Aus der Vogelperspektive

Hoch hinaus wollte ich heute, denn die Atmosphäre war von einer überwältigenden Klarheit. Drum fuhr ich auf kurvenreichen Straßen, von denen ich auch schon mal einen dicken Steinsbrocken entfernen musste, hinauf in ein Gebirgsdorf, das um diese Zeit nicht bewohnt ist. Weder Autos noch Menschen, nur einer Ziegenherde begegnete ich.

Von dort oben ist mein Zuhause nicht zu erkennen: irgendwo unten im Gewusel der Küste liegt es. Auch Kalamata und Messene, weiter im Westen vor dem langgezogenen Mittelgebirge, sind nichts als hellere Flecken im Grün.

Das Dorf Ano Verga ist gut erhalten, steht unter Denkmalschutz. Manche Häuser sind prächtig, andere zu Ruinen zerfallen. Die einzige, im Sommer sehr beliebte Taverne wirbt mit einer grandiosen Aussicht über die gesamte Messenische Bucht (ganz oben: nach Osten, das zweite Foto nach Westen).  Wer sich traut, kann auch von der nahegelegenen Station aus mit dem Drachen hinunterspringen und fliegen.

Am Eingang des Dorfes…

… eine der vielen kleinen Kirchen…

mit einem sauberen hellen Innenraum.

Zwei-, manchmal auch dreizeilig zieht sich das Dorf am Hang entlang, sternern auf felsigem Boden, von vielen Herden gedüngt, und immer mit diesem gewaltigen Blick in die ferne Bläue des Himmels und des Meeres….

… in die Tiefe und in die weite Ferne, wo neue Horizonte locken.  Maniatischer Geist drückt sich hier aus: Unabhängig, hart, christlich und von unbeugsamem Überlebenswillen.

Veröffentlicht unter alte Kulturen, Architektur, Fotografie, Leben, Natur, Reisen, Tiere, Zwischen Himmel und Meer | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | 30 Kommentare

Alte Wege, neue Wege (Fotografien, Gedanken)

Ich mag es, von alten Wegen abzuweichen und neue zu suchen. Heute zum Beispiel ging ich auf der gegenüberliegenden Seite der Schlucht einen Weg, den ich gut kenne – und begab mich dann auf Abwege hinab und hinein in unbekanntes Gebiet. Da ist ein Pfad, dem folge ich, aber er führt mich ins Gestrüpp.

Eine Weile versuche ich, das Gestüpp zu ignorieren. Irgendwann komme ich sicher wieder raus, denke ich. Dann kommt der Moment, wo ich einsehe: Nein, du musst umkehren. Also durchquere ich noch einmal das Gestrüpp und suche mir einen anderen Pfad, der mich vielleicht weiterbringt. Und finde ihn. Und freue mich an meinem Fund: ein neuer Weg.

Es macht mir auch nichts aus, wenn ich auf Abwege und in Sackgassen gerate, denn auch die erlauben mir neue Gedanken und bedeutende Ausblicke.

So geht es mir nicht nur bei meinen Spaziergängen, sondern auch beim Denken und beim Malen. Auch da suche ich dauernd nach neuen Wegen. Manchem mag das lächerlich erscheinen oder sogar ärgerlich, wenn ich mich, auf der Suche nach neuen Erfahrungen, durch Gestrüpp schlage. Ich aber mag das, mich stört das überhaupt nicht. Ich sage: so ist das Leben, voller Überraschungen und Sackgassen, wenn man sich ins Unbekannte traut. Allerdings ist es auch da manchmal klug, den Rückweg anzutreten, falls es nicht weitergeht, und nach anderen Pfaden zu suchen.

Geh, such dir einen neuen Pfad! Irgendwann wird sich das Ziel schon zeigen! Ah, da drüben, auf der anderen Seite der Schlucht, ist es ja schon – wie eine Burg steht mein Zuhause gegen den Abendhimmel!

unser Mani-Haus, herangezoomtereits untergegangen

Jetzt ist es nicht mehr weit.

