Über Zäune: Hund, Katze und Lyrifants Schnipsel

Während ich heute Mittag bei einer Apotheke auf meinen Mann wartete, hielt ich nach dem Hund Ausschau, der sonst immer hinter dem Zaun hin und her rannte und bellte, sobald ich erschien. Heute war er nicht zu sehen und zu hören. Freilich fehlte auch der Grund seines Bellens – mein Tito.  Ich ging näher an den Zaun heran, da sah ich ihn schlaff in der Hundehütte liegen und sprach ihn an. Ich meinte ihn trösten zu müssen, weil er so allein sei. Kaum ausgesprochen, zeigte sich neben seinem großen dunklen Kopf ein kleiner weißer mit spitzen Ohren: eine Katze! Von wegen allein!

Leider konnte ich diese Idylle nicht knipsen, denn nun kam der Hund aus seiner Hütte und betrachtete mich nachdenklich. Und die Katze sprang auf die Hütte und sinnierte dort über die merkwürdigen Menschen.

Schön und gut, wirst du sagen. Und was ist Besonderes daran? Ja, was? In mir spukten Lyrifants Sätze und Satzbrocken. War da nicht die Rede von Zäunen? Oder von Rahmen – Rahmen wie meine Passepartouts, mit denen ich ihre Sätze einfangen wollte?  Und dass es darum ginge, Rahmen zu sprengen, Zäune zu überspringen, Grenzen zu überwinden, Fassungen zu verlieren und ins Weite zu gehen? Ja, richtig!

„spring – …– über die Grenzen – … – ins Offene, Freund“  steht auf einem ihrer Wittgensteinchen.

„Weit hergeholt“ – wirst du sagen. Oder auch: „Nun sag schon, worauf du hinaus willst!“ Also gut. Heben wir aus dem Meeeer der Buchstaben vier heraus und machen einen Zaun drum. Was haben wir da? Einen zaun.

Zaun

Da steht er nun, der Zaun„ganz dumm, mit Latten ohne was herum – ein Anblick gräßlich und gemein…“*  Richtig. Und wenn wir nun einen König dazu stellten? Als Zaunkönig wäre er doch viel sympathischer! 

Zaunkönig

…und ins Offene gingen? Zurück zum Meeer der Wörter und Buchstaben, aus dem wir den Zaun gefischt haben und in das er meinetwegen auch gern zurücksinken kann.

Und der Hund hinter dem Zaun – was machen wir mit dem? Um die Katze sorge ich mich nicht, die weiß, wie man Grenzen, Zäune, Rahmen und sonstwie Behinderndes überwindet.  Katzen wissen Bescheid.

——————————————————————————————————-

*Christian Morgensterns Gedicht kennst du natürlich. Oder?

                                                            Der Lattenzaun

Es war einmal ein Lattenzaun,

mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.

 

Ein Architekt, der dieses sah,

stand eines Abends plötzlich da –

 

und nahm den Zwischenraum heraus

und baute draus ein großes Haus.

 

Der Zaun indessen stand ganz dumm

mit Latten ohne was herum,

 

ein Anblick gräßlich und gemein.

Drum zog ihn der Senat auch ein.

 

Der Architekt jedoch entfloh

nach Afri – od – Ameriko.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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21 Antworten zu Über Zäune: Hund, Katze und Lyrifants Schnipsel

  1. felsenquell schreibt:

    Reizend, Dein Lyrifäntchen. Hast immer so hübsche Ideen!

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    • gkazakou schreibt:

      dankeschön und Gute Nacht, Hella! Die geknickten Teile – das hätte ich wohl noch sagen sollen – gehören zu Lyrifants „Um die Ecke gedacht“. So erklärt sich mein Gedankengang vielleicht noch besser.

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  2. lyrifant schreibt:

    Nimm das mit dem „Tiere, bitte“ nicht zu ernst 😉 (klar, ich freu mich immer über Viecher).
    Ich war sehr neugierig, welches Wort Du aus meinem Zufallsalphabet legen würdest – und jetzt ist es „ZAUN“. Es ist einerseits kein Lyrifant-Wort (ich verwende es kaum, und wenn, dann meist in politischen Gedichten), andererseits ist es ein Lyrifant-Thema, ja! Wow, echt spannend, wie empathisch Du die Gedicht-Bruchstücke als Brücke von meinen zu Deinen Gedanken liest. Danke, das ist für mich ein großes Geschenk.

