Till Eulenspiegel : Autobiographisches zu bebilderten Kata-Strophen

Dass ich schon in jungen Jahren eine Kata-Strophen-Dichterin war, hatte ich fast vergessen. Und doch ist es wahr. Meine Nichte schickte mir ein wieder aufgefundenes Heft, das ich mit 12 Jahren verfasste: Vier gereimte „Bilder“ über Till, der die Anweisungen des Bauern allzu wörtlich nahm.

Das Stückchen wurde von meiner Klasse einstudiert und mit großem Erfolg aufgeführt! Die Hauptrolle spielte meine reizende sehr bewegliche Mitschülerin Gisela, an die anderen Besetzungen erinnere ich mich nicht. Zu meinem Kummer durfte ich nicht mitspielen, sondern sollte „Regieassistentin“ sein. War ich als Schauspielerin nicht zu brauchen? fragte ich mich betrübt.

Damals befestigte sich wohl mein dann im Abitur geäußerter Wunsch, „Dramaturgin“ zu werden. Ich belegte „Theaterwissenschaften“ in Tübingen. Bei einer Studententruppe übte ich zudem drei Nebenrollen in einem expressionistischen Stück von Barlach ein, das dann aber glücklicherweise nie  zur Aufführung kam. Denn meine Angst, den Einsatz zu verpassen, ließ mich nicht schlafen.

Befriedigender war es, in den winzigen Kellertheatern von Tübingen und Reutlingen avantgardistische Stücke anzusehen. Meinen Traum, richtige Theaterstudien zu machen, hoffte ich, in Berlin realisieren zu können. Da ich bei Studienbeginn 1961 noch nicht volljährig war (das wurde man damals erst mit 21) und Berlin grad seine Mauer verpasst bekam, hatte ich nicht dort beginnen dürfen. 1963 war ich dann endlich in Berlin, aber die „Theaterwissenschaften“ erwiesen sich erneut als Flopp. Blieb der fast tägliche  Besuch in Theatern. So entdeckte ich auch die 1962 gegründete Schaubühne am Halleschen Ufer, die als Mitbestimmungstheater funktionierte und immer am Rande des Bankrotts stand. (Später zog sie an den Lehniner Platz um und wurde unter Peter Stein zum bedeutendsten Theater Berlins.) Ich aber wandte mich mehr und mehr einem anderen Theater zu, das sich in Berlin zu entfalten begann. Das Stück hieß „Studentenrevolte“, und ich spielte zuerst als Sprecherin des Romanischen Seminars (1965-66) und dann auch als Mitglied des FU-AStA (1966-67) in ehrenhaften Nebenrollen mit.

(Zum Vergrößern bitte anklicken)

 

Und so wurde ich keine Schauspielerin und auch keine Dramaturgin, sondern blieb eine Kata-Strophen-Dichterin.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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8 Antworten zu Till Eulenspiegel : Autobiographisches zu bebilderten Kata-Strophen

  1. Gisela Benseler schreibt:

    Gerda, Deine veschiedenen Eulenspiegel-Gestalten sind einfach – dramaturgisch betrachtet sowie künstlerisch – “ große Klasse“.

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  2. Ulli schreibt:

    So was von toll!
    Hast du nicht in deinem letzten Beitrag mit deinen Kindheitserinnerungen gesagt, dass du als Kind eigentlich nicht zeichnen konntest? Fand ich da schon nicht und jetzt schon dreimal nicht, was für eine Gestaltung für eine 12Jährige. Chapeau.
    Herzlichst, Ulli

    Gefällt 4 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Danke, Ulli! Jetzt sehe ich das auch, damals und all die Jahre danach sah ich es nicht. Meine Sprachinteligenz wurde gesehen und anerkannt, nicht aber meine bildgestalterische. Erst als ich in Griechenland war und eigentlich fast zufällig fing diese meine Ader an sich zu beleben.

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  3. wildgans schreibt:

    Gestaltende Künste. Wunderbar. Da bahnte sich was an. Ziemlich gewaltig! Meine Glückwünsche-
    in der Nacht- von Sonja

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  4. Ule Rolff schreibt:

    Du warst ganz offensichtlich auch bildnerisch ein begabtes Kind. Wie abhängig wir in unserer Entwicklung doch von der Förderung durch andere, meist erwachsene Menschen sind.

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    • gkazakou schreibt:

      Ja, das ist wahr. es ist traurig zu sehen, wieviel ungefördert bleibt oder sogar unterdrückt wird. Kinder sind so genial, wenn man sie betreut wie einen Garten. aber wer hat dafür schon die Zeit? Auch ich hatte sie nicht als Mutter. Als Oma, ja, da wäre mehr möglich.

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  5. Toll, liebe Gerda, Deine Tillgeschichte.
    Deine gestalterische Begabung zeigte sich schon früh.

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