Neue Wege werde ich hier im Blog auch beim Nachdenken über unsere aktuelle Situation gehen, denn der bisher begangene Weg führt nirgendwo hin. Aber davon einandermal.

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Fotografie, Kunst, Leben, Natur, Psyche, Zwischen Himmel und Meer | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 23 Kommentare

Wir haben es gut! (Zwiesprache mit einem Hund)

Heute hielten wir bei der Apotheke, und ich hatte Zeit, „meinen“ Hund zu begrüßen, der dort in einem sauberen zimmergroßen von rotem Wein umrankten Auslauf zusammen mit zwei Katzen und einigen Kanarienvögeln wohnt. Die Katzen sind frei, zu kommen und zu gehen, wie sie mögen, die Kanarienvögel sitzen in ihren hübschen Einzelkäfigen und tririllieren, und der Hund ruht gewöhnlich in seiner Hütte und kommt nur heraus, um bei Annäherung eines Menschen zu bellen. Ein Idyll.

Der Hund kennt mich inzwischen, stürmt nicht gleich an den Zaun, sondern lässt sich Zeit und schaut mich dann fragend an.

„Schön hast du es hier“, sage ich zu ihm. „Andere Hunde haben es weit schlechter. Denk mal an die armen Brüder und Schwestern, die kein Zuhause haben und sich von Müll ernähren müssen. Freiheit ist nicht alles“.

„Wuff“, antwortet er und wedelt mit dem Schwanz. „Du hast zwei Katzen als Gesellschaft“, sage ich.“Und die Kanarienvögel machen dir Musik. Der Wein ist über und über  rot und schmückt deinen Käfig. Du bist wohlgenährt und gepflegt. Immer gibt es frisches Wasser in deinem Napf, und Futter steht auch immer bereit. Sag selbst, wer könnte es besser haben?“

Daraufhin sagt der Hund nichts. Er schaut mich ein wenig misstrauisch an, als wollte er prüfen, ob ich es vielleicht ironisch meinte. Dann seufzt er tief, wedelt noch mal müde mit dem Schwanz und zieht sich zurück in seine Hütte, um den Rest des Tages zu verträumen.

Shutdown eben.

 

Veröffentlicht unter Fotografie, Leben, Natur, Philosophie, Psyche, Tiere, Träumen | Verschlagwortet mit , , , , , , | 18 Kommentare

Es dunkelt über dem Meer (Montag ist Fototermin)

Von 5 bis Viertel vor 6 Uhr nachmittags wanderte ich heute durchs Olivenland. Immer öffneten sich Ausblicke aufs Meer. Wie schwer es doch ist, die Farben des Meeres zu bestimmen! Die Fotografien geben nur eine Annäherung, denn eine Farbe beeinflusst die andere, und so entscheidet manchmal schon der Bildausschnitt. wie sich die Farben zueinander ordnen und aufs Auge wirken: mehr ins Grau spielend oder weinfarben? goldtonig oder rötlich angehaucht? Blau oder doch eher violett?

23.11.2020, westliche Mani, Griechenland

aufgenommen 17.12 Uhr

aufgenommen 17.30 Uhr

aufgenommen 17.26 Uhr

aufgenommen 17.48 Uhr

aufgenommen 17.49 Uhr

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Fotografie, Leben, Natur, Vom Meere, Zwischen Himmel und Meer | Verschlagwortet mit , , , , , | 25 Kommentare

Warum mir das Aufstehen am Morgen schwer fällt, und alte Zeichnungen

Es ist jetzt drei Uhr in der Nacht. Eigentlich Schlafenszeit. Aber ich bin nicht müde. Morgen früh (also heute früh) aber wird es mir schwer fallen aufzustehen.

Dass das immer schon so war, habe ich bisher nur vermutet. Jetzt gibt es auch die Bestätigung: ein Aufsatz, den ich mit 7  (fast acht) Jahren schrieb, erklärt es klipp und klar. Meine Nichte fand ihn in einem Heft, als sie in Kartons mit alten Sachen kramte, und schickte mir ein Foto davon.

