Montag ist Fototermin: Schatten bei dumpfem Licht (kleine Beobachtungen (9)

Schwer liegt heute die sandige Atmosphäre auf dem Land, saugt das Licht zum großen Teil auf. Die Natur draußen wirkt lichtlos-grau. Und wo kein Licht, ist auch kein Schatten.

Ich begab mich nach draußen, mittags um halb drei, um zu sehen, wie es mit dem Schatten stand; Ein schwachgrauer Dunkelfleck war alles, was sich von mir auf dem Boden abzeichnete.

Wie anders zum Beispiel auf einem Foto vom Juni 2018, aus einem früheren Beitrag zu „Licht und Schatten“.

Juni 2018, nördliche Terrasse

Der Fuß zeigt den Ursprung der Schattenfigur an. Und heute? Ich fotografierte diesmal drinnen, wobei Licht einmal von Norden, einmal von Süden kam.auf dem ersten Bild: eine undeutlich auslaufender Tintenfleck. Auf dem zweiten lässt sich ein Umriss schwach erkennen.

Auch gestern war der Himmel schon etwas dunstig vom Saharasand. Ich hatte im kirchlichen Innenraum die Schatten des Gestühls fotografiert. Sie waren weich, aber durchaus kräftig.

Heute fotografierte ich zum Vergleichen den Schatten eines Stuhls im Wohnzimmer, möglichst nah am Süd-Fenster, um so viel Licht wie möglich einzufangen.

Schatten von Fenstervergitterung und Stuhl am Südfenster, 15 Uhr

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Unterwegs in der westlichen Mani: Byzantinische Kirche in Kampos

Kampos ist unser Hauptdorf – mit einem nur kleinen Dorfkern und einer offenen Struktur, die locker ins ländliche Umfeld ausgreift. An der im Sommer stark befahrenen Hauptstraße, die von Kalamata nach Kardamili, Stoupa und zu anderen touristischen Orten der Mani führt, steht eine äußerlich recht unscheinbare Kirche, „die Heiligen Apostel“. Im 12. Jahrhundert erbaut, mit Spolien aus dem 5. Jahrhundert, ist sie Innen über und über mit Fresken bedeckt, die bei einer Renovierung in den 70er Jahren einigermaßen wiederhergestellt wurden. Die Fresken sind nicht so alt wie die Kirche, dürften mehrheitlich aus dem 18. Jahrhundert stammen.

Heute nach dem Mittagessen auf dem Dorfplatz setzte ich mich ins dunkle kühle Innere der Kirche, um ein wenig zu zeichnen.

Natürlich fotografierte ich auch, wobei ich mich vor allem auf Details kaprizierte.

Bei den Augenpartien mancher Heiligen fiel mir eine große Verwandtschaft mit Picassos Portraits aus der früh-kubistischen Phase auf. Zufall? Einbildung?

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Unterwegs in der westlichen Mani: Botanische Ausbeute

Saharasand vor der Sonne

Hab mir Wanderschuhe gekauft – und nun muss ich wandern. Will ich ja auch – wenngleich es heute arg heiß war, denn der Wind weht von Süden und bringt Massen von Saharasand zu uns herüber.

Dennoch hat mir die Wanderei an diesem Wochenende viel Schönes geschenkt. Zum Beispiel die ersten Zyklamen…

Wilde Zyklamen (Alpenveilchen)

die ersten Herbstzeitlosen …

Herbstzeitlose

Felder mit Asphodelen (Blumen des Hades), die mit ihrem langen grauvioletten hohlen Stiel laublos aus den Zwiebeln emporschlängeln und abschnittsweise ihre Sternenblüten öffnen.

Asphodelen

Blüten und Knospen der Asphodele

Natürlich auch die roten Scheinblüten und darin die echten  weißen Blüten der Bougainvillia

Bougainvillia

un ein Bäumchen mit vielen vielen vollkommen verholzten Früchten…

Ich denke, es sind verholzte Äpfelchen. Oder doch Kirschpflaumen, lat. Prunus cerasifera, wie mein Mitwanderer meinte?

Ich traf auch wieder auf eine bescheidene Pflanze mit winzigen weißen Blüten, die ich früher mal in prächtigerer Ausführung sah und Oktapus-Blumen taufte. Mit ihren langen ausgeblühten Stielen kriechen sie über den staubigen Boden.

