Herz bleib kalt! Hand halt das Steuer!

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Und wieder bin ich auf Reisen. Mein Boot – geboren, gewachsen – hat mich aufgenommen und mit sich fortgetragen. Während ich reise, wandelt es sich, wird zum fliegenden Fisch, wird zum Vogel gar. Ich fühle mich mit meinem Boot fest verwachsen. So mancher fragt sich vielleicht: wo beginnt das Boot, und wo endest du? Ich weiß es nicht.

Ich versuche, Kurs zu halten, doch das ist nicht immer einfach. Denn es stellt sich die Frage: wo ist vorwärts, wo ist zurück? wo ist Osten, wo ist Westen?

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Woher soll ich Gewissheit nehmen, bin ich doch aus dem Material von Flüchtlingen geschaffen, die nicht wissen, woher und wohin (hier: https://gerdakazakou.com/2016/10/25/krause-traeume/). Ich bin aus einer Zeichnung gemacht, die zeigte: dunkle Flüchtlingsgestalten  auf ihrer endlosen Flucht durch Feuer und Tod.

Ich zerriss die Zeichnung, um ihre Gestalten aus meinen Träumen zu verbannen. Ich wollte auf einer ruhigen See schippern, vielleicht den einen oder anderen Delphin begrüßen und mich an der Inselwelt der Ägäis erfreuen.  Um den Eingang des Hades wollte ich einen großen Bogen schlagen (mehr dazu zB hier https://gerdakazakou.com/2015/06/27/der-raub-der-persephone/). Ich wollte Ephesos erreichen und mit dem alten weisen Heraklitos tiefsinnige Gespräche über den Logos und die Frage führen, was er denn wohl meinte mit dem Satz, „der Krieg ist der Vater von allem“.

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Nicht vorgesehen war, dass mich die Flüchtigen belästigen. Und so zerriss ich sie. Aber hilft es? Sie sind da. Aus den Fetzen ihrer zerrissenen Gestalten haben sie sich zu neuem Leben zusammengefügt und umtanzen mein Traumboot. Ertrunkene sind es. Das Entsetzen des Kriegs und des Untergangs bleibt ihren Leibern eingeschrieben. Manche sind Geflügelte, anderen ist ein Fischschwanz gewachsen. Wo wo wo ist mein Haus, mein Grab, mein Leben – so rufen sie mit geschlossenen Mündern und umflattern mein Boot.

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Es sind Alte, es sind Junge, es sind Gutmütige und Bösartige, es sind Eitle und  Barmherzige  – wie die Menschen halt so sind.

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Es ist nicht leicht, sich durch sie hindurchzuträumen, ohne Schaden zu nehmen.

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Nun aber: Vorwärts!

… „Herz, bleib kalt! Hand, halt das Steuer!…“

 (aus dem Gedicht von F. Nietzsche „Der neue Columbus“. Das ganze Gedicht findet ihr hier).

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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16 Antworten zu Herz bleib kalt! Hand halt das Steuer!

  1. Ulli schreibt:

    Mein Herz kann nicht kalt bleiben, die Hand hält dennoch das Steuer fest …

    und bin ganz berührt von den letzten drei Zeilen:
    „Nimmer können wir zurück!
    Schaun hinaus: von fernher grüßen
    Uns Ein Tod, Ein Ruhm, Ein Glück!“

    ob mich allerdings Ruhm grüsst möchte ich bezweifeln😉 …

    Und was das mit dem Krieg ist, das habe ich auch noch immer nicht wirklich ergründet, da sitze ich Unwissende, ich …

    herzliche Mittagsgrüsse
    Ulli

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  2. gkazakou schreibt:

    Nietzsche hat sich vergebens ermahnt. Sein heißes Herz ertrug nicht die Grausamkeit eines Genueser Droschkenkutschers, der erbarmungslos auf das Tier einschlug. Ein neuer Columbus wollte er sein…..

