Impulswerkstatt Bild No 1: Rom brennt

Einladung zur Impulswerkstatt Juli-August

Sie stehen ruhig da, gebannt von einem schaurig-schönen Anblick: Rom brennt.

Nein. Das war damals, zu Neros Zeiten. Der Kaiser selbst habe die Stadt angezündet, hieß es, um sich an den Flammen zu delektieren und die Schuld den Christen zuzuschieben. Die alte Welt ging zugrunde, Stück für Stück, Brand für Brand, und es dauerte Jahrhunderte, bis sich eine neue aus der Asche erhob.

Nein. Es ist heute. Rom brennt. Ein Park sei es, der brennt, und der Anblick ist verstörend. Dicker schwarzer Rauch füllt den zartblauen römischen Himmel. Mich schaudert es wie immer, wenn ich Brände sehe. Nun aber gerade in Rom. War ich nicht eben noch dort, unter diesen Bäumen? Sagte ich nicht: solange diese Bäume stehen, diese hochstämmigen Pinien mit den breiten Kronen, diese Alleen mit den Magnolien in voller Blüte, diese hochragenden Zypressen, diese zartnadligen breit ausschwingenden Zedern …  ist Rom schön und bewohnbar?

Betrachtet das Paar auf dem Bild den Weltenbrand, dessen Vorboten, wie jetzt auch in Rom,  hier und da und überall aufflammen und züngeln?

***

Ich weiß, liebe Myriade, dass dein Foto keinen Weltenbrand zeigt und auch kein brennendes Rom. Du hättest es so nicht aufgenommen, und das Paar hätte auch nicht so ruhig einander zugewandt, so liebevoll in der Nacht gestanden und geschaut. Vielmehr wäret ihr alle gerannt, um zu helfen, den Brand zu löschen, bevor er euer Haus verzehrt. Was sich da unten abspielt, dies feurige Inferno, ist nur eine Vorspiegelung, eine Inszenierung, ist Schein. Wir brauchen nicht zu rennen und zu retten. Alles wird gut.

 


Dies ist ein Beitrag zu Myriades Impulswerkstatt.

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Kaffeemaschine

Als Liebhaberin des „Türkentranks“  konnte ich an dieser Kaffeemaschine aus einer Zeit, als es noch keinen Strom gab (?), nicht vorbeigehen, ohne sie abzulichten. Die Spiegelungen im Schaufenster machen den Gegenstand der Begierde schlecht erkennbar.

Und so traue ich mich kaum zu fragen: Wieviele Tassen gehören zur Maschine und ergo: wieviele Kaffeegetränke kann dieses Wunderwerk gleichzeitig produzieren?

Im Kopfstück mit dem Adler sind es zwei.

Bei diesem Foto ging es mir um die Spiegelungen, Reflexe, Brechung der geraden Linien, die sich aufzulösen scheinen.

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All you need (John Lennon)

Gestern schlich ich ziemlich durchschwitzt und matt von einem Zahnarztbesuch zum Parkplatz. „Ich könnte jetzt ein kühles Getränk in einem schattigen Cafe brauchen“, dachte ich, wenngleich ich mit meinem von der Betäubungsspritze entstellten Mund nicht mal einen Strohhalm würde halten können. Aber wünschen konnte ich es mir doch, oder?

Das  Spraybild an der Wand verwarf meine Wünsche. „Alles was du brauchst, ist Liebe,“ verkündete es apodiktisch.

„Bist du sicher?“ fragte ich ihn. „An Liebe habe ich ja grad keinen Mangel, wohl aber an Kühlung.“

Mit großem klugem Auge schaute er auf mich. Ich schaute zurück. Ich denke, wir haben uns verstanden. Manchmal ist ein Schluck sauberes kühles Wasser wichtiger als alles andere. Liebesbeteueungen machen da keine Ausnahme. …

Was anderes ist es natürlich, wenn aus der Liebesbeteuerung entsprechende Handlungen fließen. Dann ist Liebe tatsächlich nährend … und kühlend oder wärmend, je nachdem.  Imagine!

