
Der 23. Dezember ist für mich immer ein Tag, da ich in Gedanken nach Stalingrad wandere. 1942 und ich bin ein halbes Jahr auf der Erde. Mein Vater ist einer von denen, die an diesem Tag dort verbluten und der daher nicht mein Vater werden kann. So wachse ich auf in dem, was Mitscherlich später die „Vaterlose Gesellschaft“ nennen wird (Alexander Mitscherlich, „Der Weg zur vaterlosen Gesellschaft“, 1963).
Alexander und Margarete Mitscherlich waren es dann auch, die 1967 die für mich wichtige Schrift Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens verfassten. Diese „Unfähigkeit“, sich mit dem so vielen Mitmenschen zugefügten Leid zu konfrontieren und es erneut oder überhaupt zum ersten Mal zu durchleiden, erzeugte die für die deutsche Nachkriegsgesellschaft so charakteristische Dumpfheit und Umtriebigkeit, die schließlich in dem selbstbestätigenden Satz gipfelte: „Wir sind wieder wer“. Und sich heute gern aufbläht zu dem älteren „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“.
Heute Nacht las ich dazu Nachdenkenswertes in einem Essay von W.G. Sebald („Konstruktionen der Trauer. 1. Die Unfähigkeit zu trauern. Defizite in der Nachkriegsliteratur“1961, in ders., Campo Santo, Fischer Taschenbuch, 2. Aufl. 2013, S.101 ff) und mir schien, dass mein Zerwürfnis mit meiner Heimat damit zusammenhängt. Denn ich trauerte und hörte nie auf zu trauern um all die, die hingemordet wurden. Unter jedem Stein, den ich umdrehte, lagen sie, und ich meinte, mich um sie kümmern zu müssen, da die, die dazu eigentlich berufen waren, es nicht taten. Denn leider war es so: Die deutsche Gesellschaft kümmerte sich nicht um diejenigen, die in ihrem Namen ermordet wurden. Vielmehr duldete sie die Mörder weiterhin unter sich.
(Dazu wiederum Mitscherlich: 1949 erschien sein Buch Wissenschaft ohne Menschlichkeit: Medizinische und Eugenische Irrwege unter Diktatur, Bürokratie und Krieg über die NS-Ärzteprozesse in einer Auflage von 10.000 Exemplaren. „1960 erinnert sich Mitscherlich: ‚[…] Nahezu nirgends wurde das Buch bekannt, […] Es war und blieb ein Rätsel – als ob das Buch nie erschienen wäre.‘ Über das Schicksal des Buches herrscht bis heute Unklarheit. Mitscherlich vermutete, es sei von den Ärztekammern […] ‚in toto aufgekauft‘, denn alle Exemplare seien ‚kurz nach dem Erscheinen aus den Buchläden‘ verschwunden“.[4] „Alexander Mitscherlich war seitdem aus den medizinischen Fakultäten Deutschlands ausgegrenzt; […] er [wurde] nie an eine medizinische Fakultät berufen. (zitiert nach Wikipedia))

Kalamata, 2019. Trauerfeier für 513 am 8. Februar 1944 von deutschen Besatzern und griechischen Collaborateuren ermordete und bei den Schlachthöfen am Westufer verscharrte Mitbürger. Foto: Tageszeitung „Eleftheria“.
Seit ich in Griechenland lebe, sind mir unzählige von Deutschen ermordete Griechen begegnet. Gestern wurde ein Mahnmal für die 513 Ermordeten von Kalamata feierlich eingeweiht. Sollte man sie nicht endlich vergessen? Nein, sagen die Überlebenden und die Nachgeborenen. Nicht Hass und Rachegefühle wolle man nähren, wohl aber die Erinnerung an die Barbarei von Krieg und Faschismus wach halten. Leider scheint dieses Erinnern mehr ein Anliegen der Opfer als der Täter zu sein.
Lebhafte Erinnerungen rief auch ein Podcast wach, das heute zum 40. Jahrestag von Rudi Dutschkes Tod bei Ken.FM eingestellt wurde. (Rudi Dutschke, Jg 1940, wurde 1968, damals 28 Jahre alt, von einem Attentäter in den Kopf geschossen und starb zehn Jahre später, am 24. Dezember 1979, im dänischen Exil). Erinnerungen, denn ich fühlte mich als Teil der damaligen Bewegung, die die Verkrustungen und Verdrängungen der Nachkriegsjahre nicht mehr ertrug und neues größeres Unheil heraufziehen sah. Ich lebte in Berlin-West, war 1966-67 Mitglied der Studentenvertretung der Freien Universität, demonstrierte gegen neokolonialistische Morde (Lumumba im Kongo) und Kriege (Vietnam), gegen die „technokratische Hochschulreform“ und verteidigte das „Humboldtsche Ideal“ eines allseits gebildeten Menschen. Verzweifelt auf der Suche nach einem Ausweg aus dem „alternativlosen“ Kalte-Krieg-Motto: „entweder du funktionierst so wie wir es wollen“ oder „geh rüber, wenn es dir hier nicht passt“ – war Rudi Dutschke fast so etwas wie eine Offenbarung: denn er wies über das bürokratische DDR-Modell hinaus (das ich grässlich fand) und träumte und kämpfte für eine menschliche Verfassung, in der der „Ewige Frieden“ nicht eschatologisch herbeigesehnt, sondern von mündigen Bürgern selbst geschaffen würde.
Wie weit wir heute davon entfernt sind, brauche ich nicht zu betonen. Und dennoch sehe ich auch heute keinen anderen Weg als den: dass sich die Zahl derer vermehrt, die nicht mehr bereit sind zu glauben, dass „wir ja doch nichts tun können“, sondern die begreifen, dass das, was uns als Menschheit geschieht, in unserer eigenen Menschheits-Hand liegt.
In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!