    Gefällt 3 Personen

  3. Monika schreibt:

    Liebe Gerda, ich glaubte keine Zeit zu finden, zum schreiben, zum denken, zum nachspüren, zum verstehen. Ich merkte, es wird immer erschwerender. Deutlich spürte ich wie nahe ich allem bin, aber so war es bestimmt nicht vom Künstler (dir) beabsichtigt. Es sollte keine Nähe zur Person vermitteln werden, sondern eine, zu den Themen deiner Bilder. Dein Thema ist, wenn ich es richtig verstehe die Suche nach der – Weisheit -. Es spinnt sich wie ein Band in allen Farben durch deine Erzählungen, Bilder, Träume. Für mich ist Weisheit von Liebe zu allen Lebewesen, seinen Erfahrungen mit ihnen und dem Wissen vieler Dinge geprägt. Klugheit, ist die Dosierung der Anwendung, dieser Fähigkeit.
    Für heute will ich es hier erst mal belassen.
    Monika

    Gefällt 3 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Liebe Monika, ich schreib dir morgen. . Hier nur ein Dankeschön!

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    • gkazakou schreibt:

      Liebe Monika! Nun bin ich ausgeruhter und kann dir antworten auf deinen schönen Kommentar. „Wie nahe ich allem bin“ – sagst du, und etwas in mir lauscht, spitzt die Ohren, möchte erfahren, was dies Nahsein in dir bewegt. Und dann lese ich deine wunderschönen Worte über das, was – Weisheit für dich ist. Und Klugheit, ja, auch Klugheit. Dosierung, nicht mehr zulassen und ausdrücken, als erträglich ist, solange die Weisheit (die Liebe zu allen Lebewesen) noch auf Kinderfüßen steht und jeden Moment hinfallen kann. Wer hebt sie dann auf? Drum:
      „ich habe euch als Lämmer unter die Wölfe geschickt. Drum seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben….“ (Matthäus-Evangelium)

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      • Monika schreibt:

        Liebe Gerda, (was dies Nahsein bewirkt), Freude, Wachheit, Konzentration, Auseinandersetzung, Einfühlsamkeit und Verständnis. Nicht zuletzt bereit sein einen anderen Gedankenweg einzuschlagen. – Zulassen -.
        (Solange die Weisheit noch auf Kinderfüssen..), Antwort: — Die Liebe –, Gerda. Nur die Liebe. In der Liebe ruht Leben, wächst, gedeiht vereitelt. In der Liebe ist Wissen, Erfahrung und Weisheit, Die Liebe ist nicht greifbar, nicht tastbar, nicht belegbar. Sie ist nicht Raum und oder Ort. Sie ist wie Luft, oder Geist, nur wenn sie vorhanden ist, können wir leben. Wenn du so willst, sind es die vier Eckpunkte des irdischen Lebens. Ins deinem Bild dargestellt, mit der Fütterung der jungen Vögel, oder den Flugbegleitern deines Bootes, gen Osten.
        LG. Monika

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  4. bruni8wortbehagen schreibt:

    Kalte Herzen empfinden keine Schmerzen, geht mir im Kopf herum, liebe Gerda…
    und doch braucht es am Steuer die leitende Hand, da muß das Herz klar und unbeeindruckt bleiben. Doch denk ich an die Gräber, die das Meer den Flüchtigen aushob, dann machen sich die Gedanken selbständig und selten bleibt ein Herz unberührt.
    *der Krieg ist der Vater von allem* , ja, von allem Übel, doch er ist auch und das ist makaber, der Vater des Aufbaus, sofern beim Aufbau kein Böswilliger verhindert, was sich neu schaffen möchte.
    Der Großvater von Marc Aurel erkannte, wo zerstört wurde, muß auch aufgebaut werden.
    Tja, warum erst zerstören, fragen wir uns und doch ist es so und nie anders
    Nie werde ich es begreifen.

    Liebe Grüße zum späten Abend von Bruni

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    • gkazakou schreibt:

      liebe Bruni, der den Satz schrieb (Herz bleib kalt) hatte sicher kein kaltes Herz, sondern ein stark empfindendes, das die Not und Bosheit der Menschen kaum ertrug. Du kennst wohl die Episode (ich erwähnte sie oben), wie Nietzsche ein grausam geprügeltes Droschkengaul in Turin umarmte, weinend, klagend – eine Woche später wurde er dann abtransportiert und endete in der Irrenanstalt von Jena. Gottfried Benns Gedicht dazu liebe ich sehr. (Benn veröffentlichte es in einem Gedichtband, der ihm dann das Nazi-Schreibverbot einbrachte). Wenn ich es lese, muss ich mein Herz wappnen, (Herz bleib kalt).