Auch Feigenkaktus mit mächtig vielen Früchten traf ich am Wegesrand. Wir sprachen ja kürzlich hier über die feinen Nadeln, die den direkten Verzehr schwierig machen. Nun erzählte mir eine Freundin aus Kalamata, die exquisite Soßen und Marmeladen produziert, dass sie ein neues Produkt entwickelt hat: Feigenkaktus-Saft. Sie schenkte mir zwei Flaschen des köstlich schmeckenden rötlichen Getränks, das übrigens auch den Zuckerspiegel senken soll. Zusammen mit einem Partner, der über die maschinelle Ausrüstung verfügt, will sie es auf den Markt bringen.  Nun sucht sie einen Geldgeber für die Anschubfinanzierung. 15-50 000 Euro braucht sie dafür. Wenn du grad nach einer Investitionsgelegenheit suchst: hier wäre eine…..

Feigenkaktus – eine Investitionschance

Ein Spaziergang in der Mani ohne Olivenbäume ist natürlich ein Ding der Unmöglichkeit, und so mögen diese hier stellvertretend für tausende andere stehen:

 

 

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abc-Etüde: Agavenprotest (Kata-Strophen)

Noch eine zweite abc-Etüde, bittschön, als Beitrag zu Christianes abc-etüden. Wieder mit den Wörtern Pilze, traurig, schlafen, von Kommunikatz.

Eben am Meer unterhielt ich mich mit einer Pflanze, die da zwischen dem Geröll wuchs. Immer noch mit dem Lied „Dont take me down“ im Ohr, begann ich, sie zu einem Beatle umzugestalten. Aber sie protestierte:

Agavenprotest

„Ich bin kein Pilz, du dumme Frau

Ich glaub, das weißt du ganz genau

Was sind das nur für Sachen

Am Ende muss ich lachen

Dabei  ist meine Leidenschaft

Der traurige Agavensaft

Der wenn genossen von den Schafen

Diese tief und fest lässt schlafen“

Ich sprach zu ihr: „Du bist ja dumm

und bliebest besser still und stumm

denn ne Agave bist du nicht

du bist ein Palmenlachgesicht

und wenn du groß bist, kleiner Mucker

dann machst du Palmenblütenzucker“

Hier endete dann das Gespräch

 denn ich begab mich weiter wech.

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abc-etüde: Moritat vom traurigen Ende eines Pilzes (Kata-Strophen)

Der Herbst lässt hier noch auf sich warten, und Pilze sah ich schon lange keine mehr. Dennoch: Es sei! Ein paar Kata-Strophen zu den Wörtern Pilze, traurig, schlafen, die Kommunikatz spendete,  werde ich doch noch zusammenreimen können, als Beitrag zu Christianes abc-etüden.

abc.etüden 2020 39+40 | 365tageasatzaday

Moritat vom traurigen Ende eines Pilzes

Es stand einmal ein Pilz im Wald

Der war nicht jung, der war nicht alt

Ganz oben trug er einen Hut

Der war tiefbraun und stand ihm gut

Er trug ihn gerne etwas schief

Und tief gezogen wenn er schlief.

An einem schönen Herbstestag

Ein Wetter das dem Pilz sehr lag

Da kommt ein Wanderer daher

Mit Rucksack und mit Stiefeln schwer

Der tritt dem Pilze auf den Hut

Was diesem wirklich wehe tut.

So endet traurig das Gedicht,

und fröhlich, wie es sollte, nicht.

Nun träume süß und sei  nicht traurig

Wenn die Nacht sich dunkel schaurig

Um dein Bettchen stellt und schweigt.

Sie bleibt dir dennoch zugeneigt.

Schlafe schlaf mein Kindelein

Schlafe mit nem Liedchen ein

Hier nun noch zwei Vorschläge für die Friedhofsgestaltung für früh verstorbene Pilze:

Karins Anregun DONT LET ME DOWN der Pilzköpfe, das Lied für die Kleinen: https://youtu.be/NCtzkaL2t_Y?list=RDBJq3fEOG8DE&t=36

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Himmel, Hölle und die Erde -Bildsuche mit Lyrifants Schnipseln

Was dachte sich, so dachte ich, der deutsche Sprachgeist, als er das Wort Himmel erfand? Im Gothischen, so erinnere ich mich aus meinen germanistischen Studien, hieß er himinam, und irgendwie gefiel mir das besser – abgesehen von anderen Sprachen, wie zB dem Griechischen, wo er mit dem alten Götternamen Uranos geschmückt ist. Nun aber heißt er Himmel – mit Gebimmel und Gewimmel ein recht belebter Ort. Sein Gegenstück ist … die Erde? oder gar die Hölle?

