Dora zum ErstenDritten: Woher hast du die Bilder?

„Was machst du da eigentlich die ganze Zeit?“ fragt mich Dora. „Du liest und runzelst die Stirn. Hast du nichts Besseres zu tun? Ich langweile mich.“

„Langweile dich ruhig ein bisschen“, sage ich. „Besser mal nicht so viel Aktivität, hier bei uns. Mir schwirrt schon der Kopf von all der Aktivität, die da draußen tobt.“ – „Wo da draußen?“ will Dora wissen. „Ich sehe nichts als einen trüben Tag. Langweilig eben“.- „Nun, vielleicht nicht da draußen, sondern hier drinnen“, sage ich und klopfe an meinen Kopf. – „Was ist dadrinnen?“ – „Bildersturm, Menschenansammlungen, Kriegsgeschrei. Sirenen, Panzer, brennende Häuser, weinende Kinder, tote Soldaten…“ – „O, interessant! Darf ich mal reingucken in deinen Kopf?“  „Meinetwegen, Dora, aber sehen wirst du da nichts. Gedanken sind ja unsichtbar.“ – „Aber du siehst doch Bilder, oder?“ – „Ja, schon, liebe Dora. ICH sehe sie, aber ein anderer kann sie nicht sehen.“ – „Und woher hast du die Bilder, die du in deinem Kopf siehst?“ .

Eine gute Frage. Woher habe ich die Bilder in meinem Kopf? Also von Draußen jedenfalls nicht, da hat Dora recht. Da gibt es nur einen etwas trüben Tag zu sehen. Und von hier drinnen sind sie auch nicht, der Raum ist möbliert wie immer und zu dieser Nachmittagsstunde vollkommen ruhig. Woher also habe ich die Bilder in meinem Kopf?  TV-Übertragung von Kriegsszenen? Aber ich sehe ja nicht fern. Erinnerungen? Werden Wörter zu Bildern? EinBildungen?

Zum Glück gibt es Dora, die meine Grübeleien unterbricht. „Komm schon! Draußen ist es gar nicht so schlecht. Schau mal, das Gras! Wie hoch es steht! Und der Ginster blüht auch“

 

 

Veröffentlicht unter Collage, die schöne Welt des Scheins, Dora, Erziehung, Fotocollage, Geschichte, Krieg, Leben, Meine Kunst, Natur, Psyche | Verschlagwortet mit , , , , , , | 8 Kommentare

Natur II (Themenwort der Woche)

Eigene Bilder zu dem, was ich hier auszudrücken versuche, habe ich nicht. Also nehme ich ein Video, das ich bei der WELT fand. Ich hoffe, das ist erlaubt. Sonst entferne ich es natürlich.

Sind diese Tötungsmaschinen Natur? Wenn nicht, was dann? Der Mensch (Natur), der Materialien, der Natur abgerungen, in hoch komplizierte Maschinen zu verwandeln und zu handhaben versteht und bereit ist, sie gegen andere Natur (Menschen, Umwelt) einzusetzen – folgt er seiner Natur? Ist er Natur?

Ist der Mensch Natur oder Nicht-Natur? Anti-Natur? Verfügt er über etwas, über das andere Naturwesen nicht verfügen? Geist, Intelligenz, Vernunft, Dummheit? Deine Gedanken dazu interessieren mich.

Da es sich nicht um ein eigenes Foto handelt, verlinke ich es nicht mit Wortmans Themenwort-Projekt.

ps. Ich habe das Thema „Panzer“ natürlich aus aktuellem Anlass gewählt. Dazu auch Waffenhandel – deutsche Waffe als Exportschlager, bei Planet Wissen. :

Veröffentlicht unter Geschichte, Krieg, Materialien, Natur, Philosophie, Technik, Tiere, Umwelt | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | 37 Kommentare

Wortmans Themenwort „Natur“: Was ist das?

P10 Themenwort W#05

Um zu verstehen, was Natur ist, muss ich verstehen, was nicht Natur ist. Gibt es Nicht-Natur? Ist nicht auch der Drahtzaun, in den sich ein nun abgestorbener Efeu hineingearbeitet hat, Natur? Eisen, Rost, Holz…

Drahtzaun und Efeu bilden samt dem glucksenden Wasser im Hafenbecken, der diesigen Luft, den Segelbooten, dem Wind, dem Klingklang der Masten, dem Geruch aus der Taverne daneben, dem Mauzen der Katze… eine „natürliche Umwelt“ als Technik-Natur. Reine Natur gibt es nicht oder richtiger: ich habe keinen Zugang dazu. Wenn ich irgendwo bin, gar fotografierend, ist es aus mit der reinen Natur.

Veröffentlicht unter Allgemein, Fotografie, Leben, Materialien, Natur | Verschlagwortet mit , , , , | 18 Kommentare

Dora zum AchtundzwanzigstenZweiten: Blume

Zur Begrüßung überreichte mir Dora heute eine rote Anemone. „Guten Morgen und Gute Woche!“ krähte sie fröhlich. Da glätteten sich meine Gesichtszüge, und die eben noch sorgenvoll-mürrisch nach unten hängenden Mundwinkel hoben sich zu einem Lächeln. „Welcome!“ sagte ich, und „Welco…“ echote die Fußmatte.

Guten Morgen – und eine Gute Woche allseits!

