

Eine Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt, zeigt das Bild von Frau Flumsel. Es ist eines der beiden Oktober-Bilder in der „Impulswerkstatt“ von Myriade und Frau Flumsel, die uns als „Impuls“ für eigene Gedanken, Texte oder Bilder dienen sollen. Alle im Laufe eines Monats entstehenden Arbeiten werden von den beiden Initiatorinnen gesammelt und gebündelt. Eine schöne Idee, zu der ich gerne meinen Beitrag leisten möchte.
Beim Anblick des Bildes von Frau Flumsel kam mir sofort eine Passage aus meinem Romanfragment „Schwanenwege“ in den Sinn.
Der Rahmen: Ludwig wird, in Genua angekommen, von einem geschwätzigen Herrn, der sich Mercurius D. Pontevecchio nennt und, wenn man so will, eine Reinkarnation des Gottes Merkur-Hermes ist, in die Pension der Donna Proserpina geführt (Proserpina ist der lateinische Name für Demeters Tochter Persephone). Am Tor zur Pension befindet sich ein Türklopfer in der Form eines Uroboros.
S. 440-441 des Manuskripts:
Während Ludwig den beiden durch einen dunklen Gang folgte, waren seine schwerfälligen Gedanken noch mit dem Türklopfer beschäftigt, der die Form eines Uroboros hatte, einer Schlange, die sich in den Schwanz beißt und sich so selbst zum Verschwinden bringt. Wie das Weltall, das irgendwann aus dem Nichts entsprang und eines nicht zu fernen Tages ins Nichts zurückgeschluckt würde. Sich selbst zum Verschwinden bringen, dachte er, sich aufrebbeln können wie eine falsch gestrickte Socke, nicht mehr sein, nie gewesen sein, ach!
Hatte er laut gedacht? Jedenfalls drehte sich der Herr nach ihm um. „Meine Hochachtung, Ludwig,“ sagte er, seinen Hut lüpfend „Sie erlauben doch, dass ich Sie bei Ihrem Vornamen nenne? Fein. Meine Hochachtung also. Die wichtigen Dinge entgehen Ihrer Aufmerksamkeit nicht. Ja, es ist ein Uroboros, und ich gebe zu, er steht meinem Herzen nahe. Dieser hier ist aus zwölf Metallen geschmiedet und besteht eigentlich nicht aus einer, sondern aus zwei Schlangen, einer hellen und einer dunklen. Es handelt sich, wenn Sie mir den Ausdruck gestatten, um eine androgyne Schlange, bei der die weiblichen und männlichen Elemente zwar schon in Erscheinung, aber noch nicht auseinander getreten sind. Sie verstehen sicher, was ich etwas ungeschickt auszudrücken versuche.“
Hier machte der Herr eine kurze Denkpause, als lausche er auf unausgesprochene Worte. Dann fuhr er in gesteigerter Redefreudigkeit fort: „Ich darf Sie korrigieren, lieber Ludwig. Der Uroboros bezeichnet kein Ende, keinen Schluss. Vielleicht wäre es so, wenn es gelänge, das Weib dauerhaft aus dem Lebensprozess auszuschließen. Doch das wünscht nur ein Schelm. Wer möchte wirklich seine eigene Geburt rückgängig machen? Recht habt ihr, am Leben zu hängen, und wollt euer Herzblut durchaus nicht vergießen, nicht wahr, mein Lieber? Gerade jetzt eilen Sie zu Ihrer Frau Mutter, die Ihnen lieb ist, weil sie Ihren Lebensweg durch zärtliche Vereinigung mit dem Vater initiierte! Zur Mutter, deren Ende Sie nun befürchten, als wäre es Ihr eigenes! Befürchten Sie nichts, mein Lieber, und hoffen Sie nichts, jedenfalls nicht das Ende, es gibt ja kein Ende. Alles ist Durchgang und Wiederbeginn und erneute Trennung in die entgegengesetzten Pole, auf dass der Strom fließe und in entzückter Vereinigung das Neue geboren werde, das doch wieder nur ein verwandeltes Altes ist. Alles kehrt wieder in der Verwandlung und verwandelt sich in der Wiederkehr. Der Uroboros deutet hin auf den Nullpunkt, durch den die Lebenskurve schwingt. Verzeihen sie, wenn ich das Einfache in nebulösen Worten ausdrücke, die Zeiten sind schwierig, die einfachen Worte stehen nicht mehr so zur Verfügung wie einst, als wir in beneidenswerter Schlichtheit sagten: Hen to pan – Eins ist Alles, oder, wenn Sie so wollen: Alles ist Eins“
So redete er weiter und weiter, und seine Worte schlugen an Ludwigs Ohr wie das ferne Rauschen des Meeres. Ludwig war schon längst nicht mehr bei der Sache, denn seine Gedanken waren bei der „androgynen Schlange“ hängen geblieben. Unwillkürlich hatte er sich zum Ausgang zurückgewandt. Es schien ihm plötzlich außerordentlich wichtig, den Türklopfer mit der ineinander verknoteten hellen und dunklen Schlange, die sich selbst auffraß, genauer zu betrachten. Er erinnerte ihn an etwas. Wenn er nur drauf käme, was es war. Er starrte in den dunklen Gang zurück, in dessen Ende kein Licht drang, denn das Tor war wieder fest verschlossen. Wie mein Leben, dachte Ludwig, ein Tunnel ohne Ausweg, eine finstere Sackgasse. Er wäre gern zurückgegangen, um das Tor ein wenig zu öffnen und nachzuschauen, ob dort etwas war, vielleicht eine verschüttete Erinnerung.
Da kam ein Bild….
Illustration aus der „Chrysopoeia der Kleopatra“. Text: Ἓν τὸ πᾶν Eins ist Alles (hen to pan) (Wikipedia: Uroboros)