Himmel und Hölle haben beide ein anlautendes H, das im Griechischen mit einem Extrazeichen kenntlich gemacht wurde. Weder Vokal noch Konsonant, sondern ein leicht gequälter, kaum hörbarer Hauch. Wie Helios, Sonne – hell und heiß. Als habe die Sprache den Helios in zwei Teile  gespalten – hell für den Himmel, heiß für die Hölle. (Merkwürdigerweise finden die Briten die Hölle hell – den heaven aber heavy, schwer). Die Aufspaltung von Helios in Helligkeit und Hitze scheint mir ein kluger Schachzug des deutschen Sprachgeistes zu sein, jedenfalls überzeugt er mich: die Hitze der Sonne kann recht unangenehm, geradezu höllisch werden, während sich das lichte Element sehr gut mit dem Himmel und seinen Verheißúngen verbindet.

Erde weiß nichts vom beunruhigenden Hauch des Himmels und der Hölle. Oder doch? Wenn Erde träumt, schreiten grasende Herden von Schafen und Pferden über sie hinweg und die Menschen versammeln sich im Hof und um den Herd, Orte des gebändigten Feuers, der Nahrung und Gemeinschaft. Erde sagt: werde! Himmel sagt: sei!

Drei Anläufe machte ich, um Himmel und Erde in ein Verhältnis zu setzen (die Hölle ließ ich außen vor).

Erster Anlauf: Der Himmel neigt sich, wie er soll, als „halbkugelähnliches Gewölbe“ (Def. Wörterbuch) über das irdische Dasein. Darunter die Sonne, die mangels O von einer eckigen Wolke verdeckt wird, dann ein paar Schneeflocken („es schneit“) und ein Wald, ein Dach, eine Tyr. Eine Frau steht sehr aufrecht im Zentrum dieser Ordnung, unter ihren Füßen das Chaos der Erde und der Toten.

Zweiter Anlauf: Himmelszelt. Ein Zelt mit Mutter und Wiegenkind ist leichter mit dem Himmel in ein Verhältnis zu setzen.  Mangels zweitem „l“ (das l brauchte ich für den Himmel) setzte ich eine Bruni-Blume an die leere Stelle im Ze-t. Neben der mütterlichen Figur liegt ein transparenter Schnipsel mit der weißen Aufschrift:  „die schwarze Erde“. Ganz unten rechts, unter dem gefalteten Papier des „Eckenlieds“, kannst du in Rosa den Namen dessen lesen, dem wir nach der Version der Bibel unser Überleben verdanken: NOAH.

Im dritten Anlauf stellte ich den Menschen dem Himmel gegenüber. Genau genommen ist es Prometheus, der sich brüstet, den Himmel nicht zu fürchten und den Menschen nach seinem Bild zu schaffen.

Das dazugehörige Goethe-Gedicht kennst du sicher. Wenn nicht: hier ist es (Spätfassung).

Johann Wolfgang von Goethe

Prometheus.

Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst,
Und übe, dem Knaben gleich,
Der Disteln köpft,

An Eichen dich und Bergeshöhn;

Musst mir meine Erde
Doch lassen stehn,
Und meine Hütte, die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,

Um dessen Gluth

Du mich beneidest.

Ich kenne nichts Aermeres
Unter der Sonn’, als euch, Götter!
Ihr nähret kümmerlich

Von Opfersteuern

Und Gebetshauch
Eure Majestät,
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler

Hoffnungsvolle Thoren.

Da ich ein Kind war,
Nicht wußte wo aus noch ein,
Kehrt’ ich mein verirrtes Auge
Zur Sonne, als wenn drüber wär’

Ein Ohr, zu hören meine Klage,

Ein Herz, wie mein’s,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.

Wer half mir
Wider der Titanen Uebermuth?

Wer rettete vom Tode mich,

Von Sklaverey?
Hast du nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?
Und glühtest jung und gut,

Betrogen, Rettungsdank

Dem Schlafenden da droben?

Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?

Hast du die Thränen gestillet

Je des Geängsteten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,

Meine Herrn und deine?

Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehen,
Weil nicht alle

Blüthenträume reiften?

Hier sitz’ ich, forme Menschen

Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sey,
Zu leiden, zu weinen,

Zu genießen und zu freuen sich,

Und dein nicht zu achten,
Wie ich!