Veröffentlicht unter Collage, die schöne Welt des Scheins, Dora, Fotocollage, Leben, Meine Kunst, Natur, Psyche | Verschlagwortet mit , , , , , | 3 Kommentare

Dora zum SiebenundzwanzigstenZweiten: Katzen

„Willst du etwa auch Katzenpflegerin werden?“ frage ich Dora, die im oberen Dorf stehenbleibt und sich nicht mehr von der Stelle rührt, als sie zwei Katzen auf einer Bank entdeckt. „Wieso auch?“ fragt Dora. „Nun, Will.ie, also deine Vorgängerin, wollte Katzenpflegerin werden. Schau mal hier ….“ und ich ziehe das Handy heraus, um ihr Max zu zeigen, von Will.ie betrauert…

und Prinkipessas Katzenkinder, die Will.ie betreuen wollte (hier).

„Und?“ fragt Dora. „War Will.ie eine gute Katzenpflegerin?“ – „Ja und nein“, antworte ich betrübt. „Sie war ja viel unterwegs, und leider passierte dann dies und das, und weder Max noch die Kleinen von Prinkipessa sind am Leben. Nur Mama Prinkipessa selbst, die du  kennst, ist uns geblieben.“

„Sie hätte eben aufpassen müssen, anstatt in der Welt rumzureisen“, sagt Dora streng. „Ich passe jetzt mal auf diese beiden auf, ja? Sonst passiert denen auch noch dies und das. Du kannst schon mal weitergehen.“ Was ich tue. Dann drehe ich mich erschrocken um: „Dora, bitte!“ rufe ich. „Komm ja nicht auf den Gedanken, mir diese Katzen als Geschenk mitzubringen! Sie sind zwar reizend, aber: Mir reicht Prinkipessa! Wirklich!“

 

Veröffentlicht unter Dora, Erziehung, Fotocollage, Fotografie, Leben, Reisen, Tiere | Verschlagwortet mit , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Dora zum SechsundzwanzigstenZweiten: Orthodoxes Christentum

Beim Spazierengehen in Kalamata – die Sonne schien so schön, und alle Häuser und Mauern erfreuten das Auge – kam ich auch an einer schmucken Kirche vorbei. Die Kirche steht auf einem ruhigen begrünten Platz abseits des starken Verkehrs. Ich stand, schaute und fotografierte. Ein Mann – der Wächter der Kirche und der Kerzen – machte eine einladende Geste, und so ging ich hinein, um ein wenig zu beten für die, die in den Wirren der Kriegs geistige Unterstützung brauchen können.

Ich gehöre keiner Kirche an, aber meine Sympathie gilt der altehrwürdigen griechisch-orthodoxen Richtung des Christentums, dessen Zentrum, das Ökumenische Patriarchat, „wie immer schon“ in Konstantinopel, heute Istanbul liegt.

Für die Kirchenleute vergehen die Zeiten langsamer als für unsereinen. Hundert Jahre ist nichts. Tausend Jahre dauerte das griechischsprachige oströmische Reich, heute Byzanz genannt. Und so wunderte es mich auch nicht, dass die sorgfältige Ikonografie in dieser recht kleinen Kirche von Kalamata der des Klosters von Chora in Istanbul gleicht.

Nun, natürlich kommt die Kopie nicht an die Qualität des Originals heran.

Auferstehungs-Fresco im Kloster Chora, Istanbul

Aber hier geht es nicht um Kunst, sondern um die Überlieferung des immer Gleichen  durch die Jahrhunderte und Jahrtausende hindurch. Alle Religionen ziehen ihre Kraft aus dem Ritual, aus der immer wiederholten Abfolge von Handlungen, Bildern, Worten. Das Ritual ist das Gefäß, in dem der kostbare Inhalt weitergereicht wird, auch wenn er schon längst nicht mehr verstanden wird. Die Priester sind die Hüter dieses Gefäßes.

Manche verlangen von der Kirche, sie solle sich den Zeitläuften anpassen. Die Orthodoxie verweigert sich solchen Ansinnen – und genau das gefällt mir an ihr. Entweder man lässt sich ein auf die nun schon sehr alten überlieferten Formen und Inhalte oder man lässt es bleiben. Will der Mensch sich ändern – so mag er das tun. Die Kirche aber bleibt, was sie war. Und sie hält die Türen offen für den, der sie andächtig oder neugierig durchschreiten will.

Ich also durchschreite die Tür, Dora auf der Schulter. Sie schaut und staunt, denn es ist die erste Kirche, die sie sieht. „Was sind das für Leute?“ kräht sie und zeigt auf eine Taufszene. „Und warum ist er nackt und steht auf einer Rutschbahn? Und der andere…“ – „Psst!“ mache ich und flüstere: „In Kirchen darf man nicht laut reden, Dora. Schau jetzt einfach mal. Ich erklär es dir nachher!“

Aber als wir draußen sind, interessiert sich Dora nicht mehr für die gemalten Leute, sondern ist nun scharf darauf, auf einer der hohen Palmen zu schaukeln, die es auch an diesem Platz gibt. Dora ist eben ein Kind unserer Zeit.