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    • gkazakou schreibt:

      Dank für deine Rückmeldung, Sabine, die mich befriedigt und sogar glücklich macht. Ich erwähnte eben in einem Kommentar, dass die braunen geknickten Linien zum Gebiet des „um die Ecke Denkens“ gehören und daher auch ins Bild gerieten – so um die Ecke, wie ich da dachte vom Hund hinter dem Zaun … über Lyrifants Buchstaben, die zum Zaun und dieser zum Zaunkönig wurde … bis hin zu …. Morgenstern und Katzen,die Hindernisse spielend überwinden.

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  3. lyrifant schreibt:

    Und ja, hach, ich liebe Morgenstern!

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  4. finbarsgift schreibt:

    Hat mir gut gefallen, dein Legegedankenspiel bis hin zum feinen Morgensternpoem, das ich sehr schätze! 🤗
    Herzliche Morgengrüße vom Lu

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  5. mmandarin schreibt:

    Da hast du aber einen spannenden Bogen geschlagen. Er regt meine Phantasie an. Und das Gedicht kannte ich nicht. Es gefällt mir sehr. Gerade beim Scherenschnitt frage ich mich oft, was macht die Spannung aus, das was fort ist, oder das was bleibt? Und zu Zäunen habe ich ein zwiespältiges Verhältnis. Lattenzäune zum Beispiel mag ich gerne. Noch lieber Staketen, oder Bündcheshecken. Ebenso geht es mir mit Mauern. Die mag ich auch nur, wenn etwas darin wachsen kann und sie zu überwinden sind. Nundenn, das Thema nehme ich mit in den Tag. Danke liebe Gerda. Marie

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    • gkazakou schreibt:

      Herzlichen Dank, Marie, ich freue mich, dass du meinen langen Bogen goutiert hast (Sabines „um die Ecke denken“, das schließllich zum Ausgangspunkt zurückkehrt), und danke auch für deine weiterführenen Gedanken zur Spannung „zwischen dem was fort ist und dem was bleibt“. Auch das ist ja in Sabines Schnipseln angelegt, mit den fragmentarischen Texten.

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  6. Mitzi Irsaj schreibt:

    Ein feines Gedankenspiel und so schön umgesetzt. Das Gedicht kannte ich irgendwann einmal und hab mich gefreut es jetzt gerade wieder zu lesen. Manchmal stimmen die Sprichworte nicht und Hund und Katze können vielleicht doch. Im Zweifel würde ich mir aber immer mehr Sorgen um den Hund machen, erfahrungsgemäß haben die mehr unter einer Katze zu leiden als umgekehrt. Liebe Grüße

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  7. www.wortbehagen.de schreibt:

    Ein, schöner Hund, schwarz-weiß und eine Katze, ganz in weiß
    und dann die Schnipselgeschichten, ach Gerda, ich komme mit dem Hin- und Hersehen kaum nach und wenn ich nicht aufpasse, dann beginne ich zu schielen, denn ich versuche eben, um die Ecke zu sehen 🙂 Um die Ecke denken ist manches Mal einfacher.
    Der Zaun vom Morgenstern ist er schönste, den ich kenne und Zäune kenne ich ziemlich viele und Maschendraht und Bretter vor den Köpfen. Aber den Zaunkönig, den mag ich und Zäune in ganz und gar BUNT, wenns denn schon welche sein müssen und leider wissen auch Katzen nicht immer Bescheid, sonst wären unsere Katzen wieder nachhause gekommen und nicht in einer gemeinen Falle gelandet. Im Laufe der Jahre drei und es waren drei zu viel…

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    • gkazakou schreibt:

      was sind dasfür Schreckensgeschichten, die du da über eure Katzen erzählst? Fallen für Katzen? Uns ist es nur mal passiert, dass unsere Katze verschwunden blieb, kurz vor Weihnachten, alles Suchen half nichts. Als wir Anfang Januar zurückkamen, erschien sie wieder, total abgemagert Wie sich herausstellte, war sie in einen Keller gegangen.und die Leute schlossen ihn nichtsahnend ab, fuhren ebenfalls in Urlaub. Nach zwei Wochen kamen sie heim, öffneten den Keller und heraus kam unser Mäuselchen geschlichen, struppig und total fertig. Wie sie überlebt hat? Vermutlich gabs dort etwas Wasser oder jedenfalls Feuchtigkeit.

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  8. www.wortbehagen.de schreibt:

    Wir hatten Katzen, seitdem ich dreißig Jahre alt wurde. Die zweite war läufig, als sie zu uns kam und fünf Wochen vor der Geburt meiner ersten Tochter bekam sie vier Kleine. Und niemehr waren wir katzenlos. Alles Freigänger und die allererste verschwand schon spurlos. Ich machte Gott und die Welt verrückt und so kam ich zur zweiten Katze *g*. Schwarz wie die erste…
    Die drei letzten, mir sehr ans Herz gewachsenen Katzen verschwanden alle nach und nach. Sechs Jahre hatten wir die Mutter, vier Jahre den Sohn, der mich bei jeder Collage intensiv schauend und Papier festhaltend begleitete. Die lezte, Milli, sehr geliebt, war vier Jahre bei uns, bevor auch sie spurlos verschwand. Irgend ein Leid wurde ihnen angetan…

    Was für ein Glück, als Deine Katze wiederkam. Das ist mir leider nie passiert.

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    • gkazakou schreibt:

      Schlimm, Bruni. Ich habe zwei Katzen über viele Jahre, bis zu ihrem Tod betreuen können. Es waren Freigänger, wie du sie so schön nennst. Die Schwarze – „Mäuselchen“ – zog sogar mit uns um, als sie 13 war, aber den Umzug überlebte sie seelisch nicht, sie war ja auch schon alt. Der Kater brach sich das Rückgrat, als er mit einem abbrechenden Ast vom Baum fiel, ich musste ihn einschläfern lassen. Ich fütterte auch andere Katzen, die bei mir auf dem Balkon ihre Jungen zurückließen, ließ auch manche sterilisieren, denn wohin mit all den Kleinen? Aber so verbunden wie mit der Schwarzen war ich mit keiner mehr, und ihr Tod ging mir sehr zu Herzen. .

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  9. Ule Rolff schreibt:

    Die Schriftelemente lassen auch deine Legebilder „über die Grenze“ springen, finde ich, sie verändern sich grundlegend. Das Versponnene wird … gebildeter vielleicht? Schön, dass trotzdem noch ein Hauch vom Geschichtenerzählen bleibt. Textschnipsel als Akteure sind auch unerwartet (?) vergnüglich. Und den Zaun hast du doch nur herausgesucht, um drüberzuklettern, gib’s zu!

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    • gkazakou schreibt:

      Klar, ich bin ein Zaunüberwinder, bin Zaunkönig! 😉
      Hm, weniger versponnen, sagst du. Gebildeter? Hoffentlich nicht verkopfter? die Gefahr besteht, sobald ich die reine Bilderwelt verlasse und mich mit Wörtern einlasse. Die Herausforderung ist, die Wörter in diese Bilderwelt eintauchen zu lassen, bis sie eins werden, sich gegenseitig befruchtend. Dann wird tatsächlich etwas Neues geboren..

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      • Ule Rolff schreibt:

        Nein nicht verkopfter, das Wort habe ich als unpassend ganz bewusst verworfen. Gebildeter habe ich hier in dem guten Sinne gemeint, dass Bildung übrig bleibt, wenn man alles Verkopfte hinter sich lässt. Und gerade in „Bildung“ steckt doch auch das „Bild“, also genau die Verbindung des Wortes und der Bilder, so dass sie gemeinsam ein neues Sternbild formen.

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    • gkazakou schreibt:

      O, das gefällt mir! In gebildet steckt Bild Ja, wie konnte ich das überrsehen? Befrei dich von den einengenden Bedeutungen, horch auf den Klang, Gerda!

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