Himmel, Hölle und die Erde -Bildsuche mit Lyrifants Schnipseln

Was dachte sich, so dachte ich, der deutsche Sprachgeist, als er das Wort Himmel erfand? Im Gothischen, so erinnere ich mich aus meinen germanistischen Studien, hieß er himinam, und irgendwie gefiel mir das besser – abgesehen von anderen Sprachen, wie zB dem Griechischen, wo er mit dem alten Götternamen Uranos geschmückt ist. Nun aber heißt er Himmel – mit Gebimmel und Gewimmel ein recht belebter Ort. Sein Gegenstück ist … die Erde? oder gar die Hölle?

Himmel und Hölle haben beide ein anlautendes H, das im Griechischen mit einem Extrazeichen kenntlich gemacht wurde. Weder Vokal noch Konsonant, sondern ein leicht gequälter, kaum hörbarer Hauch. Wie Helios, Sonne – hell und heiß. Als habe die Sprache den Helios in zwei Teile  gespalten – hell für den Himmel, heiß für die Hölle. (Merkwürdigerweise finden die Briten die Hölle hell – den heaven aber heavy, schwer). Die Aufspaltung von Helios in Helligkeit und Hitze scheint mir ein kluger Schachzug des deutschen Sprachgeistes zu sein, jedenfalls überzeugt er mich: die Hitze der Sonne kann recht unangenehm, geradezu höllisch werden, während sich das lichte Element sehr gut mit dem Himmel und seinen Verheißúngen verbindet.

Erde weiß nichts vom beunruhigenden Hauch des Himmels und der Hölle. Oder doch? Wenn Erde träumt, schreiten grasende Herden von Schafen und Pferden über sie hinweg und die Menschen versammeln sich im Hof und um den Herd, Orte des gebändigten Feuers, der Nahrung und Gemeinschaft. Erde sagt: werde! Himmel sagt: sei!

Drei Anläufe machte ich, um Himmel und Erde in ein Verhältnis zu setzen (die Hölle ließ ich außen vor).

Erster Anlauf: Der Himmel neigt sich, wie er soll, als „halbkugelähnliches Gewölbe“ (Def. Wörterbuch) über das irdische Dasein. Darunter die Sonne, die mangels O von einer eckigen Wolke verdeckt wird, dann ein paar Schneeflocken („es schneit“) und ein Wald, ein Dach, eine Tyr. Eine Frau steht sehr aufrecht im Zentrum dieser Ordnung, unter ihren Füßen das Chaos der Erde und der Toten.

Zweiter Anlauf: Himmelszelt. Ein Zelt mit Mutter und Wiegenkind ist leichter mit dem Himmel in ein Verhältnis zu setzen.  Mangels zweitem „l“ (das l brauchte ich für den Himmel) setzte ich eine Bruni-Blume an die leere Stelle im Ze-t. Neben der mütterlichen Figur liegt ein transparenter Schnipsel mit der weißen Aufschrift:  „die schwarze Erde“. Ganz unten rechts, unter dem gefalteten Papier des „Eckenlieds“, kannst du in Rosa den Namen dessen lesen, dem wir nach der Version der Bibel unser Überleben verdanken: NOAH.

Im dritten Anlauf stellte ich den Menschen dem Himmel gegenüber. Genau genommen ist es Prometheus, der sich brüstet, den Himmel nicht zu fürchten und den Menschen nach seinem Bild zu schaffen.

Das dazugehörige Goethe-Gedicht kennst du sicher. Wenn nicht: hier ist es (Spätfassung).

Johann Wolfgang von Goethe

Prometheus.

Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst,
Und übe, dem Knaben gleich,
Der Disteln köpft,

An Eichen dich und Bergeshöhn;

Musst mir meine Erde
Doch lassen stehn,
Und meine Hütte, die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,

Um dessen Gluth

Du mich beneidest.

Ich kenne nichts Aermeres
Unter der Sonn’, als euch, Götter!
Ihr nähret kümmerlich

Von Opfersteuern

Und Gebetshauch
Eure Majestät,
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler

Hoffnungsvolle Thoren.