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Bierdosen etc (Dialog mit Dora über die Gegenstände der Kunst, tägliches Zeichnen)

Dora: „Hast du es nicht irgendwann mal satt, tagtäglich Gläser, Teller, Flaschen und neuerdings auch Bierdosen zu zeichnen?“

Ich: „Nein, ehrlich gesagt habe ich es nicht satt.“

Dora: „Was findest du denn daran so spannend?“

Ich: „Es gibt da eine große Formenvielfalt, Schatten, Spiegelungen – was immer du willst. Ich kann die Dinge so hinstellen, wie es mir gefällt, und habe stets neue Kompositionen vor Augen.“

Dora: „Ich glaube, du machst das nur, weil du keine Lust hast aufzustehen. Du bist zu bequem.“

Ich: „Und was ist schlecht daran, Dora? Soll ich etwa rumrennen auf der Suche nach Motiven, wenn ich sie schon vor mir auf dem Tisch stehen habe? Das Gute ist: sie stehen wirklich und fliehen nicht wie die Katzen, fliegen nicht weg wie die Wespen und Schmetterlinge…“

Dora: „Du kannst eben nur totes Zeug zeichnen. Wenn sich was bewegt, gibst du auf.“ –

Ich: „Na ja, manchmal mag ich tatsächlich gern, dass etwas an seinem Platz bleibt, solange ich es zeichne. Daran ist nichts Verwerfliches. Große Künstler vor mir haben es auch so gemacht. Einer namens Giorgio Morandi (1890-1964), ein Italiener aus Bologna, brachte es fertig, sein Leben lang nur Töpfe und Flaschen und so was zu malen. Dabei folgte er der Auffassung von Paul Cezanne (1838-1906), seinem großen Vorbild: Grundlage der Malerei ist das Zeichnen und Voraussetzung die Unterordnung unter den Gegenstand. Der Gegenstand hat das Sagen – nicht der Künstler. Ihn gilt es zu studieren. Dabei ist es ziemlich egal, um welchen Gegenstand es sich handelt.“ – Dora: „Und? Hast du deine Bierdosen und Plastikflaschen jetzt genug studiert?“ – Ich: „——„.

Ich: „Schau mal, ich zeige dir mal ein paar meiner Zeichnungen von Stillleben, wie man das auf Deutsch nennt. Im Griechischen oder Französischen heißt es tote Natur, was mir eher nicht gefällt. Es kommt gar nicht so sehr auf das Was an, viel wichtiger ist, dass man die Gegenstände ernst nimmt, egal was es ist, und dass man an ihnen seine Wahrnehmung und seinen Stil schult. Besser eine gut gezeichnete Wasserflasche als eine schlecht gezeichnete Vollblutstute.“

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Dora: „Schon gut! Ich habe verstanden, was du sagen willst! Zum Glück denken nicht alle so wie du und dein Moretti …“ – Ich: „Morandi, Giorgio Morandi heißt er“ – Dora: „Meinetwegen. Gut, dass nicht alle so gedacht haben wie du und dein Morandi, denn sonst gäbe es auf den Plätzen von Rom nur Wasserflaschen und Bierdosen  und keine Vollblutstuten.“

Ich seufze.  Wie jeder Rom-Besucher weiß, gibt es auf den Plätzen von Rom und am Ufer des Tiber oder sonstwo in den römischen Prachtstraßen weit mehr Wasserflaschen und Bierdosen als edle Perde zu besichtigen. Aber ist das Kunst? Ist das nicht vielmehr Wohlstandsmüll? Oder ist es vielleicht beides, je nachdem?

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Dora zum AchtenSiebten: Im Pantheon (Geschichte)

„Was machst du da?“ fragt Dora, meine Lektüre* unterbrechend, mit etwas quengeliger Stimme und gähnt. „Bist du müde?“ frage ich zurück. – „Ja. All dieses Herumgereise und Herumgelaufe in Museen und Galerien und dies Ach schau mal vor allem, was irgenwie alt ist…“ – „Aber es macht dir doch auch Spaß?“ frage ich. „Ja, schon. Nur weiß ich hinterher nicht, was ich davon halten und behalten soll. Ich bin ja nur ein winziges Jahr …“