Na ja, das „flink“ ist ein bisschen übertrieben. Vielleicht wollte ich bei meiner Lehrerin Eindruck schinden.

Übrigens fand meine Nichte auch ein Heft mit Zeichnungen. Ehrlich gesagt war ich bisher davon ausgegangen, dass ich als Kind nicht zeichnen konnte, da das das Terrain meiner großen Schwester war. Aber nun sehe ich: ganz so war es nicht! Zwar wurde da keine große Künstlerin geboren, aber ein Talent für lebhafte Szenen lässt sich durchaus entdecken. Ich freue mich grad sehr, dass ich mir selbst als Kind in diesen Zeichnungen begegnet bin.  Die dargestellten Szenen dürfte es tatsächlich so ähnlich gegeben haben: Heuernte mit dem Pferd (Autos und Traktoren gabs noch nicht), Regen, Laternelaufen und das Leben am Strand, mit dem Familienstrandkorb als Zentrum des Vergnügens.

Veröffentlicht unter Allgemein, Erziehung, events, Geschichte, Kinderzeichnung, Kunst, Leben, Meine Kunst, schreiben, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , , , | 33 Kommentare

Sonntag der Lebenden

 

„Ich feiere nie den Totengedenktag oder wie dieser Tag sonst noch heißt. Warum soll ich Tote feiern? Die Menschen, die mir wichtig sind, egal ob jetzt oder früher auf der Erde wandelnd, leben. Ich neige mich nicht über Gräber, sondern über mein Herz und meine Erinnerungen, und da sind sie lebendig, o, so lebendig! Was ist mir „war“, was ist mir „ist“? Der andere ist aus der Zeit gehoben, nur ich bin körperlich da und altere körperlich. Der andere ist mal jung, mal älter. Mein Vater, zB, ist 33 Jahre alt. Als er jünger war, kannte ich ihn noch nicht, und danach nicht mehr. Meine Mutter hat verschiedene Alter, mal ist sie 27, dann wieder 56 oder auch 79, vielleicht sogar 82, da sah ich sie zuletzt. Meine Schulfreundinnen, sofern ich sie seither nicht mehr sah, sind manchmal 12, manchmal 19. Älter werden sie nicht. So ist das“, sagte ich zur Freundin, mit der ich heute durch die uralten Olivenhaine wanderte.

Während wir wanderten, stehenblieben, sprachen, strömten die Bilder der Natur in uns ein: die strengen Gestalten der Zypressen, die gekrümmten der Oliven, die lieblichen der Herbstzeitlosen, die feuchtfruchtigen des Orangenhains im Tal, und dahinten das Meer, sonnenüberglänzt.

Später setzten wir uns vor eine flache Höhle, die den Hirten und Schafen als Unterstand dient, schlossen ein wenig die Augen und ließen die Natur durch die anderen Sinne auf uns wirken: die sanfte Wärme auf die Haut, die Kräuter- und Schafsdüfte auf die Nase, den Klageruf eines Vogels aufs Ohr, das Gewicht des Körpers auf dem Stein.

Die Olivenernte ist in vollem Gange. Früher als sonst sind die Familien unterwegs, breiten ihre Netze unter den Bäumen aus und sammeln die abgeschlagene Frucht in Jutesäcken. Reiche Ernte erwartet sie.

Zu Hause dann, nach einer stärkenden Bohnensuppe, verzogen wir uns ins Atelier, um uns ein wenig gegenseitig zu zeichnen (meine drei Skizzen).

Dann war Nacht, und ich entzündete  den Kamin…

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, alte Kulturen, Feiern, Fotografie, Leben, Natur, Psyche, schreiben, Umwelt, Zeichnung, Zwischen Himmel und Meer | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | 20 Kommentare

Guten Morgen ohne Sorgen

 

Veröffentlicht unter Fotografie, Leben, Tiere | Verschlagwortet mit , | 15 Kommentare

Gegenwart ist ….(Wanderweg des Distelfalters)

Einen Distelfalter, so scheint mir, habe ich diesmal eingefangen. Heute waren wieder viele Schmetterlinge im Garten unterwegs, Kohlweißlinge sah ich und einen sehr dunklen, schnellen Falter, und eben auch diese mit den leuchtend orange Flügelstreifen und den weißen Tupfen auf dunklem Grund. Sie tanzten und flatterten über die letzten Rosen.