 

 

 

 

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R-, B-, TR-, S-, SCH-AUM mit Lyrifant

Der heilige Laut der Inder A-U-M: Urlaut der Weltentstehung, dessen Kraft jeder spürt, der ihn einmal gesungen hat, allein oder in Gruppen – er klingt auch im  russischen Kunstwort Z-AUM mit (zu sprechen mit weichem S). Und das ist natürlich kein Zufall. Die gängige Erklärung scheint eine andere zu sein: Es sei eine Wortbildung aus russisch za „jenseits“ beyond, behind“ und um „Vernunft“ – also „jenseits des Ratio“. Weiter heißt es,  zaum sei eine experimentelle poetische Sprache, die durch den Klang und nicht durch definierte Bedeutungen charakterisiert ist.

Genau das trifft freilich auch auf AUM zu. „OM (AUM) ist eine Silbe, die nicht durch einen bestimmten ihr zugeordneten Wortsinn, sondern durch ihren Klang bedeutsam ist“ (Wiki).

Auch das große Mantra Aum mani padme hum ist nicht durch eine rationale Defitinion zu fassen – es ist der Klang selbst, der sich verbindet mit dem Klang unserer Welt – ihrem Entstehen und Vergehen.  Einstimmung – Zusammenklang. Einatmen – Ausatmen.

 

Wenn du dieser Silbe A-U-M nachlauschst,  hörst du sie auch in deutschen Wörtern klingen:  im Rauschen des B-AUMs, der im Boden wurzelt und dessen Gezweig den Himmel einfängt, im seidigen Schleifen des S-AUMs eines Kleides auf dem Parkett, im leisen Tönen einer Welle, die auf dem Strand ausläuft – – S-AUM des Meeres. Der R-AUM öffnet und schließt sich und klingt unter deinen Schritten,  der TR-AUM öffnet fernere Räume, in denen zu herumirrst und nach Erkenntnis suchst. Der SCH-AUM bläht sich schäumend auf, funkelt und zerfällt.

R-A-U-M

 

B – A – U – M

 T – R – A – U – M

S – A – U – M

 S – C – H – A – U – M

Und so hat diese Reise, die beim Zaun begann, hinter dem der Hund mich sinnend betrachtete, im zerfallenden Schaum ein vorläufiges Ende gefunden.

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Von Zaum zum Raum – mit Lyrifants Schnipseln

Och, jetzt bin ich auch im neuen WP-Format gelandet und fühle mich total meschugge. Blocks soll ich auswählen, wie denn, was ist das? Am besten, ich setze hier einfach rein, das ich vorbereitet habe. Und denke morgen weiter über das doofe WP nach.

Vom ZAUM zum RAUM also – ein Übergang, der durch Zaum mit weich anlautendem Z bewerkstelligt wird. Denn Zaum ist die Sprache des Musik, der Mathematik und Dichtkunst, wie ich im vorigen Beitrag schrieb. Zaum führt mich mit mathematischer Sicherheit von Wort zu Wort, von Bild zu Bild, indem ich einfach einen Buchstaben, ein paar Schnipsel verschiebe.

Da sind zwei, die teilen sich einen RAUM, der immer mehr zusammenschrumpft. Sie müssen sich anpassen. Kooperieren. Eine Lösung finden. Was sie auch tun, denn: „Raum ist in der kleinsten Hütte für ein glücklich liebend Paar“, meinte völlig zu Recht Friedrich Schiller.

Und so will ich auch heute mit einem Gedicht enden:

Friedrich von Schiller

Der Jüngling am Bache

An der Quelle saß der Knabe,

Blumen wand er sich zum Kranz,

Und er sah sie fortgerissen,

Treiben in der Wellen Tanz.

»Und so fliehen meine Tage

Wie die Quelle rastlos hin!

Und so bleichet meine Jugend,

Wie die Kränze schnell verblühn!

Fraget nicht, warum ich traure

In des Lebens Blütenzeit!

Alles freuet sich und hoffet,

Wenn der Frühling sich erneut.

Aber diese tausend Stimmen

Der erwachenden Natur

Wecken in dem tiefen Busen

Mir den schweren Kummer nur.

Was soll mir die Freude frommen,

Die der schöne Lenz mir beut?

Eine nur ists, die ich suche,

Sie ist nah und ewig weit.