Die letzte Reise hat bei Dora eine neue Nachdenklichkeit hinterlassen. Sie wird sich ihres Beginns und Endes bewusst, sie ordnet sich ein und bemerkt, dass ihr Hier und Jetzt nicht alles ist. Kurzum, sie beginnt, ihre Existenz zu relativieren. Solange sie hier bei uns in der ländlichen Provinz, unter Katzen und Blumen, zwischen den erhabenen Bergen und dem ewigen Meer ihre Erfahrungen sammelte, hatte sie nie solche Anflüge von Selbstwert-Unsicherheit. Rom hat für sie erstmals den Sack der menschlichen Geschichte weit geöffnet. Da steht sie nun winzig neben der Übermutter Roma im Pantheon und hält tapfer ihre Fackel hoch. Doch deren Strahl dringt nicht bis in die Höhe der alten Mutter.

im Pantheon, Rom

Was soll ich ihr sagen? Dass Zeit eine Illusion ist, weil alles in der zeitlosen Dauer (Ewigkeit) aufgehoben ist? Dass der gelebte Moment das einzig Wirkliche ist, weil nur er die Kraft hat, etwas zu bewirken? Dass Größe sich bemisst an der Ausdehnung und wohl auch an dem Inhalt, dem Streben, der Helligkeit des Bewusstseins – und nicht an Maß und Zahl?

Du, liebe Dora, bist als Zahl geboren, eine schöne, eine besondere Zahl zwar, Anno Domini 2022, aber eben nur eine Zahl, und so wärest du tatsächlich zu einem kurzen unbedeutenden Leben verdonnert, wenn …. ja wenn du es nicht schaffst, deine eigene Begrenztheit zu transzendieren. Halte nur den Suchscheinwerfer deines Geistes tapfer dem ewigen Licht entgegen, so wird es dir vielleicht gelingen.

im Pantheon, Rom

*Ich lese grad in Umberto Ecos Sulle spalle dei giganti (Auf den Schultern von Giganten), 2017 bei Nave di Teseo (Schiff des Theseus) verlegt und 2018 bei Ellinika Grammata in griechischer Übersetzung erschienen.

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Dora zum FünftenSiebten: Handwerke, Läden

„Da wäre noch der FünfteSiebte!“ kräht mir Doras Stimmchen ins Ohr. – „Da sind wir doch schon zurückgefahren.“ – „Ja, weiß ich doch. Aber vorher waren wir noch beim Kapetanios, um uns zu verabschieden, und in dem Schuhmacherladen mit all den Werkzeugen waren wir auch, und in dem komischen Geschäft mit den Zeitungen und Hüten…“

Eigentlich möchte ich mich lieber hinlegen, denn ich war beim Zahnarzt und habe eine dicke Lippe. Da ist es besser sich auszuruhen als in Archiven zu blättern, egal wie schön die Erinnerungen sind. Aber was sein muss, muss sein. Dora verlangt, dass täglich jedenfalls eine Episode ihres Lebens hier dokumentiert wird. Sie behauptet, ich hätte es ihr versprochen. Und was man versprochen hat….

 

Beim Sandalenmacher.

In den Laden traten wir aus Neugierde.

Er wirbt mit den Gerätschaften dieses uralten Handwerks, und tatsächlich wird auch heute noch vieles dort, hinter einer Barriere aus tausenderlei Dingen, per Hand angemessen und mit den alten Methoden produziert.

Auf dem nächsten Foto sind wir im Spiegelbild vereinigt, und ein Stück Straße wird durch einen anderen Spiegel auch noch in den engen nach Leder duftenden Raum hereingeholt.

 

Beim Kapetanios

Fotocollage. Die kleine Figur dient als Stütze des Computerdeckels

Kostas, bekannt als Kapetanios, war tatsächlich Kapitän, bevor er in Pension ging, einen Andenkenladen in Koroni mit dem Namen Aldebaran eröffnete (das Sternbild ziert auch seine Visitenkarte) und einen Kulturverein ins Leben rief. Er ist ein bedeutender Inspirator des Ortes, der, so klein er ist (4.366 Einwohner), vor Leben vibriert.