Distelfalter sind, so schrieb mir Jürgen von Linsenfutter, erstaunliche Wanderer (https://linsenfutter.wordpress.com/2020/05/05/distelfalter-auf-wanderschaft/ Dort findet ihr viel schönere Fotos und eine wissenschaftlichere Beschreibung.) Bis zu fünfzehntausend Kilometer legen sie zurück! Fünfzehntausend Kilometer, das ist wie von hier nach ….  Aber sie schaffen diese lange Strecke nicht als Individuen, denn sie sind ja Winzlinge und zart gebaut. Darum machen sie nach etwa viertausend Kilometern Halt, legen Eier, verlustieren sich noch ein Weilchen, bis die Eier sich zu Raupen entwickeln und sich verpuppen. Dann verlassen sie zufrieden diese Welt. Die neue Generation schlüpft, freut sich des Lebens und legt die nächste Reiseetappe zurück, legt Eier, wartet ein bisschen und stirbt.

Wenn ich richtig rechne, braucht es vier Generationen, bis die Distelfalter den Weg von Mitteleuropa nach Afrika zurückgelegt haben. Eine Generation ist in Europa gebürtig, die nächste vielleicht in Zaragosa, die dritte, wer weiß das schon, in Agadir? und die vierte begrüßen dann wohl die Kinder von Joal-Fadiouth im Senegal mit einem Hallo? Und wenn sie dann, voll der Abenteuer der Reise über Meere, Wüsten und Gebirge, in der achten Generation wieder bei dir, in Goslar oder in Wittenberge, herumflattern, können sie dir erzählen von ihren Ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-Großeltern, die hier einst schlüpften und sich auf die große Reise machten.

Woher meine Gartenbesucher kamen und wohin sie eventuell wollen, – ich weiß es nicht. Aber solange sie bei mir weilen, will ich mich an ihnen freuen. Und aufhören zu glauben, dass ich alles in einer Generation erledigen muss. Werde nicht auch ich einst wiedergeboren, in einem anderen Land, in einer neuen Zeit, mit einer dunkleren Haut? Und immer mit der Sehnsucht im Herzen, ans Ziel zu gelangen, um, kaum bin ich am Ziel, mich wieder zurückzusehnen dorthin, woher ich einst kam?

Einen friedvollen Ausruh-Samstag wünsche ich meinen Leserinnen und Lesern und allen Schmetterlingen dieser Welt.

Veröffentlicht unter Fotografie, Leben, Natur, Philosophie, Psyche, Reisen, schreiben, Tiere, Trnsformation | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | 15 Kommentare

„Jetzt ist jetzt“: lieblich-unkatastrophische Reimerei (abc-etüde)

abc.etüden 2020 47+48 | 365tageasatzaday

Dies ist nun schon meine vierte Etüde zu Ulli Gaus Wörtern, alle im Rahmen von Christianes abc-etüden zusammengereimt. Danke euch beiden herzlich für die Anregung.

Die Etüde ist zugleich ein Beitrag zu meinem gestern angeregten Projekt „Lebbare, umsetzbare Alternativen„. Denn welche Mittel stehen uns, als Subjekte, auch heute unbeschränkt zur Verfügung, um uns aus lähmender Verdrossenheit und Grübelei zu befreien?

Für mich ist es das Dreigespann Natur – Fantasie – Kunst.

 

Jetzt ist Jetzt

Die schlimmste Quelle von den Übeln

Ist immer noch das viele Grübeln

Griesgrämig glotzt du in die Sonne

Und missvergnügt auf jede Wonne

Die sich vielleicht

ins Denken schleicht

Was soll dir das, du dummes Huhn

Kannst du denn nicht was Heitres tun?

