Der verflixte achte Tag mit Will.i – modus vivendi

Der verflixte siebte Tag, wollte ich diesen Eintrag betiteln, da merkte ich, dass es ja schon der achte ist, und mithin die Hauptgefahr gebannt ist.  Und das ist auch gut so. Denn heute kriselte es in unserer Beziehung, aber dann gelang es uns doch, einen modus vivendi zu finden, der uns hoffentlich über die nächste Zeit trägt.

Am Vormittag hatten Will.i und ich uns auf den Weg zum benachbarten Dorf gemacht, um Brot zu kaufen. Ich wanderte stumm, war nicht bei der Sache, denn meine Gedanken kreisten um Texte, die ich zuvor gelesen hatte.  „Wo bist du eigentlich?“ fragte Will.i, nachdem er nur ein „hm“ und „ja“ zur Antwort auf seine Beobachtungen bekam. „Ich? Ich schreib grad ein Kapitel vom Narrativ meines Lebens um“, murmelte ich geistesabwesend. „Deines was?“ – „Ach lass man, davon verstehst du noch nix“, gab ich zur Antwort. „Dein Leben ist noch zu kurz, da gibt es kein Narrativ zum Umschreiben“. Nun war er echt geknickt, der kleine Will.i. Aber wie sollte ich ihm erklären, dass ich vorher bei Sandra von Siebenthal einen Text u.a. über Narrative gelesen hatte, und dann auch noch einen anderen bei Blütensthaub, mit einer ausgezeichneten Besprechung von Hans Henny Jahnns „Fluss ohne Ufer“ – meiner wichtigsten geistigen Nahrung mit 17. „So also war mein Lebensgefühl damals?“ sinnierte ich. „Das Leiden der Kreatur, Mensch und Tier hingeworfen dem Tod. Und heute? Habe ich nicht den gesamten geistigen und auch geografischen Raum Europas durchschritten und bin angekommen dort, wo das Geistige den Tod überwunden und zur Nebensache erklärt hat?“ Zugleich aber dachte ich, ob ich Will.i unrecht tat, und das Narrativ, das ich grad über sein Leben spann, nicht viel zu kurz griff. Wie viel ließ ich aus! Und vieles mehr dachte ich und sah nicht die Felder und die Olivenbäume, und auch die Steine auf meinem Weg vermied ich nur, weil ich sie seit langem kenne. Reine Routine.

Will-i aber plagte sich ab, mich ins Hier und Jetzt zu verführen, und bei einem besonders schönen Zitronenbaum gelang es ihm schließlich auch. Ich sog die Gegenwart des von Früchten überladenen Baums mit einem so intensiven Gefühl ein, als wäre ich 17 und stünde staunend und verzweifelt zugleich vor den Tatsachen des kreatürlichen Lebens.

Danach wurde unsere Kommunikation unkomplizierter. Wir ließen uns gegenseitig gelten und hörten uns zu. Seine Begeisterung für die Fotovoltaik-Anlage mitten in der Landschaft dämpfte ich ein wenig, indem ich ihm zu bedenken gab, dass hier uralte Olivenbäume abgeholzt und entwurzelt wurden, dass die erhitzten Panelen ein Loch in das Mikroklima rissen und die Verkabelung so kleiner Anlagen weder ökonomisch noch ökologisch sinnvoll sei. Klar, die Bauern, so erklärte ich ihm, sähen darin eine attraktive Einnahmequelle, denn für ihr Öl bekämen sie nicht genug zum Leben und nicht genug zum Sterben. Aber ob das denn wirklich eine gute Lösung sei, um die Natur zu schützen?

Auch ein anderes Bauwerk erregte sein Interesse: „Wozu dient das?“ „Ach“, sagte ich, „ein Amerika-Grieche wollte hier mit einem runden Tempel einen Sonnenkult begründen“. – „Aber die Sonne scheint ja nicht durch die Betondecke“, meinte er altklug. „Genau, Will.i. Es reicht eben nicht, etwas zu wollen, man muss es auch durchdenken“ („geistig durchdringen“, wollte ich sagen, doch würde er das verstehen?). „Und so wurde es eben nichts. Und steht seit vielen vielen Jahren an diesem schönen Platz. Im Untergeschoss gibt es noch ein paar verschimmelnde Bücher und Zeitschriften, und die Zellen, wo die Anhänger des Kultes wohnen sollten,  sind von Unkraut überwuchert.“.

vergessener Sonnenkult-Tempel

„Und warum reißt man es nicht ab?“, fragte er noch. „Kosten, Eigentumsrechte, Erbstreitigkeiten. Es ist gar nicht leicht, etwas, was mal falsch gemacht wurde, wieder aus der Welt zu schaffen.“ Das leuchtete ihm ein.

Unsere unterschiedlichen Interessen lassen sich nun besser unter einen Hut bringen. Während ich mich an der Farbsinfonie von Bougainvillia, Kumquat-Bäumchen, Olivenhain und dem dumpfen Blau des Himmels erfreute, machte er mich aufmerksam, dass an einem Baum noch Oliven hingen („wollen wir sie nicht ernten?“) und genoss die säuerliche Frische einer Kumquat-Frucht. Der Hausbesitzer, der grad einen frischen Salatkopf und junge Zwiebeln aus seinem Garten geholt hatte, erlaubte uns, einige zu pflücken.

So wird es gehen. „Ja, das Gerümpel dort unten war ein Schafskral, der Schäfer hat aufgegeben“ – „Warum?“ -„Es war ihm zu einsam, ein Leben lang schon sorgte er für die Schafe, nun will er seinen Lebensabend mit ein paar Menschen genießen“.

aufgegebener Kral

Ich aber verlor mich in der Weite der Landschaft. Schönheit, nicht Nutzen ist es, was mich lockt, was mich begeistert. Doch ich sehe auch ein, dass es solche wie Will.i geben muss. Wohin kämen wir ohne sie?

Taygetos und Oliven-Terrassen, wilde Zypressen

Und so bleiben wir zusammen. Am Nachmittag konnten wir sogar ein schönes Geschäft abschließen: Öl für Deutschland, mit weit besseren Preisen als sie hier sonst gegeben werden. Die durch den Lockdown arbeitslos gewordenen Brüder der Freundin, für die ich den Verkauf eingefädelt hatte,  können das Geld brauchen. Praktischer Sinn ist auch was wert.

 

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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17 Antworten zu Der verflixte achte Tag mit Will.i – modus vivendi

  1. Melina/Pollys schreibt:

    Das Hier und Jetzt Deines Will.i hat auch was – nicht wahr?

    Gefällt 1 Person

  2. Ich finde es gut, daß Du Will.i die Natur zeigst und auch erklärst! Es ist wichtiger das die Kleinen beide Seiten verstehen lernen, einerseits die Natur und andererseits die Technik! Nur so kann Will.i später mit der Technik auch an die Natur denken und sie schützen oder sogar integrieren!
    Du bist eine gute Lehrerin Gerda, Du wirst ihn auf die Abenteuer des Lebens stärken und ihm Wissen mitgeben! Er ist jetzt schon wissbegierig und geht mit offenen Augen mit Dir Wege des Lernens!👍😉😁🙋‍♀️

    Gefällt 2 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Danke, Babsi. Hier ging es aber doch um etwas anderes. Ich war anfangs blind f[r die Natur, weil ich mit meiner Innenschau beschäftigt war. Will.i aber ließ nicht ab, mich in die direkte Gegenwart zurückzubringen: Hier bist du, was ist hier los, was ist hier zu tun, mach dich jetzt nützlich. Es sind zwei Seiten des Lebens, die sich nicht immer unter einen Hut bringen lassen. Um sich nützlich für andere zu machen, braucht man eine andere Form des Denken, als um sein eigenes Leben zu verstehen. So jedenfalls verstand ich es gestern.

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      • Sorry Gerda, es ging um den Link und auch die Comments von Gerhard. Und darauf, daß Mayumi und vielleicht auch Du dort angesprochen worden seid.

        Ja und was Will.i betrifft, jetzt weißt Du, er braucht Deine volle Aufmerksamkeit! Wie komplex solche kindlichen Fragen sein können, an denen man erst einmal merkt, wie kompliziert die Antworten sind, da ist unser eigenes Denken gefordert!
        Deswegen finde ich ja die Konversation mit Will.i so spannend!

        So, ich hoffe sehr, es geht Deinen Rippen wieder besser! Die Entscheidung nicht ins Krankenhaus zu gehen, hätte ich genauso getroffen! Das war eben auch noch der Anstoß zu meinem Kommentar!

        Pass auf Dich auf Gerda, gerade wenn Du mit Will.i so beschäftigt bist, dass Du nicht stolperst!

        Herzliche Grüße Babsi

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      • gkazakou schreibt:

        Du hast recht in allem, liebe Babsi. Schwierig ist es , Kindern die Dinge zu erklären, volle Aufmerksamkeit brauchen sie, und dazu muss man auch noch auf seine eigenen Füße achten. Ein volles Programm. Meinen Rippen geht es nicht gut, aber besser. Und mehr verlange ich auch nicht. Liebe Grüße zur Nacht!

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      • Gerda, jetzt gerade merke ich, ich war auf dem falschen Beitrag von Dir!🤔 Ach irgendwie hab ich alles durcheinander gewürfelt!🙈🙆‍♂️🤔😁🙋‍♀️😉

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      • gkazakou schreibt:

        Ist doch egal, die Gedanken stimmen jedenfalls, finde ich.

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  3. wildgans schreibt:

    „als wäre ich 17″….ohhhh!

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  4. Gisela Benseler schreibt:

    Na, da ist die Begegnung mit Will-i doch ganz nützlich gewesen, und Du zeigst uns die unglaubliche Schönheit Griechenlands und hilfst zugleich armen Bauern.

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  5. finbarsgift schreibt:

    Hans Henny Jahnns Bücher beschäftigen mich immer noch, immer mal wieder.
    Ich las Perrudja auch mit 17, doch verstand ich damals kaum was, außer daß mich diese Prosa mega faszinierte und dies immer noch der Fall ist …
    Herzliche Morgengrüße vom Lu

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  6. Ein Spaziergang, bei dem Dich der kleine Will.i, zurück in die Wirklichkeit um Dich herum rief.
    So sind sie, die Kleinen, bis man wieder ungestört seinen eigenen Gedanken nachhängrn kann, müssen einige Jahre vergehen. Bei Will.i werden es Monate sein, keine Jahre, liebe Gerda

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