Sehnend breit ich meine Arme

Nach dem teuren Schattenbild,

Ach, ich kann es nicht erreichen,

Und das Herz bleibt ungestillt!

Komm herab, du schöne Holde,

Und verlaß dein stolzes Schloß!

Blumen, die der Lenz geboren,

Streu ich dir in deinen Schoß.

Horch, der Hain erschallt von Liedern,

Und die Quelle rieselt klar!

Raum ist in der kleinsten Hütte

Für ein glücklich liebend Paar.«

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Vom Hofhund zu Zaum – mit Lyrifants Schnipseln um die Ecke denken

Die gefalteten braunen Schnipsel aus Kraftpapier gehören zu Lyrifants „Eckenlied“. Mit ihnen bin ich aufgefordert, um die Ecke zu denken. Und das tue ich für mein Leben gern.

Wie ich also am gestrigen Zaun um die Ecke schlich, zeigte sich mir der Hof  aus einer anderen Perspekktive, und darinnen stand der Hund. So wurde er zum Hofhund. Wobei mir nicht ganz klar ist: wieviele Hofhunde sind es wohl? 1, 2 oder gar 3?

Am Zaun entlang und um die nächste Ecke  biegend sah ich das Pferd – was mir insofern nahelag, als ich nach dem chinesischen Horoskop eines bin. Und so wurde aus dem Zaun ein Zaum für Pferde.

Um freie Hunde zieht man Zäune, und freien Pferden legt man Zäume an. Auch freie Kinder möchte man im Zaum halten, indem man ihnen Zaumzeug anlegt. Mund-Nasen-Schütze für ABC-Schützen… Irgendein Mensch steht sicher immer bereit, um einem freien Wesen solchen Schutz angedeihen zu lassen – zu seinem eigenen Besten, versteht sich.

Wie ich so das Wort Zaum in mir nachklingen ließ, wurde des Z weich wie saum seide  und sand. Und ich lief in der Zeit zurück, bis zu den Anfängen des 20. Jahrhunderts, als soviel in Bewegung geriet, so viel Neues entstand. Entstand damals nicht auch ZAUM, die universelle Sprache der Dichtung, Vögel und Mathematik? Ja, ich erinnerte mich richtig.

ZAUM. Der Vogel spricht ISBIX. Legebild mit Lyrifants Schnipseln und Brunis rotem Fussel, 1.10.2020

O ja, Zaum sprechen die Schnipsel von Lyrifant. Das ist ihre Sprache. Tief ruht Zaum an den Wurzeln unserer Sprache, vergessen von den meisten. Vergessen wie die russische Avantgarde – die nach diesen Wurzeln suchte – aus der dann das große Experiment der Revolution hervorwuchs – die am Ende alles versteinern ließ – und vergrub – was da an neuem freiem Denken entstehen wollte. Das Schicksal aller freien Gedanken, leider. Denn die Systeme schließen sich über ihnen wie Grabmäler aus Beton – unter denen ihre Knochen bleichen und verfaulen – um zu verhindern – dass daraus hervorwächst Lebendiges Neues. 

Du kennst Zaum nicht? Das wundert mich nicht. Kennst du denn ihre Erschöpfer, den genialen Welimir Chlebnikov, der wie kaum ein anderer die russische Dichtung inspirierte, oder Alexej Grushenyk, der den Ausruck ZAUM prägte? AUM mit weichem zzz im Anlaut. 

erstes Szenenbild „Sieg über die Sonne“

Vielleicht hast du mal von der  ersten futuristischen Oper „Sieg über die Sonne“ von Michail Matjushin gehört (1913 in St. Petersburg uraufgeführt), zu der Kazimir Malevich die Kulissen und Kostüme entwarf, Chlebnikov das Vorwort und Grushenyk das Libretto schrieb.  Der Suprematismus wurde damals mit Malevichs „schwarzem Quadrat auf weißem Grund“  geboren, das er in eine Ecke des Vorhangs setzte. 

Doch wieder bin ich dabei, „das Pferd von hinten aufzuzäumen“ und um drei Ecken zu schleichen. In Wirklichkeit geht es mir nämlich um Chlebnikovs Dichtung, die ich, da ich leider kein Russisch spreche, nur erahnen kann. Das einzige, was ich mit Sicherheit weiß, ist, dass Lyrifants Dichtung in Zaum eine ihrer Wurzeln hat. Und meine Legebilder womöglich auch.