 

Stöber lieber in Archiven

Stromer unter den Oliven

Du wirst bestimmt was Nettes finden

Und es zu einem Strauß verbinden

Ein Blümlein hier, ein Blättlein da

Ein hübsches Bild, da staunste, wa?

Ja, sowas hast du mal gemacht

Und heute nicht? wär doch gelacht!

 

So nimm den Pinsel, nimm die Farben

Die guten, nicht die schon verdarben

Nimm Kleister, Leinwand und Papier

Und zaubre Bilder jetzt und hier!

Fürs Grübeln hast du später Zeit

Jetzt mach dich für den Tag bereit!

Erweck sie jetzt, die Fantasie!

Denn heut ist heut und morgen nie!

 

 

Veröffentlicht unter abc etüden, Allgemein, Collage, die schöne Welt des Scheins, Kunst, Leben, Malerei, Materialien, Meine Kunst, Natur, Projekt Alternativen, Psyche, Träumen | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | 19 Kommentare

Zahlen, Zahlen … und was wirklich hilft. Ein Aufruf und ein Dialog.

Ein Aufruf:

Eine liebe Freundin ist böse auf mich und hat meine „Schlaumeiereien“ satt. Sie fragt in einem Kommentar,

„wieso wir uns nicht, jede und jeder für sich, Gedanken um lebbare und umsetzbare Alternativen machen, die es ja gibt, und diese zu verbreiten, statt noch mehr Ängste ins Netz und ins Feld zu tragen.“

Diese Anregung möchte ich gerne aufgreifen. Denn sie hat Recht. Wir brauchen „lebbare und umsetzbare Alternativen“ und nicht noch mehr Angst im Netz und im Feld. Daher möchte ich dich, liebe Leserin, lieber Leser, hiermit herzlich aufrufen, dir Gedanken zu machen: welche lebbaren, umsetzbaren Alternativen gibt es zur Misere des „Nicht-mehr“ und „Höchstens-noch“, in der wir steckenzubleiben drohen?

Mein heutiger Eintrag ist sicher noch nicht in diesem, sondern noch immer im schlaumeierischen Geist verfasst, der sich meiner angesichts der Coronamaßnahmen bemächtigt hat. Aber vielleicht ist er ein erster Befreiungsschlag. Ich erhoffe mir von dir, liebe Leserin und lieber Leser, bessere, weitergehende, tiefer durchdachte Vorschläge als den, den ich am Ende des Dialogs mache! Und selbstverständlich werde auch ich meinen Beitrag leisten.

Falls du etwas beitragen möchtest, kannst du entweder einen Kommentar oder einen eigenen Blog-Eintrag schreiben, den du hier verlinkst. Ich würde in ca zwei Wochen eine lesbare Übersicht aller Eingänge erstellen.

Ein fiktiver Dialog über Zahlen, Tests und was wirklich hilft.

Dieser Dialog ist bei der Lektüre der heutigen „Welt“ entstanden, die ich, wie auch sonstige Mainstream-Medien, immer fleißig durchforste nach verwertbaren Informationen (kursiv Gesetztes sind Zitate aus der „Welt“). An den obigen „Aufruf“ dachte ich bei der Abfassung noch nicht. Der ergab sich erst am Ende des „fiktiven Dialogs“.

Anton: 65.413 neue Corona-Fälle meldete das Robert-Koch-Institut (RKI) in den ersten vier Tagen der laufenden Woche. In der Vorwoche waren es im gleichen Zeitraum 69.048 gemeldete Neuinfektionen.

Berta: Fast dreieinhalbtausend weniger Fälle?  Dann schwächt sich die Epidemie also ab? Ist ja fabelhaft!

Anton: Nach dem steilen Anstieg im Oktober zeigt die Infektionskurve in vielen Ländern wieder nach unten

Berta: O wunderbar, bald können wir aufatmen!  Oder doch nicht?