 

Veröffentlicht unter alte Kulturen, Architektur, Dora, Erziehung, Fotocollage, Fotografie, Geschichte, Krieg, Leben | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 7 Kommentare

Henry Kissinger zur Ukraine (Erweiterung des Debattenraums)

Den folgenden Meinungsbeitrag über die Ukraine schrieb Henry Kissinger vor acht Jahren. Er wurde am 5. März 2014 in der Washington Post veröffentlicht. Kissinger war sicher einer der klügsten und vorausschauendsten Politiker, die die USA je auf einem Regierungsposten hatten. In diesem Text steht eigentlich alles drin, was hätte richtig gemacht werden können, aber falsch gemacht wurde.  – Ich frage mich: Was würde Henry Kissinger heute vorschlagen, damit die Ukraine ihren Frieden findet?

———————————————————————————————————

Unter dem englischen Originaltext findest du eine Google-Übersetzung ins Deutsche, in der ich die wichtigsten Punkte betont habe. Ganz zum Schluss  habe ich einiges zur Person des Autors und zur Entwicklung der Ukraine 2013-14 zusammengetragen.

——————————————————————————————————–

Henry Kissinger: To settle the Ukraine crisis, start at the end
By Henry A. Kissinger March 5, 2014

Public discussion on Ukraine is all about confrontation. But do we know where we are going? In my life, I have seen four wars begun with great enthusiasm and public support, all of which we did not know how to end and from three of which we withdrew unilaterally. The test of policy is how it ends, not how it begins.

Far too often the Ukrainian issue is posed as a showdown: whether Ukraine joins the East or the West. But if Ukraine is to survive and thrive, it must not be either side’s outpost against the other — it should function as a bridge between them.

Russia must accept that to try to force Ukraine into a satellite status, and thereby move Russia’s borders again, would doom Moscow to repeat its history of self-fulfilling cycles of reciprocal pressures with Europe and the United States.

The West must understand that, to Russia, Ukraine can never be just a foreign country. Russian history began in what was called Kievan-Rus. The Russian religion spread from there. Ukraine has been part of Russia for centuries, and their histories were intertwined before then. Some of the most important battles for Russian freedom, starting with the Battle of Poltava in 1709 , were fought on Ukrainian soil. The Black Sea Fleet — Russia’s means of projecting power in the Mediterranean — is based by long-term lease in Sevastopol, in Crimea. Even such famed dissidents as Aleksandr Solzhenitsyn and Joseph Brodsky insisted that Ukraine was an integral part of Russian history and, indeed, of Russia.

The European Union must recognize that its bureaucratic dilatoriness and subordination of the strategic element to domestic politics in negotiating Ukraine’s relationship to Europe contributed to turning a negotiation into a crisis. Foreign policy is the art of establishing priorities.

The Ukrainians are the decisive element. They live in a country with a complex history and a polyglot composition. The Western part was incorporated into the Soviet Union in 1939 , when Stalin and Hitler divided up the spoils. Crimea, 60 percent of whose population is Russian , became part of Ukraine only in 1954 , when Nikita Khrushchev, a Ukrainian by birth, awarded it as part of the 300th-year celebration of a Russian agreement with the Cossacks. The west is largely Catholic; the east largely Russian Orthodox. The west speaks Ukrainian; the east speaks mostly Russian. Any attempt by one wing of Ukraine to dominate the other — as has been the pattern — would lead eventually to civil war or break up. To treat Ukraine as part of an East-West confrontation would scuttle for decades any prospect to bring Russia and the West — especially Russia and Europe — into a cooperative international system.

Ukraine has been independent for only 23 years; it had previously been under some kind of foreign rule since the 14th century. Not surprisingly, its leaders have not learned the art of compromise, even less of historical perspective. The politics of post-independence Ukraine clearly demonstrates that the root of the problem lies in efforts by Ukrainian politicians to impose their will on recalcitrant parts of the country, first by one faction, then by the other. That is the essence of the conflict between Viktor Yanu­kovych and his principal political rival, Yulia Tymo­shenko. They represent the two wings of Ukraine and have not been willing to share power. A wise U.S. policy toward Ukraine would seek a way for the two parts of the country to cooperate with each other. We should seek reconciliation, not the domination of a faction.

Russia and the West, and least of all the various factions in Ukraine, have not acted on this principle. Each has made the situation worse. Russia would not be able to impose a military solution without isolating itself at a time when many of its borders are already precarious. For the West, the demonization of Vladimir Putin is not a policy; it is an alibi for the absence of one.

Putin should come to realize that, whatever his grievances, a policy of military impositions would produce another Cold War. For its part, the United States needs to avoid treating Russia as an aberrant to be patiently taught rules of conduct established by Washington. Putin is a serious strategist — on the premises of Russian history. Understanding U.S. values and psychology are not his strong suits. Nor has understanding Russian history and psychology been a strong point of U.S. policymakers.

Leaders of all sides should return to examining outcomes, not compete in posturing. Here is my notion of an outcome compatible with the values and security interests of all sides:

1. Ukraine should have the right to choose freely its economic and political associations, including with Europe.

2. Ukraine should not join NATO, a position I took seven years ago, when it last came up.

3. Ukraine should be free to create any government compatible with the expressed will of its people. Wise Ukrainian leaders would then opt for a policy of reconciliation between the various parts of their country. Internationally, they should pursue a posture comparable to that of Finland. That nation leaves no doubt about its fierce independence and cooperates with the West in most fields but carefully avoids institutional hostility toward Russia.