Vor allem Konzerte organisiert er, oft mit Musikern, die von dort stammen oder sich, aus dem Ausland kommend, in der Region angesiedelt haben, auch Kunstaussstellungen nimmt er unter seine Fittiche, kümmert sich um kulturelle Projekte und gibt eine Zeitung heraus, in der die wichtigsten Ereignisse der Region nicht nur berichtet, sondern auch neue Impulse gesetzt werden. So wurde die Rettung der Burg (soviel ich weiß) nicht zuletzt aufgrund seiner unermüdlichen Aktivität in die Wege geleitet

„Und nun?“ fragt Dora. „Kannst du nicht auch noch den netten Fischer, der im Boot seine Netze säuberte – und die bunten Fische in der Auslage – und den ulkigen Zeitungsladen mit den vielen Hüten – und den alten Bäckerladen, wo sie steinhartes Zierbrot machen – und das Cafe am Wasser, in dem du gezeichnet hast…“  – „Nein, Dora! Mit Koroni sind wir jetzt durch. Es gibt ja auch noch anderes. Das Leben geht weiter.“

Etwas betrübt schaut sie drein. Es hat ihr dort gefallen. „Komm, Dora!“ sage ich aufmunternd. „Prinkipessa, Theo, Fritzi und Frieda sind hungrig. Du willst sie doch nicht warten lassen?“

 

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Dora zum ViertenSiebten: Abendbeleuchtung

„Jetzt ist der VierteSiebte dran,“ erinnert mich Dora. „Ach, Dora, muss das sein?“ – „Ja, es muss sein. Schließlich kannst du mir nicht einfach einen Tag klauen. Ich hab nur 365 Tage!“

Das ist neu. Dora wird sich der Begrenztheit ihrer Existenz bewusst. Es gibt einen Anfang und ein Ende. Die Mitte des Jahres ist überschritten – das macht wohl den Unterschied.  Es geht nicht mehr aufwärts, sondern abwärts – bildlich gesprochen. Wenn das Jahr bisher wuchs, so schrumpft es jetzt…. O weh, ja. Da muss ich Dora jetzt wohl wie ein rohes Ei behandeln. Nicht dass sie mir vor der Zeit …

„Und welche Episode wünschst du hier zu sehen?“ frage ich höflich. Dora schaut mich schief von der Seite an. „Na, vom letzten Abend. Wo ich für die richtige Beleuchtung gesorgt habe.“ – „Meinst du das, wo wir auf der Hafenmole spazieren waren?“

„Das ist auch gut, aber ich meinte das andere, wo ich euren Tavernentisch und die Burg beleuchte.“ – „Dieses hier?“

„Genau“. – „Das ist aber vom Tag vorher!“ – „Vorher, nachher. Du hast sowieso die Daten alle durcheinander gebracht. Der Vierte war der Zweite und der Dritte der Vierte… Das macht einen Knoten in mir. Pass bitte nächstes Mal besser auf.“

 

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Dora zum DrittenSiebten: Segel setzen

„Und zum DrittenSiebten…“ – „Dora!“ – „Ja?“ – „Ich finde, jetzt reicht es.“ – „Du hast ja noch nichts zum DrittenSiebten. Habe ich da etwa gar nichts für dich getan?“ – „Doch, natürlich, Dora. Es war sogar ein besonders schöner Tag, und du hast mich reich beschenkt.“ – „Na also.“ – „Aber…“ – „Du und dein aber. Niemals kannst du einfach tun, was man dir sagt.“ – „Aber Dora, ich habe doch grad vorher….“  „Siehste, wieder dein aber. Wenn du gleich tätest, was man dir sagt, würdest du uns viel Zeit und Energie sparen.“ – Halb beschämt, halb amüsiert schaue ich auf meine Hände, die auf den Tasten ruhen, und murmele: „Nun sag schon.“

„Also, für den DrittenSiebten nimmst du den Zweimaster. Du musst zugeben, dass du so was nicht jeden Tag bekommst.“

Das gebe ich Dora gern zu. Solch ein Zweimaster ist hier eher selten. Und dann auch noch auf spiegelglatter See, und im Hintergrund „unsere“ Berge. Irgendwo dahinten liegt unser Haus. Wenn ich jetzt die Segel hissen würde, könnte ich rübersegeln und wär im Nu da.

Kaum habe ich das gedacht, beginnt ein Segel im Wind zu flattern. Es bäumt sich auf, fällt wieder zusammen. Offenbar bemüht Dora sich, es hochzuziehen.Gespannt sehe ich zu, wie sie herumhüpft und sich abmüht. Immer kleiner wird das Boot, treibt hinaus ins Blaue. Und das Segel? Das geht nicht hoch, sondern schrumpft wieder auf ein kleines weißes Dreieck zusammen. „Ja ja“, sage ich leise lächelnd, „Segelsetzen will gelernt sein, liebe Dora. Große Sprüche helfen da wenig bis nichts“. Ein Glück, dass sie es nicht hört.