—–

Anton: . „Gleichzeitig stieg die Positivquote von 7,86 Prozent auf neun Prozent.“

Berta: O weh, nein! Wird es etwa noch schlimmer?

Ja, was denn jetzt? Schlimmer oder besser? Oder alles wie gehabt?

Anton:In der vergangenen Woche sank die Zahl der erfassten PCR-Tests erstmals seit Wochen um rund 200.000 auf 1.384.943.“

Berta: Es wurde weniger getestet? 200 000 weniger als in der Woche zuvor? Warum? wer wurde nun nicht mehr getestet?

Anton: Nach Angaben des RKI soll nur noch getestet werden, wenn eine „schwere Symptomatik“ vorliegt, also Atemnot,  Bronchitis oder Lungenentzündung oder verhältnismäßig eindeutige Symptome wie der Verlust von Geruchs- oder Geschmackssinn. Außerdem soll getestet werden, wer Kontakt zu einer infizierten Person hatte oder wenn ein mögliches Cluster vorliegt und bei Kontakt oder Zugehörigkeit zu Risikogruppen.

Berta: Klingt ja vernünftig. Man will weniger testen, weil, wie ich hörte, die Test-Kapazitäten überfordert sind, seit die normalen Erkältungskrankheiten zugenommen haben. Wenn jeder, der einen Schnupfen oder ein Kratzen im Hals hat, getestet werden will, kommen die Labore nicht mehr nach.

Aber was hat das mit den gesunkenen „Infektionszahlen“ zu tun?

Anton: Nun, das ist einfach: Wenn du weniger testest, erhältst du auch weniger Ergebnisse. 200 000 weniger Tests, das bedeutet:  3.300 weniger positive und 196.700 weniger negative Testergebnisse.

Berta: Aber wie kommt es zur höheren Positivquote?

Anton: Das ist auch einfach: wenn du vor allem Menschen mit Symptomen und nicht mehr jedermann testest, erfasst du relativ mehr Menschen, die sich den Corona eingefangen haben und daher Symptome aufweisen. 91% der Getesteten sind auch jetzt „Corona-frei“ (negativ), aber vorher waren es 92.14%.

Die neue Teststrategie ist gerade erst angelaufen. In der kommenden Woche wirst du einen noch deutlicheren Rückgang der „Infektionen“  (positiv Getesteten) sehen, und gleichzeitig einen Anstieg der „Positiv-Quote“ (% der positiv-Getesteten bezogen auf Gesamtzahl  der Getesteten) .

Berta: Und was nützt das mir?

Anton: Nichts. Denn dich, als realen Menschen, interessieren diese Zahlen wenig. Dich interessiert, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass du dir eine böse Infektion einfängst.

Berta: Und wie hoch ist diese Wahrscheinlichkeit?

Anton: Weiß ich nicht. Frag doch das RKI. Vielleicht haben die dadrüber ja auch eine Statistik.

Berta: Und was soll ich jetzt tun? Ich habe keine Lust, mich anzustecken.

Anton: Das Beste wird sein, du hältst dich, wenn du kannst, fern von großen Menschenansammlungen und von akut Erkrankten, achtest auf eine gesunde Ernährung, gehst viel an der frischen Luft spazieren, nimmst Vitamin C und D ein, trägst bei nassem Wetter feste Schuhe und bei windigem einen Schal, … na, du weißt schon. Vielleicht hast du ja auch einen Arzt oder Heilpraktiker, der dir noch ein paar Ratschläge gibt, wie du dein Immunsystem am besten stärkst. Dass du dir den Virus irgendwann, irgendwo einfängst, ist ziemlich wahrscheinlich, aber deshalb musst du ja nicht gleich schwer erkranken oder gar dran sterben.

Wie blass du bist!  Komm, lass uns rausgehen! Ein Spaziergang wird uns allen gut tun!

Veröffentlicht unter Allgemein, Leben, Legearbeiten, Meine Kunst, Politik, Projekt Alternativen, Psyche, Therapie | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | 51 Kommentare