Ich konnte und wollte Dora nicht länger verheimlichen, dass ich in ihrer Abwesenheit einigen Bewerbern für 2023 Gehör geschenkt habe. Sie war übrigens kein bisschen sauer deswegen. Sie ist, scheints, frei von unserer menschlichen Empfindlichkeit, Nachfolgediskussionen schrecklich zu finden, solange wir noch selbst in Amt und am Leben sind.
Dora also besieht sich unsere gemeinsam erstellte Liste. „Habt ihr auch Einstellungsgespräche geführt?“ fragt sie dann. Nein, daran habe ich gar nicht gedacht. Dabei ist es ja vielleicht doch klug, die Kandidaten direkt zu befragen, anstatt sich allein auf Bewerbungsschreiben zu stützen. Schließlich ist es keine kleine Verantwortung, ein ganzes Jahr zu repräsentieren.
Dora findet das auch, und so laden wir nun alle Bewerber zu einem persönlichen Gespräch. Ich überlasse Dora Termingestaltung und Gesprächsführung und bescheide mich mit der Rolle der Protokollantin.
Als erstes läd Dora den Kandidaten ein, der ganz unten auf der Liste steht: den Angstmacher. Als Befragungsraum wählt sie die Gute Stube des Heiligen Hieronimus, die ich von Dürers Original abgezeichnet habe.

Du schreibst hier, kräht Dora und liest mit gewichtiger Miene das Bewerbungsschreiben vor:
„Fürchte dich, Menschlein! Sieh dich vor! Der Tod lauert überall, er steckt schon in dir! Täusche dich ja nicht! Sei dir gewiss: Hier tobt schon ein Krieg, dort nehmen die Verbrechen zu, es wüten die Epidemien, wenn nicht jetzt, so doch morgen. Es kommt zu Umstürzen, Gewalt und üblen Exzessen! Die Meere verschlingen die Küsten, die Wüsten wachsen, Stürme decken dein Haus ab. Fürchte dich! Die Furcht wird dich schützen! Täglich werde ich dich füttern mit den schlimmen Nachrichten des Tages, denn leicht könntest du vergessen, wie schrecklich die Welt ist.“
„Was meinst du, wenn ich fragen darf, mit „Die Furcht wird dich schützen?“.
Der Angstmacher schaut Dora geradewegs ins Gesicht: „Du fürchtest dich wohl vor gar nichts, wie?“
Dora fällt auf diese bewährte Technik, Fragen zu stellen anstatt Antwort zu geben, herein. „Natürlich fürchte ich mich nicht. Woher auch und wovor? Vor dir etwa? Du machst mir keine Angst.“
Der Angstmacher grinst. Er hat sie da, wo er sie haben will. „Du meinst also nicht, das es klug ist, sich vor Epidemien zu fürchten und Vorsorge zu treffen, indem man sich impfen lässt? Du bist der Meinung, dass man keine Waffen produzieren, sondern wehr- und waffenlos auf einen Angriff von Feinden warten soll? Du findest es toll, seine Türen offen zu halten, obgleich jederzeit ein Räuber oder Mörder auftauchen kann?“
Dora ist verwirrt. Sie zieht ihre Stirn in Falten und denkt nach. Dann stammelt sie „Also wenn so eine Epidemie oder ein Feind da ist, dann … Aber wenn sie nicht da sind, du sagst ja Vorsorge weil sie kommen könnten ….Also du machst mich ganz konfus. Warte mal. Ich glaube, ich bin hier die, die die Fragen stellen muss….“
Ich atme auf. Endlich hat sie die Falle erkannt. Ja, Dora, stell deine Fragen und lass dich nicht von einem raffinierten Filibuster ins Boxhorn jagen!
„Meine Frage war: Was meinst du mit ΄Die Furcht wird dich schützen‘?„
Der Angstmacher schaut hochmütig auf das unwissende Kind vor ihm: „Die Sache ist doch ganz einfach: Die Maus wird von der Katze gefressen, wenn sie sich nicht vor der Katze fürchtet. Sie tut also gut daran, sich zu fürchten. Die Furcht wird sie schützen.“
Dora ist diesmal um eine Gegenfrage nicht verlegen. „Und du meinst also, die Maus soll ihr Leben damit verbringen, sich vor Katzen zu fürchten, weil irgendwann eine Katze daherkommt und sie fressen will? Ist das nicht ein bisschen übertrieben? Vielleicht gibt es in der Gegend gar keine Katzen?“
„Die Maus“, doziert der Angstmacher, ohne sich auf Doras Argument einzulassen, „kann auch in eine Mausefalle gehen, weil Speck darinnen ist. Sie tut also gut daran, sich vor Speck zu fürchten. Ein Bussard kann die Maus ergreifen, sie tut also gut daran, sich vor dem offenen Himmel zu fürchten. Viele Gefahren lauern auf die Maus. Sie tut gut daran, sich zu fürchten und Vorsorge zu treffen. Sie sollte den offenen Himmel, den Speck und jegliche Region vermeiden, in der Katzen vorkommen können.“
Dora ist baff. „Du bist gut!“ kräht sie. „Soll die Maus etwa ihr Leben in einem Loch verbringen?“
„Selbstverständlich würde ich ihr das raten!“, antwortet der Angstmacher. „Außerdem würde ich ihr raten, sich ein Fernsehgerät in ihr Loch zu stellen, damit sie jederzeit sehen kann, wo gerade Katzen oder Bussarde Mäuse den Garaus machen, wo es Speck gibt, den es zu meiden gilt, und wie ein offener Himmel aussieht. Dann braucht sie auch nicht rauszugehen, um ihn sich anzusehen, und läuft keine Gefahr.“
An dieser Stelle bricht Dora das Interview ab und kräht: „Mäuse brauchen kein TiWi, um ihnen den Himmel zu zeigen. Die gehen lieber selbst unter dem Himmel spazieren.“