Zweimaster, fünf Phasen des Segelsetzens. Fotomontage

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Dora zum ZweitenSiebten: Platznehmen

„Und für den ZweitenSiebten nimmst du das Bild, wo ich die Damen und Herren Besucher und Besucherinnen der Buchvorstellung begrüße und ihnen zeige, wo sie sitzen können.“

Ich verkneife mir einen Kommentar und tue, wie mir geheißen.

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Dora zum ErstenSiebten: Streik der Hafenarbeiter

Wer Dora den kleinen Finger reicht …, denke ich und seufze. Gerade hoffte ich, sie gibt Ruh, aber nein. „Hab ich nicht grad einen Eintrag für dich gemacht?“ frage ich schläfrig. „Wieso für mich?“ kräht sie. „Für dich war er und für deine Leserinnen und Leser und vielleicht auch ein bisschen für den Rosenkäfer und den Herrn K, der dir so viel Eindruck macht, dass du ihn bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ins Feld führst. Für mich hast du, seit der Juli angefangen hat, noch gar nichts geschrieben. Habe ich dir etwa nichts geschenkt? Du bist undankbar.“

Nach diesem Lamento habe ich sofort Schuldgefühle.  Dummerweise leide ich oft unter Schuldgefühlen, eigentlich sogar immer, sobald man mir sagt, dass ich etwas nicht richtig oder überhaupt nicht gemacht habe. Dora hat das herausgefunden und benutzt es als Hebel, um mich zu manipulieren. „Du musst auch mal an andere denken“, sagt sie und meint damit natürlich sich selbst. „Andere sind auch wichtig, nicht nur du.“ – „Aber ja, Doralein“, beschwichtige ich sie. „Recht hast du. Wovon soll ich denn nun erzählen?“ – „Das ist mir egal!“ antwortet sie schnippisch. „Mach, was du willst!“ – „Damit du dich hinterher beschweren kannst? Neeee, Dora. Nun treff du mal selbst die Auswahl!“

„Na gut“, sagt Dora mit zuckersüßer Stimme. „Für den ErstenSiebten kannst du das nehmen, wo ich dir ein Spraybild im Park zeige. Ohne mich hättest du es bestimmt nicht bemerkt. …

oder warte, nimm lieber das, wo ich dich auf das Denkmal aufmerksam mache, du weißt schon, das mit den im Kampf Gefallenen“. – „?“ – „Na, das im Park beim Hafen! Du hast mir sogar vorgelesen, was auf der Plakette steht! Hast du es schon vergessen? Immerwährende Ehre und Dankbarkeit den Kollegen,  die am 9.5.1934 bei der Verteidigung der Arbeiterrechte fielen.“

Ja, stimmt. Das sah ich am ErstenSiebten, und ich googelte sogar, um mich zu informieren, was an jenem NeuntenFünften des Jahres 1934 am Hafen von Kalamata geschehen war

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Der Hafen von Kalamata, 1934, Foto aus der auch heute noch herausgegebenen kommunistischen Tageszeitung „Risospastis“.

Die in einer kommunistischen Gewerkschaft organisierten Hafen- und Mühlenarbeiter von Kalamata hatten zum Streik aufgerufen, um gegen ein neues Silo zu protestieren, das jeden zweiten Arbeiter seinen Job kosten würde. Was heute die KI, war damals die Mechanisierung. Es ging um Entschädigungen, Kredite, Jobsicherheit. Es ging um gerechten Lohn, Unternehmerinteressen und Fortschritt. Vordergründig ging es um 6 oder 8 oder 7,5 Drachmen Entschädigung. Im Hintergrund ging es natürlich um einen politischen Machtkampf – ganz ähnlich wie in Deutschland ein paar Jahre zuvor. Gegen die Arbeiter, die versuchten, die Entladung von Korn aus einem Dampfer ins Silo zu verhindern, erging Schießbefehl. Einer wurde erschossen. An Land gingen die Proteste weiter, noch sechs Tote, viele  Verwundete. Ein Generalstreik folgte, der die ganz Region lahm legte….

Das Silo. Jetzt also kenne ich ein wenig von der Geschichte des Gebäudes, das mich heute mit seinen leeren Fenstern anblickt und das ich immer wieder zeichne. Danke, Dora, dass du mich aufmerksam machtest und mich dran erinnertest!

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