Da ich ein Kind war,
Nicht wußte wo aus noch ein,
Kehrt’ ich mein verirrtes Auge
Zur Sonne, als wenn drüber wär’

Ein Ohr, zu hören meine Klage,

Ein Herz, wie mein’s,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.

Wer half mir
Wider der Titanen Uebermuth?

Wer rettete vom Tode mich,

Von Sklaverey?
Hast du nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?
Und glühtest jung und gut,

Betrogen, Rettungsdank

Dem Schlafenden da droben?

Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?

Hast du die Thränen gestillet

Je des Geängsteten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,

Meine Herrn und deine?

Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehen,
Weil nicht alle

Blüthenträume reiften?

Hier sitz’ ich, forme Menschen

Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sey,
Zu leiden, zu weinen,

Zu genießen und zu freuen sich,

Und dein nicht zu achten,
Wie ich!

 

 

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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10 Antworten zu Himmel, Hölle und die Erde -Bildsuche mit Lyrifants Schnipseln

  1. nandalya schreibt:

    Die christlichen Vorstellungen von Himmel und Hölle sind als Zeichnungen durchaus schön. 🙂

    Gefällt 1 Person

  2. Gisela Benseler schreibt:

    Das sind „heiße“ Themen. Solange mir da nicht LICHT-Hilfe kommt, halte ich mich lieber mit einer Meinung zurück.

    Gefällt 1 Person

  3. Ule Rolff schreibt:

    Hier hauchen die Hs heftig. Und heilende Hände heben die hegenden Hälften des Himmels hoch. Einen schönen Sonntag wünsche ich dir, Gerda.

    Gefällt 3 Personen

    • gkazakou schreibt:

      das ist ein schönes Beispiel, liebe Ule, für ein heilend-hegend-hütendes Hauchen.So anders als heftiger Husten, hässlicher Hass. Wenn Griechen unser H zu sprechen versuchen (heute ist es aus ihrer Sprache verschwunden), kommen Laute zwischen (i)ch und (a)ch zustande, vergleichbar dem griechischen X, nur in umgekehrter Ordnung (der Laut wird nicht vom vorangehenden, sondern vom nachfolgenden Konsonanten bestimmt).

      Gefällt 1 Person

      • Ule Rolff schreibt:

        Unter anderem wegen dieser Lautgruppe höre ich Griechisch so gerne gesungen und gesprochen: diese ch-Laute haben eine unerhörte Vielfalt und immer so ein etwas schwebend-unbestimmtes Wesen. Anders als das exakte und durch das Regelwerk der Deutschen Theatersprache durchdefinierte Deutsche.

        Liken

  4. www.wortbehagen.de schreibt:

    Himmel hilf, was für ein wundervoller Bogen, den Du hier *schlägst*, bis zu den feinen Lyrifant-Schnipseln, liebe Gerda, in denen ich tatsächlich das Blümelchen entdecke :-), das mir mal wieder ein Zwinkern entlockt .
    Grenzenlos scheinen Dein Wissen und Deine Fantasie zu sein und ich genieße das Lesen und Sehen hier sehr.
    Wir Menschen schmücken den Himmel mit allerlei Beiwerk aus, liebe Gerda, s. Bauhimmel, Wolkenhimmel, Abend- und Morgenhimmel, Himmelslicht und Himmel mit Glockengebimmel, wenn der Nikolaus zu den Kinderchen kommt 🙂
    Wieso unser Bild von der Hölle heiß ist, wußte ich nicht, machte mir keine Gedanken und schrieb ein Gedicht und mein Chef, der damals wortbehagen schuf, schrieb mir zurück:
    Weißt Du denn nicht, daß die Hölle eisig und kalt wie Stahl ist?
    Er war sterbenskrank und wußte, daß er nicht mehr allzulange leben würde…
    2009 stsrb er und Höllengedichte machte ich viele, z.B. dieses hier
    http://wortbehagen.de/index.php/gedichte/2013/juli/hoelle_erwacht

