Wir waren in Kalamata, um Nahrungsmittel einzukaufen. Anderes gibt es nicht während des Shutdown. Sogar in den Supermärkten sind die Abteilungen, wo man Bücher oder Zeichenblöcke, Kochtöpfe oder Koffer, Unterwäsche, Hausschuhe oder Trainingsanzüge, Gartengeräte oder Gartenzwerge erstehen konnte, mit Planen zugedeckt. Warum? Um den Wettbewerb mit den entsprechenden kleinen Geschäften, die zumachen mussten, nicht zu verzerren. Inzwischen gewinnen die online-Verkäufer.
Während mein Mann die Einkäufe erledigte, schlenderte ich, als ginge der lockdown mich nichts an, hinüber zum Bahnhofsmuseum. Unterwegs fiel mein Blick auf einen Haufen Kartons, ich griff mir einen als Zeichenkartonersatz und setzte mich in den Schatten einer Lok, kritzelte ein bisschen auf dem welligen Pappstück.
So masken- und grundlos auf dem Treppchen einer Lok sitzend und zeichnend, wollte ich am liebsten nicht gesehen werden. Denn das ist verboten. Mach deine Erledigungen und begebe dich dann schnellstens heim. Aber da kam eine junge Frau vorbei. „Gerda?“ rief sie erfreut. Ah, es war Hara („Freude“), 21 ist sie und Studentin. Zusammen spazierten wir ein Stück durch den sonnigen Museumspark, tauschten uns darüber aus, wie wir diese Zeit erleben.
Nach dem Einkauf fuhren wir bei einer Garküche vorbei, die zwar nicht als Taverne öffnen, aber das gekochte Essen in Alufolien-Schälchen an Kunden abgeben darf. Auch mit dem befreundeten Tavernenbesitzer und Koch, etwa 50 und Vater dreier kleiner Buben, tauschten wir uns aus darüber, wie wir diese Zeit erleben.
Ich schlug vor, uns am nahegelegenen Hafen auf eine Bank zu setzen und dort die Speisen zu uns zu nehmen – um des Tapetenwechsels willen. Aber der Wirt riet uns ab: die Polizei kontrolliert dort am Hafen, und es ist verboten, sich auf die Bänke zu setzen
Auf dem Rückweg fuhr ich an unsere Tankstelle heran, tankte und … tauschte mich, während ich aufs Füllen wartete, mit der Tankstellenbesitzerin, einer etwa 68 gutmütigen Frau mit Kindern und Enkeln, darüber aus, wie wir diese Zeit erleben.
Dann hielten wir noch beim Bäcker, und während ich am Steuer des Autos wartete, parkte neben wir ein anderer Wagen ein. Eine Uraltbekannte stieg aus. Ihr Mann hat uns vor 20 jahren unser Haus gebaut. Sie ist ca 60, kürzlich verwitwet, mit drei halbwegs erwachsenen Kindern, führt jetzt das Unternehmen. „Wie habe ich dich erkannt?“ fragte ich sie verblüfft, denn außer einer eng anliegenden Gesichtsmaske trug sie eine Sonnenbrille. Sie lüftete die Maske, nahm die Brille ab und lachte mich an. Und … wir tauschten uns aus darüber, wie wir diese Zeit erleben.
Und so kam ich auf die Idee, ein Dossier anzulegen: „Wie wir diese Zeit erleben“. Keine eigene Spekulation, keine Interpretation, keine Zahlen, keine Theorien, sondern ein einfaches Hinschreiben dessen, was mir die anderen sagen.
Das also ist mein „neuer Weg“ hinsichtlich der Coronafrage: nicht von mir und meiner Perspektive werde ich erzählen, sondern von dem, was andere mir über ihre Situation und ihr Lebensgefühl sagen.
Das Format dieser Protokolle ist denkbar einfach: Ich stelle den Sprecher, die Sprecherin vor nach Geschlecht, Alter, Familienverhältnissen, soziökonomischer Lage. Dann folgen ihre Aussagen in Ich-Form. Ich werde freilich nicht mit dem Mikrophon herumgehen, sondern in meinem Gedächtnis niederschreiben, was sie mir zu sagen haben. Was immer ich aufschreibe, ist kein wörtliches Zitat, sondern ein stark eingedampftes Extrakt von dem, was ich behalten und verstanden habe.
Beispiel A
Frau, ca 60, verwitwet, zwei Töchter, ein Sohn, die jetzt junge Erwachsene sind. Der Sohn und eine Tochter haben im Ausland studiert, die andere Tochter in Athen, alle wohnen jetzt bei der Mutter. Sie führt ein kleines Bungalow-Hotel als Familienbetrieb, vermittelt Grundstücke, nutzt Räume für Joga und andere Aktivitäten, besitzt sicher auch ein paar Grundstücke und hat einige Ersparnisse.
„Wir haben kein Einkommen jetzt, auch keine Unterstützung vom Staat. Nichts. Also schränken wir uns ein und warten auf bessere Zeiten. Uns geht es gut, denn wir sind eine fröhliche Familie, die zusammenhält“.
Beispiel B
Frau, 21 Jahre alt, studiert in Athen, lebt jetzt, wie auch ihr Bruder, der ebenfalls als Student in Athen eingeschrieben ist, bei ihren Eltern in Kalamata. Die Athener Wohnung wurde aufgegeben.
„Ich fühle mich eingeschlossen, wie in einem Käfig. Meine Mutter bekommt von der Situation nicht viel mit, denn sie arbeitet normal (Apothekerin), aber mein Vater ist übel gelaunt und manchmal unerträglich, weil er nichts zu tun hat (er ist Fußballtrainer und arbeitet mit Jugendlichen) und kein Einkommen hat. Die Stimmung zu Hause ist sehr angespannt. Ich weiß oft nicht ein noch aus. Ich sitze herum, kann mich auf nichts konzentrieren. Um auf andere Gedanken zu kommen, habe ich schon vier Zeichnungen angefangen, aber keine zu Ende gebracht. Ich habe keine Hoffnungen, keine Perspektive. Was soll aus uns noch werden?“
Beispiel C
Mann, ca 50, verheiratet, drei kleine Kinder, als Koch international ausgebildet, arbeitet zusammen mit seiner Frau in eigener kleiner Taverne-Garküche. Er ist Hauseigentümer, seine Herkunftsfamilie war recht wohlhabend.
„Manchmal weiß ich nicht weiter. Ich kämpfe gegen Depressionen. Unsere Arbeit deckt gerade die Unkosten – Strom, Wasser, Angestellte, Steuern und Versicherungen -, für uns bleibt nichts übrig. Hätten wir nicht noch andere Einkünfte, ginge es gar nicht. Die Situation der Kinder ist schwierig, weil wir beide arbeiten. Ich habe keine Zeit, mich um sie zu kümmern, bin nur am Rennen. Es ist wie beim Fahrradfahren – du strampelst den Berg hoch, pausenlos, und dann kriegst du einen Platten, darfst schieben, solange du eben Atem hast.“
Beispiel D
Geschäftsfrau, ca 68, verwitwet, betreibt eine Tankstelle, ihre zwei Söhne arbeiten im Betrieb mit.
„Wir kommen hin, ich beklage mich nicht. Wir haben zu tun, nicht so viel wie vorher, aber immerhin. Von dieser Tankstelle leben mehrere Familien, und solange sie läuft, geht es. Aber wielange gehts noch? Den jungen Leuten gehts nicht gut, sie haben keine Perspektive, sie tun mir leid. Viele werden depressiv.“
Beispiel E:
Frau, 55, geschieden, Mutter zweier Söhne, arbeitslos, lebt von der Arbeitslosenunterstützung und von Zuwendungen ihrer Mutter. Der Ex-Mann lebt in Zypern und ist ebenfalls arbeitslos. Der ältere Sohn ist in einer mittelgriechischen Uni eingeschrieben, der andere geht aufs Gymnasium, 12. Klasse. Beide Söhne leben jetzt in ihrem Haushalt.
„Es ist schwierig, denn die Unternehmen, die größere Projekte in Angriff nehmen wollten, haben zurückgesteckt, niemand stellt ein (sie ist Agrarwissenschaftlerin). Der ältere Sohn vertrödelt seine Tage, anstatt endlich seine Flügel zu öffnen, der jüngere leidet darunter, dass er seine Kumpels nicht sehen kann (auf der Oberstufe ist Fernunterricht), er kann keinen Sport betreiben, das Institut für den Nachmittagsunterricht, das er umsonst besuchen durfte, ist geschlossen. Ich bin sicher, dass es immer schlimmer wird. So viele Unternehmen gehen bankrott. Die Großen gewinnen zu und die Kleinen gehen zugrunde. „