Sonntag der Lebenden

 

„Ich feiere nie den Totengedenktag oder wie dieser Tag sonst noch heißt. Warum soll ich Tote feiern? Die Menschen, die mir wichtig sind, egal ob jetzt oder früher auf der Erde wandelnd, leben. Ich neige mich nicht über Gräber, sondern über mein Herz und meine Erinnerungen, und da sind sie lebendig, o, so lebendig! Was ist mir „war“, was ist mir „ist“? Der andere ist aus der Zeit gehoben, nur ich bin körperlich da und altere körperlich. Der andere ist mal jung, mal älter. Mein Vater, zB, ist 33 Jahre alt. Als er jünger war, kannte ich ihn noch nicht, und danach nicht mehr. Meine Mutter hat verschiedene Alter, mal ist sie 27, dann wieder 56 oder auch 79, vielleicht sogar 82, da sah ich sie zuletzt. Meine Schulfreundinnen, sofern ich sie seither nicht mehr sah, sind manchmal 12, manchmal 19. Älter werden sie nicht. So ist das“, sagte ich zur Freundin, mit der ich heute durch die uralten Olivenhaine wanderte.

Während wir wanderten, stehenblieben, sprachen, strömten die Bilder der Natur in uns ein: die strengen Gestalten der Zypressen, die gekrümmten der Oliven, die lieblichen der Herbstzeitlosen, die feuchtfruchtigen des Orangenhains im Tal, und dahinten das Meer, sonnenüberglänzt.

Später setzten wir uns vor eine flache Höhle, die den Hirten und Schafen als Unterstand dient, schlossen ein wenig die Augen und ließen die Natur durch die anderen Sinne auf uns wirken: die sanfte Wärme auf die Haut, die Kräuter- und Schafsdüfte auf die Nase, den Klageruf eines Vogels aufs Ohr, das Gewicht des Körpers auf dem Stein.

Die Olivenernte ist in vollem Gange. Früher als sonst sind die Familien unterwegs, breiten ihre Netze unter den Bäumen aus und sammeln die abgeschlagene Frucht in Jutesäcken. Reiche Ernte erwartet sie.

Zu Hause dann, nach einer stärkenden Bohnensuppe, verzogen wir uns ins Atelier, um uns ein wenig gegenseitig zu zeichnen (meine drei Skizzen).

Dann war Nacht, und ich entzündete  den Kamin…

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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20 Antworten zu Sonntag der Lebenden

  1. wildgans schreibt:

    Wie ein Baden im Leben…
    Gruß von Sonja

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  2. Ulrike Sokul schreibt:

    Liebe Gerda,
    Deine Formulierung „Der andere ist aus der Zeit gehoben, nur ich bin körperlich da und altere körperlich. Der andere ist mal jung, mal älter.“ finde ich sehr treffend für die Art und Weise, wie auch mir „meine“ Verstorbenen immer wieder und durchaus altersabwechslungsreich im gegenwärtigen Erinnern erscheinen. 🙂
    Herzensgruß und Dank von
    Ulrike

    Gefällt 4 Personen

  3. Ule Rolff schreibt:

    Das klingt nach einem harmonischen Tag, Gerda. Und deine Bilder zeigen viele schöne Orte, an denen die Seele ein bisschen zur Ruhe kommen kann.

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  4. Gisela Benseler schreibt:

    Wunderschön: Deine Gedanken und Deine Photos und Deine Skizzen. Die sind ja wieder so lebendig! 🌸🍀🍋🍊🌳🌴🌵🌄

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  5. finbarsgift schreibt:

    Sehr fein geschrieben. Ruhe übers Land verbreitend … zauberschön.
    Herzliche Abendgrüße vom Lu

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  6. Myriade schreibt:

    So oder so ähnlich funktioniert wohl bei uns allen die Erinnerung an Verstorbene. Ich kenne nur den 1. und 2. November als Totengedenktag.

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    • gkazakou schreibt:

      Danke, Myriade, ich denke, so ist es bei uns allen. Aber merkwürdigerweise wissen die meisten es nicht. So ging es auch meiner Mitwanderin, die erstaunt war: ja, tatsächlich, die Verstorbenen erinnern wir entweder in dem Alter, in dem sie starben, oder wir erinnern uns an viele Lebensalter.

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  7. So schöne Impressionen liebe Gerda! Mit dem Glauben hab ich nix am Hut von daher kann ich da nicht mitreden! 😉

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  8. Melina/Pollys schreibt:

    An mir ist der Totensonntag völlig vorübergegangen – weiß gar nicht dass er heute war und auch nicht was er soll. An die Toten denken an einem einzigen Tag im Jahr – seltsam. Und ich bin ganz nachdenklich geworden über Dein Schauen, dass die Erinnerung an Menschen die Du kanntest ja eigentlich viele Alter haben, die eben in Altern wo man sie kannte und das zu verschiedenen Zeiten. So ist es natürlich für mich auch, danke für das bewusst machen. Ja Zeit ist ohnehin eine Illusion und relativ.
    Wenn Menschen in meinem Umfeld sterben, so gehe ich für die Angehörigen auf die Trauerfeier oder die Beerdigung – um SIE zu stützen an diesen schweren Tagen des Abschieds, die Toten brauchen keine Begleitung zu den Gräbern. Vielleicht eine kleine Meditation um sie ins Licht zu begleiten, das macht für mich eher Sinn…. Nun ja, so Bräuche, an die sich die Menschen hängen, die sie halt „noch“ brauchen.

    Gefällt 3 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Schön, Melina, dass du daraus noch etwas für dich gewinnen konntest.
      Die Menschen, die zurückbleiben, brauchen sehr oft Stützung, und dafür gibt es auch die Trauerrituale. Dagegen wollte ich wirklich nichts sagen. Aber wer trauert, trauert nicht an einem dafür festgesetzten Tag, sondern ständig, bis er es eben schafft, wenn er es schafft, den Verstorbenen loszulassen.
      Der Verstorbene braucht manchmal auch Unterstützung, das weiß ich vom Aufstellen her. Besonders Menschen, die plötzlich sterben, zB durch einen Unfall, sind manchmal nicht in der lage zu begreifen, dass sie nun keinen Körper mehr haben, und hängen im „Zwischenreich“ fest. Aber das ist ein kompliziertes Thema, das ich hier nicht ausführen kann. Und jedenfalls ist es nicht mit einem Gedenktag getan. LG Gerda

      Gefällt 3 Personen

      • Melina/Pollys schreibt:

        Ja, genau, deshalb schrieb ich auch von einer Meditation für den Übergang. Hab darüber auch schon viel gelesen zB. beim Michael Newton, der Hypno- und Reinkarnationstherapeut und Forscher ist, der Menschen dabei über den Tod hinaus, ins Jenseits und auch in die vorherigen Leben führte, ein sehr interessantes Buch.

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    • gkazakou schreibt:

      Danke für den Buchtipp, könnte mich interessieren!

      Gefällt 1 Person

  9. Deine Gedanken zu den Lebenden und den Toten kann ich voll und ganz unterstreichen. Sie leben in den wichtigen Situationen der verschiedenen Begegnungen. Der Unterschied ist der, dass es bei Lebenden noch weitere Begegnungen und entsprechende Bilder in der Erinnerung geben kann.

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