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      tatsächlich habe ich keine Ahnung, liebe Bruni, ob die Hölle kalt oder heiß ist. Ich vermute, dass hängt voner Art der Sünden ab. Das mit der Hitze ist aber eine gängige Vorstellung, das weißt du ja. Der Teufel schürt das Feuer….Den kalten Teufel gibts freillich auch, Satan, auch Ahriman genannt. er lässt alles Lebendige erstarren. Er herrscht grad auf unserer Erde, denn ihm gefallen sehr der technologische Fortschritt, die Kontrolle, das Geld und das Ende der menschlichen Freiheit.. Ihm gefallen auch Masken und das Verbot, sich zu umarmen.

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  5. lyrifant schreibt:

    Heute endlich die Muße für einen überfälligen Kommentar: Ja, Stab- und Endreim sind eine schöne Wünschelrute im Garten der Wörter – aber ob sie tiefer führen als in die eigene Sprach-Fantasie (etwa zu einer Ur-Sprache) – da bin ich doch skeptisch, auch wenn ich ein großer Fan etymologischen Denkens bin, aber da hätte ich doch Sorge vor dem „etymologischen Holzweg“. Da regt sich in mir die Wissenschaftlerin, ja halt ich’s mit Saussures These von der Arbitrrität der sprachlichen Zeichen: Denn sobald ich die Sprache wechsle (und gerade Du bist in mehreren zuhause), bin ich in einer neuen Welt: So liebe ich z.B. die Assoziation von frz. „ciel“ und „miel“ – ein HonigHimmel, das ist doch auch eine schöne Vostellung – und Du bekommst in der deutschen Übersetzung (aber eben nur da!) sogar wieder Dein „H“ – welch schöner Zufall der Arbitrarität!
    Aber diesen Kommentar bitte nicht falsch verstehen: Ich LIEBE – trotzdem! oder vielleicht gerade deswegen! – Deine Legereisen – sie sind einfach zauberhaft!

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    • gkazakou schreibt:

      Liebe Sabine, das wichtigste ich ja, dass du die Legereisen magst und sogar LIEBST. Ansonsten: auch ich bin Etymologie-Freak und weiß natürlich,dass Helios und Hölle-Himmel nicht aus einer Sprachwurzel gewachsen sind und sich dann aufgespalten haben… Hier stutze ich: weiß ich das wirklich? Nein. Denn woraus die Sprache gewachsen ist, das weiß ich nicht. Ich kenne zwar die Ableitungen aus früheren Sprachformen – so wie in der Biologie die Darwinsche „Entwicklung der Arten“ ., aber was weiß ich schon über den Ursprung von Sprachen, selbst wenn ich es studiert habe (habe ich, Germanistik und Romanistik)? was weiß der Biologe über den Ursprung des Lebens? Ciel und miel ist köstlich, und egal wie und was die Wissenschaft befindet, sind sie SINNLICH im Gleichklang.
      Saussure – nun, man kann ihn auslegen. Es ist richtig, dass Bedeutungen sich nicht nach irgendwelchen Gesetzmäßigkeiten mit Lautungen verbinden. Bedeutungen lassen sich von den Lautungen gar nicht trennen, sie sind eins wie die Vorder- und Rückseite des Papiers. Einige moderne Dichter haben versucht, sich drüber hinwegzusetzen, indem sie willkürlich anderes für anderes setzten (zB für Hund Tür und für Gras Abend) und so ihre private Sprache entwickelten. Gauner und Gefangene tun das auch. Aber das funktioniert nur, wenn die Gebrauchsanweisung mitgeliefert wird. Die Zaum-Gedichte gehen umgekehrt vor, sie bilden aus dem Weltentönen Neuwörter, die dann eben auch neue nie zuvor gedachte Bedeutungen haben, mach dir einen neuen Wortschatz (Schmergel, Portsmas, bramigol, schrellnen, bratz, schauseln…)

      Gefällt 1 Person

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