Dora zum ErstenSechsten: Kunst (Glasscherben-Extra-Etüde)

„Mal wieder in eine Ausstellung gehen!“ denke ich, und schon öffnet sie ihre Tore. „Was isn das?“ fragt Dora und schaut sich um.  „Nun“, sage ich, „Das ist eine Kunstausstellung. Im ersten Raum siehst du zwei gläserne Skulpturen und ein gerahmtes Bild an der Wand.“

RAUM 1

„Das sehe ich auch!“ kräht Dora. „Aber was ist das?“ – „Na, zwei Skulpturen aus Glas halt und….“ – „Aber was IST das!“ schreit Dora jetzt schon etwas ungehalten. – „Du meinst, was es darstellt, Dora? Lass mich nachdenken. Also die hohe Skulptur stellt, so scheint mir,  sehnsüchtiges Verlangen dar. Schau selbst: da ist eine schlanke Gestalt, die sich in die Höhe reckt und auf einem schrägen Sockel steht. Die Sehnsucht steht also nicht auf festem Grund. ..“ – Aber Dora hört mir nicht zu. Sie baut sich vor der Skulptur auf und belehrt mich: „Das ist eine Giraffe. Hier steht es ordentlich geschrieben.“ .- Und schon sucht sie nach dem nächsten Schildchen: „Und dies ist ein Fischkopp!“  Auch das dritte Schildchen hat sie nun entdeckt und verkündet: „Und dies ist ein Frosch!“.

„Liebe Dora“, versuche ich ihr den Unterschied zwischen Sein und Bezeichnung zu erklären – ein Thema, über das sich die mittelalterlichen Theologen die Köpfe eingeschlagen haben – „wenn da Fischkopp steht, ist es noch lange keiner. Wäre es einer, würde es hier stinken.“ – „Ja, aber was ist es denn dann?“ fragt Dora nun schon leicht verzweifelt. „Es ist Kunst!“ antworte ich mit sicherer Stimme.

„Und was ist Kunst?“ Diese Frage hätte ich ja voraussehen können. Zu meinem Glück verlangt Dora keine Antwort, sondern strebt schon weiter in den nächsten Raum. Hier hängen drei große gerahmte Gemälde. Dora steuert sofort drauf zu, um die Titel zu lesen. Aber da sind keine.  Sie scheint enttäuscht zu sein, denn sie wirft nur einen kurzen Blick auf die Werke und hüpft dann zum nächsten Saal weiter. Ich aber bleibe andächtig stehen und staune über das irrisierende Blau, kann mich nicht trennen von den blasigen und streifigen Strukturen in Weiß und Grau.

RAUM 2

Und wie ich so stehe und schaue, höre ich Doras Stimme aus dem Nachbarsaal krähen: „Komm mal her! Da hängt ne Karte wie die vom Wetterbericht, und Wälder wie damals, als der Sturm Ylenia durchgefegt ist.“

RAUM 3

Zur Erklärung: Die sechs „Gemälde“ sind fotografierte Details der Scherben, aus denen das erste Bild gelegt ist. Man kann die Bilder anklicken, dann vergrößern sie sich, und man sieht mehr.

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Dies ist mein zweiter Beitrag zu Christianes Extraetüde. https://365tageasatzaday.wordpress.com/2022/05/29/schreibeinladung-fuer-die-textwoche-22-22-extraetueden/  mit den Wörtern:

Extraetüden 22.22 | 365tageasatzaday

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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14 Antworten zu Dora zum ErstenSechsten: Kunst (Glasscherben-Extra-Etüde)

  1. Gisela Benseler schreibt:

    Oh, daß da Wörter verarbeitet wurden, habe ich gar nicht gemerkt beim Lesen. Da gab es so viel zu lesen und zu schauen…(erst einmal in Schwarz-Weiß, morgen früh dann in Farbe😊)

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  2. Alexander Carmele schreibt:

    Ich mag Doras Einstellung zum Nominalismusstreit 🙂 und auch die Erklärung mit dem Fischkopp, der nicht stinkt. Ich weiß nicht wirklich warum, aber es macht mich fröhlich.

