne Dekor, denke ich und hebe den Blick hinauf zum blauen Himmel, in dem weiße Wölkchen und Möwen treiben.  Da erst fällt mir auf, dass Dora fehlt. Offenbar hat sie sich gelangweilt, als wir über vergangene Familiendramen und längst Verstorbene sprachen. Wo steckt sie nur? Ich lasse den Blick über die Boote und Masten wandern, taste auch die gegenüberliegende Straßenzeile ab, und da entdecke ich sie. Für euch habe ich sie herangezoomt.

Dora lebt ganz in der Gegenwart, in jedem Moment. Carpe diem ist ihr Leibspruch. Diese Sprache versteht auch die Möwe. O Mensch, du wirst nie nebenbei der Möwe Flug erreichen – denke ich. Wenn ich jedenfalls Emma hieße!

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Dora zum ErstenSechsten: Kunst (Glasscherben-Extra-Etüde)

„Mal wieder in eine Ausstellung gehen!“ denke ich, und schon öffnet sie ihre Tore. „Was isn das?“ fragt Dora und schaut sich um.  „Nun“, sage ich, „Das ist eine Kunstausstellung. Im ersten Raum siehst du zwei gläserne Skulpturen und ein gerahmtes Bild an der Wand.“

RAUM 1

„Das sehe ich auch!“ kräht Dora. „Aber was ist das?“ – „Na, zwei Skulpturen aus Glas halt und….“ – „Aber was IST das!“ schreit Dora jetzt schon etwas ungehalten. – „Du meinst, was es darstellt, Dora? Lass mich nachdenken. Also die hohe Skulptur stellt, so scheint mir,  sehnsüchtiges Verlangen dar. Schau selbst: da ist eine schlanke Gestalt, die sich in die Höhe reckt und auf einem schrägen Sockel steht. Die Sehnsucht steht also nicht auf festem Grund. ..“ – Aber Dora hört mir nicht zu. Sie baut sich vor der Skulptur auf und belehrt mich: „Das ist eine Giraffe. Hier steht es ordentlich geschrieben.“ .- Und schon sucht sie nach dem nächsten Schildchen: „Und dies ist ein Fischkopp!“  Auch das dritte Schildchen hat sie nun entdeckt und verkündet: „Und dies ist ein Frosch!“.

„Liebe Dora“, versuche ich ihr den Unterschied zwischen Sein und Bezeichnung zu erklären – ein Thema, über das sich die mittelalterlichen Theologen die Köpfe eingeschlagen haben – „wenn da Fischkopp steht, ist es noch lange keiner. Wäre es einer, würde es hier stinken.“ – „Ja, aber was ist es denn dann?“ fragt Dora nun schon leicht verzweifelt. „Es ist Kunst!“ antworte ich mit sicherer Stimme.

„Und was ist Kunst?“ Diese Frage hätte ich ja voraussehen können. Zu meinem Glück verlangt Dora keine Antwort, sondern strebt schon weiter in den nächsten Raum. Hier hängen drei große gerahmte Gemälde. Dora steuert sofort drauf zu, um die Titel zu lesen. Aber da sind keine.  Sie scheint enttäuscht zu sein, denn sie wirft nur einen kurzen Blick auf die Werke und hüpft dann zum nächsten Saal weiter. Ich aber bleibe andächtig stehen und staune über das irrisierende Blau, kann mich nicht trennen von den blasigen und streifigen Strukturen in Weiß und Grau.

RAUM 2

Und wie ich so stehe und schaue, höre ich Doras Stimme aus dem Nachbarsaal krähen: „Komm mal her! Da hängt ne Karte wie die vom Wetterbericht, und Wälder wie damals, als der Sturm Ylenia durchgefegt ist.“

RAUM 3

Zur Erklärung: Die sechs „Gemälde“ sind fotografierte Details der Scherben, aus denen das erste Bild gelegt ist. Man kann die Bilder anklicken, dann vergrößern sie sich, und man sieht mehr.

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Dies ist mein zweiter Beitrag zu Christianes Extraetüde. https://365tageasatzaday.wordpress.com/2022/05/29/schreibeinladung-fuer-die-textwoche-22-22-extraetueden/  mit den Wörtern:

Extraetüden 22.22 | 365tageasatzaday

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