Dora zum SechsundzwanzigstenZweiten: Orthodoxes Christentum

Beim Spazierengehen in Kalamata – die Sonne schien so schön, und alle Häuser und Mauern erfreuten das Auge – kam ich auch an einer schmucken Kirche vorbei. Die Kirche steht auf einem ruhigen begrünten Platz abseits des starken Verkehrs. Ich stand, schaute und fotografierte. Ein Mann – der Wächter der Kirche und der Kerzen – machte eine einladende Geste, und so ging ich hinein, um ein wenig zu beten für die, die in den Wirren der Kriegs geistige Unterstützung brauchen können.

Ich gehöre keiner Kirche an, aber meine Sympathie gilt der altehrwürdigen griechisch-orthodoxen Richtung des Christentums, dessen Zentrum, das Ökumenische Patriarchat, „wie immer schon“ in Konstantinopel, heute Istanbul liegt.

Für die Kirchenleute vergehen die Zeiten langsamer als für unsereinen. Hundert Jahre ist nichts. Tausend Jahre dauerte das griechischsprachige oströmische Reich, heute Byzanz genannt. Und so wunderte es mich auch nicht, dass die sorgfältige Ikonografie in dieser recht kleinen Kirche von Kalamata der des Klosters von Chora in Istanbul gleicht.

Nun, natürlich kommt die Kopie nicht an die Qualität des Originals heran.

Auferstehungs-Fresco im Kloster Chora, Istanbul

Aber hier geht es nicht um Kunst, sondern um die Überlieferung des immer Gleichen  durch die Jahrhunderte und Jahrtausende hindurch. Alle Religionen ziehen ihre Kraft aus dem Ritual, aus der immer wiederholten Abfolge von Handlungen, Bildern, Worten. Das Ritual ist das Gefäß, in dem der kostbare Inhalt weitergereicht wird, auch wenn er schon längst nicht mehr verstanden wird. Die Priester sind die Hüter dieses Gefäßes.

Manche verlangen von der Kirche, sie solle sich den Zeitläuften anpassen. Die Orthodoxie verweigert sich solchen Ansinnen – und genau das gefällt mir an ihr. Entweder man lässt sich ein auf die nun schon sehr alten überlieferten Formen und Inhalte oder man lässt es bleiben. Will der Mensch sich ändern – so mag er das tun. Die Kirche aber bleibt, was sie war. Und sie hält die Türen offen für den, der sie andächtig oder neugierig durchschreiten will.

Ich also durchschreite die Tür, Dora auf der Schulter. Sie schaut und staunt, denn es ist die erste Kirche, die sie sieht. „Was sind das für Leute?“ kräht sie und zeigt auf eine Taufszene. „Und warum ist er nackt und steht auf einer Rutschbahn? Und der andere…“ – „Psst!“ mache ich und flüstere: „In Kirchen darf man nicht laut reden, Dora. Schau jetzt einfach mal. Ich erklär es dir nachher!“

Aber als wir draußen sind, interessiert sich Dora nicht mehr für die gemalten Leute, sondern ist nun scharf darauf, auf einer der hohen Palmen zu schaukeln, die es auch an diesem Platz gibt. Dora ist eben ein Kind unserer Zeit.

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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7 Antworten zu Dora zum SechsundzwanzigstenZweiten: Orthodoxes Christentum

  1. Gisela Benseler schreibt:

    Wunderbar, wie Du das bringst. Auf einmal öffnen sich Dir Kulturstätten, Heiligtümer, Schätze, von denen Du nicht wusstest, daß es sie bei Euch in Kalamata gibt. Das Wunderbarste ist sicher die Taufszene Christi durch Johannes den Täufer.

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  2. Gisela Benseler schreibt:

    Aber natürlich ebenso die Auferstehungsszene Christi aus dem Grabe und auch die gesamte Gestaltung des Innenraumes. Welch ein besonderer Moment für Dich, für die Menschen in Not zu beten und für den Frieden! Ich schließe mich da gern an.

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  3. Peter Klopp schreibt:

    Das mit der Bedeutung mit dem Ritual hast wirklich gut gesagt, liebe Gerda. Auch mit deinen Worten zur Anpassung des christlichen Glaubens an die moderne Welt stimme ich völlig überein. Bei einem Besuch in Deutschland vor vierzig Jahren ging ich mit meiner Mutter in die Kirche und nahm an einen Gottesdienst teil. Das Thema der Predigt war die Sorge um die bedrohte Umwelt und der Gebrauch des richtigen Waschpulvers.

    Gefällt 2 Personen

  4. Ulli schreibt:

    Ich bin da immer sehr zwiegespalten, einerseits mag ich Kirchen als Orte des Rückzugs, der Gebete oder Meditation – auch mag ich durchaus den Ursprung des Gedankens, aber was in all den Jahrhunderten im Namen Gottes und der „Heiligen Dreifaltigkeit“ an Verbrechen begangen wurde und wird (siehe Myriades heutiger Beitrag) das kann ich nur ablehnen. Natürlich weiß ich nichts von der griechisch-orthodoxen Kirche, aber es würde mich wundern, wenn sie einfach nur gut gewesen wären. Wie verhalten sie sich z.B. gegenüber all den Geflüchteten im Land?

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Liebe Ulli, selbstverständlich ist die orthodoxe Kirche ebenfalls „nicht nur gut gewesen“. Sie kannte allerdings nicht die Inquisition, die Judenverfolgung und die Hexenverbrennung, sie ist nicht zentralistisch organisiert, sondern national, der Ökumenische Patriarch ist nur Primus unter Gleichen, sie hat daher auch nicht den Weltbeherrschungsdrang wie die katholische Kirche (Eroberung LateinAmerikas, Kreuzzüge), sie kennt nicht das Zölibat, sie lässt Scheidung zu und vermählt auch Geschiedene, begräbt Selbstmörder oder Verbrecher, sie bedroht die Menschen nicht mit Kirchenausschluss und Verweigung der Sakramente, es gibt keine Kirchensteuer, das Evangelium wurde früh in die Nationalsprachen übersetzt und so für alle verständlich (der Mönch Kyrillos übersetzte nicht nur, sondern entwickelte auch die passenden Schriftzeichen aus dem Griechischen), die Kirche hilft allen Flüchtlingen, so gut sie kann, und macht keine Unterschiede nach Glaubensrichtungen (richtiger: die einzelnen Priester, Kirchengemeinden, Klöster…,die weitgehend autonom handeln, helfen)… Aber natürlich hat sie auf nationaler Ebene ihre Interessen durchgesetzt und im Lauf ihrer langen Geschichte auch oft versagt. Dieses Versagen ist aber vor allem ein Versagen der jeweiligen Kirchenführer oder sogar der einzelnen Priester als Menschen. Drum mache ich ja den Unterschied zwischen dem Gefäß und dem Inhalt. Selbst wenn du das Gefäß kritisch betrachtest, darfst du am Inhalt teilhaben, wenn du das möchtest. Du findest die Türen offen, aber niemand zerrt dich hinein.
      Das alles und noch einiges mehr macht mir die griechische Orthodixie sympatisch.

      Gefällt 2 Personen

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