    Gefällt 2 Personen

  3. Christiane schreibt:

    Klar, kein (echter) Fischkopp, keine Giraffe, sondern Kunst! Ich muss gestehen, dass mich die theoretischen Hintergründe des Dialogs, die Alexander sofort aufgreift, wenig interessieren (ich habe schlicht keine Ahnung), aber deine Details der Legebilder, vor allem mit dem Blau, gefallen mir sehr! 👍
    Danke für die zweite Etüde!
    Morgenkaffeegrüße 🌤️🌳☕🍪🌼👍

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  4. Susanne Haun schreibt:

    Danke, liebe Gerda,
    Ich bin sehr gerne durch deine Ausstellung gewandelt und habe deine philosophischen Ausführungen dazu gelesen. Gerne würde ich mich in die mittelalterlichen Gedanken vertiefen, jedoch arbeite ich im Moment neben meiner Diss an einem Referat zu Cy Twombly, einer meiner großen Kunst Favoriten.
    Ganz doll liebe Grüße von Susanne

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    • gkazakou schreibt:

      Das Referat würde ich gern lesen! Mich fasziniert Cy Twombly auch sehr, ich habe die große Ausstellung in München und eine kleinere, ebenfalls sehr eindrucksvolle im Mykenischen Museum in Athen gesehen, auch schon mehrfach über ihn Einträge gemacht. zB diese: https://gerdakazakou.com/2017/06/09/die-sonne-sinkt/ und https://gerdakazakou.com/2017/06/01/cy-twombly-von-den-bienen-anlaesslich-der-documenta-14-in-athen/ und https://gerdakazakou.com/2015/12/14/montags-ist-fototermin-tito-studiert-cy-twombly/ und noch einige andere.
      Von Herzen! Vielleicht interessieren sie dich zum Nachlesen. Gerda

      Gefällt 3 Personen

      • Susanne Haun schreibt:

        Ich erinnere mich gut an deine beiden Beiträge, liebe Gerda.
        Im letzten Jahr im September habe ich in München die Ausstellung von Cy Twombly im Museum Brandhorst besucht. Dieses Jahr im September sind wir wieder in München und ich werde wieder in die Ausstellung gehen, um mir Cys Arbeiten noch einmal anzuschauen. Ich bin genau wie du fasziniert von den Flächen die scheinbar weiß sind und doch so wenig weiß sind wie irgendetwas. Meine Professorein interessiert sich besonders für die Kreidetafel mit den Weißen Kreide Schwüngen. Ich mag die Virgil Gemälde und seine Interpretationen von Poussin. Die Arbeiten von Poussin waren im Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen und ich war stundenlang in der Ausstellung.
        Gerne sende ich dir die Präsentation zu meinem Referat zu, wenn sie dann fertig ist. Ich werde jedoch den Text frei nach Stichworten sprechen. Normalerweise formuliere ich ein Referat aus. Dazu bleibt mir neben allem anderen, was im Moment ansteht, leider nicht die Zeit. Meine Betreuerin der Diss meint, es ist genauso gut, wenn man übt, frei zu reden.
        Susanne

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      • gkazakou schreibt:

        Ich verstehe, dass du das Referat nicht wörtlich ausarbeiten wirst, würde mich auch über deine Präsentation sehr freuen. Schon deine wenigen Bemerkungen hier geben mir Nahrung zum Nachdenken („scheinbar weiß“, Kreidetafel). Seine Arbeiten über Poussin kenne ich überhaupt nicht.

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  5. Friedrich schreibt:

    Liebe Gerda, auch ich bedanke mich wieder für die immer wieder wissensreich-hintergründig-humorigen Dialoge zwischen Dir und Dora, Deinem alter ego.

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  6. Gisela Benseler schreibt:

    In Farbe sieht es wunderbar aus. Das sind Glasscherben?

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  7. Ganz wundervoll, Deine kleine Ausstellung mit den Glasscherbenbildern, liebe Gerda.
    Dora lernt täglich und irgendwann wird sie Deine Gedanken verstehen.

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  8. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 23.24.22 | Wortspende von Annuschkas Northern Star | Irgendwas ist immer

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