Vom Hofhund zu Zaum – mit Lyrifants Schnipseln um die Ecke denken

Die gefalteten braunen Schnipsel aus Kraftpapier gehören zu Lyrifants „Eckenlied“. Mit ihnen bin ich aufgefordert, um die Ecke zu denken. Und das tue ich für mein Leben gern.

Wie ich also am gestrigen Zaun um die Ecke schlich, zeigte sich mir der Hof  aus einer anderen Perspekktive, und darinnen stand der Hund. So wurde er zum Hofhund. Wobei mir nicht ganz klar ist: wieviele Hofhunde sind es wohl? 1, 2 oder gar 3?

Am Zaun entlang und um die nächste Ecke  biegend sah ich das Pferd – was mir insofern nahelag, als ich nach dem chinesischen Horoskop eines bin. Und so wurde aus dem Zaun ein Zaum für Pferde.

Um freie Hunde zieht man Zäune, und freien Pferden legt man Zäume an. Auch freie Kinder möchte man im Zaum halten, indem man ihnen Zaumzeug anlegt. Mund-Nasen-Schütze für ABC-Schützen… Irgendein Mensch steht sicher immer bereit, um einem freien Wesen solchen Schutz angedeihen zu lassen – zu seinem eigenen Besten, versteht sich.

Wie ich so das Wort Zaum in mir nachklingen ließ, wurde des Z weich wie saum seide  und sand. Und ich lief in der Zeit zurück, bis zu den Anfängen des 20. Jahrhunderts, als soviel in Bewegung geriet, so viel Neues entstand. Entstand damals nicht auch ZAUM, die universelle Sprache der Dichtung, Vögel und Mathematik? Ja, ich erinnerte mich richtig.

ZAUM. Der Vogel spricht ISBIX. Legebild mit Lyrifants Schnipseln und Brunis rotem Fussel, 1.10.2020

O ja, Zaum sprechen die Schnipsel von Lyrifant. Das ist ihre Sprache. Tief ruht Zaum an den Wurzeln unserer Sprache, vergessen von den meisten. Vergessen wie die russische Avantgarde – die nach diesen Wurzeln suchte – aus der dann das große Experiment der Revolution hervorwuchs – die am Ende alles versteinern ließ – und vergrub – was da an neuem freiem Denken entstehen wollte. Das Schicksal aller freien Gedanken, leider. Denn die Systeme schließen sich über ihnen wie Grabmäler aus Beton – unter denen ihre Knochen bleichen und verfaulen – um zu verhindern – dass daraus hervorwächst Lebendiges Neues. 

Du kennst Zaum nicht? Das wundert mich nicht. Kennst du denn ihre Erschöpfer, den genialen Welimir Chlebnikov, der wie kaum ein anderer die russische Dichtung inspirierte, oder Alexej Grushenyk, der den Ausruck ZAUM prägte? AUM mit weichem zzz im Anlaut. 

erstes Szenenbild „Sieg über die Sonne“

Vielleicht hast du mal von der  ersten futuristischen Oper „Sieg über die Sonne“ von Michail Matjushin gehört (1913 in St. Petersburg uraufgeführt), zu der Kazimir Malevich die Kulissen und Kostüme entwarf, Chlebnikov das Vorwort und Grushenyk das Libretto schrieb.  Der Suprematismus wurde damals mit Malevichs „schwarzem Quadrat auf weißem Grund“  geboren, das er in eine Ecke des Vorhangs setzte. 

Doch wieder bin ich dabei, „das Pferd von hinten aufzuzäumen“ und um drei Ecken zu schleichen. In Wirklichkeit geht es mir nämlich um Chlebnikovs Dichtung, die ich, da ich leider kein Russisch spreche, nur erahnen kann. Das einzige, was ich mit Sicherheit weiß, ist, dass Lyrifants Dichtung in Zaum eine ihrer Wurzeln hat. Und meine Legebilder womöglich auch.

Auf „Planet Lyrik“ fand ich folgende Nachdichtung:

Finsternis. Gerell. Dunkling oder Wolkling,
Himmling, Sterning, Klaring, wolknig,
Märeling, Märing. Sohn der Mär.
Und die verschwommene Mär des Volkes
stieg hinter den Atmungen des Morgens auf.
Ein Himmling der schwankende Ausmond.
Ich bin erdens, aber ein Himmling, – pfiff ein
aaaaaStimmchen, −
Ich bin ein Tagling, aber ein Nächtling der Hexen.
Träumling der junge Sohn, Träumerer.
Sohn des Lieds, Bylining, Traumling.

Übersetzt von Rosemarie Ziegler

Dieses mir sehr zeitgemäß scheinende Gedicht fand ich in einem Essay von Wassili Gonovanov „Chlebnikovs Vögel

Nacht, erfüllt von Sternen,
Buch, was strahlst an Schicksal,
Nachricht du uns zu?
Freiheit oder Joch?
Von welcher Fügung kündest du
Am mittnachtweiten Firmament?