Auf „Planet Lyrik“ fand ich folgende Nachdichtung:

Finsternis. Gerell. Dunkling oder Wolkling,
Himmling, Sterning, Klaring, wolknig,
Märeling, Märing. Sohn der Mär.
Und die verschwommene Mär des Volkes
stieg hinter den Atmungen des Morgens auf.
Ein Himmling der schwankende Ausmond.
Ich bin erdens, aber ein Himmling, – pfiff ein
aaaaaStimmchen, −
Ich bin ein Tagling, aber ein Nächtling der Hexen.
Träumling der junge Sohn, Träumerer.
Sohn des Lieds, Bylining, Traumling.

Übersetzt von Rosemarie Ziegler

Dieses mir sehr zeitgemäß scheinende Gedicht fand ich in einem Essay von Wassili Gonovanov „Chlebnikovs Vögel

Nacht, erfüllt von Sternen,
Buch, was strahlst an Schicksal,
Nachricht du uns zu?
Freiheit oder Joch?
Von welcher Fügung kündest du
Am mittnachtweiten Firmament?

Falls du mehr über ZAUM erfahren möchtest: ich fand den englischsprachigen Wikipedia-Artikel einen guten Ausgangspunkt, zumal er Hinweise auch auf spätere Entwicklungen bis heute enthält.

 

 

 

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Über Zäune: Hund, Katze und Lyrifants Schnipsel

Während ich heute Mittag bei einer Apotheke auf meinen Mann wartete, hielt ich nach dem Hund Ausschau, der sonst immer hinter dem Zaun hin und her rannte und bellte, sobald ich erschien. Heute war er nicht zu sehen und zu hören. Freilich fehlte auch der Grund seines Bellens – mein Tito.  Ich ging näher an den Zaun heran, da sah ich ihn schlaff in der Hundehütte liegen und sprach ihn an. Ich meinte ihn trösten zu müssen, weil er so allein sei. Kaum ausgesprochen, zeigte sich neben seinem großen dunklen Kopf ein kleiner weißer mit spitzen Ohren: eine Katze! Von wegen allein!

Leider konnte ich diese Idylle nicht knipsen, denn nun kam der Hund aus seiner Hütte und betrachtete mich nachdenklich. Und die Katze sprang auf die Hütte und sinnierte dort über die merkwürdigen Menschen.

Schön und gut, wirst du sagen. Und was ist Besonderes daran? Ja, was? In mir spukten Lyrifants Sätze und Satzbrocken. War da nicht die Rede von Zäunen? Oder von Rahmen – Rahmen wie meine Passepartouts, mit denen ich ihre Sätze einfangen wollte?  Und dass es darum ginge, Rahmen zu sprengen, Zäune zu überspringen, Grenzen zu überwinden, Fassungen zu verlieren und ins Weite zu gehen? Ja, richtig!

„spring – …– über die Grenzen – … – ins Offene, Freund“  steht auf einem ihrer Wittgensteinchen.

„Weit hergeholt“ – wirst du sagen. Oder auch: „Nun sag schon, worauf du hinaus willst!“ Also gut. Heben wir aus dem Meeeer der Buchstaben vier heraus und machen einen Zaun drum. Was haben wir da? Einen zaun.

Zaun

Da steht er nun, der Zaun„ganz dumm, mit Latten ohne was herum – ein Anblick gräßlich und gemein…“*  Richtig. Und wenn wir nun einen König dazu stellten? Als Zaunkönig wäre er doch viel sympathischer! 

Zaunkönig

…und ins Offene gingen? Zurück zum Meeer der Wörter und Buchstaben, aus dem wir den Zaun gefischt haben und in das er meinetwegen auch gern zurücksinken kann.

Und der Hund hinter dem Zaun – was machen wir mit dem? Um die Katze sorge ich mich nicht, die weiß, wie man Grenzen, Zäune, Rahmen und sonstwie Behinderndes überwindet.  Katzen wissen Bescheid.

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*Christian Morgensterns Gedicht kennst du natürlich. Oder?

                                                            Der Lattenzaun

Es war einmal ein Lattenzaun,

mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.

 

Ein Architekt, der dieses sah,

stand eines Abends plötzlich da –

 

und nahm den Zwischenraum heraus

und baute draus ein großes Haus.

 

Der Zaun indessen stand ganz dumm

mit Latten ohne was herum,

 

ein Anblick gräßlich und gemein.

Drum zog ihn der Senat auch ein.

 

Der Architekt jedoch entfloh

nach Afri – od – Ameriko.

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