4. It is incompatible with the rules of the existing world order for Russia to annex Crimea. But it should be possible to put Crimea’s relationship to Ukraine on a less fraught basis. To that end, Russia would recognize Ukraine’s sovereignty over Crimea. Ukraine should reinforce Crimea’s autonomy in elections held in the presence of international observers. The process would include removing any ambiguities about the status of the Black Sea Fleet at Sevastopol.

These are principles, not prescriptions. People familiar with the region will know that not all of them will be palatable to all parties. The test is not absolute satisfaction but balanced dissatisfaction. If some solution based on these or comparable elements is not achieved, the drift toward confrontation will accelerate. The time for that will come soon enough.

 

Übersetzung ins Deutsche (google translator)

Die Betonungen habe ich zwecks besserer Lesbarkeit hinzugefügt.

Henry Kissinger:

Um die Ukrainekrise zu lösen, fang am Ende an!

In der öffentlichen Diskussion über die Ukraine dreht sich alles um Konfrontation. Aber wissen wir, wohin wir gehen? In meinem Leben habe ich vier Kriege gesehen, die mit großem Enthusiasmus und öffentlicher Unterstützung begonnen wurden, von denen wir alle nicht wussten, wie wir sie beenden sollten, und von denen wir uns einseitig zurückgezogen haben. Der Test der Politik ist, wie sie endet, nicht wie sie beginnt.

Viel zu oft wird die ukrainische Frage als Showdown hingestellt: ob die Ukraine dem Osten oder dem Westen beitritt. Aber wenn die Ukraine überleben und gedeihen soll, darf sie nicht der Außenposten einer Seite gegen die andere sein – sie sollte als Brücke zwischen ihnen fungieren.

Russland muss akzeptieren, dass der Versuch, die Ukraine in einen Satellitenstatus zu zwingen und damit die Grenzen Russlands erneut zu verschieben, Moskau dazu verdammen würde, seine Geschichte sich selbst erfüllender Zyklen gegenseitigen Drucks mit Europa und den Vereinigten Staaten zu wiederholen.

Der Westen muss verstehen, dass die Ukraine für Russland niemals nur ein fremdes Land sein kann. Die russische Geschichte begann in der sogenannten Kiewer Rus. Von dort verbreitete sich die russische Religion. Die Ukraine ist seit Jahrhunderten Teil Russlands, und ihre Geschichten waren bis dahin miteinander verflochten. Einige der wichtigsten Kämpfe um die russische Freiheit, beginnend mit der Schlacht von Poltawa im Jahr 1709, wurden auf ukrainischem Boden ausgetragen. Die Schwarzmeerflotte – Russlands Mittel zur Machtprojektion im Mittelmeer – ist langfristig in Sewastopol auf der Krim angemietet. Sogar so berühmte Dissidenten wie Aleksandr Solschenizyn und Joseph Brodsky bestanden darauf, dass die Ukraine ein integraler Bestandteil der russischen Geschichte und tatsächlich Russlands sei.

Die Ukraine ist erst seit 23 Jahren unabhängig; es war zuvor seit dem 14. Jahrhundert unter einer Art Fremdherrschaft gewesen. Es überrascht nicht, dass ihre Führer die Kunst des Kompromisses nicht gelernt haben, geschweige denn die historische Perspektive. Die Politik der Ukraine nach der Unabhängigkeit zeigt deutlich, dass die Wurzel des Problems in den Bemühungen ukrainischer Politiker liegt, widerspenstigen Teilen des Landes ihren Willen aufzuzwingen, zuerst von einer Fraktion, dann von der anderen. Das ist die Essenz des Konflikts zwischen Wiktor Janukowitsch und seiner wichtigsten politischen Rivalin Julia Timoschenko. Sie repräsentieren die beiden Flügel der Ukraine und waren nicht bereit, die Macht zu teilen. Eine kluge US-Politik gegenüber der Ukraine würde einen Weg suchen, wie die beiden Landesteile miteinander kooperieren können. Wir sollten Versöhnung anstreben, nicht die Vorherrschaft einer Fraktion. Russland und der Westen und am wenigsten die verschiedenen Fraktionen in der Ukraine haben nicht nach diesem Prinzip gehandelt. Jeder hat die Situation verschlimmert. Russland wäre nicht in der Lage, eine militärische Lösung durchzusetzen, ohne sich in einer Zeit zu isolieren, in der viele seiner Grenzen bereits prekär sind. Für den Westen ist die Dämonisierung von Wladimir Putin keine Politik; es ist ein Alibi für das Fehlen eines solchen. Putin sollte zu der Einsicht kommen, dass eine Politik der militärischen Zumutung ungeachtet seiner Beschwerden einen weiteren Kalten Krieg hervorrufen würde. Die Vereinigten Staaten ihrerseits müssen es vermeiden, Russland als einen Abwegigen zu behandeln, dem man geduldig die von Washington aufgestellten Verhaltensregeln beibringen muss. Putin ist ein ernsthafter Stratege – auf der Prämisse der russischen Geschichte. Das Verständnis von US-Werten und Psychologie ist nicht seine Stärke. Auch das Verständnis der russischen Geschichte und Psychologie war keine Stärke der US-Politiker.Die Führer aller Seiten sollten wieder Ergebnisse prüfen und nicht in Pose konkurrieren. Hier ist meine Vorstellung von einem Ergebnis, das mit den Werten und Sicherheitsinteressen aller Seiten vereinbar ist:

1. Die Ukraine sollte das Recht haben, ihre wirtschaftlichen und politischen Verbindungen, einschließlich mit Europa, frei zu wählen.