      GOTTFRIED BENN

      Turin

      „Ich laufe auf zerrissenen Sohlen“,
      schrieb dieses große Weltgenie
      in seinem letzten Brief –, dann holen
      sie ihn nach Jena −; Psychiatrie.

      Ich kann mir keine Bücher kaufen,
      ich sitze in den Librairien:
      Notizen −, dann nach Aufschnitt laufen: −
      das sind die Tage von Turin.

      Indes Europas Edelfäule
      an Pau, Bayreuth und Epsom sog,
      umarmte er zwei Droschkengäule,
      bis ihn sein Wirt nach Hause zog.

      Gefällt 3 Personen

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  6. bruni8wortbehagen schreibt:

    Oh ja, er empfand zu viel, wie recht hast Du doch, ich habe seine Worte gelesen bei Dir,und ich habe Benns *Turin* doch tatsächlich in meinem Gedichteband. Hab´s schnell mal nachgesehen.
    Ich mag ihn sehr und seine Morguegedichte hatten es mir immer angetan.
    (Das Herz wappnen, damit es nicht schmerzt beim Lesen… Das geht nicht sehr gut, liebe Gerda)

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    • gkazakou schreibt:

      Benns Gedichte tun alle weh. Wie machst du es, liebe Bruni, und liest die Morgue-Gedichte, ohne dich vorher zu wappnen?

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      • bruni8wortbehagen schreibt:

        Tja, ich war in einer Bennvorlesung und die Professorin war die langweiligste, die ich je erlebt habe (wie das beim Benn geschehen kann, ist schon eine hohe Kunst).
        Da kam der Benn mit etwas Abstand an. Da konnte ich lange drüber nachdenken, es kam kein Schock. Später erlebte ich ihn voller Leidenschaft und Einfühlungsvermögen, da kannte ich die bisanten Themen schon. Mir half außerdem mein Wissen um seinen Be- ruf und wie er die Vergänglichkeit menschlichen Lebens anpackte.
        Seine kleine Aster klingt drastisch, schlimm, und doch ist da der Funke von distanzierter Liebe zur Kreatur

        Kleine Aster
        Ein ersoffener Bierfahrer wurde auf den Tisch gestemmt.
        Irgendeiner hatte ihm eine dunkelhellila Aster
        zwischen die Zähne geklemmt.
        Als ich von der Brust aus
        unter der Haut
        mit einem langen Messer
        Zunge und Gaumen herausschnitt,
        muß ich sie angestoßen haben, denn sie glitt
        in das nebenliegende Gehirn.
        Ich packte sie ihm in die Brusthöhle
        zwischen die Holzwolle,
        als man zunähte.
        Trinke dich satt in deiner Vase!
        Ruhe sanft,
        kleine Aster!

        Gottfried Benn (1912)

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    • gkazakou schreibt:

      Liebe Bruni, mir blieb zum Glück eine solche Vorlesung erspart. Mein Bruder, auch Arzt, hat eine leidenschaftliche Vorliebe für diesen Dichter, drum ist er mir wohl so bekannt. Was mich vor allzu schwierigen Gefühlen schützt, ist seine geschliffene Sprache, und ja, diese kleine Zärtlichkeit,…. Liebste Grüße aus Athen!

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      • bruni8wortbehagen schreibt:

        Da wurde er Dir sehr ans Herz gelegt auf ärzlich kompetente Weise *schmunzel*.
        Seine geschliffene Sprache, oh ja, sie nimmt auch mich für ihn ein und vieles andere, liebe Gerda. Eine schillernde Persönliichkeit, die nicht jedem liegt.
        Wenn er in seinen Kneipen saß, sein Bier trank, schrieb er auch und immer hatte er ein Wörterbuch dabei und suchte nach noch besseren Formulierungen

        Liebste Grüße an Dich in Athen, liebe Gerda

        Gefällt 1 Person

  7. Madame Filigran schreibt:

    Wir sind die Flüchtlinge denn alles ist Eins, und das Leid anderer ist unser eigen Leid.

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