Falls du mehr über ZAUM erfahren möchtest: ich fand den englischsprachigen Wikipedia-Artikel einen guten Ausgangspunkt, zumal er Hinweise auch auf spätere Entwicklungen bis heute enthält.

 

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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13 Antworten zu Vom Hofhund zu Zaum – mit Lyrifants Schnipseln um die Ecke denken

  1. Verwandlerin schreibt:

    Wow, ganz entzückende Collagenszenen, liebe Gerda!

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  2. Gisela Benseler schreibt:

    Sagenhaft, was Du da an historischen Zusammenhängen aufdeckst und dem Wort „Zaum“ dadurch Sinn gibst.

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  3. finbarsgift schreibt:

    Bei dir kann man immer wieder etwas kunstvoll lernen … schön!
    Herzliche Abendgrüße vom Lu

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  4. lyrifant schreibt:

    Gerda, es ist der Hammer, was Deine Legereise freisetzt! Ja, es gibt eine schwache Affinität von Lyrifant zum Futurismus – aber ZAUM ist Neuland für mich – genial! Dieser Spur werde ich nachspüren!

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    • gkazakou schreibt:

      Ja bitte, tu das, ich werde es auch tun, soweit es übers Internet geht. Und sehen, wie ich’s hier einbaue. Es ist spannend und ich freu mich über diese Wiederentdeckung einer kaum mehr erinnerten aber einst sehr geschätzten Beschäftigung mit den lautlichen Wurzeln der Sprache.

      Gefällt 1 Person

  5. pflanzwas schreibt:

    Tolle Bilder und eine spannende Zeitreise! Deinen Gedankengängen zu folgen ist höchst spannend. Ich habe vor eeeewigen Zeiten mal eine Ausstellung von Malern der russischen Avantgarde gesehen (ich weiß nicht mal mehr wo) und sie gefielen mir gut. Die Hintergründe waren mir aber nicht bekannt. Da muß ich jetzt noch mal genauer nachlesen. Danke für den Anstoß!

    Gefällt 2 Personen

  6. Ule Rolff schreibt:

    Du liebe Güte, Gerda! Du bist mit deinem Wissen wirklich die reinste Wundertüte! Was du hier für einen Bogen schlägst, mal so eben, braucht für mich wahrscheinlich eine Woche, um alles nachzuvollziehen. Du kommst zwar auf anderem Wege zu Malewitsch, aber ich empfand von deinen ersten Versuchen mit Sabines Schnipseln an, solche Figuren irgendwoher zu kennen, und hier wird mir klar: Malewitsch geisterte durch meinen Kopf, aber auch Oskar Schlemmers Triadische Figuren.
    Ist dir eigentlich aufgefallen, dass das m in deinem vorigen Beitrag direkt neben dem n vom Zaun im Bauch der Figur daneben lag?

    Gefällt 3 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Im Nachhinein fiel mir as große M auf der Brust des Königs auf, M-ensch, dachte ich. .
      Ich freu mich sehr, dass deine und meine Assoziationen hier gleichlaufen. Bei Schlemmer und Malevich liefen sie auch eine Weile parallel. Ich glaube, sie haben sich zu dem Zeitpunkt, als Malevich seine Kostüme zeichnete (1912), noch nicht gekannt. Später war Malevich wohl auch eine Weile im Bauhaus beschäftigt.
      Dass meine Figuren eine gewisse Verwandtschaft mit ihnen haben, scheint mir zutreffend: Es sind Bühnenfiguren – ihre und meine. Bei Malevich ist es noch ausgeprägter – dies Zusammengesetzte, der Plunder, der sich an den nackten Menschen heftet und ihn zum Typ macht. .

      Gefällt 3 Personen

    • lyrifant schreibt:

      Schlemmer ja, die hatte ich auch im Kopf!

      Gefällt 2 Personen

  7. www.wortbehagen.de schreibt:

    Es ist der helle Wahnsinn, liebe Gerda, wie Du die Schnipsel aufbereitest, die Figuren erfindest, legst, oder beim Legen erfindest und uns gleichzeitig auch noch mit der russischen Avantgarde bekannt machst. Du schlägst einen großen Boden vom Hofhund in Griechenland bis hinein die Welt der Kunst, zu der die Dichtung natürlich auch gehört.
    Malewich war mir leider nicht bekannt, aber die triadischen Figuren sind auch mal kurz in meinem Geist herumgesaust, aber sie hatten keine Zeit, wollten nicht bleiben…
    Richtig, Bühnenfiguren hast Du gelegt. Nun fiel es mir wie Schuppen von den Augen, vielleicht sollte ich meine Brille mal putzen, damit ich wieder klarer sehe 🙂
    Dem Schicksal aller freien Gedanken wurde schon so früh Zaumzeug angelegt, daß sie sich abgewöhnten, wirklich frei fliegen zu wollen und doch sind die Ansätze zu sehen, z.B. in der Kunst, die sich eigene Regeln schafft u. doch damit schon wieder Zäune baut.

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