2. Die Ukraine sollte der NATO nicht beitreten, eine Position, die ich vor sieben Jahren vertreten habe, als sie zuletzt aufkam.

3. Der Ukraine sollte es freistehen, eine Regierung zu bilden, die mit dem ausdrücklichen Willen ihres Volkes vereinbar ist. Kluge ukrainische Führer würden sich dann für eine Politik der Versöhnung zwischen den verschiedenen Teilen ihres Landes entscheiden. International sollten sie eine mit Finnland vergleichbare Haltung einnehmen. Diese Nation lässt keinen Zweifel an ihrer starken Unabhängigkeit und kooperiert in den meisten Bereichen mit dem Westen, vermeidet jedoch sorgfältig institutionelle Feindseligkeit gegenüber Russland.

4. Es ist mit den Regeln der bestehenden Weltordnung unvereinbar, dass Russland die Krim annektiert. Aber es sollte möglich sein, das Verhältnis der Krim zur Ukraine auf eine weniger angespannte Basis zu stellen. (Anm. Die Annexion der Krim erfolgte zwei Wochen später). Zu diesem Zweck würde Russland die Souveränität der Ukraine über die Krim anerkennen. Die Ukraine sollte die Autonomie der Krim bei Wahlen stärken, die in Anwesenheit internationaler Beobachter abgehalten werden. Der Prozess würde die Beseitigung aller Unklarheiten über den Status der Schwarzmeerflotte in Sewastopol umfassen. Das sind Prinzipien, keine Vorschriften. Kenner der Region werden wissen, dass nicht alle für alle Parteien schmackhaft sein werden. Der Test ist nicht absolute Zufriedenheit, sondern ausgewogene Unzufriedenheit.

Wenn keine Lösung auf der Grundlage dieser oder vergleichbarer Elemente erreicht wird, wird sich das Abdriften in Richtung Konfrontation beschleunigen. Die Zeit dafür wird früh genug kommen.

– Ende des Textes –

______________________________________________________________

Anmerkungen:

Zur Person Henry Kissinger: Heinz Albrecht (Henry) Kissinger wurde 1923 in Fürth geboren, seine Familie emigrierte 1938 notgedrungen in die USA. 1944 kam er als junger Soldat erneut nach Deutschland, arbeitete nach Kriegsende bei der Aufspürung von NS-Kriegsverbrechern mit und unterrichtete in Krefeld. 1947 kehrte er in die USA zurück, studierte Politikwissenschaft und promovierte über die Neuordnung Europas unter Metternich. Geschätzt von den demokratischen Präsidenten Kennedy und Johnson, wurde er unter dem Republikaner Nixon 1968 US-Sicherheitsberater und 1973-1977  US-Außenminister. 1973 erhielt der den Friedensnobelpreis wegen seines Beitrags zur Beendigung des Vietnamkriegs. Eines seiner bemerkenswerten kurzen Statements: „Globalisierung ist nur ein anderes Wort für US-Herrschaft.“

Die Entwicklungen in der Ukraine 2013-2014: Im November 2013 begann der Maidan-Aufstand (Dazu der spätere Präsident der Ukraine Petro Poroshenko im Interview mit Lally Weymouth[43] „Am 11. Dezember (2013), als wir Victoria Nuland [Referatsleiterin des US-amerikanischen Außenministeriums] und die außenpolitische Sprecherin der EU Catherine Ashton in Kiew hatten, während dieser Nacht begann der Sturm auf den Maidan.“)

Auslöser der Studentenproteste war, dass der damalige Präsident Janukowytsch den Assoziierungsvertrag mit der EU nicht unterzeichnen wollte, da er eine Störung der lebensnotwendigen  Wirtschaftsbeziehungen zu Russland voraussah. Zudem war das Abkommen mit unpopulären Reformauflagen im industriellen Sektor und schweren Einschnitten in das Sozialsystem verbunden. (Anm: Nach Umfragen waren in den Jahren 2004 bis 2014 waren 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung für eine EU-Integration, ebenso viele waren für eine Annäherung an Russland. Die konkreten Bestimmungen des Assoziierungsvertrags waren den meisten unbekannt. Quelle Wikipedia)

Am 22. Februar 2014 wurde Janukowytsch seines Amtes enthoben und durch den Übergangspräsidenten Turchinov ersetzt.  Eine neue Regierung unter Jazenjuk wurde am 26. Februar vereidigt. (Anm: Jazenjuk gründete 2007 die Open Ukraine Foundation, unterschrieb als Parlamentspräsident 2008 einen Antrag auf NATO-Mitgliedschaft seines Landes und lehnte als MP jede Form von Föderalismus ab).

Am 18. März 2014 annektierte Russland die Krim.

 

Veröffentlicht unter Erweiterung des Debattenraums, Geschichte, Katastrophe, Krieg, Politik, schreiben | Verschlagwortet mit , , , , | 28 Kommentare

Im „Zentrum der Neuen Menschheit“ (kleine Beobachtungen)

Der verflixte achte Tag mit Will.i – modus vivendi

Bei unserer Wanderung kommen wir an dem Rundbau vorbei, der leer und geisterhaft eine Anhöhe über der Küste bewacht.  Bisher kannte ich nur den ortsüblichen Klatsch über den „verrückten“ griechisch-amerikanischen Erbauer, und den erzählte ich dem kleinen Will.i, als er mich mit seinen Fragen löcherte (hier).

