Sophia (Name geändert) erzählt mir am Ende einer therapeutischen Sitzung einen Traum. Was, so will sie wissen, bedeutet dieser Traum?
Nun bin ich keine Traumdeuterin, sondern so etwas wie eine Lebensberaterin und Therapeutin. Dabei arbeite ich mit verschiedenen Instrumenten, von denen eine die „Wortaufstellung“ ist. Mit ihrer Hilfe verstehe ich tiefer, was meine BesucherInnen meinen, wenn sie etwas erzählen.
Ich mache diese Arbeit seit vielen Jahren und immer noch fast täglich, habe daher das Bedürfnis, in diesem meinem Tagebuch ein wenig davon zu erzählen. Doch wie kann ich das? Schwer ist es, therapeutische Prozesse in Worte zu fassen! Andere haben es versucht, haben dicke Bücher drüber geschrieben, Schulen begründet, aber ich meine, damit haben sie dem lebendigen Prozess, der sich in keiner Sitzung gleicht, ein Zwangskorsett verpasst. Wenn du zB Freuds Traumdeutung für bare Münze nimmst, dann wirst du in jedem Traum eine Erfüllung der in früher Kindheit verdrängten sexuellen Wünsche sehen. Oder wenn du Vertrauen in C.G.Jung hast, wirst du die Traummotive im Buch der Symbole nachlesen und meinen, nun verstanden zu haben.
Rahmen: Sophia, verheiratet mit kleinen Kindern, enttäuscht von ihrem Mann und unerfüllt in ihrer Sexualität, ist für M, einen Freund der Familie entbrannt – und er, ebenfalls verheiratet mit Kindern, ist für sie entbrannt. Jedesmal, wenn sie sich sehen, brennen sie lichterloh. Aber natürlich wissen sie, dass es schwere Verwerfungen zur Folge hätte, wenn sie ihrer Leidenschaft nachgeben. Sophia versucht daher seit kurzem, die Begegnung mit M zu vermeiden. Aber es fällt ihr sehr schwer.
Traumerzählung: Eines Nachts träumt sie einen sehr prägnanten Traum. Ihr Mann, so erzählt sie mir, sei mit einem Sarg heimgekommen und habe zu ihr gesagt: „M ist gestorben“. Sie sei erschüttert gewesen. Aber als sie den Sarg geöffnet habe, sei er leer gewesen. Gemeinsam mit ihrem Mann habe sie den leeren Sarg im Garten bestattet. Am Morgen habe sie vom vielen nächtlichen Weinen verquollene Augen gehabt.
Wie gehe ich nun vor?
Bevor ich den Traum zu deuten versuche, möchte ich verstehen, was das Wort „Traum“ für Sophia überhaupt bedeutet.
(Die folgenden Skizzen habe ich aus einer den Beratungsprozess begleitenden Skizze digital herausdestilliert)

Tagtraum. eine helle befriedigende Welt
Ich trete an den Rand des blauen Flokati, den ich als „Sophias Bewusstseinsfeld“ definiert habe. Ich sage: Was bedeutet „Traum“ für Sophia? und betrete ihr Feld. Sogleich fühle ich Leichtigkeit, es heben sich meine Arme und Hände auf Schulterhöhe, ich umfasse ein lichtes Feld um und oberhalb meines Kopfes, lächle, bin selig. Am liebsten möchte ich tanzen.
Das also bedeutet „Traum“ für Sophia!! Etwas Leichtes, Seliges, Heiteres! Ja, sagt sie: ich träume viel, fast immer, den ganzen Tag. Aha, sie tagträumt, wodurch sie dem tristen Alltag eine freundliche Note geben kann? Für solche Tagträume würde Freuds Definition ganz gut passen: Wunscherfüllung.
Aber ihr nächtlicher Traum, wie passt der dazu? Er war ja eher das Gegenteil von Wunscherfüllung. Er sah mir sehr nach der Opferung eines Wunsches aus: Der erträumte Geliebte ist tot, ihr Ehemann verkündet es ihr, zusammen beerdigen sie den leeren Sarg und sie trauert und weint.

Tag- und Nachttraum als Spiegelung
Offenbar gibt es verschiedene Bedeutungen von „Traum“.
„Nehmt uns nicht unsere Träume!“ ist ein oft gehörter Aufschrei der Jugend. In Griechenland gilt diese Form des Träumens als lebenswichtig, als das Wichtigste überhaupt. Dieses Träumen kann sich auf die eigenen Lebensziele richten, aber auch auf die gesellschaftlichen Verhältnissse beziehen (M.L.King; „I had a dream“) und das gesamte Weltall umfassen. („Mutig träumen“ in Ullis Cafe Weltenall).
Enttäuschung und Bitterkeit des alternden Menschen sind oft nichts anderes, als dass er seine jugendlichen „Blütenträume“ (Goethe, Prometheus) vergleicht mit dem im Leben Realisierten.
Sophia ist eine kluge Träumerin. Was sich in ihrem Tagtraum als lichte, erfreuliche Wunscherfüllung zeigt, verkehrt sich im Nachttraum zum Opfer. Doch sie hat, bevor sie Abschied und Trauer träumen konnte, es in einem Teil ihres bewussten Ich bereits vorbereitet: Sie hat sich entschlossen zu verzichten. Aber es tut noch sehr weh: ach, ihr erträumter Geliebter, gestorben ist er – nein, nicht er ist gestorben, der Sarg ist leer, tot ist er nur in Bezug auf sie selbst, sie muss Abschied nehmen, und es ist ein gewaltiger Schmerz.
Warum nenne ich dies Träumen klug?
Weil Sophia sich nicht dauerhaft in leeren Träumen verzehrt, sondern klaren Kopfes auf den Tagtraum verzichtet und den Schmerz im Nachttraum ersatzweise durchleidet. Sie wird, wenn sie alt ist, nicht vor den Trümmern unerfüllter Träume stehen, sondern auf dem Boden eines erfüllten Lebens.
Wie das geht? Nun, die Kräfte des unerfüllten Tagtraums müssen sich in kompensatorische Tat verwandeln.
Hier siehst du die drei Phasen, die ich aus der den Beratungsprozess begleitenden Skizze herausgefiltert habe: a) Tagtraum b) Tag- und Nachttraum als Spiegelung c) Umkehrung-Umwandlung.

In der dritten Skizze (c) siehst du, wie die Armbewegung, mit der der lichtvolle Raum der Hoffnungen und Träume umfasst wurde (a), sich umkehrt. Das Licht wird durch die Arme auf den Boden geführt, aus dem nun allerlei Saaten sprießen: Kinder, Häuslichkeit, Familienglück, soziale Tat, Wohlstand. Der finstere Sarg des umgekehrten Tagtraums (b) – Tod, begraben, Trauer – wird zum beherrschbaren Boot. Und immer, immer wieder kann der Bootsmann, die Bootsfrau hinaufgreifen in den lichten Raum der Träume und das Licht in seiner Brust ganz bewusst verwandeln in Segen für das eigene Leben, die Erde und alles, was drauf wächst.

Die Originalskizze, die während des Beratungsprozesses entstand, sieht übrigens so aus:
