Jutta Reichelt, deren „Geschichtengenerator“ mich zu vielen Bildergeschichten inspirierte, teilt in Covid-Zeiten ihre Schreibanregungen großzügig mit allen Interessierten.
Die letzte ihrer fünf zum 1. Mai verschickten Anregungen lautet:
1. 5. Notiere eine Beobachtung. Notiere sie anders.
Hier nun meine kleine Beobachtung:
Das Feigenkaktusfeld
Am Rande des Geländes, in dem ich täglich meine Runden drehe, haben Anwohner einen Steingarten angelegt. Hauptsächlich haben sie Feigenkaktus gepflanzt und ihm, damit seine Ohren schön aufrecht wachsen, mit dünnen Stöcken Halt gegeben. Den Boden haben sie mit grob behauenen hellen Steinen belegt, zwischen denen andere Kakteen, dazu auch Lavendel, Rosmarin, Blumen und großblättrige am Boden kriechende Pflanzen wachsen. Die Erde ist fruchtbar, wohl entnommen einem großen, mit Brettern gesicherten Komposthaufen, den sie ein wenig weiter hinter einem Ginsterstrauch anlegten und täglich mit Grünabfällen und Erde füttern. Die gute Pflege tut dem Beet wohl, alles gedeiht prächtig.
Wer sind diese Anwohner? Vermutlich gehören sie zu dem glatten weißen, etwas abweisend wirkenden Haus auf der anderen Straßenseite. Menschen sah ich dort nie, so dass man den Eindruck gewinnen könnte, dass die Arbeit an dem Beet und am Komposthaufen nachts von den Heinzelmännchen erledigt wird.
Das Haus liegt in meinem Rücken, wenn ich über das Beet hinweg auf die sonnigen Wiesen und die vielfältigen Bäume und Büsche des freien Geländes blicke. In der Ferne, ameisenklein fast, spazieren Menschen. Die Feigenkaktur-Pflanzung steht wie eine Mauer zwischen mir und ihnen.

Das Feigenkaktusbeet, Tintenstiftzeichnung 2020-05-04
Und hier dieselbe Beobachtung, anders notiert.
Ein schöner, sonniger Tag wieder. Auf meinem Bummel mit Tito zieht es mich zum Beet, das am Rande des Geländes entstanden ist. Ich möchte doch zu gern sehen, ob der neu gepflanzte Feigenkaktus gut gedeiht. Und ja, tatsächlich: Kräftig stehen die großen mit feinen Stacheln bewehrten Blätterohren gegen die helle Wiese. Daneben, mit dicken grün-gelb gestreiften zugespitzten Blättern, eine anderer Sukkulente, vermutlich eine Agave. Mir gefällt diese Pflanzung sehr, auch die Steine, die das Ganze stützen, alles ist mit großer Sorgfalt und Liebe gestaltet. Am meisten gefällt mir die Idee, das öffentliche Gelände, das lange Zeit eher einer Müllkippe glich, auf diese Weise zu verschönern.

Feigenkaktusbeet, in der Ferne Spaziergänger, 2020-05-05
Und hier dieselbe Beobachtung, noch mal anders notiert.
Wenn man vom offenen Gelände zur Straße geht, stößt man auf eine neue Pflanzung. Da stehen zuerst auf einer leeren Fläche ein paar noch sehr junge Bäume, Kirsche vielleicht, das Erdreich rundum ordentlich aufgehäufelt, damit sich das Gießwasser hält. Quasi als Straßenrandbepflanzung folgt dann ein grober Steingarten mit Feigenkaktus, Lavendel, Rosmarin und allerlei Blumen. Der Rosmarin blüht, umschwirrt von Bienen.
Wer hat wohl diesen Garten auf dem öffentlichen Gelände geschaffen? Am wahrscheinlichsten wohl die Besitzer des gegenüberliegenden Hauses. Denn von dort aus zeigt sich die Pflanzung am hübschesten. Stutzig macht mich, dass dieselben Leute, die hier so viel Sorgfalt zeigen, ihr eigenes Grundstück vollständig mit einem modernen Wohnhaus und Garage bebaut haben. Warum haben sie keinen Platz für einen Garten gelassen? Wollen sie etwa den öffentlichen Raum privatisieren? Morgen haben sie vielleicht einen Zaun drum herumgestellt, übermorgen ein Verbotsschild. Wundern würde es mich nicht. Derlei Übergriffe auf öffentlichen Boden sind gang und gäbe. Das Haus flößt mir jedenfalls kein Vertrauen ein: Weder das Erdgeschoss noch der erste Stock lässt sich einsehen. Unten verhindern dichte militärgrau angestrichene Jalousien den Einblick, im ersten Stock sind die Scheiben geschwärzt wie bei Autos, deren Fahrer nicht gesehen werden möchte. Nie sieht man ein geöffnetes Fenster, auch keinen Menschen ein- und ausgehen. Wer da wohl wohnt? Und wie kommt er dazu, diesen Garten anzulegen und so sorgfältig zu gestalten?