Kürzlich nun erfuhr ich von zwei Freundinnen, mit denen ich dieselbe Strecke wanderte, dass sie den Erbauer persönlich kannten und dass der Bau sehr schön gewesen sei. Hier hätten sie vor mehr als zwanzig Jahren die erste Berührung mit Tai Chi gehabt – die eine Freundin wurde später Tai Chi-Lehrerin. Den Ort habe er wegen des Namens der Region ausgewählt. ΑΒΙΑ (gesprochen: Avia) – er las es als A-BIA, wobei BIA = Gewalt Α = Un-, Nicht. Also Gewaltlosigkeit. Ein Ort der Gewaltlosigkeit oder der Nicht-Gewalt sollte es werden.

Wir durchstöbern das Untergeschoss, dessen Graffiti diverse nationale und lokale Fußballvereine anpreisen. Dora schleppt eine halb verrottete Broschüre an, und da sehe auch ich das Gebäude, wie es einmal war:

Der Bau heißt hier „NEW HUMANITY CENTRE“, und angekündigt wird die FIRST ANNUAL EUROPEAN WCPA-OPEN STRATEGY CONFERENCE für den September 2002. Das war das Jahr, als wir unser Haus bauten. Na so etwas. Ob sie wohl stattgefunden hat, diese erste jährliche Strategiekonferenz?

STRATEGIE-KONFERENZ – das klingt entschlossen und fast schon martialisch. Im Zentrum unter der schweren Betondecke bleibe ich stehen und töne ein bisschen: die Akustik ist grandios. Die Betondecke ist anscheinend nach exakten akustischen Anweisungen gegossen worden. Erstaunlich.

Am meisten aber interessiere ich mich für das Glas, das einst die Öffnungen zwischen den Säulen bedeckte und nun einen glitzernden  Kranz auf der Umfassung des Unterbaus bildet – ein Ebenbild fast der glitzernden Fläche des Meeres.

Merkwürdig ist dieses Glas:

Ich fische zwei Stücke heraus und lege sie nebeneinander: das eine wirkt wie der Schatten des anderen.Ich halte sie gegen das Licht. Und da wird mir dann auch klar, worum es sich handelt. Ein Großteil der Scherben ist … fumée,  also „geräuchert“ wie das Glas von Sonnenbrillen.

So war also dieser Möchtegern-Sonnentempel, in dem die Neue Menschheit ein Zentrum   (oder die Menschheit ein Neues Zentrum?) haben sollte, und der nun als etwas unheimliche Graffiti-Ruine inmitten der blühenden bäuerlichen Landschaft steht, mit hellen und dunklen Gläsern ausgekleidet.

Gleich nebenan erstreckt sich eine Wiese mit Asphodelen – Blumen am Eingang des Hades. Ich lasse meinen dunklen Schatten auf die weißen lichtdurchstrahlten Blütensterne fallen. Und so ist auch hier für Ausgleich gesorgt. Kein Licht ohne Schatten, kein Schatten ohne Licht.

Veröffentlicht unter Dora, Fotocollage, Fotografie, Geschichte, Glasscherbenspiel, Mythologie, Natur, Psyche, Technik, Willi, Zwischen Himmel und Meer | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | 9 Kommentare

Dora zum VierundzwanzigstenZweiten: Mohn und der Krieg

Heute sahen wir die ersten Mohnblüten. Es waren nur zwei. Die anderen roten Blüten in den grünen Wiesen unter den Olivenbäumen waren Anemonen. Mein Sohn, der neben mir ging, kannte den Unterschied nicht. Und so freute ich mich, ihm etwas beibringen zu können. Das tut man als Mutter ja immer gern, egal wie alt und erfahren das „Kind“ inzwischen ist.

Ich erklärte also lang und breit, wie so eine Mohnblüte aussieht und eine Anemone eben nicht aussieht, selbst wenn beide rot und schön sind.

photo-11

Und Dora? Dora kam mit einer winzigen verknautschten Blüte angerannt, von der sie wissen wollte, ob das denn nun auch eine Mohnblüte sei?

„Ja, Dora“, sagte ich, „das wird wohl auch eine Mohnblüte sein, aber eine verschrumpelte, die vor ihrer Zeit auf die Welt kam. Eine Mohnblüten-Frühgeburt.“

Mohn im Februar – wer hat das schon gehört? Gehört sich das? Doch von gestern auf heute sind andere Dinge geschehen, die weit ungehöriger sind. Und die für mich untrennbar mit dem Mohn verbunden sind. Heute erwähnte ich es nicht, aber ich dachte daran:  „Und so fügten sich der Hühnergott, der schwarze Stein, die Zeilen von Aragon, das Wort Coquelicot und die Abbildung des Mohns zu einer Assoziationskette: Das Grauen des Kriegs,…“ (vergleiche hier).

Ich machte auch Zeichnungen dazu. Die Assoziationskette begann mit einem schwarzen Stein, denn so wie heute hatte auch damals Frau Wildgans (Sonja) das Wort „schwarz“ als Wort des Tages gewählt. (vergleiche hier)

Schließlich entstanden fünf Zeichnungen vom Tod, der ein Meister aus Deutschland ist: Der schwarze Stein – der Hühnergott – und das Wort Coquelicot, was „Mohn“ bedeutet.

„Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“. Serie von fünf Zeichnungen, 2019-07-14

Möge niemand vergessen, dass Geschichte eine Verkettung von Ereignissen ist, die weit zurückreichen. Mohn wurde bereits im 1. Weltkrieg durch das Gedicht von McCrae (hier gesprochen von Leonard Cohen) zum Symbol des Todes auf den Schlachtfeldern von Flandern. Krieg zeugt Krieg. Es ist nicht ein Herr Putin, der einen Krieg gegen ein wehrloses Nachbarland sinn- und anlasslos vom Zaun gebrochen hat. Auch dieser Krieg steht in einer Reihe, er ist verkettet mit dem, was an Grauen über Russland hereinbrach, noch gar nicht lange ist es her. Inzwischen hat sich die Weltkarte verändert, aber die Traumata, die sind noch lange nicht verheilt. Und sie wüten fort und fort. Heilung tut not, nicht Anklage, Aggression und neuer Krieg.

Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein.

Veröffentlicht unter Dichtung, Dora, Erziehung, Fotografie, Geschichte, Katastrophe, Krieg, Meine Kunst, Natur, Politik, Psyche, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 25 Kommentare

Krieg um die Ukraine (Erweiterung des Debattenraums)

Seit Kriegsbilder aus einem benachbarten Land über die Bildschirme flirren, machen sich Angst und Sorgen breit, und das Herz wird kalt. Was ist los? Worauf müssen wir uns einstellen?

Automatisch denke ich an den letzten Krieg in Europa, der Jugoslawien zerstörte und großes Leid über die Menschen brachte. Jener Krieg ist schon fast vergessen, obgleich er erst 30 Jahre zurückliegt. In Deutschland wurde er meist als Episode erlebt, die einen nur am Rande anging. Denn damals hatte der „Westen“, zu dem man, gerade wiedervereint, gehörte, die Oberhand. Er bombardierte, ohne sich um die Rechtslage zu kümmern, Städte, Brücken und Flüchtlingstrecks. Russland war nach dem erst kürzlich erfolgten Zusammenbruch der SU zu schwach, um den Westen daran zu hindern. Und so zerfiel des große Jugoslawien in ein Bündel halbwegs souveräner Staaten, die teilweise in die EU aufgenommen und teilweise ihrem Schicksal „zwischen den Fronten“ überlassen wurden. Gut oder schlecht? Es ist, wie es ist.

Seither hat sich die NATO, trotz entgegengesetzter Versicherungen, immer weiter nach Osten ausgedehnt. Zugleich wurden hier und da „Farbrevolutionen“ angezettelt, die die ehemaligen Sowjet-Republiken destabilisierten, ohne für die betroffene Bevölkerung eine wirkliche Zukunftsperspektive zu eröffnen. Vage Versprechungen auf EU und NATO-Beitritt, finanzielle Unterstützung, Waffenlieferungen, Investitionen, Visa für Arbeitsuchende…  und falls  der böse Iwan Ärger machen würde: militärischer Beistand.

UND DA SIND WIR NUN. ‚Einen Krieg wegen der Ukraine wird es nicht geben‘, verlautete der US-Präsident. Wie denn auch. Mit Söldnern gegen eine hochgerüstete Armee? – ‚Die territoriale Integrität und Souveränität garantieren wir‘.  Ja, wie denn, bitte? So wie in Afghanistan? So wie in Libyen? Vielleicht so wie in Syrien? In Mali? – ‚Wir werden den Kreml mit schwersten Sanktionen überziehen‘ – eider ist das ein Schuss ins eigene Bein. Im Kreml hat man sich längst an die Sanktionspolitik gewöhnt und Alternativen entwicklt. Putin ist eben nicht der versoffene Jelzin, sondern ein Mann mit Langzeitgedächtnis und Planungssicherheit, was die strategischen Interessen des Landes betrifft, das er regiert. Man mag ihn mögen oder nicht: den Respekt sollte man ihm nicht verweigern – es könnte böse ausgehen.

Aber man verweigerte ihm den Respekt. Fühlte sich überlegen. Schließlich sind wir die Guten.. Man traf sich in München zu einer Sicherheitskonferenz, ohne den einzuladen, der am ehesten zu dieser Sicherheit hätte beitragen können. Und was tat man auf der Sicherheitskonferenz – außer, dass man Herrn Gates über Impfungen reden ließ? Was tat man, außer im Dunkeln zu pfeifen und sich gegenseitig zu versichern, dass man zusammenhalte? Am nächsten Tag schon sah man die Folgen.

Ich bin nicht in der Lage, die Situation einzuschätzen, die sich innerhalb und um die Ukraine herum gerade entwickelt. Ich weiß nicht, welche Absprachen es womöglich im Hintergrund gibt. Ich weiß nicht, welche anderen Führer hoch bewaffneter Länder die Situation geeignet finden, kurz mal Ländergrenzen zu verändern und „historische“ Verhältnisse wieder herzustellen. Die Türkei in Syrien oder in der Ägäis? China gegen Taiwan? Israel hie und da? Sicher scheint mir nur: die Welt, mit dem wankenden Führungsanspruch der USA, mit unfähigen westlichen und entschlossenen russischen und chinesischen Führungseliten  ist ein sehr gefährlicher Ort geworden.

Momentan wird nach Schuldigen gesucht, eine Suche, die je nach Standpunkt, historischem Gedächtnis und Ideologie an anderen Punkten ansetzt: Schuld ist Putin. Schuld ist die Nato-Erweiterung. Schuld sind die Geldeliten. Schuld ist die mangelde Entschlossenheit des Westens, Schuld ist der Zusammenbruch der Sowjetunion. Schuld sind die Waffenhersteller, Exporteure und militärischen Apparate. Schuld sind die nationalistischen Kreise in der Ukraine, die das Minsker Abkommen nicht mochten und dem russischen Bevölkerungsanteil den Krieg erklärten. Schuld sind die, die den Maidan finanzierten, nicht aber die Folgekosten auf sich nehmen wollten. Schuld ist die Biden-Clique, die der Ukraine falsche Versprechen machte. Schuld ist die fehlende europäische Armee. Schuld ist, dass kein europäisches Sicherheitskonzept erarbeitet und durchgesetzt wurde, das allen Beteiligten gerecht wurde.

Habe ich jemanden oder etwas vergessen? Je nachdem, welchen Schuldigen man benennt, ändert sich auch der Lösungsvorschlag: Putin muss weg – wir brauchen eine Weltrevolution  – wir brqauchen eine Weltregierung – Entwaffnung aller Seiten ist notwendig – die NATO gehört abgeschafft – die Ukraine braucht eine Umgestaltung ihrer inneren Verhältnisse – die Geldreichen sollten sich nicht in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten einmischen – Europa braucht eine Armee – Europa braucht eine Sicherheitskonferenz mit allen europäischen Beteiligten, also auch Russlands, nicht aber den USA ….

Vielleicht haben alle ein wenig Recht?  Vielleicht ist es an der Zeit, sich selbst klarer darüber zu werden, warum man welche Potition bezieht? Und ein wenig auch an die zu denken, die gerade in die Mühle des Krieges geraten und zerfetzt werden? wie kann ihnen am besten geholfen werden? Kann ihnen geholfen werden?

Das alte Heym-Gedicht wird wieder lebendig: Es wurde vom 4. bis 10. September 1911 verfasst und erschien nach Heyms Tod ein Jahr darauf im Band Umbra vitae.

 

Georg Heym: Der Krieg


Aufgestanden ist er, welcher lange schlief,
Aufgestanden unten aus Gewölben tief.

In der Dämmerung steht er, groß und unbekannt,

Und den Mond zerdrückt er in der schwarzen Hand.


In den Abendlärm der Städte fällt es weit,

Frost und Schatten einer fremden Dunkelheit,

Und der Märkte runder Wirbel stockt aus Eis.

Es wird still. Sie sehn sich um. Und keiner weiß.


In den Gassen faßt es ihre Schulter leicht.

Eine Frage. Keine Antwort. Ein Gesicht erbleicht.

In der Ferne wimmert ein Geläute dünn,

Und die Bärte zittern um ihr spitzes Kinn.


Auf den Bergen hebt er schon zu tanzen an,

Und er schreit: „Ihr Krieger alle, auf und an!“

Und er schallet, wenn das schwarze Haupt er schwenkt,

Drum von tausend Schädeln laute Kette hängt.


Einem Turm gleich tritt er aus die letzte Glut,

Wo der Tag flieht, sind die Ströme schon voll Blut.

Zahllos sind die Leichen schon im Schilf gestreckt,

Von des Todes starken Vögeln weiß bedeckt.


Über runder Mauern blauem Flammenschwall

Steht er, über schwarzer Gassen Waffenschwall.

 Über Toren, wo die Wächter liegen quer,

Über Brücken, die von Bergen Toter schwer.


In die Nacht er jagt das Feuer querfeldein,

Einen roten Hund mit wilder Mäuler Schrein.

Aus dem Dunkel springt der Nächte schwarze Welt,

Von Vulkanen furchtbar ist ihr Rand erhellt

 

Und mit tausend roten Zipfelmützen weit
Sind die finstren Ebnen flackend überstreut,

Und was unten auf den Straßen wimmelt hin und her,

Fegt er in die Feuerhaufen, daß die Flamme brenne mehr.

Und die Flammen fressen brennend Wald um Wald,
Gelbe Fledermäuse, zackig in das Laub gekrallt.

Seine Stange haut er wie ein Köhlerknecht

In die Bäume, daß das Feuer brause recht.


Eine große Stadt versank in gelbem Rauch,

Warf sich lautlos in des Abgrunds Bauch.

Aber riesig über glühnden Trümmern steht,

Der in wilde Himmel dreimal seine Fackel dreht


Über sturmzerfetzter Wolken Widerschein,

In des Toten Dunkels kalte Wüstenein,

Daß er mit dem Brande weit die Nacht verdorr,

Pech und Feuer träufelt unten auf Gomorrh

***

Veröffentlicht unter Allgemein, Dichtung, Erweiterung des Debattenraums, Erziehung, Geschichte, Katastrophe, Krieg, Leben, Politik, Psyche | Verschlagwortet mit , , , , , | 47 Kommentare